Mit Bremerhaven fing alles an. Ansichten eines Deutschen zu Kaliningrad.

Mit Bremerhaven fing alles an. Ansichten eines Deutschen zu Kaliningrad.
 
Einer meiner Zuschauer und Leser machte mich auf einen RT-Artikel aufmerksam, dessen Autor Dr. Rolf Geffken ist. Er bereiste Kaliningrad im Rahmen einer Forschungsreise und hatte Eindrücke und Erkenntnisse. Diese teilt er seinen Lesern bei RT-Deutsch mit. Ein durchaus interessanter Beitrag, der allerdings ein paar kleinerer Korrekturen bedarf.
 

Der Beitrag von Dr. Geffken titelt: „Der lange Weg zur Identität: Eine Reise von Bremerhaven nach Kaliningrad.“ Dr. Geffken, so habe ich es verstanden, interessierte sich für die Gewerkschaftsarbeit in Kaliningrad. Und seine Informationen verpackte er in einer Vielzahl von Eindrücken, die er sonst noch so bei seinem Aufenthalt in Kaliningrad gesammelt hatte.
 

 

Insgesamt, so mein Empfinden, hat der Beitrag einen positiven, sachlichen Grundton und unterscheidet sich angenehm von vielen anderen Informationen deutscher Autoren über Kaliningrad. Trotzdem haben sich einige Dinge eingeschlichen, Kleinigkeiten natürlich, die ich so nicht unkommentiert stehen lassen möchte.

 

 
Dr. Geffken informiert über die Schwierigkeiten der Anreise und meint, dass die gekappte Zugverbindung Berlin-Kaliningrad eine Folge der Sanktionen aus dem Jahre 2014 ist. Das ist natürlich nicht der Fall. Die Zugverbindung war niemals stabil und war eigentlich auch niemals wirklich rentabel. Bei Fahrtzeiten von über 17 Stunden für 650 Kilometer braucht eine solche Verbindung höchstens ein nostalgischer Königsberger Eisenbahnfan. Bedauernswert ist es, sowohl für die Kaliningrader, wie auch für die Deutschen, dass es keine direkte Flugverbindung, irgendwohin von und nach Deutschland gibt. Aber es gibt Alternativen über polnische Airports.
 
Und Dr. Geffken spricht vom Kaliningrader Nahverkehr, der nach seiner Beobachtung von vielen Trolleybussen dominiert wird. Dem ist nicht so. Wir haben Trolleybusse, aber die spielen im Gesamtsystem des Nahverkehrs erst die dritte Geige, nach den Linienbussen und den Marschrutkas und vor der einzig noch verbliebenen Straßenbahnlinie 5.
 
Videoeinspielung: Nahverkehr Kaliningrad
 
Und Herr Dr. Geffken spricht davon, dass der frühere Nordbahnhof nicht mehr existiert. Doch, er existiert, sowohl als Gebäude, welches heute anders genutzt wird, wie auch als Eisenbahnstation. Der Nordbahnhof ist für Kaliningrad mindestens so wichtig, wenn nicht gar wichtiger, als der Südbahnhof, also der ehemalige Hauptbahnhof. Über diesen Bahnhof wickeln sich alle Zugverbindung Richtung Ostseeküste ab.
 
Videoeinspielung: Nordbahnhof Kaliningrad
 
Und er berichtet über zahlreiche Militärs (mehr als Polizei), welche er in Kaliningrad gesehen hat. Da hat Herr Dr. Geffken eine andere Wahrnehmung als ich, der ich fast täglich in der Stadt bin, um „Milieustudien“ zu betreiben. Wobei ich zugeben muss, dass man die Uniformen von Polizei, RosGarde, Zoll, Hygienekommission, Gerichtsvollzieher und Militär wirklich nur schwer unterscheiden kann.
 
