Deutscher Bauernkrieg in Kaliningrad

Deutscher Bauernkrieg in Kaliningrad

 

Vor einigen Jahren wurde man sich in Kaliningrad bewusst, dass die Eigenversorgung des Gebietes für den Fall der Fälle, nicht gewährleistet ist. Fast alles an Lebensmitteln wurde importiert. Niemand wollte sich mit dem schwierigen Thema Landwirtschaft beschäftigen.

 

 

Wer schnell reich werden will, sollte sich wohl nicht unbedingt mit Landwirtschaft beschäftigen, denn dieser Unternehmensbereich bedeutet in erster Linie viel Arbeit bei Tag und Nacht und jedem Wetter. Und wenn es der liebe Gott so will, macht er die Arbeit eines ganzen Jahres innerhalb weniger Stunden zunichte.

Für die Kaliningrader war es einfacher, in Polen Lebensmittel, Obst und Gemüse zu kaufen, ein paar dutzend Prozente draufzuschlagen und in Kaliningrad wieder zu verkaufen. Warum sollte man sich auf den meliorationsentwöhnten exKönigsberger Äckern abquälen, wenn es doch so viel einfacher ist.

Aber man hatte die Problematik in der Kaliningrader Gebietsregierung, wohl aber auch im föderalen Zentrum erkannt und begann eine Werbekampagne für die Wiederbelebung der Kaliningrader Äcker. So wurde auch in Deutschland, dem Land der teuren Ackerböden bekannt, dass es in Kaliningrad freie Flächen zu durchaus interessanten Pacht- oder Kaufpreisen gibt und dass auch deutsche Bauern gern gesehene Investoren sind.

Deutsche Landwirte ließen sich auch anlocken und reisten nach Kaliningrad, um sich kundig zu machen. Wo sie sich kundig machten – keine Ahnung. Gehört habe ich, dass es eine Art Stammtisch deutscher Landwirte in Kaliningrad gegeben haben soll.

Irgendwann begann ich mich mit dem Thema Landwirtschaft etwas intensiver zu beschäftigen. Ausgangspunkt war, wie so häufig im exKönigsberg, Firmen, die sich mit historischen Namen in der Öffentlichkeit präsentieren und natürlich sofort die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Und wenn man dann etwas weiter sucht, hier und dort fragt, hier und dort nachschaut, kommen erstaunliche Dinge ans Tageslicht.

Rund 30 Namen von deutschen Landwirten, die im Kaliningrader Gebiet unternehmerisch tätig waren, habe ich problemlos gefunden. Vermutlich werde ich noch weitere finden, wenn ich suche. Und mit diesen Namen sind mindestens 27 Firmen verbunden, fast alle mit einem landwirtschaftlichen Unternehmensprofil.

Sieben dieser Firmen existieren nicht mehr. Sie wurden um das Jahr 2012 gegründet und 2014 wieder abgemeldet. Diese Firmen hatten alle etwas Gemeinsames: Ein und denselben Direktor, der jetzt kein Direktor mehr ist, sondern ein international gesuchter Russe – wie man so hört.

Für mich persönlich völlig unklar – obwohl ich keine Ahnung von Landwirtschaft habe, wie man eine Person als Direktor von vielen Firmen mit unterschiedlichen Besitzern einsetzen kann. Man holt sich so die Konkurrenz ja direkt in die Buchhaltungsbücher. Wie kann der Mann loyal die Interessen aller dieser deutschen Landwirte vertreten – Deutsche hin, Deutsche her – trotzdem sind sie Konkurrenten. Mir scheint, dass diese Deutschen sehr blauäugig nach Kaliningrad gekommen sind und so, wie viele andere Deutsche, einfach nicht die Verhältnisse richtig aufgeklärt haben. Leider sind eben für viele Deutsche Kaliningrader Taxifahrer und Hausmeister immer noch maßgebende Informationsquelle.

Das Problem was ich jedoch sehe, ist das Imageproblem, welches vermutlich Kaliningrad entstanden ist. Denn die enttäuschten deutschen Bauern werden natürlich nicht in Deutschland erzählen, wie blauäugig oder gutgläubig oder wie wenig professionell sie in Russland ein Unternehmen aufbauen wollten. Sie werden, schon aus reinem eigenen Imageschutz natürlich erzählen, dass sie in Kaliningrad auf die russischen Landwirtschaftsmafia gestoßen sind und man dort lieber nichts unternehmen sollte.

Aber dann findet man noch eine andere Person, diesmal einen Deutschen, mit einer bemerkenswerten unternehmerischen und kriminellen Vergangenheit – wie dem allwissenden Internet zu entnehmen ist. Schon in der untergegangenen DDR beteiligte er sich an der Privatisierung von landwirtschaftlichen Unternehmen und der „SPIEGEL“ veröffentlichte am 21.01.1991 unter der Überschrift „Die Figur ist undurchsichtig“ einen großen Beitrag. Aber auch andere deutsche Medien widmeten sich den Unternehmungen dieses Deutschen mit kritischen Beiträgen.

