Eine Frage des Standpunktes: Haben viele oder haben weniger viele protestiert?

Eine Frage des Standpunktes: Haben viele oder haben weniger viele protestiert?
 
Der erste Samstag der ungenehmigten Demonstrationen ist vorbei. Es gehört nicht viel Phantasie dazu vorauszusagen, dass diesem Samstag noch viele andere folgen werden – nach dem Belarussischem Beispiel, mit dem Ziel, den Kiewer Maidan zu wiederholen.
 
 
Sie kennen den Vergleich mit dem Wasserglas, dass nur zur Hälfte gefüllt ist: Ist es halbvoll oder halbleer. Dies ist eine Frage des Standpunktes.
 
Wir haben gestern zwei extreme Meinungen gehört und die Wahrheit wird, wie immer, irgendwo dazwischen liegen. Das russische Innenministerium hat die Zahl der Protestierenden mit ca. 4.000 angegeben. Vergleicht man dies mit der Zahl der zeitweilig Festgesetzten, also rund 3.400, so müssten eigentlich alle verhaftet worden sein. Und wer die Bilder gesehen hat, braucht nicht viel zu zählen um zu wissen, dass es mehr als 4.000 Teilnehmer waren.
 
Die „andere Seite“ hat die Zahl der Protestierer mit 40.000 angegeben. Und wenn wir dazu noch die deutschen Medien ARD/ZDF hören, die von zehntausenden Unzufriedenen in ganz Russland sprachen, so dramatisiert sich die Situation genau so, wie es sich die Organisatoren der ungesetzlichen Proteste wünschen.
 
Am Sonntag meldete sich Dmitri Peskow, Putins Pressesprecher zu Wort und meinte, dass es sich um wenige Protestierer handelt. Wenige, Viele … da sind wir wieder bei dem Glas Wasser oder bei dem Vergleich mit dem Haar: Ein Haar auf dem Kopf ist verhältnismäßig wenig. Ein Haar in der Suppe ist verhältnismäßig viel.
 
Lassen Sie uns mal eine primitive Rechnung aufmachen. Gehen wir einfach mal davon aus, dass die Zahl der Opposition, also 40.000, richtig ist und um auf der ganz sicheren Seite zu sein, hängen wir einfach noch eine „Null“ dran, also 400.000, die am Samstag Putin zum Teufel schicken und den Volksverhetzer Nawalny  auf den Thron des Zaren, von Amerikas Gnaden, heben wollen. So sind diese 400.000, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung von 147 Mio., rund 0,3 Prozent der Bevölkerung, die dies wünschen.
 
Schauen wir auf die Präsidentenwahlen, die am 18. März 2018 stattfanden, so sehen wir, dass über 76 Prozent der Bevölkerung Putin wollen.
 
Grafik: Wahlergebnisse zu Präsidentenwahlen im Jahre 2018
 
Und, bei der Gelegenheit nebenbei bemerkt, die Russen hatten die Qual der Wahl, denn acht Kandidaten haben sich um den Posten des Präsidenten beworben. In den USA waren es, wenn ich mich recht erinnere zwei Kandidaten. Und in Deutschland? Da wählt das Volk gar nicht, da bestimmen die Parteien. So hat eben jeder seine Demokratie.
 
Grafik: Kandidatenergebnisse zu den Präsidentenwahlen in Russland 2018
 
Für mich persönlich ist es unklar, warum die russischen Rechtspflegeorgane wieder nicht energisch durchgegriffen haben. Warum schaut man nicht nach Deutschland, Frankreich, die USA, wie dort mit Protestierern umgegangen wird?
 
Und, lassen Sie uns bei der Gelegenheit ein paar Bilder anschauen, die ARD und ZDF nicht gezeigt haben …
 
Videoeinspielung: Protestdemonstration in Russland
 
Was nicht zu sehen ist, ist, dass einem Polizisten durch Protestierer ein Auge ausgeschlagen wurde.
 
Aber es gab auch glückliche Bilder, wie Kinder, die in den Protestzug hineingezerrt worden sind, durch die Moskauer Polizei ihren Eltern zurückgebracht werden konnten … ja, diese Bilder habe ich im deutschen Fernsehen auch nicht gesehen.
 