Grafik: Uniformenvielfalt in Russland
 
In einem weiteren Absatz informiert Herr Dr. Geffken, dass das Gebiet jetzt, im Vergleich zu Zeiten vor 1992, weitgehend jedermann zugänglich ist, darunter auch die sogenannte „Frische Nehrung“, also das heutige Baltiskaja Kosa. Und das stimmt eben nicht. Dieses Gebiet ist Sonderzone und darf durch Ausländer nur mit Genehmigung des FSB betreten werden – Fähre hin, Fähre her … für Ausländer tabu.
 
Grafik: Sonderzonen im Kaliningrader Gebiet
 
Grafik: Sonderzone Baltiskaja Kosa
 
In einem weiteren Absatz spricht Herr Dr. Geffken von der wirtschaftlichen Entwicklung des Gebietes, der Sonderwirtschaftszone Kaliningrad und von 340 deutschen Unternehmen, die sich in Kaliningrad angesiedelt haben. Leider einer der Standardfehler, den viele Journalisten und sonstige Kaliningrad-Autoren machen: sie übernehmen irgendwelche Zahlen aus irgendwelchen Statistiken oder anderen Veröffentlichungen unkritisch und ungeprüft. Ich behaupte, von diesen 340 deutschen Firmen sind mindestens, mindestens! die Hälfte sogenannte Schläfer- oder Konservenfirmen, also fiktive Firmen, wenn nicht diese Zahl generell verkehrt, zumindest veraltet ist. Gerade jetzt beobachte ich, im Rahmen anderer „Nachdenklichkeiten“ meinerseits, wie Deutsche (Mehrzahl) massenhaft Firmen gründen … Deutsche, deren Hintergrund und biographische Vergangenheit, nach meinen bisherigen Informationen, kriminellen, revanchistischen, abenteuerlichen, betrügerischen Charakter hat.
 
Screen: Textauszug aus RT-Beitrag von Dr. Geffken
 
Wenn es denn wirklich 340 deutsche Firmen geben würde – oder doch zumindest die Hälfte davon, oder vielleicht ein Drittel, dann hätte doch die Vertretung der Hamburger Handelskammer in Kaliningrad, wegen angeblichen Geldmangels, nicht Ende 2019 schließen müssen.
 
Videoeinspielung: Ehemalige Vertretung der Hamburger Handelskammer in Kaliningrad
 
Sehr informativ, weil wirklich etwas Neues für mich, war die Erinnerung die Dr. Geffken wachgerufen hat, wie alles mit Kaliningrad und Deutschland im Jahre 1990 begann:
 
Zitat: „1990 kam es zu einer Zusammenarbeit zwischen der Lloyd-Werft in Bremerhaven, dem fischverarbeitenden Unternehmen "Flamingo Fisch" und der "Reftransflot Kaliningrad". Ein russisches Fabrikfangschiff wurde umgebaut, und die Kosten wurden in Fisch "bezahlt". Aus dieser ungewöhnlichen Kooperation und weiteren Wirtschaftsprojekten erwuchs schließlich die Städtepartnerschaft zwischen Kaliningrad und Bremerhaven, die am 24. April 1992 offiziell geschlossen wurde.“
 
Ich bin 1995 nach Kaliningrad gekommen und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Office unserer Firma befand sich das Gästehaus „Bremerhaven“. Lange hatte ich keine Erklärung für dieses schöne Haus in einer schönen Grünanlage, mit einer derartigen Bezeichnung. Nun bin ich etwas schlauer. Danke Dr. Geffken für die Erinnerung.
 
