Der Tag der Wahrheit naht – Nawalny will keinen Selbstmord begehen

Der Tag der Wahrheit naht – Nawalny will keinen Selbstmord begehen
 
Direkt aus dem Gerichtssaal heraus, hatte Alexej Nawalny für den Samstag zu Massenprotesten aufgerufen. Der russische Staat hat diesen Aufruf zu ungesetzlichen Handlungen bisher für Nawalny ohne Folgen belassen. Aber die Vorbereitungen auf den Samstag laufen auf beiden Seiten in vielen Regionen Russlands.
 
 
Eine kleine Sensation, vielleicht sogar die beste Nachricht zu den aktuellen Ereignissen, kam ausgerechnet aus Kaliningrad. Am Freitagmorgen informierten die Kaliningrader Medien, dass durch die Sicherheitsorgane ein Mitarbeiter des Nawalny-Stabes in Kaliningrad verhaftet worden war. Er hatte über Sozialnetzwerke zu Massendemonstrationen in Kaliningrad aufgerufen. Ein Schnellgericht verhängte einen dreitägigen Arrest. Sofort nach Bekanntwerden des Urteils verkündete der Nawalny-Mitarbeiter, dass er in den Hungerstreik trete.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „12 Stühle“
 
Drei Tage Hungerstreik haben eindeutige Vorteile: Der Staatskasse werden Verpflegungskosten erspart und der Mitarbeiter tut etwas für seine Gesundheit – eine Entschlackungsdiät empfehlen von Zeit zu Zeit die Mediziner.
 
Am Freitagnachmittag kam es dann zu der kleinen Sensation. Der Koordinator des Nawalny-Stabes in Kaliningrad verließ seinen Posten. In einer Stellungnahme gegenüber den Regionalmedien erklärte er, dass er nicht an ungesetzlichen Veranstaltungen teilnehmen und auch nicht die Verantwortung für ungesetzliche Aktionen am Samstag übernehmen will.
 
Foto: exKoordinator des Nawalny-Stabes in Kaliningrad
 
„Ich habe Angst vor der Verantwortung für das, was mit den Teilnehmern passieren könnte, die zu dieser Aktion gehen. Ich werde in diesem Stab nicht weiterarbeiten. Ich werde mich auch zukünftig mit oppositioneller Arbeit beschäftigen, denn ich bin nach wie vor mit der jetzigen Macht nicht einverstanden und bin der Meinung, dass Nawalny völlig zu Unrecht festgesetzt wurde. Putin soll verschwinden. Aber ich werde für mich die Verantwortung tragen und will diese nicht auf andere ausweiten“, - so Tschernikow, der exKoordinator des Nawalny-Stabes in Kaliningrad.
 
Weiterhin erklärte er:
 
„Wir müssen uns bewusst sein, dass dieses Meeting nicht genehmigt wurde. Zu einer Kundgebung zu gehen, die gegen das Gesetz verstößt, widerspricht meinen Grundsätzen und ich bin meinen Grundsätzen treu. Umso mehr, als es darum geht, Menschen zu führen, die Geldstrafen, administrativen Arrest und, Gott bewahre, womöglich Haftstrafen erhalten ... Im ganzen Land finden jetzt Verhaftungen statt. <...> Ich möchte Mensch bleiben, egal wie schwierig es ist. Überlegen wir, wo wir mehr Gutes tun können - nach dem 23. Januar in einem Haftwagen zu sitzen, weil wir einer Schwäche erlegen sind, oder einen sauberen und fairen Kampf im Rechtsbereich führen, weil wir stark sind?", so der exKoordinator in einer Presseerklärung.
 
Tschernikow leitete den Nawalny-Stab seit Februar 2020. Sein Vorgänger reiste über Nacht ins Ausland ab.
 
Ungeachtet des Rücktritts des Koordinators will der Stab am Samstag die geplante Protestaktion am „Haus der Räte“ durchführen.
 
