Kaliningrader stehen Schlange, um hohe Preise bezahlen zu dürfen

Kaliningrader stehen Schlange, um hohe Preise bezahlen zu dürfen
 
In Deutschland gibt es „ebay“, in Russland gibt es „Avito“. Alles, was man nur irgendwie kaufen und verkaufen kann, wird dort angeboten. So auch Immobilien. Und die virtuelle Verkaufsplattform analysiert einen wahren Ansturm auf Kaliningrader Immobilien. Und das macht nachdenklich.
 
 
Wer die russischen Medien liest, über einen längeren Zeitraum liest, analysiert, kombiniert und ein wenig nachdenkt, kommt zu gewissen Erkenntnissen, die sich von dem unterscheiden, was offiziell gesagt wird und was das Volk spricht.
 
Offizielle staatliche Statistiken besagen, dass es – mal kurz zusammengefasst – dem Volk schlecht geht. Die Realeinkommen sinken, die Löhne und Gehälter stagnieren, der durchschnittliche Warenkorb wird teurer … also insgesamt eine negative Entwicklung in Russland.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Besonderheiten der nationalen Jagd“
 
Spricht man mit den Russen auf der Straße, in der Sauna, in der Straßenbahn oder sonst irgendwo, so hört man selten, dass sie zufrieden sind. Allgemeines Wehklagen, wie schlecht man lebt und dass die Regierung unfähig ist. Dann geht das Gespräch automatisch über zum Thema korrupte Beamte und insgesamt verläuft das Gespräch mit der Zufallsbekanntschaft in häufig in düsteren Farben.
 
Einzige Lichtblicke sind die zufälligen Treffen mit Kindern auf der Straße oder auf dem Spielplatz, die immer irgendwie einen glücklichen Eindruck hinterlassen.
 
Videoeinspielung: Spielende Kinder am Schillerdenkmal Kaliningrad
 
Und dann liest man plötzlich in den Medien, dass die größten russischen Banken eine Analyse der Bankeinlagen vorgenommen haben und feststellen, dass die Bankkonten der russischen Durchschnittssparer wachsen, seit Jahren wachsen.
 
Grafik: Spareinlagen in ausgewählten russischen Regionen
 
Im aktuellen Jahr 2020 haben die Russen auf ihren Bankkonten 7,6 Prozent mehr Ersparnisse, als noch vor einem Jahr. Aber wie können Bankkonten wachsen, wenn die Realeinkommen fallen? Wie können Bankkonten wachsen, wenn doch überall das Leben teurer wird? Dann dürfte doch kein Geld mehr übrigbleiben, welches man auf die Bank schleppen kann – oder?
 
Und man liest, dass trotz aller möglichen Krisen im Land, die Steuereinnahmen wachsen. Sie wachsen einerseits durch erhöhte Einkommenssteuern und durch wachsende Gewinnsteuern. Aber wenn die Realeinkommen sinken, wie kann es dann zu höheren Einkommenssteuern kommen? Und wenn es den Unternehmen im Land so schlecht geht – wieso wachsen dann die Gewinnsteuern?
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Priwalowskije Millionen“
 
Und wenn es insgesamt alles so schlecht ist, wieso wird dann in Kaliningrad gebaut und gebaut und gebaut und es gibt defacto keinen Leerstand.
 
Videoeinspielung: Neubau auf dem Prospekt Mira in Kaliningrad
 
Die Wohnungen werden den Baufirmen förmlich aus den Händen gerissen, obwohl die Preise für Neubauwohnungen im letzten Jahr um 19 Prozent gestiegen sind – wie „Avito“ informiert? Woher kommt das ganze Geld, wo es doch den Menschen so schlecht gehen soll?
 
Angeblich sollen sich die Kaliningrader Durchschnittsgehälter auf dem Level 30.000 Rubel bewegen. Heute kostet ein Quadratmeter Neubauwohnung rund 58.000 Rubel. Um einen Quadratmeter zu kaufen, muss also Iwan-Normalbürger zwei Monatsgehälter auf den Tisch legen. Aber essen will er auch noch. Und ein Auto hat er auch und die Parkplätze vor den Fitnessclubs sind übervoll und die gegenwärtig wenigen Plätze in den Restaurants sind auch ausgelastet. Wie machen die Kaliningrader, wie machen die Russen das?
 