Videoeinspielung: Gästehaus Bremerhaven im ex-Königsberger Stadtteil Amalienau
 
Im weiteren kommt Dr. Geffken natürlich nicht um die Erwähnung der „Identität“ herum. Viele versuchen sich in dieser Thematik in den letzten Jahren und immer haben diese Diskussionen so einen separatistischen, manchmal auch diskreditierenden Beigeschmack, insbesondere, wenn man den Namensgeber der Stadt, den Genossen Kalinin, als sowjetischen Massenmörder bezeichnet. Herr Dr. Geffken hat dies nicht getan, er hat sich maximal neutral geäußert. Ich aber finde, dass Deutsche überhaupt kein Recht haben, sich über Massenmörder anderer Länder zu äußern. Und Deutsche haben auch kein Recht, die Umbenennung einer russischen Stadt zu fordern. Wer dies tut, mischt sich in innere Angelegenheiten eines anderen Landes ein und das hat – zumindest im diplomatischen Bereich – meist Folgen.
 
Herr Dr. Geffken erwähnt dann auch die Geschichte der „Königsberger Börse“ im Zusammenhang mit dem maritimen Charakter der Stadt. Um diesen maritimen Charakter der Stadt zu unterstreichen, so informiert er, wurde dieses Gebäude noch zu sowjetischen Zeiten, zum „Kulturpalast der Seeleute“ umfunktioniert. Das ist richtig, aber längst Geschichte, denn das Gebäude war danach lange Zeit „Haus der Jugend“ und ist heute „Museum für Bildende Kunst.“
 
Videoeinspielung: Museum für Bildende Kunst in Kaliningrad (ehemals Königsberger Börse, Kulturhaus der Seeleute, Kulturhaus der Jugend)
 
Weiter informiert Dr. Geffken, dass eine eindeutige Mehrheit in der Stadtduma durch „die Partei des Präsidenten Putins „Einiges Russland“ und die Kommunistische Partei Russlands besteht.
Schade, dass Dr. Geffken sich im parteipolitischen Leben der Russischen Föderation nicht richtig auskennt. Beginnen wir damit, dass es gegenwärtig in Russland drei Kommunistische Parteien gibt:
 
1. die Kommunistische Partei der Russischen Föderation
2. die Kommunistische Partei für soziale Gerechtigkeit
3. die Kommunistische Partei der Kommunisten Russlands.
 
Grafik: Entwicklung der Parteienlandschaft in der Russischen Föderation
 
Gehen wir also davon aus, dass Dr. Geffken die „Kommunistische Partei der Russischen Föderation“ meint, denn die von ihm genannte „Kommunistische Partei Russlands“, die angeblich im Kaliningrader Stadtparlament, gemeinsam mit der „Putin-Partei“ die beherrschende Mehrheit hat, gibt es nicht.

Und er spricht von der Partei „Einiges Russland“, Putins Partei. Auch eine der Stereotypen, die immer wieder Autoren, die über Russland mehr oder weniger bösartig berichten, voneinander abschreiben. Putin ist weder Gründer der Partei, noch Parteivorsitzender, noch hat er irgendeine andere Funktion in dieser Partei … tja, er ist noch nicht einmal Mitglied dieser Partei. Man sollte also besser formulieren: „Duma-Mehrheitspartei“, das wäre rein sachlich korrekt.
 
Grafik: Partei „Einiges Russland“

Allerdings wäre es für die Leser seines Beitrages bei RT-Deutsch noch interessant gewesen zu erfahren, dass das Kaliningrader Stadtparlament nicht zwei Parteien, sondern fünf Parteien hat. Und der Anteil der Liberaldemokraten an den Gesamtstimmen, unterscheidet sich nur ganz wenig von denen der Kommunisten. Und die beiden anderen Parteien, Patrioten Russlands und Gerechtes Russland, bringen es auch gemeinsam auf rund 13 Prozent.
 
