Die unverständliche Geduld der Russischen Föderation

Die unverständliche Geduld der Russischen Föderation
 
Seit Jahren leben wir mit Sanktionen – ein Gewöhnungsprozess. Seit Jahren hören wir auch, dass Russland reagieren wird – auch ein Gewöhnungsprozess, aber viele, die mit Russland sympathisieren, wollen sich nicht daran gewöhnen, dass Russland reagieren will, aber dann nicht reagiert.
 
 
Die Feinde Russlands, sprich die Europäische Union und die USA, haben sich anscheinend daran gewöhnt, dass Russland mit Antwortsanktionen droht und diese dann aber entweder nur „serkalno“, mit Verspätung angewandt oder aber gar nicht verhängt werden.
 
Sowohl die Feinde Russlands, wie auch die Freunde kennen die „gutmütige unendlich große russische Seele“ und häufig fällt in der letzten Zeit an den verschiedensten Orten, in der Sauna, beim Bier, beim Kaffee die Äußerung „verdammte großmütige russische Seele“. Die russische Seele schlägt in eine andere, nicht gewollte Qualität um. Es wird Schwäche vermutet.
 
Ein typisches Beispiel ist die Blockade von Transporten aus Russland nach Russland durch Litauen auf Weisung der Europäischen Union.
 
Es wäre falsch zu behaupten, dass diese Blockade plötzlich und unerwartet kam. Seit Jahren wird Kaliningrad mit verschiedensten Blockaden bedroht und hat auch teilweise recht entschlossen reagiert – Stichworte: Entwicklung der Landwirtschaft, Aufbau eines autonomen Energieversorgungssystems.
 
Nicht reagiert wurde auf die Transportlogistik. Hier musste das Kind erst in den Brunnen fallen, damit Russland reagiert. Mit großer Freude haben die Kaliningrader Unternehmen wohl die Meldung des Gouverneurs Anton Alichanow zur Kenntnis genommen, dass die Tarife für den Fährbetrieb so subventioniert werden, dass sie nicht teurer sind, als die Transit-Eisenbahntarife durch Litauen. Wenn es Anton Andrejewitsch jetzt noch gelingt, weitere fünf Fähren zu organisieren, könnten wir auf Litauen als Transitland wohl im wesentlichen verzichten und Litauen kann auf unsere Transitgebühren verzichten.  
 
Verzichtet hat Russland aber bisher nur auf die angekündigten Gegensanktionen.
 
Wir sind immer recht schnell mit Stellungnahmen und verbalen Sanktionen. Bei der Umsetzung scheitert es dann – eben wohl wegen der verdammten gutmütigen russischen Seele, die immer möglichst konfliktfrei Konflikte lösen will. Aber selbst Präsident Putin hat uns aus seinen Kindheitserfahrung vermittelt, dass man auch mal als erster zuschlagen muss, wenn eine Schlägerei unvermeidlich ist. Was den Fall „Litauen“ anbelangt, so haben wir aber nicht als erster zugeschlagen, sondern wir stecken Schläge ein und versuchen nur mit erhobenen Händen unser Gesicht zu schützen.
 
Am Dienstag war die gesetzte Frist zur Rücknahme der Blockade abgelaufen. Ich hatte erwartet, dass am Mittwoch das Sanktionspaket gegen Litauen verkündet wird. Immerhin war sogar Nikolai Patruschew extra nach Kaliningrad gereist, um Handlungen und Überlegungen abzustimmen und zu koordinieren.
 
Aber es passierte nichts, weder am Mittwoch, noch am Donnerstag.
 
Wenn es schon aus bestimmten Gründen – die das Volk nicht immer wissen muss – nicht angebracht ist, mit voller Wucht zuzuschlagen, so hätte ich mir gewünscht, dass am Mittwoch eine erste Sanktion, aus der mehr oder weniger langen Liste, verkündet worden wäre. Am Donnerstag die zweite … usw. usw. Das hätte die Bürokraten in Brüssel sicherlich in eine höhere Entscheidungsgeschwindigkeit versetzt, trotz G20- und NATO-Gipfel.
 