Videoeinspielung: Neubauten in Kaliningrad
 
„Avito“ analysiert, dass 61 Prozent mehr Neubau-Wohnraum in den letzten 12 Monaten verkauft wurde – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Vergleicht man das dritte Quartal 2020 mit dem zweiten Quartal 2020, so wurde 55 Prozent mehr Wohnraum verkauft.
 
Wem soll man also glauben? Den Erzählungen in der Sauna und auf der Straße oder den realen Zahlen und den realen Bildern im täglichen Leben?
 
Vielleicht noch eine Anmerkung. Die Immobilien in Kaliningrad sind, im Vergleich zum russischen Mutterland, spottbillig. Wie schon erwähnt, 58.000 Rubel für den Quadratmeter. Im russischen Mutterland kostet der Quadratmeter durchschnittlich 90.000 Rubel. Im russischen Mutterland stiegen die Preise im letzten Jahr um 12 Prozent und die Nachfrage nach den jetzt teureren Immobilien, wuchs um 30 Prozent.
 
Und? Gibt es eine Erklärung für all diese merkwürdigen, sich eigentlich widersprechenden Vorgänge?
 
Ja, gibt es.
 
Zum einen gibt es in Russland das sogenannte Muttergeld, welches für die Geburt jedes Kindes bezahlt wird und welches in der absoluten Summe mit jedem Kind wächst. Da kommen erhebliche Gelder zusammen, die man für den Kauf einer Immobilie verwenden kann. Dieses Programm gibt es schon lange, aber über diese Einnahmen wird einfach nicht gesprochen, weder im täglichen Leben, wenn man jammert über das schwere Leben, noch vor westlichen Kameras, die sehr gerne allerdings diejenigen filmen, die schon keine Kinder mehr bekommen und sich mit dem Verkauf von Sonnenblumenkernen noch fünf Rubel zur Rente hinzuverdienen.
 
Videoeinspielung: Babuschkas verkaufen Blumen vor Kaliningrader Supermarkt
 
Zum zweiten hat Russland ein Programm der staatlich geförderten Hypothek gestartet. 6,5 Prozent Zinsen zahlt der Kreditnehmer. Das stimuliert natürlich den Russen, einen Kredit aufzunehmen. Aber bevor er einen Kredit aufnimmt, beurteilt ein normal denkender Mensch doch seine persönliche Lage. Und wenn er kein Vertrauen in sich und seine Zukunft hat, dann wird er kaum einen Kredit aufnehmen oder aber die Bank wird ihm den Kredit verweigern. Aber anscheinend gibt es Vertrauen in die Zukunft und deshalb nehmen die Russen Kredite für den Kauf einer Wohnung auf – sie wissen anscheinend, dass ihre Zukunft gesichert ist. Und diese Erkenntnis widerspricht wiederum dem Gejammere auf der Straße und in der Sauna.
 
Videoeinspielung: Junge Familie im Park Max-Aschmann in Kaliningrad
 
Und ein dritter Grund ist die angeblich schlechte wirtschaftliche Lage im Land. Die Leute wollen ihr Geld nicht als Geld auf der Bank belassen. Sie befürchten es zu verlieren, sprich sie befürchten eine Geldentwertung. Aber wodurch wird das Geld entwertet? Natürlich durch die Inflation! Aber die ist in Russland so niedrig, wie nie zuvor in der modernen Historie des Landes.
 
Grafik: Entwicklung der Inflation in Russland
 
Und trotzdem die Russen massenhaft Immobilien kaufen, sinken die Bankeinlagen nicht.
 
Mit dieser Feststellung lasse ich Sie, meine lieben Zuschauer und Leser jetzt einfach mal zurück, denn ich habe auch keine einfache und logische Erklärung für dieses Phänomen. Ich kann nur nochmal den Russen Tjutschew zitieren:
 
Videoeinspielung: Zitat Tjutschew
 
Tschüss und Poka aus Kaliningrad

 

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