Aber auch in vielen anderen Regionen Russlands gab es Aktionen des Staates, um die Gesetzlichkeit für den Samstag zu wahren.
 
Verhaftet wurde der Pressesekretär des Nawalny-Zentralstabes sowie weitere Mitarbeiter.
In Wladiwostok, Nowosibirsk, Wolgograd, Krasnodar, Rostow am Don wurden die Koordinatoren des Nawalny-Stabes verhaftet.
In einer Reihe von Städten wurden Freiwillige und Mitarbeiter der regionalen Nawalny-Stäbe wegen Aufrufes zu illegalen Aktionen am Freitagnachmittag festgesetzt.
 
Das russische Innenministerium wiederholt in regelmäßigen Abständen Aufrufe, nicht an ungesetzlichen Handlungen teilzunehmen und informiert die Bevölkerung über die strafrechtliche Verantwortung. Die Eltern werden gebeten, an diesem Tag besonders auf die Kinder aufzupassen, denen häufig nicht bewusst ist, wohin sie sich aus lauter langer Weile oder Neugier bewegen.
 
Auch der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies auf die besondere Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern hin. Der Staat unternimmt alles, um den Bürgern im Vorfeld die Gesetzeslage zu erklären und klar zu machen, dass die für den Samstag geplanten Aktionen, egal in welcher Stadt, ungesetzlich sind.
 
Gleichzeitig kommentierte Peskow den aktuellen Film über das angebliche Schloss von Putin, der zu den meistgesehenen Filmen weltweit gehört. Logisch, dass derartige Filme immer die Zuschauer anziehen. Der Film ist qualitativ gut gemacht, ist aber eine einzige, gut inszenierte faule Kartoffel – so Peskow.
 
Die russische Aufsichtsbehörde für die Massenmedien und das Internet informierte, dass die Sozialnetzwerke, die zur Löschung von Aufrufen zu ungesetzlichen Handlungen aufgefordert worden sind, dieser Aufforderung teilweise Folge leisteten. „Youtube“ und „VKontakte“ haben 50 Prozent aller Einträge gelöscht. Aufrufe über „TikTok“ wurden zu 38 Prozent und über „Instagram“ zu 17 Prozent gelöscht.
 
Auch der Moskauer Bürgermeister rief dazu auf, sich von den ungesetzlichen Massenveranstaltungen fernzuhalten. Er kommentierte, dass die Rechtspflegeorgane alles unternehmen werden, um die gesetzliche Ordnung zu gewährleisten. Er verwies auch auf die Corona-Virus-Lage und die dramatischen Zustände in westeuropäischen Städten. Derartige Zustände sollten in Russland vermieden werden.
 
Den russischen Rechtspflegeorganen liegen bereits Informationen vor, dass die Nawalny-Stäbe die Anweisung erhalten haben, alles zu unternehmen, um eine möglichst große Anzahl von Kindern und Jugendlichen in die Proteste mit einzubeziehen. Verschiedene gesellschaftliche Eltern-Vereinigungen hatten die zuständigen Organe informiert, die bereits jetzt eine Reihe von Ermittlungsverfahren eingeleitet haben.
 
Und wieder hat sich Alexej Nawalny aus dem Gefängnis heraus, mit einem Aufruf an seine Anhänger gewandt. Er erklärte, dass er nicht die Absicht habe, Selbstmord zu begehen, ungeachtet der neuesten Untersuchungen, die die russischen Rechtspflegeorgane, gegen den von ihm geleiteten Fond, eingeleitet haben.
 
Nawalny formulierte:
 
„Für den Fall der Fälle erkläre ich, dass ich nicht die Absicht habe, mich umzubringen. Ich fühle mich physisch und psychisch völlig gesund. Ich laufe ganz vorsichtig auf der Treppe, jeden Tag wird mein Blutdruck gemessen. Er ist gegenwärtig wie bei einem Kosmonauten. Ein plötzlicher Herzinfarkt ist ausgeschlossen. Mein psychoemotionaler Zustand ist völlig stabil“, - so Nawalny über Instagram.
 
