exDeutscher zum Staatsfeind der Ukraine erklärt

exDeutscher zum Staatsfeind der Ukraine erklärt
 
Augenscheinlich genüsslich ließ mir ein Unbekannter vor ein paar Tagen einen Link zu einem Internetportal zukommen. Dort fand ich einen Beitrag, der sich ausführlich mit mir und meinem Lebenslauf beschäftigte. Ich entnahm diesem Beitrag, dass ich einer der schlechtesten Menschen in dieser Welt bin. Grund hierfür war, dass es dem Autor des Beitrages nicht gefiel, dass ich mich in Russland so wohlfühle, dass ich die russische Staatsbürgerschaft angenommen habe. Aber das war noch nicht alles.   
 
 
Anbei für diejenigen, die der ukrainischen Sprache mächtig sind und die mehr über mich und mein unglückliches und schlechtes Leben erfahren wollen, hier der Link zum ziemlich umfangreichen Artikel:
 
 
Leider kann ich Ihnen den russischsprachigen Beitrag nicht zeigen, denn er ist im Internet nicht mehr zugänglich. Zusammengefasst beinhaltet der Beitrag Beleidigungen, Verleumdungen und Unterstellungen. Ich höre oder lese diese fast täglich und es ist Normalität für mich und löst schon keinerlei Emotionen mehr bei mir aus.
 
Aber dann meldete sich der Unbekannte wieder bei mir, diesmal über Facebook und stellte dort auf meinem Account an vielen Stellen die gleiche Information ein. Trotzdem, wie man im Russischen sagt, die Wiederholung die Mutter der Weisheit ist, habe ich die gedoubelten Beiträge gelöscht und nur unter einem Beitrag alles so stehen lassen, wie es gepostet wurde.  
 
Screen: Facebook-Account Uwe Niemeier
 
Irgendwann nach den Krim-Ereignissen im Jahre 2014, wurde, so habe ich es verstanden, durch Privatinitiative, aber mit Unterstützung ukrainischer staatlicher Stellen, wie dem ukrainischen Sicherheitsdienst, dem Innen- und Außenministerium und anderer Stellen, eine Internetplattform geschaffen.
 
Diese Plattform hat eine gewisse charakterliche Ähnlichkeit mit der in Deutschland, aus den Zeiten der Trennung von Ost und West, bekannten „Erfassungsstelle Salzgitter“. Es geht darum, alle diejenigen mit möglichst vielen persönlichen Details zu erfassen, die entweder gegen die Ukraine arbeiten, mit der Politik der Ukraine nicht einverstanden sind oder aber, die Russland im allgemeinen und russische Politiker im besonderen, z.B. den russischen Präsidenten Putin, unterstützen.  
 
Mit der Ukraine habe ich im März 1995 abgeschlossen. Nicht ganz zwei Jahre habe ich dort gelebt und gearbeitet. Es war an sich keine schlechte Zeit, denn sie hat mir viel Lebenserfahrung gebracht, die ich dann ab 1995 in Russland gut berücksichtigen konnte.
 
In meiner Berichterstattung als Blogger seit 2012, habe ich mich eigentlich nie mit der Ukraine oder dem Donbass beschäftigt. Ich bin da zu wenig informiert und nicht kompetent in der Berichterstattung.
 
Aber das spielte bei den Betreibern der NGO „Erfassungsstelle Ukraine“, allgemein bekannt unter der Bezeichnung „Friedensstifter“ oder „Mirotworez“ keine Rolle. Man störte sich wohl daran, dass ein Deutscher sich in Russland so wohl und sicher fühlt, dass er die russische Staatsbürgerschaft annimmt und seine eigentliche Erststaatsbürgerschaft in die zweite Reihe rückt.
 
