Acht Jahre Freiheitsentzug für den Chefwiderständler des Baltischen Vortrupps

Acht Jahre Freiheitsentzug für den Chefwiderständler des Baltischen Vortrupps

 

Seit 2016 berichtete ich häufig über die Kaliningrader Extremistengruppe „Baltischer Vortrupp des russischen Widerstandes“. Der Leiter dieser Gruppe Alexander Orschulewitsch, gab meiner Informationsagentur wenige Monate vor seiner Verhaftung ein Interview.

 

 

Alexander Orschulewitsch, intelligenter junger Mann, Absolvent der philosophischen Fakultät der Kaliningrader Kant-Universität, Sohn eines sowjetischen Offiziers, vierfacher Familienvater, hat sich irgendwann im auslaufenden Jahr 2010 entschlossen, sich mit extremistischen Methoden gegen den Staat zu wenden, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Er vertrat die Ansicht, dass alle, die nach 1917 die Geschicke des Staates gelenkt haben, dies ungesetzlich getan haben – einschließlich der heutigen Staatsführung. Er bekannte sich zur Monarchie und zur russisch-orthodoxen Kirche, allerdings der Auslandskirche und argumentierte schwer verständlich. Wenig später gewann er Igor Iwanow, der sich sehr redegewandt und nicht öffentlichkeitsscheu zu jeder sich nur bietenden Gelegenheit in den Medien präsentierte. Beide scharten um sich eine Gruppe Gleichgesinnter, häufig im minderjährigen Alter.

Beide bestreiten, dass sie irgendwie der faschistischen Ideologie nahestehen. Schwer zu glauben, wenn man Fotos und Videobeiträge sieht.

Sie forderten unter Nutzung aller zur Verfügung stehenden Mittel der modernen Kommunikation die Umbenennung der Stadt Kaliningrad. Sie vertraten die Meinung, dass „Königsberg“ eine europäische Stadt ist und strebten die Veränderung des Status Quo an.

Beginnend mit dem Jahre 2014 aktivierte die Gruppe ihre Handlungen, in der Hoffnung, im Zuge der gesamten antirussischen Aktionen des Westens, hiervon auch Nutznießer werden zu können. Aber außer medialer Aufmerksamkeit, auch von deutschen Medien, gab es wohl keine Unterstützung.

Im November 2016, im Rahmen des Skandals um das damalige Deutsch-Russische-Haus, knüpfte „Kaliningrad-Domizil“ Kontakte zur Gruppe und zu deren Führung. Es fand ein Interview in einem etwas größeren Rahmen statt.

 

Im Mai 2017 fand dann der russische Sicherheitsdienst FSB, dass die Gruppe die imaginäre Rote Linie, in diesem Fall wohl besser Braune Linie, überschritten habe und verhaftete die beiden Anführer. Verhaftet wurden wenig später noch zwei Personen. Die Tätigkeit der Gruppe „Baltischer Vortrupp des russischen Widerstandes“ wurde verboten.

Drei Jahre liefen die Untersuchungen und am Freitag wurden die Urteile vom Zweiten Senat des Militärbezirkes WEST gesprochen. Acht Jahre Freiheitsentzug für Alexander Orschulewitsch, sechs Jahre für Igor Iwanow, sechs Jahre für Alexander Mamajew und drei Jahre für Nikolai Zenzow.

Mit diesem Strafmaß blieb die Richterin unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft, die zehn Jahre für Orschulewitsch gefordert hatte. Die Anwälte der Angeklagten, es waren acht, verkündeten sofort, dass sie Widerspruch einlegen werden. Somit ist klar, dass das Verfahren über alle Instanzen laufen wird. In dieser Zeit werden die Verurteilten natürlich weiterhin in Haft bleiben – mit Ausnahme von Nikolai Zenzow, der sein Strafmaß bereits durch die Untersuchungshaft abgesessen hat.

Interessant war die Information, dass die vier Angeklagten über acht Anwälte verfügten. Unmittelbar nach der Verhaftung der Gruppe begannen Angehörige und Sympathisanten mit Aufrufen zur Geldsammlung, insbesondere für die Ehefrau und vier Kinder von Alexander Orschulewitsch. Diese verfügten über keinerlei finanzielle Mittel und wüssten nicht, wie sie ohne ihr Familienoberhaupt auskommen sollten.

 

 

Nun steht die Frage, woher das Geld kommt, um acht Anwälte zu bezahlen, denn um Pflichtverteidiger handelt es sich ganz bestimmt nicht. Und es steht auch die Frage, woher die Finanzmittel kamen, um die Tätigkeit der Gruppe zu finanzieren, die Reisen ins Ausland, nach Deutschland und in die Ukraine. Wer bezahlte die Technik, die die Gruppe nutzte?

Aus den Medienberichten geht hervor, dass sich im FSB die Spionageabwehr mit dieser Angelegenheit beschäftigt haben soll. Also waren da schon die richtigen Leute eingesetzt. Hoffen wir, dass diese nichts übersehen haben, was auf Finanzierungsquellen, womöglich aus dem Ausland, schließen lässt.

Und für mich steht noch eine weitere Frage. Nach Verbüßung der Strafe – also für Alexander Orschulewitsch noch weitere fünf Jahre und für den Ideologen der Gruppe Igor Iwanow noch drei Jahre – was werden die Beiden tun? Was werden sie nach dieser Zeit für Menschen sein? Werden sie sich nach der Haftentlassung in der russischen Gesellschaft, die sich rasant entwickelt, noch zurechtfinden? Wird es irgendjemand geben, der sich an diese intelligenten Wirrköpfe noch erinnert? Wird es jemanden geben, der diese Männer braucht, ihnen Arbeit gibt, damit sie Brot und Butter kaufen und ihre Familie ernähren können? Oder verlassen diese Beiden das Gefängnis noch radikalisierter, voll mit Hass auf den russischen Staat erfüllt, der ihnen die Grenzen aufgezeigt hat?

 

In meinem Gespräch mit Alexander Orschulewitsch fragte ich diesen, ob er keine Angst habe, dass der Staat seinem Treiben ein Ende setzt und er vielleicht für viele Jahre seine Familie und seine drei – damals, im November 2016 waren es noch drei, jetzt sind es vier Kinder, nicht sieht, nicht mit ihnen spielen, sich nicht um ihre Ausbildung kümmern kann. Seine sinngemäße Antwort war, dass man bereit sein muss, für seine Ideen und Überzeugungen Opfer zu bringen. Nun, das Opfer ist groß, zu groß finde ich, wenn im Jahre 2025 ein achtjähriger Junge ruft: „Mama, hier steht ein Onkel vor der Tür, der will zu uns …“. 

Reklame

Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 19. April 2020 00:13 pm

    Da bin ich doch der "guten Hoffnung", daß es im Wertewesten genügend Unterstützung für so einen russischen "Freiheitshelden" geben wird.
    Die umfangreichen Oppositionsgruppierungen der Auslandsrussen und auch der Ukrainer brauchen dann doch und das nicht nur propagandistisch solches rachedürstendes Frischfleisch, was noch so richtig nach Straflager riecht.

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung