Am Tag danach. Das Leben geht weiter.

Am Tag danach. Das Leben geht weiter.

 

Zwei Gesprächspartner hatte ich am heutigen Donnerstagmorgen. Einer meiner Gesprächspartner bezeichnete den Rücktritt der russischen Regierung als „Tag der nationalen Trauer“ und eine Frau im besten Alter meinte, dass der Rücktritt schon längst überfällig war. Krassere Gegensätze in der Bewertung des gestrigen Schockereignisses sind wohl nicht möglich.

 

 

Die russischen Medien quellen über mit Informationen zu den aktuellen Vorgängen im Land und viele versuchen sich auch in Wahrsagungen und Prophezeiungen, was nun kommen wird. Man analysiert Aussagen von Putin, die er vor Tagen und Wochen getätigt hat und versucht daraus Schlüsse zu ziehen.

Ich persönlich bin natürlich nicht in der Lage, solide Analysen zur föderalen Politik und zu dem, was uns nun erwartet zu liefern. Ich lebe an der russischen Westfront, in einer der kleinsten russischen Subjekte und für mich ist die föderale Politik in vielen Fragen natürlich auch nicht leicht nachzuvollziehen. Ich bewerte die Ereignisse ganz pragmatisch: Nützen sie Russland? Nützen sie der russischen Region Kaliningrad? Nützen sie mir persönlich.

Bisher war mein Leben im modernen Russland, also seit 1995, eine einzige Erfolgsgeschichte. Insbesondere seit dem Jahre 2000 habe ich mit jedem Jahr gespürt, wie das Land sich entwickelt, wie der Wohlstand wächst – auch wenn andere anderes behaupten.

Und diese Entwicklung hat das Land dem Regierungssystem und den Politikern und Entscheidungsträgern zu verdanken, welche seit dem Jahre 2000 an den Hebeln der Macht sitzen. Somit gehe ich davon aus, dass auch die gestrige Entscheidung zum Rücktritt der russischen Zentralregierung nicht zum Nachteil des Landes gereicht, sondern so, wie es Medwedjew, der jetzige Stellvertreter von Präsident Putin im russischen Sicherheitsrat formulierte, den Weg frei macht für neue Entwicklungen im Land.

Der Vorschlag Putins für den Posten des neuen Premierministers ist, eben typisch russisch – also unerwartet. Und die Personalie für den ganz normalen Durchschnittsrussen völlig unbekannt. Da der ganz normale Durchschnittsrusse auch alles unternimmt, um möglichst wenig Steuern zu zahlen, ist es klar, dass man denjenigen auch nicht kennt, der bisher für die Steuern in Russland verantwortlich zeichnete.

Seit 2010 hat der Mann diese Funktion besetzt und, weniger spektakulär als dies Frau Elvira Nabiullina, die Leiterin der russischen Zentralbank für ihren Bereich getan hat, im Bereich der Steuerbehörde Ordnung geschaffen, die Behörde zu eine der modernsten Steuerbehörden in der Welt gemacht. Nur die Welt hat davon noch keine Kenntnis genommen. Aber derjenige, der sich in Russland bewusst mit den Vorgängen in der Wirtschaft und Verwaltung beschäftigt, schätzt den jetzigen Entwicklungsstand der Steuerbehörde sehr hoch ein. Fast alle Prozesse in dieser Behörde und in der Zusammenarbeit mit den großen und kleinen, privaten und juristischen Steuerzahlern sind digitalisiert. Fast alles kann kontaktlos gelöst werden. Bei den wenigen notwendigen persönlichen Kontakten mit Mitarbeitern der Steuerbehörde, trifft man auf kompetente und vor allem freundliche und hilfsbereite Mitarbeiter – zumindest mir geht es so.

Und die erfolgreiche Reformierung dieser ehemals „gehassten“ und leider auch heute noch wenig beliebten russischen Behörde, ist das Verdienst von Michael Mischustin/Михаил Мишустин. Unter seiner Führung wuchsen die Steuereinnahmen Russlands und Schritt für Schritt werden die Schlupflöcher für Steueroptimierer und Steuerverbrecher geschlossen.

Und Putin traut diesem Mann zu, dass er seine Erfahrungen aus der Steuerbehörde nun in die gesamte Regierung und somit das gesamte Land einbringt.

Man kennt sich natürlich, denn Mischustin ist auch sportbegeistert und spielt mit Putin in einer Hockeymannschaft. Schwer zu glauben, dass er von seiner gestrigen Ernennung nichts gewusst hat. Russische Medien kommentieren zwei Varianten: Entweder hat er wirklich nichts gewusst oder er ist einer der besten Schauspieler dieser Welt.

Spannend bleibt es in den kommenden vier Wochen, wo der vom Parlament bestätigte Premierminister – die Bestätigung hat innerhalb einer Woche laut russischer Verfassung zu erfolgen – seine Regierung zu formieren hat. Dazu hat er einen Monat Zeit. Er muss seine Vizepremiers auswählen und die föderalen Minister. Die jetzige Regierung ist ja noch nicht sehr alt – sie ist erst im Mai 2018 im Zuge des Amtsantritts des russischen Präsidenten formiert worden und so bleibt zu hoffen, dass doch ein Großteil der Minister und Vizepremiers im Amt bleiben.

Leider sind solche Ereignisse in Russland auch immer Anlass, jungen, neuen hoffnungsvollen Kadern einen Karrieresprung zu ermöglichen. „Leider“ deshalb, weil auch in Kaliningrad Politiker der neuen Generation arbeiten und die Gefahr besteht, dass diese vorzeitig abberufen werden, um im Zentrum der Macht das Land zu verjüngen. Es wäre schade für Kaliningrad – egal wer weggeht, denn die Arbeit zur Schaffung der notwendigen Ordnung und Sicherheit im Kaliningrader Gebiet, die vor drei, vier Jahren begonnen hatte, ist noch lange nicht abgeschlossen.

Schaut man heute in die deutschen Medien, hört man das Frühstücksfernsehen in Deutschland, so hat sich in den Formulierungen zu den Vorgängen in Russland nichts geändert. Alles wird nur auf Putin und den Machterhalt für Putin reduziert. Otto-Normalverbraucher, der wenig vertraut ist mit den Verhältnissen in Russland, saugt natürlich begierig die aufbereitete Meinung auf, dass Putin mal wieder … und somit pflegen die deutschen Medien das russische Negativimage im allgemeinen und das von Putin insbesondere.

Man könnte aber auch ein wenig anders denken, wenn man dazu bereit ist. Derjenige der real das Leben in Russland kennt und erlebt, wird nicht bestreiten können, dass die Entwicklung des Landes, unter Führung von Putin, seit 2000 eine einzige Erfolgsgeschichte ist. Und warum soll das Land einen Mann entmachten, dessen Arbeit Grundlage für diese Entwicklung war und ist?

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