Tag der Deutschen Einheit – Interview mit Eurasia-Daily

Tag der Deutschen Einheit – Interview mit Eurasia-Daily
 
Am Vorabend zur Deutschen Einheit bat das föderale Nachrichtenportal „Eurasia-Daily“ den Leiter der Informationsagentur „Kaliningrad-Domizil“ um ein Interview. Im nachfolgenden die deutsche Übersetzung des Artikels, der am heutigen Tag in Russland erschienen ist.
 
 
Die ehemalige DDR ist heute eine Kolonie Westdeutschlands. Gleichzeitig nennen einige in Berlin die ostdeutschen Länder bereits "mitteldeutsch", was auf die Präsenz einiger "östlicher Länder" außerhalb der BRD hinweist. Am Vorabend des Tages der deutschen Einheit erzählte ein ehemaliger Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee der DDR, Uwe Niemeier, EADaily davon.
 
 
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- Lieber Uwe Niemeier, morgen, am 3. Oktober 2020, ist die deutsche Einheit bereits 30 Jahre alt. Sagen Sie mir, haben Sie persönlich Ihre Einstellung zu diesem Meilenstein in der Geschichte Ihres Landes geändert?
 
- Die Einstellung zu dem Feiertag hat sich nicht geändert. Wie damals, am 3. Oktober 1990 so wie auch jetzt, dreißig Jahre später, war und bin ich kein Befürworter der Vereinigung. Von Anfang an sagte ich mir, dass dies keine Vereinigung von Gleichberechtigten ist. Dies war die Übernahme der DDR durch Westdeutschland mit der Auflösung der Staatlichkeit der Deutschen Demokratischen Republik. Schließlich wurden die Ostdeutschen damals nicht gefragt, ob sie den DDR-Staat behalten wollen oder nicht. Es gab kein Referendum. Wenn es ein solches Referendum gegeben hätte, wäre ich definitiv dagegen gewesen. In der damaligen BRD wurde damals laut verkündet, dass in der DDR „alles schlecht ist“. Somit wäre es doch logisch gewesen, wenn wir erstmal Ordnung in unserem Land geschaffen, die Wirtschaft und Industrie angekurbelt hätten und dann hätten wir uns vereinigen können. Nicht in zehn, aber vielleicht in fünfzig Jahren. Jetzt ist ein Jahrhundertdrittel vergangen, und wenn Sie mich fragen, ob die ehemalige DDR mit Hilfe eines so starken Partners wie der BRD aufgestiegen ist …?
 
 
- Und, ist sie aufgestiegen?
 
- Nein! Es gibt immer noch große Unterschiede zwischen West und Ost, in Kleinigkeiten, wie auch in großen Dingen.
 
- Zum Beispiel?
 
- Bleiben wir am Beispiel meiner Familie. Meine Mutter, die in der ehemaligen DDR lebt, hat eine Rente, die etwa 15% unter der durchschnittlichen Rente einer Frau aus Westdeutschland liegt.
 
- Und wie viel, wenn es kein Geheimnis ist, erhält Ihre Mutter, damit es dem russischen Leser klar ist ...
 
- Ungefähr 900 Euro im Monat. Ich verstehe, dass dies eine phantastische Summe für eine russische Rentnerin wäre. Ja, meine Mutter hungert nicht, aber Sie dürfen die Miete nicht vergessen. Sie ist sehr teuer. Sehr. Dazu kommen die Nebenkosten in einer Höhe, von der Russen heute noch nicht mal träumen. Aber wir schweifen ab. Fakt: Ostdeutsche haben eine niedrigere Rente. Gehen wir weiter. Auch die Löhne und Gehälter sind in Ostdeutschland niedriger als im Westen. 30 Jahre lang verlagerte keiner der großen westdeutschen Konzerne sein Geschäft in das Gebiet der ehemaligen DDR. Es gibt praktisch keine Ostdeutschen in den Führungsetagen westdeutscher Konzerne. Und warum ist der Transfer eines Unternehmens von West nach Ost wichtig? Das sind Steuern, die hier eine wichtige Rolle für die Kommunen spielen. Da keine großen Steuerzahler im Osten präsent sind, wird der Aufbau des Ostens mit Steuergeldern finanziert, die im Westen erarbeitet werden – wenn Sie so wollen, eine Art humanitäre Hilfe des Westens für den Osten. Das Ziel ist mir persönlich klar: Die Ostdeutschen sollen den Westdeutschen ewig dankbar sein, dass diese geholfen haben, dass die Ostdeutschen nicht Hunger leiden müssen.
 