Weiterhin bedankte sich Nawalny bei all denen, die seinen neuesten Film gesehen und bei dessen Verbreitung geholfen haben. Es war eine große Arbeit, so Nawalny, und es wäre gut, wenn diesen Film möglichst viele sehen. Vielleicht öffnet er nun doch bei einigen die Augen. Aber ich sitze im Gefängnis. Mir war es ein wenig peinlich, als ich zweifelte, ob ihr das alles ohne mich schafft.
 
"Ich weiß mit Sicherheit, dass es außerhalb meines Gefängnisses viele gute Leute gibt und Hilfe kommen wird", schloss Nawalny seinen Aufruf.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „12 Stühle“
 
Soweit zu den Ereignissen am Vorabend der angekündigten Massenproteste. Kaliningrad-Domizil wird über die Ereignisse am Samstag informieren – subjektiv und auf der Seite der russischen Gesetzlichkeit.
 
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Kommentare ( 2 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 23. Januar 2021 03:45 pm

    Da ergibt sich für mich die Frage, wie kann ein zu Haft verurteilter Strafgefangener aus dem Gefängnis heraus sypatisenten zu strafbaren Handlungen aufrufen und damit selbst weitere strafbare Handlungen begehen? Dazu müßte er doch im Gefängnis sein Smartphon oder einen Mittäter in der Wachmannschaft haben. Eine dritte Möglichkeit ist, daß er gar nichts aus dem Gefängnis heraus macht, sondern diese ganzen Dinge bereits in der BRD vorbereitet hat und auch von dort über das Internet von seinen ehemaligen Gastgebern verbreitet wird.
    Sollte das so sein und bewiesen werden können, sollte auch die russische Regierung entsprechend mit Nachdruck reagieren, denn das wäre ja dann eine geheimdienstlich gesteuerte Aktivität. Man könnte fast annehmen, daß es eine sogenannte Retourkutsche für den nicht stattgefundenen Putsch in Weißrußland ist. Im russischen gibt es garantiert auch so ein Sprichwort, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört und diesen auch nutzen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 23. Januar 2021 05:40

      ... ich hoffe auch, dass Russland endlich versteht, dass der Westen zum Angriff übergegangen ist und ein Gegenangriff notwendig ist. Der heutige Tag wird zeigen, wie sich Russland positioniert.

  • Gego Tschetoch

    Veröffentlicht: 23. Januar 2021 23:34 pm

    Bezogen auf Ihre Kommentare - Radeberger und Herr Niemeier - tut sich mir ein Gedanke auf. Während im Westen durch die Corona-Maßnahmen die Möglichkeiten des Bürgertums, sich in Protesten und Demonstrationen kund zu tun, zunehmend eingeschränkt werden, scheint sich zeitgleich im Osten und konkret in Russland exakt die gegenteilige Strömung zu entwickeln. Die Politiker der EU schicken ihre Menschen staatlich verordnet in deren Wohnungen, und im gleichen Atemzug sorgt die westliche Hetz-Politik dafür, dass die Menschen in Russland auf die Straßen gehen. Dabei müsste für die westlichen Politiker - im Sinn der einzudämmenden Pandemie - die oberste Priorität sein, dass diese schreckliche Seuche nicht auch noch in den Nachbarstaaten durch soziale Unruhen unkontrollierbar wird. Mir erscheint also diese Politik ziemlich fadenscheinig und widersprüchlich. Denn gerade in der EU werden die Verordnungen zur Eindämmung der Pandemie durch Reduzierung sozialer Kontakte immer rigoroser vorangetrieben!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 23. Januar 2021 23:49

      ... hm, ja, eine interessante Überlegung.

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