Aber nichts dergleichen passierte.
 
Wir hörten nur von „Quellen“ irgendwo im Westen, die berichten, dass man an einem Kompromiss arbeite, der bald verkündet wird.
 
Was für ein Kompromiss? Der alte Zustand ist herzustellen.
 
Alleine diese inoffiziellen Äußerungen hätten ausreichen müssen, um mit einer ersten Sanktion am Mittwoch verstehen zu geben, dass Oberkante-Unterlippe erreicht ist.
 
Dann lesen wir, dass Litauen meint, dass man keine Kompromisse zulässt. Einen Tag später lässt man dann doch eine Lösung zu … „eine Lösung“ … Sie verstehen? Was für eine Lösung? Aufhebung der Blockade Punkt.
 
Aber man brauche noch ein bisschen Zeit, um gemeinsam mit der Europäischen Union die Einzelheiten abzustimmen. Wie lange ist „ein bisschen“?
 
Litauen fängt nun an zu erzählen, dass man gar nicht schuldig ist. Man erfülle nur Weisungen aus der Europäischen Union. Die Europäische Union erzählt, dass wohl Litauen überreagiert hat. Und während man sich innerhalb der Europäischen Union noch rumstreitet … angeblich rumstreitet, wer denn an was Schuld oder nicht Schuld ist, wartet der russische Bär mit seiner unendlichen Geduld, dass er gefüttert wird … mit neuen Sanktionen.

 

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Kommentare ( 9 )

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 30. Juni 2022 14:55 pm

    Erichowitsch vertraue ....Rogosin kennt ja die Entscheidungszentren. Er müsste nur mal seine Informationen an der richtigen Stelle anbringen. Und mit seinen technischen Möglichkeiten kann er die heftigen Bewegungen in den betreffenden Entscheidungszentren genau analysieren.
    Und Russland hat ja noch heimliche Mitarbeiter weltweilt vor Ort.
    Aber Russland handelt! Jetzt wo, aus lauter Großzügigkeit der Seetransport zur Insel Zmelny eingestellt wird, werden ja weitere Kapazitäten frei. Wandel durch Handel
    Als Sofageneral sage ich: Russland stell die Versorgung mit Gas, Rohöl und anderen wichtigen Rohstoffen gen NATO - Gebiet ein und ruckzuck kappt die NATO ihre Verbindungen gen Ukraine.
    Was ist das überhaupt für ein Krieg?
    In Odessa und anderswo bleiben die großen Einkaufstempel offen. Vor dem 01. 07. stauen sich lange Kolonnen von PKW an den Übergangsstellen von Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien nach der Ukraine, nur weil man noch schnell zoll-/steuerfrei Kfz in die Ukraine einführt

  • Peter Nagel

    Veröffentlicht: 30. Juni 2022 16:01 pm

    Also ich verstehe auch so einiges nicht aber wir wissen halt nicht was im Kreml beschlossen wird!
    Vielleicht gibt es da Meinungsverschiedenheiten wie man handeln soll?
    Ja der gutmütige Russe wie lange hält er noch still und lässt alles über sich ergehen!
    Der Westen macht i.M. doch was er will und die NATO auch.
    Mit den Beitritt Finnlands und Schweden wird es für Russland nicht einfacher werden.
    Ich befürchte leider nichts gutes es sei denn Russland liefert wirklich kein Gas/Öl mehr.
    Dann hat die EU ein wirklich wirklich großes Problem und dann kann Russland zuschauen wie der Westen untergeht und dann andere Probleme bekommt als sich mit Sanktionen zu befassen!
    Ich würde dieses Problem in Kauf nehmen, denn der Westen braucht was auf die Fr...ähm...Mund!