Und so suchten die Mitarbeiter der „Erfassungsstelle Ukraine“ nach möglichst vielen Informationen über diesen Verräter Niemeier und wurden natürlich problemlos fündig, denn wer meinen Namen im Internet aufruft, wird mit vielen Suchergebnissen belohnt. Die Mehrzahl der Informationen stammt aus meiner eigenen Feder und wird aber leider häufig nicht richtig übersetzt oder man interpretiert von mir getätigte Aussagen aus meinem Leben so, wie man es eben für die eigene Argumentation braucht.
 
So finde ich in den veröffentlichten Daten der „Erfassungsstelle Ukraine“ über mich geschrieben, dass ich „Militärrentner der Stasi“ und vermutlich auch Mitarbeiter russischer Sicherheitsdienste bin. Vermuten kann man viel, doch ich muss die Sensationslüsternen leider enttäuschen. Ich bin weder Militärrentner der Stasi, noch bin ich überhaupt deutscher Rentner. Ich bin seit 2015 russischer Rentner, und erhalte 8.500 Rubel monatlich Rente – für die relativ kurze Zeit meiner Erwerbstätigkeit in Russland eine gute Pension.
 
Leider, ja, ich nutze das Wort „leider“, bin ich auch kein Mitarbeiter russischer Sicherheitsdienste.
 
Häufig, wenn ich über bestimmte Dinge in Russland berichte, wünschte ich mir, irgendeinen Kontakt zu russischen Diensten zu haben. Das würde mir, so zumindest meine Vorstellung, das Schreiben über bestimmte Vorgänge in Russland und Kaliningrad erleichtern. Als Beispiel sei die Arbeit derjenigen genannt, die hier im Kaliningrader Gebiet deutsche Dörfer errichten und damit der Endrussifizierung des Kaliningrader Gebietes eine neue Qualität geben wollen. Vermutlich wissen die russischen Sicherheitsorgane doch so einiges, aber mit mir teilt leider niemand aus dieser Organisation das Wissen.
 
Beschuldigt werde ich, dass ich derjenige war, der die Angehörigen der Extremistenorganisation BARS, also des „Baltischen Vortrupps des russischen Widerstandes“ für viele Jahre hinter Schloss und Riegel gebracht habe.
 
Grafik: Leiter der Extremistenorganisation BARS Alexander Orschuljewitsch
 
Da sind die Herren in der Ukraine nicht richtig informiert, denn im Rahmen des Gerichtsverfahrens wurde ich nicht als Zeuge geladen und von mir wollte auch sonst niemand etwas wissen. Ich hatte damals, ich glaube es war im November 2016, ein großes Interview mit dem Leiter der Extremistenorganisation geführt und veröffentlicht. Alles lief im besten Einvernehmen zwischen uns – und Alexander Orschuljewitsch, den ich mehrmals darauf hinwies, dass ich mit ihm, mit seinem Verhalten und seiner Organisation nicht einverstanden bin, meinte, dass ihn dies nicht störe, er möchte trotzdem mit mir Kontakt.
 
 
Und ich bin auch schuld an der Schließung des Deutsch-Russischen Hauses in Kaliningrad.
 
Foto: Politische Veranstaltung zum Tag der deutschen Einheit 2014 im Deutsch-Russischen Haus
 
Es sei kurz daran erinnert, dass die Verantwortlichen dieses Hauses jahrelang gegen zwischenstaatliche Vereinbarungen verstoßen haben, dass das deutsche Generalkonsulat in Kaliningrad das Haus für demonstrative politische Veranstaltungen missbraucht hat, was ebenfalls durch vertragliche Vereinbarungen nicht gestattet ist.
 
Grafik: Deutscher Diplomat Daniel Lissner hetzt im Deutsch-Russischen Haus unter Verletzung seines Status als Diplomat
 
Und dieses Haus gestattete einem deutschen Diplomaten im August 2014 mit einer antirussischen Hetzrede unter seinem Dach aufzutreten. Der Skandal um das Deutsch-Russische Haus dauerte viele Monate und letztendlich einigten sich Putin und Merkel während eines Treffens in Russland zum Schicksal des Hauses. Es wurde geschlossen und in neue Verantwortung übergeben. Frau Merkel verkündete diese Einigung mit wenigen Worten auf einer Pressekonferenz.
 
