Fünfter Jahrestag in Kaliningrad – kein Grund für Deutsche zum feiern

Fünfter Jahrestag in Kaliningrad – kein Grund für Deutsche zum feiern

Genau heute vor fünf Jahren, am 28. August 2014, trat der deutsche Diplomat Daniel Lissner, Vizekonsul für Kultur im deutschen Generalkonsulat Kaliningrad, mit einer antirussischen Hetzrede im Deutsch-russischen Haus auf. Mit diesem Auftritt löste er eine neue Denk- und Verhaltensweise der russischen Verantwortlichen im Kaliningrader Gebiet im Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen aus.

Viele Jahre haben sich Deutsche im Kaliningrader Gebiet wohlgefühlt. Sie genossen die hohe Wertschätzung der Russen, die noch von den Stereotypen leben, die über die Deutschen verbreitet werden: pünktlich, diszipliniert, ehrlich, arbeitsliebend, gesetzestreu. Vermutlich gibt es noch weitere Superlative.

Herr Lissner, mir persönlich über mehrere Jahre bekannt als echter disziplinierter Diplomat – ich sage dies ohne Sarkasmus oder Ironie – war wohl bei mehreren deutschen Behörden angestellt, denn es ist kaum vorstellbar, dass er in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes hätte diese Rede halten können.

Fotomontage: Vizekonsul Daniel Lissner vor dem ehemaligen Deutsch-Russischen Haus (Ausländischer Agent) in Kaliningrad

 

Bis heute fehlt eine offizielle Entschuldigung von Herrn Lissner gegenüber seinem zeitweiligen Gastgeberland. Eine öffentliche und verständliche Erklärung des deutschen Generalkonsulats oder anderer deutscher Stellen zum Verhalten von Herrn Lissner fehlt ebenfalls.

Einzige Äußerung zu diesem Vorfall, der die Einstellung Russlands zu den Deutschen im Kaliningrader Gebiet änderte, kamen von Dr. Dr. Krause, dem damaligen Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland, der in einem Interview mit dem Informationsportal „NEWSBALT“ am 2. Oktober 2014 äußerte:

„Alle notwendigen Gespräche mit den betreffenden Personen sind geführt worden und ich gehe davon aus, dass es zu diesem Thema nichts Weiteres zu sagen gibt.“

 

 

Herr Lissner hat Kaliningrad vorzeitig verlassen, um seinen diplomatischen Dienst, auf einem höheren Dienstposten, in der ukrainischen Hauptstadt, fortzusetzen.

Legen wir nun einen Gedenkmoment ein und erinnern uns an die Ereignisse ab 28. August 2014:

 


Auch die Sowjetunion muss die Verantwortung für die Vielzahl von Verbrechen gegen die Menschheit in ihrer 73jährigen Geschichte tragen. Stalin und seine Mitgenossen haben im Verlaufe von Jahrzehnten das Land terrorisiert und im Ergebnis der Gewalt kamen Millionen Menschen ums Leben.

Es erfolgt die Demontage der Agnes-Miegel-Gedenktafel in der Stadt Kaliningrad


Zu einer Zeit, als die Völker im Zentrum Europas – Estland, Lettland, Litauen, Polen, Ukraine, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Moldawien, Rumänien, Bulgarien und das vereinte Deutschland, sich über die errungene Freiheit freuten, haben hochgestellte russische Politiker nicht den Zweiten Weltkrieg als die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, sondern den Zerfall der Sowjetunion.

Der Verband der deutsch-russischen Kultur Jasnaja-Poljana wird zum Ausländischen Agenten erklärt

Im Inneren des Landes werden immer mehr die Menschenrechte eingeschränkt, die Versammlungsfreiheit, die Freiheit des Wortes, es erfolgt eine Isolation, eine Stigmatisierung Andersdenkender und eine Ausweitung des Einflusses von Sicherheitsdiensten.

Es beginnt die intensive Suche russischer Lokalpatrioten nach Faktoren zur Germanisierung des Kaliningrader Gebietes (Gedenksteine, Lehrbücher, Airport-Bezeichnung, Ausstellungen (Bobrowski)


Im Verlaufe eines halben Jahres staatlicher Propaganda in einem unvorstellbaren Ausmaß, hat man die Bevölkerung durch Verunglimpfung, Falschinformationen, Halbwahrheiten und einfach nur Lügen in einen Hurra-Patriotismus versetzt.

Es beginnt die Kritik an militärhistorischen Klubs in Kaliningrad – insbesondere den Teilnehmern, die sich für deutsche Militärhistorie interessieren


Wer eine andere Meinung zum Ausdruck bringt, riskiert für viele Jahre eingesperrt zu werden. Wiederum herrscht Schrecken und Repression.

