Gouverneur Alichanow zur Qualität des Kaliningrader Gesundheitswesens

Gouverneur Alichanow zur Qualität des Kaliningrader Gesundheitswesens
 
Die Welt lebt von Stereotypen und vieles wird getan, um diese zu pflegen. Umdenken oder Nachdenken ist häufig unbequem, wenn man doch seine Meinung immer wieder, durch die Wiederholung von Stereotypen durch andere, bestätigt bekommt: Russland ist böse. Russlands Gesundheitswesen ist schlecht.
 
 
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker „Wir sitzen gut“
 
Es gibt nicht nur Voreingenommenheit zu Russland – die schon erwähnten Erkenntnisse, dass Russland böse, dass Putin ein Diktator und unfähig ist, das russische Volk in Armut lebt. Es gibt auch Stereotypen der Russen zu Deutschland und den Deutschen: die Deutschen sind ehrlich, fleißig, pünktlich, gesetzestreu, arbeiten mit hoher Qualität … Wenn ich mir derartige Argumente, mit einem vieldeutigen Gesichtsausdruck anhöre, sind viele meiner russischen Gesprächspartner beleidigt, denn da gibt es nichts zu zweifeln, sie wissen ganz genau, dass die Deutschen so sind.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker „Lustige Leute“
 
Und eines meiner persönlichen Stereotype war: Das russische Gesundheitswesen ist schlecht.
 
Eigentlich müsste mich diese Erkenntnis davon abschrecken, meinen zweiten Lebensabschnitt in Russland fortzusetzen, denn gerade im Alter ist ein gut funktionierendes Gesundheitswesen wichtig.
 
Videobegleitung: Sowjetischer Filmklassiker „Lustige Leute“
 
Würde ich in Moskau leben, so hätte ich sicher eine andere Meinung, aber Moskau ist nicht Russland und schon gar nicht Kaliningrad – wie die Russen zu sagen pflegen.
 
Und so habe ich privat vorgesorgt und nutze die Möglichkeiten in Deutschland für die „Besserverdiener“, wie mal ein Liberaler in Deutschland formuliert haben soll. Die deutschen Ärzte beklagen sich über meine Gesundheit und meinen (zumindest vorläufig), dass sie mit mir nicht reich werden können.
 
Nun ist aber mein privates Gesundheitssystem zusammengebrochen. Ich darf aus Russland nicht ausreisen und nach Deutschland nicht einreisen. Eine kluge Entscheidung beider Länder. Und so dachte ich mir, dass es Zeit wird, sich doch mal mit dem russischen Gesundheitswesen zu beschäftigen. Vielleicht hat sich etwas getan in den letzten Jahren? Man liest ja viel in den russischen Medien.
 
Videoeinspielung: Wladimir Schirinowski zur Situation im Land
 
Russische Bekannte, mit denen ich mich unterhielt, schmunzelten ein wenig. Ja, es habe sich einiges getan, aber man empfahl mir trotzdem, nicht unbedingt mein Recht auf kostenlose Gesundheitsversorgung in Anspruch zu nehmen.
 
Meine letzten Erfahrungen mit dem russischen staatlichen Gesundheitssystem liegen 15 Jahre zurück, als ich gesetzlich gezwungen war, einige medizinische Einrichtungen für eine Untersuchung, im Rahmen meines Antrages auf eine Aufenthaltsgenehmigung, zu besuchen. Die damaligen Eindrücke bestätigten mich in meiner Voreingenommenheit.
 
Videobegleitung: Gouverneur Anton Alichanow im Interview
 
Nun äußerte sich der Gouverneur Anton Alichanow zum Kaliningrader Gesundheitssystem. Ich war ein wenig erstaunt, dass er mit seiner Familie das ganz normale staatliche Gesundheitssystem nutzt. Ich dachte immer, dass für die „oberen Tausend“ irgendein besonderes System existiert. Dem scheint nicht so zu sein.
 
Er erzählte einem Journalisten, dass seine kleine Tochter eine Gräte verschluckt hatte und er in einer wahren Odyssee durch die Kaliningrader medizinischen Einrichtungen geschickt wurde, weil sich niemand für die Entfernung einer Gräte zuständig fühlte. In einem Krankenhaus musste er sogar etwas emotionaler werden, weil man seine Anwesenheit als Patient einfach nicht zur Kenntnis genommen hat.
 
Bei der Gelegenheit sammelte er auch gleich Eindrücke zum Zustand der Gebäude, der Qualität der Arbeit des dortigen Personals mit den Patienten.
 