- Ist also die psychologische Trennung geblieben?
 
- Ganz bestimmt. Nicht alles findet seinen Ausdruck in Geld oder Wohlstand, nicht immer ist es direkt zu spüren. Westdeutsche betrachten die Ostdeutschen als Deutsche zweiter oder sogar dritter Klasse (zweite Klasse sind die Türken, die sich in den 70er Jahren in Deutschland niedergelassen haben). In Westdeutschland gibt es seit langem ein Stereotyp, dass die Ossis ständig jammern, wie schlimm es ihnen geht, wie das Leben sie bestraft hat und dass sie nicht arbeiten wollen. Und umgekehrt gibt es im Osten ein Stereotyp: Wessis sind arrogant, gierig, wollen diktieren wie man zu leben hat. Das trennt die Menschen.
 
- Wenn Sie in Ihre Erinnerungen bis Anfang 1990 zurückschauen, gab es in der DDR eine Stimmung, Bestrebungen zur Liquidierung des Landes?
 
- Mit keinem Gedanken! Von den 17 Millionen DDR-Bürgern waren 1989 genau 17 Millionen Patrioten ihres sozialistischen Staates. Im März 1989 fanden Wahlen statt, in denen die SED eine Rekordzahl an Stimmen erhielt. Das idiotische Bestreben der Partei, 90% der Stimmen oder besser 99% der Stimmen zu erhalten, war der Anfang vom Ende der SED. Eine relativ kleine Opposition glaubte einem solchen "Erfolg" nicht und leitete Protestaktionen ein. Sie waren zuerst klein. In Belarus läuft übrigens ein ähnliches Szenarium ab, wie damals in der DDR. Da gleichzeitig Ungarn die Grenze öffnete, strömten die Ostdeutschen Richtung Westdeutschland.
 
- Für bessere Würstchen?
 
- Ja. Sie werden lachen, aber die Leute wollten besser leben. West-Bier trinken, obwohl dieses „West-Bier“ sehr oft in der DDR hergestellt wurde, weil es dort billige Arbeitskräfte gab. Dann wurde ein schönes Etikett draufgeklebt und nach Westdeutschland exportiert.
 
- Sie wollen sagen, dass die Ostdeutschen schlecht gelebt haben. Und was soll ich dann über meine Landsleute aus der Sowjetunion sagen ...
 
- Ja, ich habe in jenen Jahren mit sowjetischen Offizieren gesprochen, die in der DDR in der Westgruppe der Streitkräfte gedient haben, und sie haben begeistert erklärt: "Das Leben in der DDR ist ein Paradies!" Und für die Ostdeutschen war das Paradies da - jenseits der Berliner Mauer. Ich möchte nicht sagen, dass die Ostdeutschen ihr Land für Wurst und Bier verkauft haben, aber es ging letztendlich doch nur um Materielles. Und das, um es noch zu ergänzen, was in der DDR geschah, geschah ein Jahr später in der Sowjetunion. Aber die Sowjetbürger hatten leider einfach keine Zeit, aus unseren Fehlern zu lernen.
 
- Und gab es Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der DDR - Schriftsteller, Wissenschaftler, Schauspieler, Sportler – die darauf drängten, sich nicht mit Westdeutschland zu vereinen? Hat es Aufrufe gegeben, um die Staatlichkeit zu bewahren?
 
- Leider gibt es keine. Im Gegenteil, berühmte Leute aus dem kulturellen Bereich, wie man in Russland sagt, "wechselten sofort ihre Schuhe" und begannen, sich dem politischen System der DDR zu widersetzen, indem sie die SED und den Staat DDR gleichsetzten. Mir persönlich war klar, dass ein Zusammenbruch der SED nicht bedeuten würde, dass die DDR als unabhängiger Staat in Europa zusammenbrechen würde. Dann schossen neue Parteien wie Pilze aus dem Boden. Mit denen hätte man eine Koalition bilden können, die dem Wunsch der Mehrheit der DDR-Bevölkerung entsprochen hätte und das Land würde weiter bestehen. Aber nein, nein und nochmals nein, alle waren auf den Westen fixiert, auf ein Bündnis mit einem "Bruder", der sowohl reicher als auch erfolgreicher war. Und alle dachten, dass auch sie reich und erfolgreich werden würden. Darüber hinaus verteilte Westdeutschland ein sogenanntes Begrüßungsgeld. Pro Person 100 Westmark!
 
