Tag 5 des russischen Ultimatums an Deutschland

Tag 5 des russischen Ultimatums an Deutschland
 
Am 23. September, 10 Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit, übergab Russland der internationalen Organisation zum Verbot von Chemiewaffen ein Schreiben, gerichtet an Deutschland. Russland forderte darin die Übergabe sämtlichen Nawalny-Beweismaterials durch Deutschland an Russland. Das Ultimatum endet am 3. Oktober 2020 – dem Tag der Deutschen Einheit.
 
 
Wer meinen YouTube-Kanal schon länger besucht wird wissen, dass ich in Kaliningrad wohne und nur wenige Laufminuten von meiner Wohnung sich der Max-Aschmann-Park mit einem idyllisch gelegenen Waldsee befindet.
 
Videobegleitung: Max-Aschmann-Park
 
Nicht immer, aber immer öfter nutze ich diesen Waldsee, um auszuspannen, um einen Spaziergang um den See zu machen, Menschen und Tiere zu beobachten.
 
Manchmal kommt man aber auch mit fremden Menschen ins Gespräch. So geschehen, am gestrigen Tag, einem Samstag, bei bestem Wetter.
 
Wie ich so am See stand und die Enten fütterte, gesellte sich ein Mann zu mir, ungefähr in meinem Alter, vielleicht etwas jünger. Vermutlich sieht man mir an, dass ich kein Russe bin, denn er begann mich auf Englisch anzusprechen. Ich antwortete ihm auf Russisch, dass ich kein Englisch verstehe, sondern nur Deutsch und ein paar Worte Russisch.
 
„Oh, Sie Deutsch“ – war seine Antwort.
„Ja, ich bin Deutscher“, - erwiderte ich … und so kamen wir ins Gespräch.
 
Videoeinspielung: Max-Aschmann-Park
 
Nach einer Weile belangloser Plauderei, ich glaube, auf Deutsch sagt man wohl „small talk“, fragte er mich, wie ich denn die jetzige Situation zwischen Deutschland und Russland einschätze. Und ehe ich antworten konnte, ergänzte er gleich noch eine Frage … ob ich denn auch glaube, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland abgebrochen werden.
 
Videoeinspielung: Max-Aschmann-Park
 
„Um Gottes Willen, nein, das glaube ich nicht“, - antwortete ich erschrocken. Das Verhältnis ist zwar so schlecht wie nie zuvor seit dem 9. Mai 1945, aber Abbruch der diplomatischen Beziehungen … nein, das kann ich mir nicht vorstellen – kommentierte ich.
 
Er dachte eine Weile nach und meinte: „Aber den deutschen Botschafter, den müsste man doch des Landes verweisen – oder?“, fragte er weiter und schaute gespannt auf meine Reaktion.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Kinoklassiker „Der Revisor“
 
Ich antwortete ihm: „Ja, könnte man tun, aber was hat Russland davon? Dann kommt eben ein anderer Botschafter.“
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Kinoklassiker „Kriminelles Talent“
 
„Aber“, so mein Gesprächspartner, „weiß der Geier, vielleicht ist der deutsche Botschafter ja gar kein Botschafter, sondern Spion und hat vor Ort die ganze Nawalny-Angelegenheit organisiert und koordiniert.“
 
Videoeinspielung: Russischer Kinoklassiker „Wahltag“
 
Ich war dann doch etwas schockiert und schaute meinen Gesprächspartner gespannt an und der ergänzte, dass der deutsche Botschafter doch vier Jahre lang, von 2010 – 2014 Stellvertretender Präsident des BND war und in Russland sagt man: Einmal beim Geheimdienst, immer beim Geheimdienst, oder „Ehemalige gibt es nicht.“
 
Videoeinspielung: Max-Aschmann-Park
 
Er merkte wohl meine Ratlosigkeit. Ich war einfach nicht auf ein derartiges Gespräch vorbereitet.
 
Dann kommentierte er weiter, dass man vielleicht einfach alle die Diplomaten ausweisen sollte, die offiziell als Abgesandte des BND in den diplomatischen Vertretungen akkreditiert sind und auch die, die illegale Residenten sind und die man schon enttarnt hat.
 