Videoeinspielung: Kinder kehren zu Eltern zurück
 
Schaut man sich alle diese Bilder an, so fragt man sich, was diese Menschen überhaupt wollen. Stereotyp wiederholen sie, dass sich Putin zum Teufel scheren soll und sie wollen einen Kriminellen an das Staatsruder? Gibt es ähnliche Parallelen irgendwo in der Welt?
 
Aber manchmal habe ich auch den Eindruck, dass ein Großteil dieser Demonstranten diese Meetings einfach nur als ein neues Mittel der Freizeitgestaltung ansieht: Nichts interessantes im Fernsehen, der Kühlschrank ist auch leer und die Disco ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Also gehen wir mal demonstrieren und mischen die Straße so richtig auf …
 
Damit man die Straße so richtig aufmischen kann, hat die Botschaft der USA in Moskau tatkräftig Hilfe geleistet. Sie erinnern sich doch sicherlich daran, wie empört die USA über angebliche Einmischungen Russlands in die inneren Angelegenheiten der USA war? Bewiesen wurde nie etwas, aber die Welt hat gierig aufgesogen, dass die bösen Russen … na, Sie kennen das.
 
Und was machen die guten USA? Sie veröffentlichen auf der Internetseite der Botschaft, natürlich in russischer Sprache den Warnhinweis, dass die Bevölkerung sich doch bitte von diesen nicht genehmigten Demonstrationen fernhalten soll. Man solle an die eigene Gesundheit denken. Und damit sich alle orientieren können, von welchen Orten man sich besser fernhält, wurde die genaue Karte mit den Demonstrationsstrecken und einzelnen Schwerpunkten eingezeichnet.
 
Das Außenministerium Russlands wird den Botschafter der USA ein paar Fragen stellen, hat aber schonmal kommentiert, dass es interessant sein wird zu sehen, wie die USA reagieren, wenn die russische Botschaft in den USA ebenso handelt und den dortigen Protestierern helfende Hinweise gibt.
 
Andrej Klimow, Senator im Föderationsrat kommentierte, dass Russland eindeutige Beweise vorliegen, dass sich ausländische Geheimdienste in die Organisation dieser Protestdemonstrationen eingebracht haben. Da möchte man dem Herrn Senator für diese Information doch gleich danken, wenn es nicht auch ohne seine Worte allen normal Denkenden klar ist. Und Herr Senator, belassen wir es bei diesen allgemeinen adressenlosen Worten oder nennt Russland irgendwann einmal Ross und Reiter und unternimmt endlich etwas gegen diese „gegnerischen Staaten“?
 
Ach, weil wir gerade bei „gegnerischen Staaten“ sind.
 
Haben Sie, meine lieben Zuschauer, das Interview von Herrn Laschet in der „Frankfurter Allgemeinen“ gelesen? Er ist ja nun der zukünftige mächtige Mann Deutschlands – ja, ich gebe mich überhaupt keiner Illusion hin, dass Laschet der neue Führer des deutschen Volkes wird.
 
Sie sind empört über meine Wortwahl? Sie ist völlig angebracht, denn die Töne, die Herr Laschet im Interview anschlägt, erinnern an die letzten Worte der deutschen Verteidigungsministerin, mit Russland aus der Position der Stärke reden zu wollen und erinnern daran, dass Adolf Hitler die Sowjetunion zum Gegner erklärt hat und das Land am 22. Juni 1941 überfiel.
 
Und Herr Laschet äußerte im Interview wörtlich:
 
 
 
Grafik: Führer der CDU erklärt Russland zum Gegner
 
Steht für mich die Frage, was Russland Deutschland Böses angetan hat, dass es zum Gegner Deutschlands geworden ist, dass man dieses Land, welches die Vernichtung des deutschen Volkes am 9. Mai 1945 verhindert und die deutsche Einheit am 3. Oktober 1990 ermöglicht hat, auf die Stufe eines nützlichen Idioten herabstuft, den man ab und zu nochmal für „wichtige Themen“ braucht.
 
Und wenn Russland der Gegner Deutschlands ist, Herr Laschet, hat Deutschland dann schon seine Fünfte Kolonne entsandt, wühlen die deutschen Diplomaten in Russland schon, sind die deutschen Dienste die, die der russische Senator meinte?
 
Ich mache mir Sorgen um Russland, dem Land, welches mir nach 1990 alle die Möglichkeiten für eine neue Zukunft gegeben hat, um die mich das heutige Deutschland gebracht hat. Ich hoffe, dass ich nicht der Einzige bin, der sich Sorgen um Russland macht.
 
 

 

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