Eigentum verpflichtet. Staatsbürgerschaft auch?

Eigentum verpflichtet. Staatsbürgerschaft auch?
 
Wer Eigentum hat, insbesondere Immobilien, hat es zu pflegen und zu hegen. Es soll erhalten bleiben und niemand anderen, durch einen vernachlässigten Zustand, gefährden. Aber wie sieht es mit der Staatsbürgerschaft eines Menschen aus. Muss die auch gehegt und gepflegt werden?
 
 
In Russland beginnt ganz vorsichtig, ganz leise – so mein Eindruck – die Diskussion um die Staatsbürgerschaft. Obwohl im Staatsbürgerschaftsgesetz dies so nicht geschrieben steht und in öffentlichen Meinungsäußerungen dies auch immer abgestritten wird, sehe ich in Russland zwei Arten von Staatsbürgerschaften: die gebürtige Staatsbürgerschaft und die verliehene Staatsbürgerschaft. Im praktischen täglichen Leben gibt es keine Unterschiede. Aber in besonderen Fällen schon.
 
Milliarden von Menschen haben eine Staatsbürgerschaft von Geburt an. Dies ist die natürlichste Staatsbürgerschaft. Auch ich hatte einmal die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik, von Geburt an. Mein Staat ist am 3. Oktober 1990 gestorben und somit war ich ab diesem Zeitpunkt ohne Staat. Der neue Staat, einige nennen ihn Vaterland, ich nenne ihn Stiefvaterland, zwang mich, die neuen Dokumente wie Personalausweis und Reisepass anzunehmen. In Ermangelung von Alternativen tat ich es.
 
Seit November 2020 habe ich nun eine Alternative und bin russischer Staatsbürger, aber kein Russe. Mir wurde die Staatsbürgerschaft verliehen. Bevor ich die Urkunde für die Einbürgerung nach fast 30jährigen Aufenthalt in Russland unterschrieb, musste ich einen Treueeid auf die Russische Föderation ablegen.
 
 
Das unterscheidet mich von allen anderen russischen Staatsbürgern, die in Russland geboren worden sind. Die brauchen diesen Treueeid nicht ablegen.
 
Und es gibt noch einen Unterschied. Mir kann die russische Staatsbürgerschaft aberkannt werden, wenn ich den Treueeid breche, also russische Gesetze verletze oder gar Vaterlandsverrat begehe. Der gebürtige Russe behält seine Staatsbürgerschaft, egal welche Verbrechen er begeht.
 
Für mich, der ich in der DDR an der Jugendweihe teilgenommen hatte, mich schwach an das Vorbereitungsjahr zur Jugendweihe erinnere, an die feierliche Veranstaltung selber und das anschließende Familienfest, steht heute die Frage, ob es nicht auch für Russland eine Entwicklung wäre, eine Art „Staatsbürgerschafts-Weihe“ einzuführen. Anlass könnte die Verleihung des ersten Passes in einem feierlichen Rahmen sein. Bei der Gelegenheit, könnte der oder die Jugendliche auch einen Treueeid auf das Land ihrer Geburt ablegen – man braucht sich da nichts Neues ausdenken. Der Eid, den ich abgelegt habe, ist perfekt. Gleiche Rechte und gleiche Pflichten und einen gleichen Eid für alle.
 
Und dann könnte man den nächsten Schritt gehen und die Gesetzgebung in Russland ein wenig den neuen gesellschaftlichen Erfordernissen anpassen, d.h. dass derjenige, der diesen Treueid verletzt, auch die Staatsbürgerschaft verlieren kann.
 
Soweit zur Vorrede.
 
Es ist grauenvoll, was wir jetzt in unseren russischen Medien täglich aus der russischen Gesellschaft lesen. Russland steht mal wieder, ähnlich wie am 22. Juni 1941, vor einer Schicksalsperiode. Und meine, anscheinend doch sehr konservativen Vorstellungen, gehen dahin, dass sich die russische Gesellschaft zu einer festen patriotischen Gemeinschaft um die Führung des Landes zusammenschließen muss, um gemeinsam die Schwierigkeiten zu bewältigen.
 