Und dieser Mann tauchte, nach mir vorliegenden Informationen, 2014 in Kaliningrad auf und machte wohl die Bekanntschaft mit dem genannten, jetzt international gesuchten Russen – zumindest entnehme ich dies öffentlich zugänglichen russischen Datenbanken. In einer Firma, in der der Deutsche, neben zwei anderen Deutschen Gesellschafter war, war dieser Russe Geschäftsführer. Auch diese Firma existierte nur ein reichliches Jahr.

Irgendetwas hat aber auch in Kaliningrad nicht so geklappt, wie sich dieser Deutsche das vorgestellt hatte, denn er erhielt Handlungsverbot in Russland. Ein Jurist sagte mir, dass derartige Handlungsverbote i.d.R. für drei Jahre ausgesprochen werden.

So lange wollte der Deutsche wohl nicht warten. Kurzerhand ließ er vermutlich eine neue, notariell beglaubigte Übersetzung seines Reisepasses anfertigen, änderte hierbei nur einen Buchstaben seines Nachnamens und war damit für das russische Gesetz ein anderer Mensch und konnte seine unternehmerischen Aktionen fortsetzen.

Er beschäftigte sich natürlich mit Landwirtschaft, seinem Metier und machte sich mit deutschen Landwirten bekannt, die wohl erst um das Jahr 2014 nach Kaliningrad gekommen waren. Man freundete sich an und glaubte, miteinander Geschäfte machen zu können.

Nun liegen sich diese deutschen Bauern in den Haaren und haben sich gegenseitig vor einem russischen Gericht verklagt. Man hört, es geht um betrügerische Landnahme, um Ernteenteignung und es werden Summen im Euro-Millionenbereich genannt.

Und dieser Deutsche hat es geschafft, im Zeitraum vom 26. November 2019 bis 3. Februar 2020 vier Firmen in Kaliningrad zu gründen. Warum mich das verwundert? Es verwundert mich deshalb, weil die Kaliningrader Steuerverwaltung seit geraumer Zeit eine Politik der Bereinigung der Unternehmensgründungen durchführt. Sogenannte Ein-Tages-Firmen, Konservenfirmen und Steueroptimierungsfirmen werden liquidiert und man achtet sehr genau darauf, wer welche und vor allem wie viele Firmen gründet. Ein russischer Bekannter von mir, ein Jungunternehmer, benötigte über sechs Monate, um eine Firma zu gründen. Ein Deutscher braucht für vier Firmen nur drei Monate.

Und dieser Deutsche hat es sogar geschafft, die Aufmerksamkeit des Kaliningrader Bürgermeisters und fast aller Kaliningrader Medien zu gewinnen. Er hat nämlich angeboten, eine Dreckecke Kaliningrads sauber zu machen. Und der Kaliningrader Bürgermeister war von dem Auftreten des Deutschen mit medialer deutscher Vergangenheit wohl so angetan, wie die anderen deutschen Bauern, die diesen Mann nun verklagt haben.

Und dann hört man noch einen anderen deutschen Namen. Der Mann, ebenfalls mit der Landwirtschaft verbandelt, taucht in meinen Datenbanken um das Jahr 2012 auf. Sein Geschäft, so erzählte man mir, besteht darin, in deutschen Fachmedien Werbung für Kaliningrader Grundstücke zu machen. Von Interessierten erhält er ein „Besichtigungshonorar“, aber ein Verkauf oder eine Verpachtung von Grundstücken hat es bisher nicht gegeben. Dieser Mann hat im Jahre 2012 eine Firma gegründet – mit einem sehr angenehm klingenden russischen Namen. Aber diese Firma soll sich jetzt im Bankrottverfahren befinden. Deutsche Landwirte in Kaliningrad hatten ihn im Jahre 2017 verklagt und in einem Gerichtsbeschluss vom 5. Juni 2018 wurde diese Firma zur Zahlung hoher Millionen-Rubel-Beträge und Euro-Beträge in fünfstelliger Höhe verurteilt. Ob die Zahlung erfolgte oder das Bankrottverfahren den Firmeninhaber elegant von seinen Schulden befreien soll, entzieht sich meiner Kenntnis.

Arbeitslos wird der Deutsche aber nicht, denn er hat noch eine zweite Firma, diesmal mit einem landwirtschaftlich klingenden Namen.

Und er soll sehr eng mit dem von mir schon genannten anderen Deutschen zusammenarbeiten, der ebenfalls von deutschen Landwirten verklagt worden ist. Ein Gesprächspartner, den ich auf diesen Namen ansprach, sagte mir: „Na, das ist doch der Ideen-Geber für den Herrn …

In einem Gespräch mit einem anderen Bekannten über diese Angelegenheit ließ ich den Begriff „Deutsche Landwirtschaftsmafia“ fallen. Mein Bekannter meinte, dass ich hier maßlos übertreibe und der Begriff nicht angebracht sei. Es gibt auch ehrliche deutsche Bauern in Kaliningrad. Und da musste ich ihm Recht geben: Es gibt auch Ehrliche.

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