- Und was war das? Bestechung?
 
- Ja, genau, Bestechung. Eine groß angelegte Aktion wurde organisiert. Egal wie alt die Person war, bekam man bei der Einreise nach Westdeutschland nach Vorlage des Personalausweises bei jeder beliebigen Bank 100 Westmark ausbezahlt. Wenn wir 17 Millionen Bewohner der DDR mit 100 Mark multiplizieren, erhalten wir 1,7 Milliarden Westmark. Im Jahr 1990, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, entsprach eine Westmark zwei Dollar. Somit reden wir über 3,5 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland hat die FIFA nur 3,5 Milliarden US-Dollar verdient. Wie billig haben sie unsere Staatlichkeit gekauft!
 
- Und welcher Kurs war die Ostmark?
 
- Für hundert Westmark auf dem Schwarzmarkt gab es tausend Ostmark! Zum Vergleich: Meine Mutter arbeitete damals in einer Fabrik im Büro und erhielt 500 Ostmark im Monat. Eine durchschnittliche Familie mit zwei Kindern bekam einen ordentlichen Batzen Geld.
 
 
- Entschuldigen Sie die neugierige Frage, aber Sie selbst - ein Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR - haben dieses Bestechungsgeld auch erhalten?
 
- Ja, habe ich. Als die Mauer am 9. November fiel, beschloss ich zuerst, nicht in Feindesland zu fahren, trotzdem der Zustand der DDR damals schon sehr desolat war. Aber letztendlich stellte mir meine Frau ein Ultimatum und sagte: „Die anderen Kinder in der Schule waren alle schon im Westen, nur wir waren noch nicht. Alle, auch deine Vorgesetzten, haben sich schon die 100 Westmark abgeholt, nur wir noch nicht.“
 
- Gibt es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Menschen, die wie Sie argumentieren?
 
- Nun, für die Mehrzahl der Deutschen habe ich vermutlich ziemlich "extremistische" Ansichten zur Thematik der Wiedervereinigung. Die heutigen Deutschen im Osten bedauern im Großen und Ganzen eigentlich nur, dass sich die ehemalige DDR nicht richtig entwickelt, obwohl sie seit 30 Jahren zum Bestand der BRD gehört. Es gibt keine sozialen und politischen Bewegungen, die sich für die Wiederherstellung der "DDR 2.0" einsetzen, es gibt keine.
 
- Gibt es in Deutschland generell Nostalgie für die DDR?
 
- Es gibt Museen, meistens privat. Es gibt Initiativen zur Herstellung von DDR-Produkten wie Zigaretten oder Pralinen. Oder Waschpulver in alter DDR-Verpackung oder Bezeichnung. Einige Leute fahren Trabant, es wird als Retro-Auto angesehen.
 
- Seit mehreren Jahren werden in Russland alte Filme aus dem Leben der Sowjetunion veröffentlicht. Und in der BRD – gibt es da auch so etwas "nostalgisches" aus der DDR?
 
- Es gibt den MDR-Fernsehsender, der gezielt das Gebiet der ehemaligen DDR bedient, und dort werden häufig alte DDR-Spielfilme gezeigt. Aber ein Westdeutscher sieht solche Filme nicht, weil er beispielsweise unseren Humor nicht versteht. Aber natürlich gibt es in Deutschland keine neuen Filme über die DDR, in denen die Geschichte positiv dargestellt würde. Dies ist nicht Russland, das seine Vergangenheit schätzt und respektiert, das sich selbst nicht diskreditiert. Und in Deutschland herrscht Konsens: Ja, die DDR existierte, aber es war ein totalitärer Staat. Es gab keine Freiheit, es gab keine Kultur, es gab ein schlechtes Leben. DDR-Nostalgie gibt es, aber nur in einem negativen Kontext. Es gibt sogar Deutsche, die sich für ihre "Ost-Vergangenheit" schämen. Ich hatte zum Beispiel einen Fall in Kaliningrad mit einer Mitarbeiterin des deutschen Generalkonsulats. Einmal war ich in der Wohnung dieser Frau und sah die "K-16". Dies ist kein russisches U-Boot, sondern eine legendäre DDR-Kaffeemaschine. Als ich die sah, kam richtig Freude bei mir auf und das die anscheinend nach so vielen Jahren immer noch treu ihren Dienst versieht. Und das Gesicht der Frau wurde sofort steinern, als sie merkte, dass ich ihre ostdeutsche Vergangenheit so einfach erkannt hatte. Die Beziehung zu dieser Diplomatin war damit verdorben.
 
