Tag 7 des russischen Ultimatums an Deutschland

Tag 7 des russischen Ultimatums an Deutschland
 
Am 23. September, 10 Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit, übergab Russland der internationalen Organisation zum Verbot von Chemiewaffen ein Schreiben, gerichtet an Deutschland. Russland forderte darin die Übergabe sämtlichen Nawalny-Beweismaterials durch Deutschland an Russland. Das Ultimatum endet am 3. Oktober 2020 – dem Tag der Deutschen Einheit.
 
 
 
In Deutschland sagt man: Alle guten Dinge sind drei.
In Russland würde man sagen: Бог любит троицу
 
Somit hat Russland am gestrigen Montag eine dritte Anfrage in der Nawalny-Angelegenheit an Deutschland übergeben. Die Anfrage betrifft, wie auch schon die beiden vorherigen, eine Bitte um Rechtshilfe.
 
Russische Medien kommentieren nicht den Inhalt dieser Anfrage und auch das deutsche Justizministerium hat sich, nach Aussagen russischer Medien, geweigert, den Inhalt dieser neuen Anfrage Russlands, zu veröffentlichen.
 
Videoeinspielung: Sowjetsicher Filmklassiker „17 Augenblicke des Frühlings“
 
Den deutschen Behörden liegen bisher zwei Anfragen aus Russland vor. Diese beinhalten die Bitte Russlands, dass Vertreter von russischen Rechtspflegeorganen mit dem russischen Bürger Nawalny ein Gespräch führen dürfen. Weiterhin bittet man Deutschland um Übergabe von Biomaterial und Analysewerten des Patienten Nawalny. Und die diplomatische Vertretung Russlands in Deutschland bittet um einen Konsularkontakt mit Nawalny.
 
Der russische Außenminister kommentierte am Montag, das Russland weder von Deutschland noch von der internationalen Organisation zum Verbot der Chemiewaffen irgendeine Antwort oder Information auf Anfragen erhalten habe.
 
Lawrow, der russische Außenminister, hofft immer noch darauf, dass Deutschland die „Perspektivlosigkeit seines Verhaltens und seines Schweigens“ erkennen möge. Deutschland bewege sich gegenwärtig auf der Ebene eines „höheren Wesens, welches von Russland in arroganter Weise Reue fordere“, so sinngemäß der russische Außenminister.
 
Videoeinspielung: Zitat Sergej Lawrow, russischer Außenminister
 
Kommen wir noch kurz auf die gestrigen Informationen über den „Geheimbesuch“ von Frau Merkel beim Patienten Nawalny in der Charité zurück. Vom Pressesprecher Seibert, wie auch von Nawalny selber wird, fast einstimmig, informiert, dass es sich um einen Privatbesuch handele. Und Privates gehe die Öffentlichkeit nichts an.
 
Dem stimme ich zu, Privates ist Privates und hat nicht jeden zu interessieren. Handelt es sich aber um Personen des öffentlichen Interesses, so sind die Grenzen zwischen Privat und öffentlich relevant sehr schwer zu ziehen.
 
Interessant bei der Angelegenheit ist für mich, dass die Öffentlichkeit trotzdem von diesem Krankenbesuch erfahren hat. Und für mich steht die Frage, wer der vielbeschäftigten deutschen Bundeskanzlerin empfohlen hat, ein Zeitfenster in ihrem Terminkalender zu finden, um Nawalny persönlich aufzusuchen. Alternativ und vor allem zeitsparend wäre auch ein Telefongespräch gewesen.
 
Videoeinspielung: Russischer Kinoklassiker „Kriminelles Talent“
 
Und interessant ist, um die Logik-Kette fortzusetzen, wer den „SPIEGEL“ über diesen „privaten Krankenbesuch“ informiert hat?
 
Und interessant ist weiterhin, wer sich die schreierisch aufgemachte Überschrift im „SPIEGEL“, man könnte ja fast von „BILD“-Kopie sprechen, hat einfallen lassen.
Die Überschrift ist so groß, so schreiend, dass sie weder in Deutschland, geschweige denn in Russland übersehen werden konnte.
 