Ich schaute ihn an und vermutete, dass mein unbekannter Gesprächspartner ein wenig scherzen wollte. Dann antwortete ich ihm: „Oi, ein interessanter Gedanke. Nur wenn der umgesetzt wird, dann sind ja alle deutschen Vertretungen leer.“
 
Kurzes Schweigen und dann lachten wir beide herzhaft.
 
Videoeinspielung: Russischer Kinoklassiker „Besonderheiten der nationalen Jagd“
 
Nachdem wir ein paar Schritte schweigend und nachdenklich gegangen waren, fragte mein neuer Bekannter plötzlich:
 
Videoeinspielung: Max-Aschmann-Park
 
„Und wenn Russland das Generalkonsulat in Kaliningrad schließt?“
 
Er schaute mir sehr aufmerksam ins Gesicht und ich versuchte ein möglichst steinernes Gesicht zu machen und keine Emotionen zu zeigen.
 
Er meinte dann, dass die Einrichtung des Generalkonsulats im Jahre 2004, eigentlich eine mehr symbolische, denn eine wirklich politische Notwendigkeit war. Im Jahre 2005 wurde das 750jährige Stadtjubiläum gefeiert und damals war das Verhältnis zu Deutschland noch TOP und somit hat man zugestimmt, das Deutschland eine Residentur … (er verbesserte sich dann und meinte diplomatische Vertretung) in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, der ehemaligen Hauptstadt von Ostpreußen, einrichtete.
 
Aber, so setzte er fort, er habe nie verstanden, was die deutschen Diplomaten hier eigentlich machen. Man hört und sieht sie eigentlich nur, wenn mal wieder ein Skandal öffentlich wird, wie z.B. der hetzerische Auftritt des Leiters der Kulturabteilung des Generalkonsulats im August 2014 im damaligen Deutsch-Russischen Haus, oder die Fahrerflucht des Leiters des Sicherheitsdienstes des Generalkonsulats und seine anschließende Flucht nach Deutschland.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Kinoklassiker „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“
 
Visa stellt das Generalkonsulat schon lange nicht mehr aus. Es läuft alles über das Visazentrum, die dort die eingereichten Unterlagen mundgerecht aufbereiten und das Generalkonsulat nimmt nur noch die Endbearbeitung vor. Das kann man auch im Generalkonsulat in St. Petersburg machen oder die Polen oder Litauer könnten die Bearbeitung mit übernehmen – meinte mein unbekannter Gesprächspartner und schaute mir wieder aufmerksam ins Gesicht.
 
Videoeinspielung: Max-Aschmann-Park
 
Er fragte mich, ob ich von dem Ultimatum gehört habe, welches Russland Deutschland am 23. September gestellt habe. Und nachdem ich dies bejaht hatte, ergänzte er, dass Russland auch versprochen habe, weitere Maßnahmen einzuleiten zum Schutze seiner Interessen. Und diese Maßnahmen müssten doch so sein, dass sie Deutschland weh tun, aber in Russland selber nicht spürbar sind.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Kinoklassiker „Der Idiot“
 
Und die Schließung des deutschen Generalkonsulats hätte eine starke symbolische Bedeutung in der geopolitisch empfindlichen Region Kaliningrad, die gegenwärtig mit der EndRussifizierung kämpft … wobei, so meinte er vielsagend, einige auch von Germanisierung sprechen.
 
Wir liefen dann weiter und er merkte wohl, dass ich in tiefer Nachdenklichkeit neben ihm lief. Er störte meine Nachdenklichkeit nicht weiter und wir verabschiedeten uns dann.
 
Videoeinspielung: Max-Aschmann-Park
 
Als ich nach Hause kam fiel mir plötzlich ein: Verdammt noch mal, ich habe gar nicht nach seinem Namen gefragt oder wer er denn überhaupt ist.
 
Videoeinspielung: Max-Aschmann-Park
 
Ob ich ihn nochmal treffe, bei meinen kommenden Spaziergängen um dem Waldsee?
 
Tschüss und Poka aus Kaliningrad
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