Wer sabotiert das russische Elektronische Visum?

Wer sabotiert das russische Elektronische Visum?

 

Einer meiner Leser übersandte mir einen Artikel, veröffentlicht im deutschen Medium „TAG24“ vom Journalisten Nico Zeißler. Und er schrieb unter dem Link zum Artikel nur ein Wort: „Sabotage?“

Ich denke, die Frage ist berechtigt. Nur, wer sabotiert?

 

 

Liest man den Artikel, unter der emotionalen Überschrift:

Einreise-Verbot! Dutzende Fans von RB Leipzig und Schiri dürfen nicht nach Russland

so kommt dem deutschen Leser sofort in den Sinn: „ … die bösen Russen mal wieder. Die bösen Russen machen den Deutschen das Leben schwer.

Der deutsche Journalist beschuldigt die Russen natürlich nicht direkt, aber hat man den Artikel gelesen, so ist einem unkritischen Leser – und die meisten Deutschen sind unkritische Leser, wenn es um Russland geht – klar: Der Russe hat Schuld.

Russland führt schrittweise für das ganze Land das System des Elektronischen Visums ein. Zum 1. Januar 2021 werden wohl die Bürger fast aller Staaten dieser Welt mit einem unbürokratischen Elektronischen Visum nach Russland reisen können, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie die Dinge denn wirklich stehen, im größten Land der Erde.

Defacto bedeutet dies Visafreiheit, man nennt es nur anders. Die Bearbeitungszeiten sind kurz, die Visa sind bisher kostenlos und die Visa erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Aber es gibt Probleme.

Seit 2018 gibt es das Elektronische Visum für den Bereich Wladiwostok. Die Anzahl der Länder ist begrenzt auf die unmittelbaren Nachbarn zu dieser Region und auf aktive Handelspartner, die dieses elektronische Visum nutzen können. Es gab keinerlei Meldungen der Medien, seit Inkrafttreten dieses Elektronischen Visums, dass es irgendwelche Probleme gäbe.

Dann führte Russland das Visum zum 1. Juli 2019 für Kaliningrad ein. Es gibt 53 Ländern, die dieses Visum nutzen können – so auch alle Länder der Europäischen Union, mit Ausnahme von Großbritannien. Es begann ein selten so gesehener Ansturm auf das Kaliningrader Gebiet. Innerhalb von sechs Wochen 60.000 Anträge und 40.000 Ein- und Ausreisen.

Nach zwei Monaten Funktionierens informierten die russischen Grenzorgane, dass ihre Geduld zu Ende sei. Es treten sehr viele Fehler in den Visa auf und man werde diese Fehler nicht mehr tolerieren. Und ab 1. September werden nun alle die an den Grenzen zurückgewiesen, deren Elektronisches Visum nicht mit den Angaben im Reisepass übereinstimmen. Und diejenigen, die mit dem Flugzeug oder mit einem Touristenschiff nach Wladiwostok, Kaliningrad oder seit 1. Oktober nach St. Petersburg reisen wollen, wird schon am Startort die Reise durch die jeweiligen Fluggesellschaften oder Schiffslinien verwehrt.

Nun beginnen deutsche Medien wohl diese Thematik aufzugreifen und berichten in einer nebulösen Tonlage, so dass für den einfachen Medienkonsumenten nicht klar wird, wer denn nun Schuld ist.

Für die korrekte Ausfertigung eines Elektronischen Visums ist der Antragsteller selber verantwortlich. Falsche Angaben im Antrag haben schon immer – und zwar weltweit – zur Nichtausfertigung von Visa geführt.

Im Falle des Elektronischen Visums füllt der Reisende alle Angaben in sehr einfacher Form und ohne übermäßige Bürokratie selber aus. Spätestens nach vier Kalendertagen erhält er die Elektronische Einreisegenehmigung. Somit ist klar, dass sich in Russland niemand mit der nochmaligen Kontrolle der Angaben im Visaantrag und dem Reisepass beschäftigt. Es läuft alles elektronisch. Und da man dadurch Personal spart, kann sich Russland auch den Luxus erlauben, das Visum bisher kostenlos auszureichen.

Aber anscheinend investieren eine Reihe von Antragstellern nicht die Zeit, um vor dem Absenden des Antrages nochmals Korrektur zu lesen und Fehler zu korrigieren. Und man investiert auch nicht die Zeit, um nach Erhalt des Visums nochmal die Angaben in dem Visum mit denen im Pass zu vergleichen – ein Zeitaufwand von geschätzten 60 Sekunden.

Und dann ist das Gejammere an der Grenze oder beim Check In groß, wenn dem Reisenden, wegen nicht gültiger Reisedokumente, die Reise verwehrt wird. In dem Artikel der TAG24 schreibt der Journalist Nico Zeißler …

Wochenlange Planung, Flugbuchung, Hotelreservierung und Ticketkauf für die Katz!

Für mich liest sich dies etwas nebulös. Es wäre doch besser gewesen zu ergänzen, dass durch die Unachtsamkeit und Oberflächlichkeit der Antragsteller dieser Umstand aufgetreten ist.

Und er schreibt weiter:

Unter anderem sollen Passagiere nicht mitgenommen worden sein, weil der Geburtsname auf dem seit Oktober in Kraft getretenen E-Visum nicht auftauchte, obwohl er beim Antrag angegeben wurde, oder der Buchstabe O mit der Zahl 0 verwechselt wurde. RBLive berichtete zudem von einem Leipziger Anhänger, der Vor- und Nachname in seinem Antrag vertauschte und abgewiesen wurde.

Was würden wohl die deutschen Grenzbeamten machen, wenn ein Russe in die Europäische Union einreisen würde und ein Buchstabe oder eine Zahl oder Vor- und Nachname im Visum vertauscht wurden? Selbst die Beantragung eines Visums durch Russen für Deutschland stellt schon einen recht dramatischen Vorgang dar, wo wegen kleinster Formfehler der Antrag durch die diplomatischen Vertretungen Deutschlands in Russland zurückgewiesen wird. Drei Prozent aller russischen Antragsteller erhalten generell kein Visum, sondern Einreiseverbot.

 

 

Die Formulierung des deutschen Journalisten hinterlässt beim unkritischen Leser den Eindruck, als ob hier jemand manipuliert hat. Tja, und wer hat manipuliert? Für den unkritischen Leser ist klar: Natürlich der Russe. Aber warum der Russe Visaanträge manipulieren sollte, danach fragt dann schon niemand. Wichtig ist: Der Russe ist schuldig.

Und der Journalist formuliert weiter:

Bitter für die Fans: Wegen kleinsten Formfehlerchen, an denen sie teilweise offenbar nicht einmal Schuld haben, gehen ihnen Hunderte Euro und einige Urlaubstage verloren. Flugticket, Eintrittskarte, Hotel: all das verfällt ersatzlos.

Woher weiß dieser deutsche Journalist, dass die Reisenden nicht selber Schuld haben? Hat er die eingereichten Anträge dieser Fans gesehen, woraus ersichtlich ist, dass diese keine Fehler gemacht haben? Hat er die ausgereichten Visa gesehen und mit den Pässen verglichen?

Natürlich sind die Deutschen unschuldig, denn die Deutschen sind pünktlich, ordentlich, gewissenhaft, fleißig, friedliebend und machen keine Fehler. Nur der Russe, der ist böse.

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