 
Grafik: Parteipolitische Zusammensetzung des Kaliningrader Stadtrats

Aber das Wichtigste, über das Dr. Geffken spricht, sind die „… eingeschlafenen Städtepartnerschaften mit Bremerhaven, Kiel und Rostock.“ Ich gebe ihm da Recht und erweitere: Nicht nur diese Städtepartnerschaften sind eingeschlafen. Man hört und sieht nichts von den anderen Städtepartnerschaften, die Kaliningrad mit deutschen Städten hat:
 
Screen: Internetseite der Stadtverwaltung Kaliningrad zu Städtepartnerschaften
 
Und Herr Dr. Geffken konstatiert:
 
„Wirtschaftliche Beziehungen im Ostseeraum, nach Deutschland, Polen und Litauen könnten im Interesse der Menschen dem Kaliningrader Gebiet neue Impulse geben und auch zu einer Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage führen, einmal ganz abgesehen von der Verbesserung menschlicher Kontakte durch den Ausbau kultureller Beziehungen… Es erscheint höchste Zeit, solche Kontakte herzustellen. Der Verfasser erfuhr in seinen Gesprächen vor Ort, dass die russische Seite hierzu jederzeit bereit ist.“
 
Ich selbst habe sowieso eine kritische Einstellung zu den Städtepartnerschaften und bezeichne die Aktivitäten der deutschen und russischen Politiker im Rahmen dieser Partnerschaften als „Polit-Tourismus“ zu Lasten der jeweiligen Steuerzahler.

Aber es gibt ja nicht nur die von Dr. Geffken angesprochenen schlafenden Städtepartnerschaften, sondern auch Freundschaftsgesellschaften. Und da kommt mir die Frage in den Sinn: „Was macht eigentlich die „Freundschaftsgesellschaft Kaliningrad-Thüringen“, die im April 2014 durch deutsche RegionalpolitikerINNEN ins Leben gerufen wurde? Ich habe keine Ahnung! Man liest nichts, man hört nichts, man sieht nichts und auf Fragen bekommt man keine Antwort. Somit wird es Zeit, sich auch mit diesem Thema und vor allem mit den Tätigkeiten deutscher RegionalpolitikerINNEN in Kaliningrad zu beschäftigen.
 
 
Grafik: Original und Schatten Thüringer Politikerinnen in der deutsch-russische Zusammenarbeit
 
In einem „Ausblick“ stellt Dr. Geffken optimistisch fest:
 
„Die Kaliningrader Menschen zeichnen sich durch eine besonders herzliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft aus ... Deutsche und Russen haben sich viel zu sagen, und sie müssen miteinander reden. Einen neuen Kalten Krieg kann niemand wollen. Am allerwenigsten die Kaliningrader und die Königsberger. Dringend angesagt ist die Reaktivierung der Städtepartnerschaften mit Bremerhaven, Rostock und Kiel.“
 
Für diese Worte möchte ich mich bei Dr. Geffken bedanken.
 
Tschüss und Poka aus Kaliningrad
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Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 21. Februar 2020 02:30 pm

    Kennzahlen für Königsberg i.Bay., St
    Kennzahl Wert Jahr 2014
    Einwohnerzahl 3.628
    Fläche (Quadratkilometer) 61,9 2012
    Gewerbesteuerhebesatz in % 350 2017
    Grundsteuer A in % 350 2017
    Grundsteuer B in % 350 2017
    Regionalschlüssel 09674164
    Verwaltungseinheiten für Königsberg i.Bay., St
    Typ Verwaltungseinheit Anzahl
    Gemeinden Einwohnerzahl
    Landkreis Haßberge 26 84.152
    Regierungsbezirk Unterfranken 308 1.298.849
    Bundesland Bayern 2.056 12.691.568
    Staat Deutschland 12.149 81.233.045
    +
    -
    Leaflet | © OpenStreetMap

    Quellen
    Daten: Statistisches Bundesamt
    Verwaltungsgrenzen in der Kartendarstellung: © GeoBasis-DE / BKG 2014

    Der Herr Neumer will sich offenbar mit Uwe in Bayern treffen. wie umständlich.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 21. Februar 2020 05:25

      ... ja, dachte ich auch. Und ich soll dann auch noch das Bier dahin schleppen ...

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