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 30. Juni 2022 19:07 pm

    Die Welt hat ja nun erfahren, dass mindestens Macron und Putin Duzfreunde sind. Ich habe auch noch im Kopf das Bild der herzlichen Begrüßung von Putin und diesem Prinzen aus Saudiarabien, der da was mit dem zuvor und noch verschwundenen Kashohqi(oder so ähnlich) zu tun hatte.
    Eines der Ziele von Putin war doch, die Nato in die Grenzen von 1997 ....Nun erweitert sich so gar die Nato, wenn da nicht der Sultan vom Bosporus..... Aus einer einst obsoleten und hirntoten Nato wird plötzlich....
    Nun hat ja Russland noch ein Problem mit Norwegen....Welche Antwort wird es da geben?
    Die deutsche Bevölkerung folgt doch ihren gewählten Volksvertretern, Die Grünen usw. sind bereit, weil es deren Wähler auch sind.
    Also Russland , wir wissen was auf uns zukommt. Jähe Wendungen sind möglich!
    Stell die Lieferungen deiner umfangreichen Bodenschätze ein! Schlimmer als im Kältewinter 1946/47 kann es nicht kommen. Wir haben intakte Wohnungen, viele mit Kamin, Geothermie und Solaranlagen.
    Drushba...

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 30. Juni 2022 21:17

      ... ich habe verstanden, dass Sie verstanden haben, dass die Welt, zumindest jedoch Europa, sich in Richtung Chaos bewegt.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 1. Juli 2022 09:57 pm

    Jemand hat mal formuliert, daß "der Krieg die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln" sei.
    Vielleicht sollte man mal in Betracht ziehen, die Diplomatie in zwei Kategorien, ähnlich den Verteidigungsstufen, zu unterteilen.
    Da gibt es die diplomatische Diplomatie, praktiziert von ge- und ausgebildeten Leuten, im Westen kaum noch endemisch, und die aktuelle Form der undiplomatischen Diplomatie, vertreten von quer Eingestolperten, unter der Bedingung sachfremd sein zu müssen Akkreditierten.
    Man muß nicht immer gleich Krieg führen, denn diese Spezies versteht, wenn man ihr aufs vorlaute Maul haut.
    "Hauen" bedeutet dabei dann aber nicht mehr Ankündigen, sondern zeitgleiches Ausführen aller möglichen Maßnahmen, die den Betroffenen in seiner wirtschaftlichen Existenz wirksam schädigen !
    Wenn ein so Bedrohter in Kenntnis , daß sein Gegner eigentlich nicht an einer militärischen Lösung interessiert ist, dann trotzdem kämpfen will, hat er die Folgen, jenseits der Diplomatie zu verantworten

  • Gehag

    Veröffentlicht: 1. Juli 2022 11:48 pm

    Wer sich an Verhaltensweisen gewoehnt, der ist besser kalkulierbar!

  • Mombo

    Veröffentlicht: 1. Juli 2022 14:17 pm

    Auch in einem chaotischen Europa kann man Kurs halten. Wie sonst hätte die Rote Armee vor 77 Jahren Berlin gefunden?

  • Vogonendichter

    Veröffentlicht: 1. Juli 2022 18:07 pm

    Ja, wenn man bedenkt, das eine Liz Truss, mit ihrer Klappe, den 3. Weltkrieg auslösen könnte und nur der Besonnenheit eines Lawrow, es zu verdanken ist, das es noch nicht passiert ist.

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 1. Juli 2022 20:24 pm

    Angedrohte Maßnahmen sollten grundsätzlich durchgeführt werden. Und wenn eine Frist gesetzt wurde, ist diese einzuhalten. Falls man noch nicht weiß, ob Maßnahmen überhaupt durchführbar sind, sollte man lieber schweigen, statt leere Drohungen auszusprechen. Es ist wichtig, daß die Feind sich auf diese Art Verläßlichkeit verlassen kann, sonst wird er immer frecher.

  • Vogonendichter

    Veröffentlicht: 2. Juli 2022 00:06 pm

    Müller-Thurgau
    Das kenn ich auch in der Kindererziehung.
    Alles was du androhst, must du auch bereit sein durch zu ziehen, ansonsten hast du den "Kampf" schon verloren und du wirst unglaubwürdig.

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