- Sie haben den MDR-Fernsehsender erwähnt. Erklären Sie unseren Lesern, wofür die Abkürzung steht?
 
- Mitteldeutscher Rundfunk - "Mitteldeutscher Fernseh- und Rundfunk".
 
- Kommt es Ihnen nicht seltsam vor, dass die in den ostdeutschen Ländern ausgestrahlte Fernsehgesellschaft sie "Mitteldeutsch" nennt?
 
- Sie packen das Übel an der Wurzel. Als die DDR noch existierte, hieß unser Staat im Westen "Ostdeutschland". Nach der Wiedervereinigung begann dieser Begriff zu verschwinden. Anstelle dessen wurde plötzlich von „Mitteldeutschland“ gesprochen. Somit steht die Frage: Und wo sind heute die "östlichen" Länder Deutschlands?
 
- Wollen Sie sagen, dass dies die russische Region Kaliningrad ist?
 
- Ziehen Sie Ihre eigenen Schlussfolgerungen. Übrigens, da wir über die Region Kaliningrad sprechen, werde ich mal ein paar Vergleiche anstellen. Ich weiß, dass ein bestimmter Teil der Menschen die in Kaliningrad leben, denken, dass "wenn die Deutschen kommen, wird Ordnung geschaffen". Wenn der Deutsche kommt, was Gott verhindern möge, wird er ganz bestimmt nicht investieren oder die Wirtschaft modernisieren. Es wird, wie in der ehemaligen DDR passiert, bestehende Unternehmen für´n Appel und ´nen Ei aufkaufen und abreißen.
 
- Warum?
 
- Im Westen gibt es alles an Unternehmen, die Deutschland braucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Man braucht keine weitere Konkurrenz. Somit wird in der Region Kaliningrad das gleiche passieren. Nehmen Sie zum Beispiel Avtotor. Wer in Deutschland braucht in Kaliningrad montierte BMW-Autos? Niemand! Und was ist mit der Yantar-Werft? In Norddeutschland gibt es jede Menge Werften, die alle nicht ausgelastet sind. Und Landwirtschaft? Das ich nicht lache! Deutschland hat seine eigenen Kartoffeln, Karotten, Äpfel und so weiter. Deshalb möchte ich Menschen, die in der Region Kaliningrad leben, sagen, dass es für Sie sicherlich kein Paradies geben wird, wenn ein Deutscher hierher kommt. Wenn die ehemalige DDR heute tatsächlich eine Kolonie für Westdeutschland geworden ist, dann wird dies für andere Länder umso mehr zutreffen.
 
- Vor fünf Jahren, am Vorabend des 25. Jahrestages der deutschen Einheit, habe ich den damaligen deutschen Generalkonsul in Kaliningrad, Michael Banzhaf, interviewt. Er sagte mir, dass die Deutschen, nachdem sie sich vereinigt hatten, dem Slogan „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ entsagt haben. (Auf Russisch klingt es wörtlich: "Der deutsche Geist wird die Welt heilen." Eine Zeile aus einem Gedicht des deutschen Dichters Emanuel Geibel aus dem 19. Jahrhundert, das durch die Nazis mißbraucht wurde). Sagen Sie Uwe, glauben Sie, dass der deutsche Geist wirklich aufgehört hat, die Welt zu "heilen"?
 
- Ich respektiere Herrn Banzhaf, ich habe ihn mehrmals getroffen, er hat als Diplomat einen guten Eindruck bei mir hinterlassen. Aber man muss das Leben realistisch betrachten. Wie oft hat der deutsche Staat sich in die Angelegenheiten anderer Staaten eingemischt und kommentiert, was andere tun oder lassen sollten. Hat Deutschland keine eigenen Probleme? In Menge! Nehmen wir mal Russland. Äußerte sich Moskau beispielsweise zu den jüngsten Protestaktionen vieler Tausender, die mit dem Versuch, "den Reichstag einzunehmen", durch Deutschland fegten? Nein! Moskau rät nicht, wie Berlin solche Probleme "auf Russisch" lösen soll. Warum glaubt die deutsche Elite, dass Russland auf jeden Fall auf Deutschland hören und tun sollte, was die Deutschen sagen?

 

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