Aber wir hören, lesen und sehen, dass viele, genaue Zahlen kenne ich nicht, würde sie aber doch schon mit zehntausende beziffern wollen, das Land verlassen. Hierbei auch viele, die wir als Prominente aus Wirtschaft, Kultur, Politik und Medien kennen.
 
Den Spruch „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“ hier anzuwenden, ist völlig verkehrt. Die „Ratten“ verlassen das Schiff nicht, weil es sinkt, sondern weil sie merken, dass der Kapitän mit der Ungezieferbekämpfung begonnen hat und sie schätzen wohl ein, dass sie, als Mitglieder der Fünften Kolonne, die sich seit Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts gebildet hat, wohl keine Zukunft mehr haben. Somit werden sie in der Auslandskolonne der Fünften Kolonne Mitglied.
 
Bleiben wir gleich bei einem aktuellen Beispiel, das meine deutschen Leser und Zuschauer alle kennen.
 
Sie erinnern sich an die Meldungen aller deutschen Medien zu einer TV-Mitarbeiterin des „Ersten Kanals“, die mitten in den Abendnachrichten vor die Kamera sprang und ein Plakat zeigte? Das war natürlich für viele im Westen das eindeutige Signal, dass Putin nun zurücktreten und Russland auseinanderfallen muss. Aber Putin ist heute noch Präsident und Russland existiert auch noch weiter.
 
Die Dame, eine Prominente Mitarbeiterin, wurde entlassen, hatte wohl auch eine Strafe wegen Störung der öffentlichen Ordnung zu zahlen und das war es dann auch schon.
 
Heute hat die Dame einen Arbeitsvertrag mit der deutschen Zeitung „Die Welt“. Das teilte Wolodin, der Vorsitzende der russischen Staatsduma, den anderen Mitgliedern der russischen Gesellschaft mit. Sie wird jetzt also Artikel für die Zeitung eines NATO-Mitgliedslandes schreiben und begründen, weshalb es notwendig ist, dass der Westen Waffen und Militärausrüstungen in die Ukraine entsendet. Sie wird der russischen Gesellschaft begründen, dass es notwendig ist, dass diese Waffen russische Soldaten töten, damit die ukrainischen NAZIonalisten leben können.
 
Für mich steht noch die neugierige Frage, wann die Dame den Arbeitsvertrag mit der deutschen Zeitung unterschrieben hat: Bevor sie vor die Kamera gesprungen ist, also den ersten Auftrag des neuen Arbeitgebers schon ausgeführt hat, oder danach, als Belohnung für die Störung der öffentlichen Ordnung?
 
Und somit ist klar, dass man langsam und leise in der russischen Gesellschaft beginnt darüber nachzudenken, ob solchen Vaterlandsverrätern, Vaterlandsverräterinnen, Mitgliedern der Fünften Kolonne, die vom Westen gefüttert werden, nicht doch die Staatsbürgerschaft aberkennen sollte, denn sie sind ja eigentlich keine Bürger des Staates, sie sind Feinde des Staates und seiner Gesellschaft.
 
 
Mag sein, dass solche Gedanken nicht auf die Zustimmung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte stoßen. Aber Russland ist dort kein Mitglied und in Russland gilt die Verfassung aus dem Jahre 2020.
 
Wolodin stellte noch Überlegungen an, was wohl die USA mit solchen Staatsbürgern machen würden. Dort geht man weniger zimperlich mit ihnen um. Sie werden ausgestoßen und verlieren ihre staatsbürgerlichen Rechte.
 
„Leider haben wir für derartige „Bürger der Russischen Föderation“ keine Prozedur zum Entzug der Staatsbürgerschaft und können diesen auch nicht die Einreise nach Russland verbieten“, - schloss Wjatscheslaw Wolodin.
 
Wjatscheslaw Viktorowitsch! Wer, wenn nicht Sie hat alle Möglichkeiten zur Verfügung, dies zu ändern?
 
