Dankbarkeit – das ist so eine hündische Krankheit

Dankbarkeit – das ist so eine hündische Krankheit

 

Zu welchem Anlass Stalin diese Aussage getroffen hat, ist nicht bekannt. Aber das Leben zeigt, dass Dankbarkeit subjektiv und temporär ist.

 


Am 9. Mai 1980, pünktlich zum 35. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, wurde in Prag ein Denkmal zu Ehren von Marschall Konjew eingeweiht. Konjew´s Truppen retteten Prag vor der vollständigen Zerstörung der Stadt durch die Deutschen. Die Tschechen zeigten sich dankbar. Konjew´s Truppen befreiten aber auch das Konzentrationslager Ausschwitz – gut, das befand sich nicht auf tschechischem Gebiet.

 

 

Die Dankbarkeit endete am 3. April 2020, gerade noch rechtzeitig zum 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Die Tschechen demontierten das Denkmal, damit es zum Jubiläum des Überlebens in Tschechien nicht mehr zu sehen ist.

Es muss Wert darauf gelegt werden, dass das Denkmal nicht geschliffen wurde. Es wurde demontiert und in russischen Medien liest man, dass es einer privaten Firma übergeben wird, die die Aufgabe hat, alle nicht benötigten Denkmäler zu lagern, um sie dann irgendwann einem Museum zu übergeben. Wir halten somit fest: Die tschechische Dankbarkeit wird in ein Museum umgelagert … vielleicht umgelagert.

Der tschechische Präsident Seman verurteilte den Beschluss der Prager Stadtverwaltung zur Demontage des Denkmals. Wer die Demontage befürworte, hat nichts aus der Geschichte gelernt – meinte Seman. Aber er meinte auch, dass die Reaktion Russlands, nämlich die Einleitung eines Strafverfahrens durch die russische Untersuchungskommission, eine kontraproduktive Reaktion ist.

 

Fotokombination: Denkmal Marschall Konjew in Prag

Bekannt wurde, dass das russische Untersuchungskomitee auf der Grundlage des Paragraphen „Öffentliche Entweihung von Symbolen des militärischen Ruhms Russlands“, des russischen Strafgesetzesbuches, ermittelt. Das russische Untersuchungskomitee erinnerte an geltende Verträge zwischen der Tschechischen Republik und Russland im Zusammenhang mit der Pflege von Denkmälern und an den Freundschaftsvertrag aus dem Jahre 1996.

Auch das russische Verteidigungsministerium hat von der Demontage und Einlagerung des Denkmals in irgendeinem Privatlager Kenntnis genommen. Der Verteidigungsminister Sergej Schoigu wandte sich an seinen tschechischen Amtskollegen und bat diesen zu helfen, dass das Denkmal an Russland übergeben wird. Sollte dies mit irgendwelchen Kosten verbunden sein, so ist Russland bereit, diese vollumfänglich zu übernehmen. Sein tschechischer Kollege antwortete ihm, dass er damit nichts zu tun hat und auch nicht vermitteln kann, denn das Denkmal gehört der Stadt Prag.

Das tschechische Außenministerium vertrat die Ansicht, dass die Demontage des Denkmals nicht gegen bestehende Verträge verstoße. Man habe das Denkmal nicht abgerissen, sondern nur an einen anderen Standort umgelagert.

Auch die Tochter von Marschall Konjew meldete sich zu Wort. Sie verurteilte die Handlungen der Prager Stadtverwaltung als beleidigend und als Versuch, Erinnerungen an den Krieg zu vernichten.

In russischen Medien findet man Aufrufe, die Handlungen der Prager Stadtverwaltung dadurch zu werten, dass man keine touristischen Reisen mehr in diese Stadt bucht. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt natürlich eher ein symbolischer Aufruf und leider ist das menschliche Gedächtnis kurzzeitig. Wenn es keine politischen Anstrengungen gibt, wird sich in einem halben Jahr niemand mehr an die temporäre Dankbarkeit der Tschechen erinnern. Dankbarkeit ist eben so eine hündische Krankheit.

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Kommentare ( 3 )

  • May Tupac

    Veröffentlicht: 14. April 2020 09:31 pm

    Grüß Gott Herr Niemeier,

    Ihr Zitat bringt es auf den Punkt, obschon ich sehr ungerne Stalin zuspreche, doch es zeigt deutlich den Antichristen auf. Dankbarkeit aus historischer Sicht unterliegt dem Vergessen. Ein oder zwei Generationen nach dem Geschehen verbleibt den Nachkommen nur ein Grauschleier und selbst Denkmäler aus Metall oder hartem Stein sind schleifbar aus der Erinnerung. Hier in diesem Land aus dem ich schreibe ist es nicht anders. Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung.
    Deswegen referiere ich immer wieder von Herzen gerne auf den christlichen Glauben, der von Stalin radikal und extrem mit vielen Ruinen und Toten aus dem Sowjetreich weggeschliffen wurde, in welchem die Dankbarkeit ein wesentlicher Grundzug des menschlichen Seins ist. Demut ist das Gegenteil jeder menschproduzierten weltlichen Ideologie.
    Danke für Ihren Artikel.
    Vergelt's Gott

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 14. April 2020 16:45 pm

    @UEN
    Wenn eine Besatzung durch eine andere abgelöst wird, ist es schwer eine ehrliche Dankbarkeit zu entwicklen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 14. April 2020 16:48

      ... das haben aber die Tschechen wohl etwas anders gesehen. Noch 1996, also lange nach dem Ende der "sowjetischen Besatzung" hat man mit dem Rechtsnachfolger der Sowjetunion einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen und sich zur Pflege der gemeinsamen Historie verpflichtet. Niemand hat die Tschechen gezwungen, diesen Vertrag abzuschließen. Auch der tscheschische Präsident, also der Repräsentant der Tschechei, hat sich gegen die Demontage ausgesprochen.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 15. April 2020 19:52 pm

    Und nun kommt wieder so eine Meinungsäußerung meinerseits, wo ich Herrn Werner auch wieder mal energisch widersprechen muß. Es geht nicht anders, denn offensichtlich hat Herr Werner die Meinungen und die gefühlsmäßige Verfassung der Prager bei der Befreiung der Stadt durch die von Marschall Konew befehligten Front nicht auf seinem geistigen Schirm. Aber das kann er selbst durch ein bisschen googlen abändern. Zum anderen wird er wohl über die Ereignisse 1968 in der CSSR wohl sehr einseitig informiert sein.
    Er sollte sich mal über die wahren Ziele der Nato über die Organisation dieses "Aufstandes" und deren Akteure schlau machen. Dann wird er wohl auch eine andere Meinung zu dem angeblichen Volksaufstand haben. Sollte er wirklich nicht weiterkommen in seiner Meinungsbildung, dann empfehle ich die Lektüre von dem US-Politologen Gene Sharp " Von der Diktatur zur Demokratie"(?) , auch Revolutionsfibel genannt, zu lesen. Sehr interessant! Läßt sich auch in der BRD verwirklichen.

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