Neidgefühle eines deutschen Bloggers: Moskau – Kreml – Putin

Neidgefühle eines deutschen Bloggers: Moskau – Kreml – Putin
 
Blogger sind keine Journalisten und haben es somit im täglichen Leben etwas schwerer. Nicht alle Türen stehen ihnen offen. Aber häufig ist ihre Glaubwürdigkeit größer, als die von professionellen Journalisten. Blogger sind häufig unabhängig, unabhängig von Vorgesetzen und Geld. Sie arbeiten nicht selten als Enthusiasten, aus Spaß an der Freude. Aber diese Unabhängigkeit hat auch Nachteile.
 
 
 
Die Nachteile bestehen darin, dass Bloggern, falls sie nicht superbekannt sind, wie z.B. Dudch oder Varlamow, viele Türen verschlossen sind und man mit ihnen häufig auf offizieller Ebene nicht sprechen will, da man keinen Einfluss auf die Inhalte der Meldungen der Blogger hat.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Oktober“
 
Wird der Blogger für seine Arbeit bezahlt, dann hat man Einfluss – dann verliert der Blogger aber auch schnell den Status des Bloggers bei der Bevölkerung, bei den Zuschauern und wird in die Kategorie „Journalist“ eingeordnet. Das verringert seine Glaubwürdigkeit, öffnet aber Türen.
 
Ich selber bezeichne mich als unabhängig: ich habe keinen Vorgesetzten und Geld bekomme ich auch von niemandem, mit Ausnahme einiger Sponsorengelder, die sich aber alle im höchsten zweistelligen Euro-Bereich bewegen. Größere Summen werden von mir nicht angenommen. Mir ist meine Unabhängigkeit wichtiger als Geld, mit dem man meine so geliebte Unabhängigkeit vielleicht versucht zu kaufen.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „12 Stühle“
 
Im Internet figuriere ich grundsätzlich unter meinem bürgerlichen Namen. Das unterscheidet mich von vielen, die meinen Kanal anschauen oder auf meinem Portal lesen und mich anonym beschimpfen und beleidigen. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren daran gewöhnt und es gibt keine Beleidigung, kein Gerücht, welches nicht schon gegen mich angewandt wurde. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr ich eine neue Beleidigung, die bisher noch niemand gegen mich ausgesprochen hatte: Russische Kakerlake. Tja, wie sagt der Russe: Nitschewo, nitschewo …
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Besonderheiten der nationalen Jagd“
 
In bestimmten Formaten nutze ich den Namen „Erichowitsch“, z.B. auf meinem YouTube-Kanal für Zitate und geflügelte Worte. Aber auch hier zeige ich mein Gesicht.
 
Screenvideo: Youtube-Kanal „Erichowitsch´s Zitatebibliothek”.
 
Mein Bekanntheitsgrad hält sich in Grenzen. In den letzten 28 Tagen hatte ich mit meinem Hauptkanal über eine Million Zugriffe auf meine rund 2.700 Videos.
 
 
Über 8.300 Abonnenten sind mir gegenwärtig treu, die Zahl wächst mit jedem Tag.
 
 
Und man muss etwas dafür tun, um seine Zuschauer zu binden und das ist eben, als wenig bekannter Blogger, nicht ganz einfach. Dazu kommt, dass ich Ausländer bin und das ist ein weiteres Hindernis beim Durchschreiten offizieller Türen.
 
So  habe ich seit vielen Monaten den Gedanken, einen russischen Truppenteil im Kaliningrader Gebiet zu besuchen. Klar, dass man mich nicht in die Kasernen lässt, wo die Iskander, die S-400 oder andere hochempfindliche Systeme stehen.
 
Aber ich wollte einfach nur eine mobile Feldbäckerei besuchen. Ich fand es interessant, deutschen Zuschauern zu zeigen, wie in der russischen Armee unter Feldbedingungen Brot gebacken und dabei auch Kwas, ein russisches Nationalgetränk, gebraut wird. Alle, die man in Kaliningrad zu dieser Angelegenheit kontaktieren müsste, habe ich kontaktiert – alle waren sehr freundlich, aber … die Tore öffneten sich nicht.
 
Screen: Stellvertretender Verteidigungsminister Armeegeneral Dmitri Witaljewitsch Bulgakow
 
Dann erinnerte ich mich daran, dass der stellvertretende russische Verteidigungsminister für materielle Sicherstellung ein Studiengenosse von mir war. Wir hatten beide im Jahre 1984 die Militärakademie in Leningrad absolviert. Und so schrieb ich ihn an: „Sehr geehrter Herr Generaloberst, Hallo Studiengenosse …“ Aber es zeigte sich, dass der bekannte Spruch: „Ein Kommunist ohne Beziehungen ist dasselbe, wie ein Kapitalist ohne Geld“, hier nicht griff. Ich bekam eine höfliche Ablehnung. Tja, die Zeiten, insbesondere für Deutsche, insbesondere nach dem Jahre 2014 und insbesondere nach den jüngsten Sanktionen, sind nicht ganz einfach in Russland.
 