Nachdem ich diesen Beitrag gelesen hatte, fand ich mich in meiner vorgefassten Meinung zum staatlichen russischen Gesundheitssystem bestätigt – meine Bekannten hatten mir also den richtigen Ratschlag gegeben: Ich sollte doch auch in Russland das System der Gesundheitsversorgung für die „Besserverdiener“ nutzen.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker „Der Idiot“
 
Schon vor zehn oder 15 Jahren hatte ich in Kaliningrad begonnen, Erfahrungen mit Zahnärzten zu sammeln – Vorsorgeuntersuchung, zweimal jährlich. Erkenntnis: Toll, in höchster Qualität, zum halben Deutschland-Preis. Seitdem hat mich kein Zahnarzt mehr in Deutschland gesehen.
 
Videobegleitung: Privatklinik „MedExpert“ in Kaliningrad
 
Jetzt bekam ich Probleme im Orthopädie-Bereich – logisch, wenn man soviel läuft wie ich. Sehr starke Schmerzen in beiden Hacken halfen mir, die Forderungen zur Selbstisolierung während der Corona-Krise leichter umzusetzen. Ich fand eine orthopädische Klinik. Gleich drei Ärzte beschäftigten sich mit mir. Einer stellte die Diagnose, die beiden anderen begannen die Behandlung – sie zog sich einige Wochen hin und war schmerzhaft. Jetzt kann ich wieder hüpfen und laufen wie ein Jungspund. Ich brauche also ab sofort keinen Orthopäden mehr in Deutschland.
 
Videobegleitung: Privatklinik „MedExpert“ in Kaliningrad
 
Ich sah die Möglichkeiten dieser Klinik, die überall Filialen in Kaliningrad hat und entschied mich, zu einem Dermatologen zu gehen. Blutuntersuchung, Fleischbeschau … all das, was ich sonst zweimal jährlich in Deutschland machen ließ. Das Arztkabinett war etwas spartanischer und mit wenig Technik ausgestattet und Professor war der Arzt auch nicht. Aber das, was er mir gesagt und verschrieben hat, hat geholfen. Einen Dermatologen brauche ich also zukünftig auch nicht mehr in Deutschland.
 
Videobegleitung: Privatklinik „MedExpert“ in Kaliningrad
 
Er hatte mich noch zu einer Therapeutin überwiesen – so werden in Russland die Ärzte bezeichnet, die man in Deutschland als „Hausarzt“ kennt. Sie hörte mich mit dem Stethoskop ab und meinte: „Sie haben zu hohes Cholesterin.“ Das stimmt. Ich war erstaunt, was man alles so durch das Stethoskop „sehen“ kann – in Deutschland waren dafür andere Untersuchungen nötig. Sie veranlasste eine umfangreiche Blutuntersuchung: „… danach kenne ich Sie dann in- und auswendig …“ erklärte sie mir. Sie fand im Blut dieses und jenes – alles nichts Schlimmes, aber wir sollten es behandeln, Schritt für Schritt, schlug sie vor. Und ich war einverstanden. Schade, meine Hausärztin in Deutschland wird mich vermissen – und ehrlich, ich sie auch, denn sie war nicht schlecht.
 
Und ich wurde zu einem Allergologen überwiesen – auch so etwas gibt es in Kaliningrad. Ich war schon erstaunt, wie unwissend ich zum Kaliningrader Gesundheitswesen war.
 
Videobegleitung: Baustelle des Onkologie-Zentrums in Kaliningrad
 
Noch war ich nicht beim Urologen – für Männer in meinem Alter eine unbedingte zweimalige Pflicht im Jahr. Mein Wohnungsnachbar, ein Jungspund von 55 Jahren, erzählte mir, wie, wo, was … er geht einmal im Jahr zur „Großen Hafenrundfahrt“ – wobei man diesen Begriff für die unappetitliche Untersuchung in Russland nicht kennt. Das habe ich nun noch vor mir. Und wenn ich damit auch zufrieden bin, werde ich zwei Dinge tun:
 
  1. Meine Vorstellungen zur Qualität des russischen Gesundheitswesens in Kaliningrad korrigieren
  2. Meine Gesundheitsvorsorge in die Hand von Kaliningrader Ärzten legen.
 
Videobegleitung: Klinikbesuch im staatlichen Gesundheitswesen in Kaliningrad
 
Wie sagte doch Anfang des Jahres eine deutsche Krankenschwester, die sich als Austauschkrankenschwester in Russland aufhielt, als sie zu den Unterschieden zwischen der medizinischen Betreuung in Deutschland und Russland befragt wurde (sinngemäß): „… in Deutschland werden Patienten durch Technik behandelt, in Russland durch Ärzte …“
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