Könnte es nicht so sein, dass gewisse Kreise in Deutschland daran interessiert sind, koste es was es wolle, das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland auf lange Zeit so zu vergiften, dass den Patienten Deutschland und Russland kaum noch zu helfen ist?
 
Es müsste doch den deutschen Verantwortlichen klar sein, dass sich Russland durch einen Besuch von Frau Merkel, egal wie dieser deklariert wird, angegriffen fühlen muss.
 
Man will den Russen treffen, man will dem Russen weh tun.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Kinoklassiker „Lustige Leute“
 
Persönlich komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass an den Schalthebeln der Macht in Deutschland Dilettanten sitzen. Diese unterschätzen anscheinend ganz einfach die Fähigkeit der Russen, politische Vorgänge zu analysieren und richtig einzuordnen. Ein Beweis für mich, dass in Deutschland einige Entscheidungsträger immer noch denken, wenn es um die Russen geht, dass man es mit primitiv denkenden Untermenschen zu tun habe, die nicht in der Lage sind, politische Vorgänge richtig einzuordnen.
 
Vermutlich hoffen die verantwortlichen deutschen Politiker auch auf eine emotionale Überreaktion der Russen auf den provozierenden Besuch Merkels beim Berliner Patienten. Aber die Zeiten von emotionalen Reaktionen russischer Politiker sind lange vorbei – wenn wir mal Schirinowski vergessen.
 
Den emotionalsten Auftritt, an den ich mich erinnere, zeigte der russische Außenminister Lawrow vor zwei oder drei Jahren während einer Pressekonferenz, als die Mikrophone noch nicht ausgeschaltet waren:
 
Videoeinspielung: Emotionen beim russischen Außenminister
 
Deutschland sollte sich langsam an die neuen Realitäten in der Welt anpassen. Deutschland braucht, so scheint mir, endlich eine neue Generation von Politikern mit Real-Sachverstand, egal, welches Parteibuch sie in der Tasche haben. Und vor allem aber braucht Deutschland Diplomaten in Russland, die Ahnung von Russland und den Russen haben und der Regierung qualitativ hochwertig zuarbeiten.
 
Schaue ich aber auf die wöchentlich veröffentlichte Sonntagsfrage in Deutschland und sehe, dass die Union mit rund 37 Prozent und die Grünen mit rund 20 Prozent die Favoritenliste anführen und somit eine ganz satte Koalition bilden können, so befürchte ich, dass Deutschland, zumindest was das Verhältnis zu Russland anbelangt, einem politischen GAU, nach der Bundestagswahl im kommenden Jahr, ins Auge blickt.
 
Ach, zum Schluss noch ein wenig Polemik. Was glauben Sie, wie würde die deutsche Öffentlichkeit, wie würde die Bundesregierung oder andere politische Offizielle reagieren, wenn z.B. der AfD-Vorsitzende von Berlin nach Tokio fliegt, sich im Flugzeug den Magen verdirbt und in Moskau zwischenlanden muss. Dort wird er am Krankenbett im Moskauer Zentralkrankenhaus von Putin besucht, der sich für die Gesundheit des deutschen Politikers interessiert.
 
Wie würden wohl die Überschriften bei „BILD“, „SPIEGEL“, „Süddeutsche“ oder wie die freiheitlich-demokratischen Medien in Deutschland sonst noch so heißen, ausschauen?
 
Tschüss und Poka aus Kaliningrad

 

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Kommentare ( 1 )

  • Peter Z. Ziegler

    Veröffentlicht: 29. September 2020 18:23 pm

    Behalten wir ruhiges Blut wie der von mir geschätzte Aussenminister Lawrow. Im November wird in den USA gewählt und ich setze auf eine zweite Amtsperiode von Trump. Wie ich lese tut man das auch in Moskau und Bejing. Der US-Vasall Deutschland wird sich weiter anpassen müssen. Deutsche Russlandpolitik wurde und wird seit Adenauer in Washington gemacht. Nawalny? Who is this comedian?

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 29. September 2020 18:28

      ... Ihr Wort in Gottes Ohr. Ich hoffe diese Phrase ist der Situation angepasst und nicht zu banal.

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