Dann wandte ich mich an Deutsche, an den deutschen Generalkonsul in Kaliningrad. Ich hoffte auf die Solidarität der Deutschen untereinander. Der Generalkonsul, seit einem Jahr im Amt, erfuhr von mir per email, dass ich mit Familienangehörigen der Diplomaten, die gegenwärtig in Kaliningrad ihren Dienst versehen, ein Interview machen will – kein politisches, sondern unter dem Motto: Deutscher Blogger spricht mit deutscher Hausfrau in Kaliningrad.
 
Der Anlass war günstig, denn es hat gerade der obligatorische Personalwechsel im Generalkonsulat stattgefunden und es gibt neue Gesichter. Mich hätte brennend interessiert, was diese „Neuen“ für erste Eindrücke haben, wie und wo sie einkaufen, ob sie schon einen guten Friseur gefunden haben, ob sie an Theaterbesuchen interessiert sind … also kurz, wie sie ihr privates Leben meistern …
Nach einer Woche Wartezeit erhielt ich vom Generalkonsulat eine Antwort:
 
Screen: Antwort-email des deutschen Generalkonsuls in Kaliningrad
 
Schade, fand ich, denn es hätte schon Möglichkeiten gegeben, ein derartiges Gespräch mit der notwendigen Abstandsdistanz und der notwendigen Anonymität zu führen, um die persönliche Sicherheit von Diplomaten und deren Familienangehörigen nicht zu gefährden. Und es hätte auch Möglichkeiten gegeben – so wie in der Vergangenheit bereits mehrmals erfolgreich praktiziert, das Interview vorher gemeinsam anzuschauen und bei Bedarf zu korrigieren.
 
Und dann gibt es in Russland ein TV-Format, welches mich vor Neid erblassen lässt. Es heißt „Moskau-Kreml-Putin“.
 
Videoeinspielung: Trailer zur TV-Sendung
 
Jeden Sonntag wird es im Ersten Programm, also im russischen Ersten Programm und nicht bei ARD ausgestrahlt. Rund eine halbe Stunde, manchmal auch etwas länger, zeigen zwei bekannte russische Journalisten den Alltag des russischen Präsidenten hinter den Türen, zeigen den hemdsärmeligen Putin, zeigen ihn, wie er über die Treppen des Kreml von einem Treffen zum anderen flitzt, wie er in einer stillen Ecke noch schnell ein paar Notizen durchliest, bevor er sich mit irgendeinem ausländischen Kollegen trifft – kurz, ich beneide Pawel Alexandrowitsch Sarubin dafür, dass er Putin jede Woche überall hin begleiten darf und Putin so zeigt, wie sonst der Präsident niemals öffentlich gezeigt wird.
 
Videoeinspielungen: Putin hemdsärmlig, Putin ohne Jackett im Kreml, Putin korrigiert Notizen
Ich habe versucht mich zu erinnern, ob es eine ähnliche Sendung im deutschen Fernsehen gibt, wo ein Journalist rund um die Uhr … naja, fast rund um die Uhr … die Bundeskanzlerin im täglichen Dienstbetrieb begleitet und sie in Situationen zeigt, die sonst eben nicht gezeigt werden … mir ist keine Sendung eingefallen.
 
Genauso, wie es in Russland das jährliche Format des Präsidenten gibt, wo er sich über viele Stunden den direkten Fragen der Bevölkerung aus dem ganzen Land stellt. Peskow, sein Pressesprecher – den man übrigens auch beneiden kann – hatte mal erzählt, dass es viele Anfragen aus dem westlichen Ausland gegeben habe, von sogenannten „Partner-Regierungen“, die sich für dieses Format interessiert hatten und die es auch bei sich einführen wollten. Man habe den Leuten alles gezeigt, wie, was, wo organisiert wird. Danach haben alle ganz schnell die Koffer gepackt und sind wieder abgereist: zu groß war der Aufwand und nicht alle Staatschefs sind im Gespräch mit dem eigenen Volk so locker und souverän die Putin.
 
Videoeinspielung: Peskow bezeichnet Putin als Glücksfall in seinem Leben
 
Tja, und somit bleibt mir jetzt nur noch meinen Blogger-Neid auf andere zu pflegen und zu hoffen, dass Putin dieses Video anschaut und sich meiner erbarmt … nein, nicht, dass ich ihn auch eine Woche begleiten darf … das wäre wohl zu viel verlangt. Aber der Besuch einer mobilen Feldbäckerei der russischen Armee wäre schon nicht schlecht …
 
Ääääh, ehe ich es vergesse. Es gibt seit einiger Zeit fleißige Zuschauer meines Kanals, die eines meiner Markenzeichen kommentieren – nein, nicht meinen Zwirbelbart, sondern meine regelmäßigen:
 
Videoeinspielung: Zusammenschnitt Bloggerauftritt Niemeier
 
Ich leiste mir diese orale Interpunktion immer dann, wenn ich ohne Konzept, frei von der Leber spreche. Und ich werde alles dafür tun, dass mir diese kleine Macke erhalten bleibt … sie gehört zu meinem Image.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „12 Stühle - Erstvariante“
 