Es erfolgt die Schließung und Weggang des Klaus-Mehnert-Institutes aus Kaliningrad nach zehnjähriger Arbeit.


Wer gerechter Weise andere kritisiert, zum Beispiel die zweifelhafte Rolle von Bandera, muss sich fragen, warum diese Stadt (Anm. UN: gemeint ist Kaliningrad) immer noch den Namen eines Genossen trägt, welcher unter anderem Verantwortung trägt für die Verbrechen von Katyn und auch für die Deportationen.

Der deutsche Wirtschaftsclub der Handelskammer Hamburg stellt seine Arbeit ein


Die Rechte einzelner Leute werden immer mehr eingeschränkt. Das Individuum zählt nichts. Kollektiv, Staat, patriotische Gesellschaft ist alles. Wobei die Rede in erster Linie um die Herrschaft der gegenwärtig existierenden Cliquen geht.

Die NGO „Selenogradsk-Pinneberg“ wird zum Ausländischen Agenten erklärt


Im internationalen Maßstab treibt sich Russland immer mehr in die Isolation. Und im Inneren des Landes werden die Rechte des einzelnen Menschen weiter eingeschränkt. Wer sich davor retten möchte, kann dies nur tun in dem er auswandert.

Die Affäre „Göring-Datsche“ führt zum Sturz eines Kaliningrader Vizegouverneurs


Das Land befindet sich auf dem Weg von einer gelenkten Demokratie zu einem autoritären Staat und wenn es so weitergeht zum Totalitarismus.

Die NGO Hanse-Büro wird zum Ausländischen Agenten erklärt und löst sich selber auf.


Eine Deportierung ist gegenwärtig nicht sichtbar, aber in diesen Wochen und Monaten werden hierfür alle geistigen Voraussetzungen geschaffen.

Die Aufsicht der Migrationsorgane über deutsche Bürger zur Einhaltung der Visa- und Aufenthaltsbestimmungen wird intensiver.


Der Überfall Russlands auf die Ostukraine brachte eine Vernichtung materieller Werte, von Menschenleben und Vertrauen, welches in Jahrzehnten aufgebaut wurde.

Die NGO „Deutsch-Russisches Haus“ wird zum Ausländischen Agenten erklärt und löst sich auf.


Der Krieg Russlands gegen die Ukraine vernichtet auch die eigenen Kinder.

Es erfolgt die Schließung des Stadtmuseums in Sowjetsk und Entlassung der deutschorientierten Direktorin

An dieser Stelle endet die Rede des deutschen Diplomaten Daniel Lissner. Aber es enden nicht die Vorfälle im Zusammenhang mit Deutschland und Deutschen.

Hier der Link zur Gesamtrede des deutschen Vizekonsuls für Kultur am 28. August 2014:

http://kaliningrad-domizil.ru/portal/information/deutsche-und-deutsches/deutscher-diplomat-im-aufmerksamkeitsfocus-der-russischen-medien/

 

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Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 29. August 2019 18:29 pm

    Doch, doch Uwe Erichowitsch, diese Rede im "Deutsch-Russischen Haus" konnte der Herr Vizekonsul Lissner im Einvernehmen mit seinem Minister damals, dem Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier, halten. Dafür ist ihm ja auch mit einer Versetzung an höhere Funktion eben nach Kiew gedankt worden. Das war wohl auch notwendig, einen solchen „Putinfeind“ in Kiew zu haben, um nicht vollkommen an Einfluß gegenüber den „US-Freunden“ einzubüßen.
    Bezüglich Steinmeier erinnern wir uns an dessen schmierige Rolle bei der Vereinbarung zwischen Janukowitsch und den von USA und Nato unterstützten und finanzierten Putschisten in Kiew.
    Auch von der immer noch CDU-dominierten Bundeskanzlerschaft kam kein Wort des Protestes oder der Kritik. Man konnte fast annehmen, daß diese Vereinbarung von vornherein ein Gaunerstück aus der Schatzkiste eines berüchtigten Geheimdienstes war. So, wie die Abteilungsleiterin des US-State Departments aufgetreten ist und die Funktionen der UA Regierung festgelegt hat.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 29. August 2019 20:03

      ... ja die Fakten sind bekannt. Aber was den Auftritt von Herrn Lissner anbelangt, glaube ich wirklich, dass hier zumindest die Vorgesetzten im Generalkonsulat nicht informiert waren. Meine Einschätzung, dass Herr Lissner auch noch für andere deutsche Behörden tätig war und ist, resultiert einfach aus der "verspäteten" Analyse meiner persönlichen Bekanntschaft mit ihm ...

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