Deutsche in der Krise. Deutsche in Kaliningrad.

Deutsche in der Krise. Deutsche in Kaliningrad.

 

Nicht selten bekomme ich die Frage gestellt, ob es denn eine deutsche Gemeinschaft, eine deutsche Gesellschaft, eine deutsche Diaspora in Kaliningrad, manche fragen auch nach Königsberg, gäbe. Seit über zwei Jahrzehnten gebe ich immer dieselbe Antwort.

 

 

Wäre ich Jude oder Armenier, so könnte ich über Gemeinschaft und Diaspora in Kaliningrad ganze Romane schreiben, aber über deutsche Gemeinschaften in Kaliningrad fällt mir nicht viel ein.

Das Fehlen einer deutschen Diaspora in Kaliningrad will ich noch nicht einmal negativ bewerten. Läge Kaliningrad irgendwo im Fernen Osten Russlands, würde ich das Fehlen einer deutschen Gemeinschaft vielleicht bedauern. Aber da wir uns auf exdeutschem, geopolitisch empfindlichem Gebiet befinden, wo es von Zeit zu Zeit Leute gibt, die Appetit auf das Gebiet entwickeln, regen deutsche „Organisationen“ im exNordOstpreußen vielleicht doch zum Nachdenken an.

Aber darum geht es heute nicht. Heute geht es um deutsches Zusammenhalten, deutsches gegenseitiges Verständnis, deutsche Solidarität in Krisenzeiten im Ausland, in Kaliningrad.

Seit dem Ende der 90er Jahre gibt es eine deutsche Firma in Kaliningrad. Die produziert für deutsche Firmen, die deutsche Autos für deutsche Kunden herstellen. Und anscheinend tun sie das gut, denn man produziert ja seit 20 Jahren für die gleichen deutschen Abnehmer.

Da sich Deutsche im Ausland helfen sollen – so zumindest die theoretische Vorstellung – hat diese deutsche Firma in Kaliningrad bei einer anderen deutschen Firma in Kaliningrad, die allerdings ihren Sitz über ein verzweigtes System nicht in Kaliningrad, sondern in irgendeiner Offshore-Zone hat, Räumlichkeiten für die Produktion angemietet. Man kennt sich also seit vielen Jahren und es wird erzählt, dass der deutsche Pächter immer pünktlich seine Miete und die Nebenkosten bezahlt hat. Man erzählt weiter, dass der Pachtvertrag in Euro ausgefertigt ist – nicht mehr ganz modern im heutigen Russland, aber durchaus möglich, wenn man die richtigen vertraglichen Formulierungen findet. Der Verpächter kann also ruhig leben und braucht keine Angst vor Kursschwankungen zu haben, die den Mietpreis merklich nach unten drücken könnten. Da der Pächter für deutsche Firmen produziert und ausschließlich für den Export arbeitet, erhält er für seine Leistungen auch Euro. Würde er Rubel erhalten, würde die Gefahr bestehen, dass er entweder Verluste macht, oder die Preise für seine Erzeugnisse so anheben müsste, dass seine Abnehmer kein Interesse mehr an seinen Leistungen haben. So ist aber alles Bestens.

Nun kam die Krise, die Corona-Krise und die Gebietsregierung hat die Selbstisolierung angeordnet und eine ganze Reihe von Betrieben geschlossen. So auch die deutsche Firma, die Autozubehör produziert. Rund zwei Wochen, von Ende März bis zum 12. April, standen die Nähmaschinen still. Am 12. April durfte dann wieder gearbeitet werden.

Wo keine Produktion, da auch kein Geld. Anscheinend hat die deutsche Firma keine ausreichenden Rücklagen für schwierige Zeiten gebildet und konnte somit keine Pacht und keine Nebenkosten an den deutschen Verpächter bezahlen. Das Geld, was vorhanden war, wurde an die Mitarbeiter für Löhne und Gehälter ausbezahlt – schreibt das Kaliningrader Informationsportal „newkaliningrad“.

Somit konnte die deutsche Firma ihrem deutschen Verpächter nicht zum 6. April die vertraglich vereinbarte Vorkasse für die Pacht im April bezahlen. Der deutsche Verpächter schaltete dem deutschen Pächter somit am 10. April den Strom ab. Die Zufahrten zum Gelände wurden mit Bulldozern und Großcontainern durch den Verpächter verbarrikadiert. Da sowieso nicht gearbeitet werden durfte, kein größeres Problem.

Am 12. April konnte die Arbeit wieder aufgenommen werden und der deutsche Pächter überwies dem deutschen Verpächter die Hälfte der fälligen Miete. Die zweite Hälfte sollte dann bis Ende April überwiesen werden. In Deutschland sagt man dazu wohl, dass der jahrzehntelange deutsche Pächter gegenüber seinem deutschen Verpächter festen und guten Willen zur Fortsetzung der partnerschaftlichen Beziehungen zeigte.

Aber Strom gab es trotzdem nur temporär, nämlich bis zum 20. April. Dann drehte der eine Deutsche dem anderen Deutschen wieder den Saft ab und die Produktion stand. Wo nichts produziert wird, wird auch kein Geld erwirtschaftet und die Chance, dass der deutsche Verpächter zu seinem Geld kommt, ist wohl gleich Null.

Am 20. April kam es dann zu einer Spontandemonstration von geschätzten 70 russischen Mitarbeiterinnen, die forderten, arbeiten zu dürfen.

Und es kam am Abend des gleichen Tages zu einem Treffen in der Gebietsregierung, wo sich sogar ein Minister mit dieser Angelegenheit beschäftigen musste. Geeinigt hat man sich nicht.

Der deutsche Verpächter, vertreten durch eine russische Geschäftsführerin und einen russischen Anwalt, lässt mitteilen, dass die Stromabschaltung erfolgte, weil ein Kabel defekt ist und neu verlegt werden muss. Wie lange das dauert, kann er nicht sagen, da Zulieferteile fehlen.

Der deutsche Pächter bezeichnet das als „Witz“. Weniger witzig ist allerdings, dass die Existenz dieses Deutschen generell gefährdet ist, denn wenn die deutschen Abnehmer merken, dass der deutsche Produzent nicht liefern kann, werden die vertraglichen Vereinbarungen sicherlich schnell gelöst, denn in Deutschland müssen die Räder rollen für den … nein, nicht für den Sieg, aber für die Erhaltung deutscher Arbeitsplätze. In Russland sind nur 200 Arbeitsplätze gefährdet – russische Arbeitsplätze.

Interessant wird es sein zu beobachten, wie die Kaliningrader Gebietsregierung reagieren wird, wenn der deutsche Pächter den Produktionsstandort Kaliningrad schließt und 200 MitarbeiterInnen arbeitslos werden – alles Frauen, die Familie und Kinder haben. Und interessant wird es auch sein zu beobachten, ob der andere Deutsche, der den Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow auf Auslandsreisen begleiten und öffentlich umarmen darf, dies auch weiterhin tun darf.

Informiert hat über diese Angelegenheit das Kaliningrader Informationsportal „newkaliningrad“. Vertreter des Verpächters weigerten sich, mit dem Portal zu sprechen. Man will sich erstmal mit „jemandem“ unterhalten. Und das Informationsportal „newkaliningrad“ vermutet, dass dieser „jemand“ der in Kaliningrad bekannte deutsche Unternehmer, Präsident der Firma „Landis Trading“, Vizepräsident der Assoziation ausländischer Investoren, Andrè Köhler ist, der sich gegenwärtig im Bankrottverfahren befindet – eine Businessvariante, um sich von Schulden zu befreien.

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