Ääähm, Tschüss und Poka aus Kaliningrad

 

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Kommentare ( 3 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 18. November 2020 21:01 pm

    Ich meine, ein schöner Beitrag. Naja, russische Feldküche kenne ich noch aus anderen Zeiten. War nicht so berauschend, außer dem dunklen Brot, wenn frisch.
    Uwe Erichowitsch, daß das mit dem bundesdeutschen GK nicht so klappt, haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Wer diesen Leuten auf die Füße tritt und nicht die gleiche Melodie zum immer lauter werdenden Trommelwirbel pfeift, den halten sich diese Herrschaften mit spitzen Fingern auf Abstand. Nehmen Sie es gelassen. Die Merkel und Maas und all die anderen Pfeifen kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt (ein Freund der Russen). Ich habe mal den sehr bekannten Ausspruch eines sehr bekannten Mannes eigenmächtig verändert.
    Ich weiß gar nicht, wieviele Jahre wir beide uns eigentlich "kennen", ohne uns zu kennen. Leider!
    Ist der Pawel Sarubin dieser junge Haus- und Hofberichterstatter im Kreml, der wohl als einziger dieser Gilde dem Wladimir Wladimirowitsch am Rockzipfel hängen darf?

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 18. November 2020 21:12

      ... ja, nee, um eine Feldküche geht es nicht. Es geht um eine Feldbäckereikompanie, die im Bestand jeder Division ist. Dort wird Brot und andere Backwaren gebacken. 1982 habe ich in irgendeinem tiefen Kaliningrader Wald das erste Mal Brot aus einer sowjetischen Feldbäckerei gegessen ... das beste, was ich jemals gegessen habe. Und ich habe gelernt Kwas zu trinken und Speck zu essen ...Nein, ich nehme mir die Absagen nicht allzu sehr zu Herzen ... ich habe auch nur ein paar wenige Beispiele aufgezählt. Es gibt noch viel mehr Absagen ... aber es gibt noch mehr Ideen, was man noch alles machen kann ... Wir beide kennen uns seit dem 24.02.2014 - dem Datum Ihrer Registrierung. Tja, die Zeit fliegt einfach nur so ... Vielleicht will es ja der liebe Gott oder irgendein anderer Mächtiger, dass Sie mal nach Kaliningrad kommen. Da haben wir dann alle Zeit der Welt ... Essen, Trinken, Sauna und tausend andere interessante Dinge ...

      Sarubin ist sicherlich nicht der Einzige, der Zutritt zu Putin hat, aber er scheint schon ein gutes Vertrauensverhältnis zum Präsidenten zu haben, denn er nimmt auch größere Interviews mit ihm auf und Putin zeigt sich im Gespräch mit ihm immer recht entspannt ...

  • A. Bienenfreund

    Veröffentlicht: 18. November 2020 23:08 pm

    Na vielleicht laden Sie ja, wenn denn der Pandemiezirkus mal weitergezogen ist, die treue Leserschaft zu einem K-Domizil-Festival nach Kaliningrad ein. Aber zum Speck nicht den Senf vergessen! beste Grüße

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 18. November 2020 23:11

      ... oi, das wird dann aber doch ein recht großes Festival, wenn ich meine Youtube-Zuschauer mit dazu rechne ...

      Und in Russland wird zum Speck kein Senf gereicht. Der Speck (Sala) muss noch halbgefroren sein, ein wenig mit Knoblauch, Pfeffer und Salz ... Schwarzbrot und, naja 100Gramm gehören dazu ...

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 19. November 2020 01:59 pm

    Ach Uwe, mit dem "Herrn" da oben habe ich so meine Probleme. Entweder ist er zu schüchtern oder zu arrogant, er will sich partout nicht zeigen und nicht mit mir "kommunizieren".
    Na, das ist natürlich ein Thema. Russisches Brot frisch aus dem Ofen der Feldbäckerei im Raum Burg am Schießplatz. Aber für den Speck hatten wir keinen Kühlschrank. Und den Wodka oder Nordhäuser Doppelkorn oder auch eine andere Marke über 37% , der kam von uns aus dem nächsten Dorfkonsum. Da gab es viele schöne Erlebnisse der gelebten Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Aber das begreifen ja viele nicht, die den Westmedien und deren verlogenen Korrespondenten vertrauen. Wie dämlich können manche Menschen sein.
    Wie geht der Spruch mit dem Brot-Kwas? Das erste Glas schüttelt einen, das zweite ist schon viel besser und das dritte macht süchtig.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 19. November 2020 05:43

      ... den Spruch kannte ich noch nicht. Merke ich mir ... obwohl Alkohol spielte noch nie eine große Rolle in meinem Leben und mit jedem Jahr wird weniger getrunken. Wenn, dann mal einen guten, darf auch ein sehr guter Cognac sein. Wein habe ich immer im Hause, habe einen kleinen Vorrat an Krim-Weinen, um mitreden zu können, wenn jemand nur französische, deutsche, spanische .... Weine kennt.

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