Putin schickt sein Volk in den Zwangsurlaub. Aber das Volk lässt sich nicht zwingen.

Putin schickt sein Volk in den Zwangsurlaub. Aber das Volk lässt sich nicht zwingen.

 

Im sowjetischen Sozialismus wurde befohlen: „Alle raus zur Mai-Demonstration“ und viele suchten nach Gründen, um zu Hause zu bleiben. Im russischen Kapitalismus wird befohlen: „Alle zu Hause bleiben“ und viele suchen nach Gründen, um auf die Straße zu gehen.

 

 

Tja, so ändern sich die Zeiten und egal in welcher Gesellschaftsordnung oder in welchem Land man lebt: Es jedem recht zu machen, ist eine Kunst die niemand kann – auch kein Putin und auch kein Alichanow.

Putin und Alichanow handelten in den letzten Tagen nach den berühmten Worten von Tschernomyrdin:

 

 

So verkündete der russische Präsident am 25. März, neben einer Vielzahl anderer Maßnahmen, die den Bürgern des Landes die Last der Krise, insbesondere die finanzielle Last, erleichtern soll, dass vom 28. März bis einschließlich 5. April das Volk zu Hause bleiben soll – natürlich bei Fortzahlung der Löhne und Gehälter. Und er meinte damit nicht, dass das Volk mal so richtig einen draufmachen sollte, mal so richtig feiern sollte, es mal so richten krachen lassen sollte. Der Präsident meinte eigentlich, dass die Leute zu Hause in ihrer Wohnung bleiben sollten, damit sie nicht krank werden und an dieser Krankheit auch noch sterben.

Aber das Volk hatte wohl den Fernseher schon nach dem ersten Satz von „Arbeitsfrei“ abgeschaltet und hatte nicht mehr vernommen, weswegen der Präsident diese Tage für arbeitsfrei erklärte.

Und so sah man auch in Kaliningrad am vergangenen Samstag, dem ersten freien Tag, das Volk, häufig mit Kindern, in die Supermärkte strömen und einkaufen – natürlich Schaschlik, wie mir ein kleines Mädchen mitteilte, die ich während des Wartens an den Kassen kurz mal interviewte. Wir wollen an die Ostsee fahren, erzählte mir die Kleine und ein wenig feiern und das schöne Wetter fand sie auch toll.

Und als ich den Supermarkt verließ sah ich, dass außer meiner kleinen Interviewpartnerin, noch viele andere Kaliningrader diese Idee hatten, wie man die arbeitsfreie Zeit nutzen kann, denn die Fahrzeugschlange in der Gaidara-Straße war lang, sehr lang.

Merkwürdig, dachte ich, wollen die Leute den Ernst der Lage nicht verstehen, können die Leute den Ernst der Lage nicht verstehen? Selbst Hunde scheinen die Gefahr zu ahnen, die vom Husten ausgeht. Sind wir Menschen dümmer als ein Hund erlaubt?

►Videoeinspielung verängstigter Hund

Am Abend trat dann Gouverneur Alichanow vor die Kamera und gab dem Kaliningrader Volk kund, dass er mit der Situation nicht einverstanden ist. Er bedankte sich bei den unermüdlichen Helfern und natürlich dem medizinischen Personal und kritisierte gleichzeitig den unvernünftigen Teil des Kaliningrader Volkes für ihr verantwortungsloses Verhalten.

Und nach dem offiziellen Auftritt gab es anscheinend noch weitere Gespräche und Hintergrundinformationen für Journalisten und Blogger. Und so äußerte der Gouverneur, dass er zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht die Notwendigkeit sehe, eine Ausgangssperre, eine „Kommandantenstunde“, wie man in Russland sagt, zu verhängen.

Das war Balsam in meinen Ohren und ich bedauerte, dass er die Notwendigkeit einer Ausgangssperre noch nicht sieht. Ich sehe sie eigentlich schon jetzt, denn, das das Volk heute am Sonntag nicht an die Ostsee gefahren ist und heute kein Schaschlik gebraten hat, liegt nicht an den beschwörenden Worten des Gouverneurs, sondern einfach daran, dass es „Ar… kalt“ war in Kaliningrad. Der Montag wird zeigen, davon bin ich überzeugt, dass das russische Volk nur eine harte Sprache versteht – die Historie hat es gezeigt.

Viele Einzelmaßnahmen werden von den Verantwortlichen im ganzen Land umgesetzt – immer im Bemühen, die schwierige Situation für die Bevölkerung so erträglich wie möglich zu belassen. Aber das Volk dankt es nicht mit Kooperation.