Videoeinspielung: Erklärung der Bundeskanzlerin Merkel zum Deutsch-Russischen Haus Kaliningrad
 
Dann wird mir zur Last gelegt, dass ich bei den Betreibern von Facebook beantragt habe, die Gruppe „Ostpreußen“ aufzulösen, da diese Gruppe offen revanchistischen, hetzerischen und geschichtsleugnenden Charakter trägt.
 
Grafik: Aufforderung an Facebook die Gruppe „Ostpreußen“ zu prüfen und Aufforderung an die Gruppe, sich neu zu organisieren
 
Dies ist die einzig richtige Information, die die Betreiber der „Erfassungsstelle Ukraine“ über mich veröffentlichen. Leider bin ich damals von Facebook nicht erhört worden und diese Gruppe existiert heute noch und fordert mit tausenden von Mitgliedern, Königsberg heim ins Reich zu holen.
 
Im wesentlichen sind es diese drei Punkte, die mit der Ukraine überhaupt nichts zu tun haben, die mich aber in diese Datenbank gebracht haben. Defacto bin ich somit zum „Staatsfeind der Ukraine“ erklärt worden.
 
Grafik: Screen des Erfassungsblattes „Uwe Erich Niemeier“ der Organisation „Mirotworetz“
 
Das Zentrum der Friedensstifter bittet am Ende meines Erfassungsblattes auf der Internetseite die Rechtspflegeorgane der Ukraine, diese Veröffentlichung zu den Akten zu nehmen und den Fakt zu konstatieren, dass ich mit meinen Handlungen die nationale Sicherheit der Ukraine, der Welt und der Menschheit gefährde. Weiterhin verletze ich internationale Rechtsnormen und habe weitere Rechtsverletzungen begangen.
 
Lassen Sie mich zum Abschluss noch aus der deutschsprachigen Wikipedia-Seite über diese NGO auszugsweise und leicht redaktiert, zitieren:
 
Grafik: Screen Auszug aus Wikipedia
 
„Auf der Internetseite werden (…) persönliche Daten von Menschen veröffentlicht, die von den Betreibern als „Feinde der Ukraine“ angesehen werden. Internationale Bekanntheit erlangte sie im Fall der Ermordung von (…) zwei Oppositionellen. Beide wurden samt vollständiger Adressen in der Datenbank, in der Rubrik „Fegefeuer“ eingetragen und einen bzw. zwei Tage später vor ihren jeweiligen Wohnhäusern niedergeschossen.“
 
Im Mai 2016 kam es zu einem Skandal, als Mirotworez über 4.000 Namen, Telefonnummern und E-Mails von in- und ausländischen Journalisten, die aus der Ostukraine berichtet hatten, veröffentlichte."
 
Somit bleibt mir nichts weiter übrig, als zukünftig mit dem Titel „Staatsfeind der Ukraine“ zu leben. Schade eigentlich, dass meine angenehmen Erinnerungen an die Ukraine so abrupt beendet worden sind.
 
Vielleicht ganz zum Schluss noch ein Hinweis. Bekannte haben mir empfohlen, keine Reise in die Ukraine zu unternehmen, da ich dort mit einer Verhaftung rechnen muss. Auch in andere Länder, mit denen die Ukraine Rechtshilfeabkommen abgeschlossen hat, sollte ich nicht reisen, da es durchaus sein kann, dass die Ukraine meine Verhaftung und Auslieferung fordert. Deutsche, die eine Reise in die Ukraine planen, sollten sich somit vorher vergewissern, ob sie nicht auch in dieser Datenbank erfasst sind. Vielleicht haben Sie ja irgendwann und irgendwo einmal irgendwelche Handlungen der Ukraine oder deren Politiker kritisiert. Alleine eine kritische Bemerkung im Sozialnetzwerk Facebook reicht aus, um zum Staatsfeind des Landes erklärt zu werden, welches Deutschland mit Millionen Euro an Steuergeldern in die westliche Demokratie führen will.

 

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Kommentare ( 4 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 21. Dezember 2020 02:50 pm

    Ach Erichowitsch, nehmen Sie es nicht so ernst. Wer dort so alles eingetragen ist, von Julia Super-Simmulantin bis Schlipsbeißer Sackarschwilli. Auch der Gysi hat dort einen Ehrenplatz bekommen, so wie viele Besucher der Krim, die sich nicht die "Genehmigung" der Ukraine zum Besuch der Halbinsel einholten und über die Ukraine ein- und auch wieder ausreisten. Ein Initiator der Geschichte war meines Wissens nach der dicke Geratschenko, damals Stellvertreter vom allmächtigen Immer-noch-Innenminister Awakow. Eine ganz üble nazistische angehauchte Personalie, dem die ganzen Freischärler-Einheiten in der Süd-Ost-Ukraine unterstehen. Der Präsidentendarsteller hatte bis jetzt nicht die Macht, sich solcher Leute zu entledigen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 21. Dezember 2020 06:11

      ... tja, von meinen Bekannten in Russland bin ich beglückwünscht worden, als sie vor ein paar Tagen gelesen hatten, dass auch ich jetzt zum Kreis der "Erlauchten" gehöre. Wer in Russland durch westliche Sanktionen persönlich betroffen ist, erhält gleich einen besonderen gesellschaftlichen Status - gewissermaßen einen Adelstitel ...

  • A. Bienenfreund

    Veröffentlicht: 21. Dezember 2020 18:33 pm

    Da gratuliere ich doch auch von ganzem Herzen! Sie haben den deutschen Russlandfressern ordentlich auf die Füße getreten und werden von deren kleinrussischen(-geistigen) Gesinnungskumpanen „geadelt“. Naja: на войне, как на войне...

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 21. Dezember 2020 18:47

      ... ja, ich habe auch hier in Kaliningrad bereits eine Reihe von Glückwünschen erhalten ... mein gesellschaftlicher Status beginnt sich, dank der Ukraine, zu entwickeln ...

  • Gego Tschetoch

    Veröffentlicht: 21. Dezember 2020 20:46 pm

    Ich betrachte Ihren Journalismus als Völkerverständigung für Europa. Russland ist das größte Land Europas in den Grenzen bis zum Ural, und in diesem europäischen Teil Russlands leben annähernd 75 % aller russischen Mitbürger. Da ist es doch absolut verständlich, wenn es Journalisten gibt, die aus Ost-Europa für West-Europa berichten. Und es ist gut für mich als deutscher West-Europäer, der viele Jahre als solcher sozialisiert und indoktriniert wurde, wenn ich nun in freier Entscheidung meine Sicht auf das ganzheitliche Europa durch Ihre Beiträge entscheidend konstruktiv verändern kann. Das ist praktische Völkerverständigung!
    Natürlich bleibt es da nicht aus, dass Sie durch die systemübergreifende West-Ost-Schußlinie in einen gefährlichen medialen Krieg geraten. Doch es sind genau die Nachrichten mit dem russischen Akzent, die Russland vertraulicher und tranparenter erscheinen lassen. Dies ist ein entscheidender Beitrag für ein friedliches Europa. Staatsfeinde machen ganz andere Dinge!

  • Peter Z. Ziegler

    Veröffentlicht: 21. Dezember 2020 23:16 pm

    @Gego Tschetoch hat das Wesentliche bereits formuliert. Dem stimme ich zu. Damit ich bitteschön auch in diese Datei ukrainischer Faschisten aufgenommen werde, bekenne ich hier: "Die Krim ist russisch!" http://facebook.com/baltext

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