 
 
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Kommentare ( 7 )

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 13. April 2022 14:50 pm

    Nun weiß ich allerdings nicht, wie das lt. Staatsbürgerschaft in der RF geregelt ist. In der Sowjetischen Besatzungszone und auch noch den ersten Jahren in der DDR nach dem Ende des WK II gab es die seit 1913 deutsche Staatsangehörigkeit. Im Februar 1967 wurde für die Bürger der DDR ein Gesetz über die Staatsbürgerschaft der DDR beschlossen und in Kraft gesetzt. Dabei gab es aber dazu noch den Passus der Nationalität, was ich sehr gut fand. Damit war ein Russe, ein Ungar, Nigerianer oder oder oder ein Bürger der DDR, behielt aber den Status seiner Herkunft. Es ist doch schrecklich anzusehen oder anzuhören, daß aus Allerherrenländer hierzulande kunderbunt die Leute eingedeutscht werden. Können es kaum aussprechen - aber sind Toitsche. Wie ist das in der RF geregelt, denn die RF ist doch ein Vielvölkerstaat. Ich weiß noch, daß ich bei einem Usbeken in grauer Vorzeit mal aufgelaufen bin, da ich ihn einen Russen nannte. Er nahm es nicht krumm.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 13. April 2022 14:59

      ... der Usbeke war völlig zu Recht beleidigt, denn er ist Usbeke und kein Russe. Der Ukrainer, der Kasache, der Weißrusse ist auch kein Russe.

      Russe ist man durch Geburt, so wie man durch Geburt Deutscher ist. Der Türke, der eingebürgert wurde, ist nicht Deutscher, sondern deutscher Staatsbürger mit türkischer Nationalität.

      Und ich bin seit November 2020 auch kein Russe geworden, sondern Russischer Staatsbürger mit deutscher Nationalität. Allerdings ist dies in keinem meiner beiden Pässe (Inlandspass und Reisepass) vermerkt.

  • Eckart

    Veröffentlicht: 13. April 2022 16:32 pm

    Die Prozedur mit der Staatsbürgerschaft ist eine rein bürokratische Prozedur. In Deutschland gilt die Vaterschaft , in Frankreich gilt man als Franzose, wenn man dort geboren wurde und z.B. in Dänemark kann die Art der Staatsbürgerschaft bei Mischehen von Mutter oder Vaters die fürs Kind ausgewählt werden.
    Erstaunlich ist zum z.B. dass man in Deutschland einen "Personalausweis" bekommt - man ist also für den Staat nur >PERSONAL< . - Und was noch eigenartiger ist, dass der Name in Großbuchstaben geschrieben ist. Die Namen von Sklaven im alten Rom hat man mit großen Buchstaben geschrieben. Nur bei den Namen der Senatoren und Bürger der Oberschicht wurde der erste Buchstabe groß und der Rest in Kleinbuchstaben geschrieben. - Für den Staat ist man also quasi nur ein Sklave. - Super !
    Ein normaler Mensch bräuchte doch eigentlich gar keinen eigenen persönlichen Staat. - Es genügt doch, wenn er ein menschliche Wesen ist.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 13. April 2022 16:35

      ... Sie haben jetzt diesen Kommentar das dritte Mal gesendet. Den ersten habe ich veröffentlicht, den zweiten nicht - obwohl ja "Wiederholung die Mutter der Weisheit" sein soll. Nun kommt der Kommentar zum dritten Mal. Sie wollen doch nicht etwa, dass alle meine Leser hier zu Superweisen werden?