So informierte der Gouverneur über einen hochgestellten „Moskauer“, der seinen Geburtstag unbedingt in Kaliningrad feiern wollte – in einem bekannten und natürlich teuren Restaurant, mit vielen Gästen selbstverständlich. Dieser Mann wusste, dass er infiziert war und ist trotzdem nach Kaliningrad gekommen und hat während der Feier mit großer Wahrscheinlichkeit vier weitere Personen angesteckt, wie zwei Teste, die in Kaliningrad durchgeführt worden sind, bereits bestätigten. Man warte nur noch auf die Ergebnisse aus dem Zentrallabor, um dann die Statistik zu ergänzen. Ein unverantwortliches Verhalten eines derart hochgestellten Politikers.

Als ich mich mit einem älteren Bekannten darüber unterhielt, meinte dieser: „Unter Stalin wäre dies nicht passiert.“ Nein, vermutlich nicht, denn mein Bekannter erinnerte mich gleich an einen Ausspruch des sowjetischen Altklassikers:

 

 

Ja, sehr sarkastisch, sehr zynisch, meine bisherigen Äußerungen, aber ich glaube, die Mehrzahl meiner Zuschauer oder Leser versteht wohl den Ernst der Lage. Wir haben in der Insel Kaliningrad noch relatives Glück, denn wir können uns selber abschotten und unsere 15.000 Quadratkilometer dadurch recht gut schützen und sauber halten. Aber wenn solche Hochwohlgeborenen Unsterblichen zu uns kommen, die eine Corona-Geburtstagsparty veranstalten, dann dürfte es wohl bald anders aussehen.

Aber es gibt noch andere Dinge, die einen den Kopf schütteln lassen.

Die Baumärkte in Kaliningrad arbeiten weiter. Warum? Sie sind Ort für Massenansammlungen von Menschen. Alle anderen Handelszentren sind geschlossen. Mit welchem Recht verkaufen die Jaroschuk-ProfitCenter Schrauben und Nägel und die Elektronikmärkte dürfen keine Schlepptops für die Arbeit im HomeOffice verkaufen?

Heute berichten die Kaliningrader Medien, dass diesem Unfug wohl ein Ende gesetzt wurde. Die Baumärkte sind geschlossen.

Die Café-Kette „Königsbäcker“ ist plötzlich keine „Café-Kette“ mehr, sondern hat sich kurzerhand zum Lebensmittelhändler umdeklariert und verkauft munter, lustig weiter, obwohl alle Restaurants und Cafés zu schließen haben. Wie sagte Putin vor einiger Zeit?:

 

 

Mich persönlich tröstet auch nicht, dass der Gouverneur meinte, dass man eigentlich dem königlichen Bäcker gestatten kann Kaffee und Kuchen auch auf der Straße zu verkaufen, es sind ja Lebensmittel. Aber dieses Käffchen und dieses Kuchenstück zieht ja gerade die Leute an, lockt sie aus der Wohnung.

Es sollten Bedingungen geschaffen werden, dass die Leute keine Lust haben, auf die Straße zu gehen. Mich persönlich würden keine Polizeistreifen im Bestand von einem Polizisten stören, die mich alle hundert Meter anhalten, nach meinen Papieren fragen und fragen wo ich hin will. Oder doch, es würde mich stören und deshalb bleibe ich eben zu Hause.

Es sollten alle Tankstellen geschlossen werden, damit die Fahrzeugbewegungen irgendwohin aufhören. Nur wer einen Sonderschein hat, darf tanken. Alle anderen brauchen dies nicht.

Dann hört man vom Kaliningrader Gouverneur, dass in den letzten zwei Wochen 55.000 Kaliningrader aus dem Ausland zurückgekehrt sind. Und er ergänzte, dass wir den wahren Umfang des möglichen Infektionsgeschehens noch gar nicht kennen. Es sind wesentlich mehr, als die offizielle Statistik zeigt. Viele wissen vielleicht nicht, dass sie infiziert sind, eben weil sie keine Symptome zeigen und schleppen das Virus durch die Kaliningrader Straßen. Deshalb ist es wichtig, dass eben niemand auf die Straße geht – einfach niemand.   

Wie formulierte Anton Andrejewitsch so höflich und allgemein: Alle, die über 50 sind, befinden sich in der Risikogruppe und sollten zu Hause bleiben. Nun, ich befolge seinen Rat und genieße mal nicht mit Schlips und Krawatte rumzulaufen. Ich mache es mir gemütlich im Office und stelle fest: Es ist gar nicht so schlecht, wenn man nun doch mal jeden Tag pünktlich die Admiralski Tschas, die Admiralsstunde antreten kann.

Tschüss und Poka aus dem HomeOffice von Kaliningrad-Domizil

Reklame

Kommentare ( 0 )

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung