Blockade-Mitgefühl im Pelzmantel

Blockade-Mitgefühl im Pelzmantel

 

Im 75. Jahr der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg erinnert man sich auch an verschiedenste andere Zeitabschnitte und Ereignisse im Großen Vaterländischen Krieg. Man erinnert sich auch an die Menschen, die diesen Krieg erlebt und überlebt haben. Die Leningrad-Blockade spielt, neben der Schlacht um Stalingrad, eine besondere Rolle.

 

 

Es ist logisch, dass sich die Menschen in Deutschland an andere Dinge im Zweiten Weltkrieg erinnern, als dies die Sowjetbürger tun, wenn es um den Großen Vaterländischen Krieg geht.

In den einschlägigen sozialen Netzwerken findet man gerade jetzt ausreichend Informationen zum Untergang der „Gustloff“, einem deutschen Passagierschiff, welches auch Soldaten, Waffen und Munition aus Ostpreußen nach Deutschland transportierte und von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde. Die Opferzahlen die genannt werden, schwanken zwischen 6-10tausend. Und natürlich wird der Kommandant des U-Bootes mit Ausdauer durch Deutsche diskreditiert.

Dabei hätte der sowjetische U-Boot-Kommandant dieses Schiff niemals versenkt, wenn sich nicht Millionen von Deutscher am 22. Juni 1941 entschlossen hätten, den Befehl des Führers zu erfüllen: „Führer befiehl, wir folgen dir“.

Und es gibt Unmengen von Beiträgen in den sozialen Netzwerken, wo über die Leiden und Qualen der noch verbliebenen Deutschen in Königsberg nach der Kapitulation von General Lasch am 9. April 1945 berichtet wird.

Dabei hätte niemand in Königsberg hungern und verhungern, frieren und erfrieren müssen, wenn nicht am 22. Juni 1941 Millionen von Deutschen sich entschlossen hätten, den Befehl des Führers zu erfüllen: „Führer befiehl, wir folgen dir.“

Es gibt defacto niemand in den deutschsprachigen sozialen Netzwerken, der daran erinnert, dass Deutsche die sowjetische Stadt Leningrad einkesselten und diese in 900 Tagen aushungerten. 1,1 Mio. Menschen starben, verhungerten, erfroren, wurden von Krankheit hingerafft oder wurden einfach durch eine deutsche Granate in Stücke gerissen. Niemand bedauert diese Menschen.

Auch in Russland gibt es Nuancen in der Wahrnehmung der Kriegsereignisse und anscheinend besitzen nicht alle das notwendige Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Veteranen, die heute noch leben und die die Erinnerung an die Geschichte wachhalten.

So gibt es eine Überlebende der Blockade von Leningrad, die heute auf der Krim wohnt. Jewgenija Proschina erzählte russischen Medien, wie sie von Mitarbeiterinnen aus der Kertscher Stadtverwaltung aufgesucht wurde. Diese wollten mit ihrem Besuch der Veteranin zum Feiertag der Aufhebung der Leningrader Blockade gratulieren.

 

 

Diese Beamtinnen erschienen bei der Veteranin in gediegenen Pelzmänteln und schenkten ihr ein Brötchen, gefüllt mit Fleisch – symbolisch, denn damals gab es in Leningrad ein Stück Brot, 125 Gramm, bestehend aus Papierkleister und Sonstigem, was nur irgendwie den Magen füllte und das Hungergefühl nahm.

Zu diesem mit Fleisch gefülltem Brötchen gab es noch eine Medaille und warme Worte. Insgesamt 11 Veteranen, die jetzt noch in Kertsch leben, wurden so besucht und beschenkt.

In den Sozialnetzwerken tauchten Fotos auf und die Diskussion begann. Man meinte, zusammengefasst, das derartige Geschenke, überbracht in wärmenden Pelzmänteln und begleitet mit warmen Worten, wohl eher unangebracht sind. Besser wäre vielleicht ein kostenloser Aufenthalt in einem der vielen Krim-Sanatorien gewesen.

Der Skandal endete damit, dass die Mitglieder der Beamtendelegation ihre Kündigung einreichten und somit die Chance erhielten, sich einer neuen beruflichen Zukunft zuzuwenden.

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Kommentare ( 1 )

  • Klaus Neumer

    Veröffentlicht: 1. Februar 2020 16:06 pm

    Hallo Herr Niemeier,
    ich sehe diesbezüglich vieles ähnlich wie Sie, in einer Sache muß ich Ihnen hier aber entschieden widersprechen:
    Bezüglich der Gustloff vertrete ich die Meinung, daß es sich hier um einen reinen sowjetischen Terrorakt gegen die deutsche Zivilbevölkerung, ähnlich der Zerstörung Dresdens durch die Angloamerikaner, gehandelt hat. Dieses Schiff transportierte zu 85% ostpreußische Kriegsflüchtlinge (knapp 9000!). Diese kamen fast alle in der eisigen Ostsee um. Es ist die bis heute größte Seefahrtstragödie die durch nichts zu entschuldigen ist.
    Ihr Bericht suggeriert, daß es sich um ein Kriegsschiff handelte, die Torpedierung im Krieg also gewissermaßen legitim war (,...also selber dran Schuld). Gleiches gilt auch für das Leid der Königsberger Bevölkerung bis zur endgültigen Vertreibung.

    Viele Grüße nach "Kaliningrad"
    Klaus Neumer

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 1. Februar 2020 16:21

      ... Sie haben den Punkt völlig richtig erkannt. Das Schiff wurde mißbraucht, um auch Soldaten und militärisches Ausrüstungsgut zu transportieren. Schuld am Tod der Zivilisten, die sich auf diesem Schiff befanden, ist also nicht Marinenko, der Kommandant des sowjetischen U-Bootes, sondern derjenige, der befohlen hat, dass auf diesem Schiff auch Soldaten und Militärgut transportiert werden.

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