  • Eckart

    Veröffentlicht: 13. April 2022 17:43 pm

    Herr Niemeier,
    für mich war nicht sichtbar, dass meine 1. + 2. Fassung in der Kommentarspalte veröffentlicht wurde. - Also sorry. Ich hatte nicht vor Sie, und keinen hier, "klüger" machen zu wollen. - Es ist Ihr Blogg, --- mfg. und adieu

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 14. April 2022 00:38 pm

    @Eckart
    Sie müssen sehr alt sein, daß Sie nur diese verflossene Variante kennen. Ich habe mal was abkopiert.
    "Eheliche Kinder, die zwischen dem 01.01.1914 und dem 31.12.1963 geboren wurden, erwarben die deutsche Staatsangehörigkeit nur durch den deutschen Vater.
    Eheliche Kinder einer deutschen Mutter, die nach dem 01.01.1964 und vor dem 31.12.1974 geboren wurden, erwarben die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn sie sonst staatenlos geworden wären.
    Eheliche Kinder, die seit dem 01.01.1975 geboren wurden, erwarben die Staatsangehörigkeit, wenn einer der beiden Elternteile deutsch war.
    Eheliche Kinder einer deutschen Mutter, die nach dem 01.04.1953 und vor dem 01.01.1975 geboren wurden und bereits eine Staatsangehörigkeit besaßen, hatten ab dem 01.01.1975 die Möglichkeit eine Erklärung abzugeben, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten wollten. Diese Erklärungsfrist endete zunächst mit dem 31.12.1977. Seit dem 20.08.2021 gibt es für diese Kinder und deren Abkömmlinge ...."

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 14. April 2022 00:44 pm

    " ... für mich war nicht sichtbar, ... "
    Uwe, da hat er Recht. Ich weiß es nach ... Jahren. Andere auch. Er weiß es nicht.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 14. April 2022 12:05 pm

    Es ist davon auszugehen, daß die neue Mitarbeiterin der "Welt" schon bei der Provokation in "warmen Tüchern" lebte, denn glaubhaft ist nur der Protestler, der sich auch möglichen Konsequenzen stellt.
    Auf die gehirngewaschene und alimentierte junge Intelligenz der 90-ger, die ja ihren Bereicherungsstatus erfolgreich genutzt hat , kann man getrost verzichten. Deren Exodus beseitigt den weiteren Verbleib von nunan nicht mehr Partizipierender, Unzufriedener, und somit nutzloser Bürger.
    Rußland wird intellektuell nicht ausbluten, und junge Menschen mit guter Schul- bzw. Ausbildung haben noch immer nach Entwicklungsschancen gesucht, die sich jetzt bieten.
    Aber die jetzt abwandernden "Oldies" können nicht davon ausgehen, in adäquate Positionen zu ihrem bisherigen Sein zu kommen.
    Ihnen verbleibt eine Existenz auf dem bisher Zusammengekratzten.
    Sie werden wohl kaum einer "Willkommenskultur" auf dem umkämpften, hochdotierten westlichen Arbeitsmarkt anheim fallen.
    Statusverlust ist inclusive !!!

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 14. April 2022 13:25 pm

    Was mir schon lange mal am Herzen liegt:
    Es mag ja sein, daß es Grundrechte gibt, aber ganz sicher nicht ohne Grundpflichten. So hab zumindest ich bisher mein Leben eingerichtet, gemäß dem Vorleben durch meine Eltern.
    Man erfüllt Pflichten, um Rechte zu erwerben, und das vom ersten bis zum letzten Schrei.
    Auszunehmen sind eigenerwerbsunfähige Behinderte oder Kinder wobei auch denen Pflichten im Rahmen obliegen!
    Selbst die kleinste Rotznase kräht heute schon von Recht und Freiheit, aber ohne die Bereitschaft, das Seine dazu beizutragen.
    Der Leben und Gesundheit zur Verfügung stellende Bürger in Uniform sollte doch wissen, wem das letztlich gewidmet ist, nämlich der
    gewöhnlich durch Geburt zugehörigen "Nation", einem nur in D als Unwort gekennzeichneten Begriff.
    Wir sind umgeben von Nationalisten, selbst Mischvölker wie USA oder Ukrainer erheben diesen Anspruch, aber wir sollten ihn aufgeben, selbstverneinend nur noch nützliche Europäer sein.
    Dieser Wunsch wird nicht aufgehen !!!

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