Ein Gespräch mit Nachbarn in der Corona-Krise

Ein Gespräch mit Nachbarn in der Corona-Krise

 

Die Nachrichtenlage in Kaliningrad und überhaupt in Russland ist katastrophal. Hauptthema ist natürlich das Corona-Virus. Andere, für Deutsche interessante Themen aus dem russischen Leben, findet man nur mit Mühe. Und wenn man sich mit Bekannten und Nachbarn trifft, ist Corona natürlich auch das Thema Nummer 1.

 

 

Persönlich gehöre ich zu den Kaliningradern, die ziemlich streng die Ausgangsregelungen beachten. Ich fühle mich zwar nicht wie 65 und somit zur Risikogruppe zugehörig, aber Fakt ist nun mal Fakt.

Und so gehe ich höchstens einmal die Woche ins Freie, zum Supermarkt, mit einer konkreten Liste dessen, was ich benötige, um möglichst schnell wieder nach Hause zu kommen. Mein Pech in der letzten Woche war, dass mein Supermarkt umgebaut hatte und ich die doppelte Zeit zum Einkaufen benötigte – nichts stand mehr am alten Ort.

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Ab und zu muss man auch mal zur Bank. Eines meiner Lieblingsthemen ist die Arbeit mit Geld. Und die jetzige Lage in Russland ist außerordentlich interessant, um mit Geld Geld zu verdienen. Leider hat auch meine Lieblingsbank, gleich um die Ecke bei mir, ihre Filiale geschlossen, und man muss sich ins Stadtzentrum begeben, um dort Valuta zu kaufen oder zu verkaufen. Ehe man aber im Stadtzentrum ist, ändert sich schon wieder der Kurs … tja, es ist nicht einfach in der heutigen Zeit. Aber es ist interessant.

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So hatte ich mit meinen Nachbarn – wir wohnen zusammen in einer „Immobilie“ seit über 20 Jahren, ein kleinwenig den 1. Mai gefeiert und uns an die schönen sowjetischen … und ich natürlich an die DDR-Zeiten erinnert. Ging man zur Demonstration, bekam man kostenlos Bockwurst mit Brötchen und rote Limonade. Zu unserem Erste-Mai-Abend gab es bei uns auch Bockwurst, allerdings nicht kostenlos. Und es gab keine rote Limonade, sondern ein „Wässerchen“. Wir waren alle verantwortungsbewusst und haben es nicht übertrieben.

Bei der Gelegenheit, immerhin feierten wir den „Tag der Arbeit“, erkundigte ich mich, wie es denn meinen Nachbarn so geht. Immerhin bin ich von uns allen der Privilegierteste im Status Rentner und erhalten mit pedantischer Pünktlichkeit meine russische Rente. Meine Nachbarn arbeiten noch.

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Meine Nachbarin ist Krankenschwester. Sie arbeitet in einem Kindergarten. In Russland gibt es in allen Kindergärten medizinische Abteilungen und sie arbeitet bereits ihr ganzes Leben in diesem Kindergarten. Jetzt ist es sehr ruhig, weil die Kindergärten geschlossen sind. Es gibt nur einige operative Kindergärten, wo die Eltern, die arbeiten dürfen, ihre Kinder hinbringen. Die Anzahl dieser diensthabenden Kindergärten wird ständig den Erfordernissen angepasst. Und so geht auch meine Nachbarin zum Dienst, erhält ihr Gehalt und somit hat die Krise keine wirklich spürbaren Auswirkungen.

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Ihr Mann dagegen sitzt zu Hause. Er ist Mitarbeiter im Einzelhandel und dort, wo er arbeitet, sind alle Geschäfte geschlossen, vermutlich auf lange Sicht. Er arbeitet in einer sehr bekannten Kaliningrader Firma. Bekannt ist sie auch deshalb, weil sie sozial verantwortungsbewusst arbeitet. Hier gibt es keine Gehälter im Umschlag und es wird vollumfänglich in die Sozialkassen bezahlt. Da wunderte es mich schon, als ich hörte, dass die Firma ihre Mitarbeiter unbezahlt in den Urlaub geschickt hat. Ich hätte gedacht, dass die Firma mindestens den Mindestlohn zahlt – nein, das passierte nicht. Aber dann griff der Staat ein und Putin gab Weisungen zur Unterstützung des Unternehmertums. Es wurde einem richtig schwindlig im Kopf, wenn man die Milliarden und Milliarden hörte, die jetzt in die Wirtschaft geschickt werden. Aber was bedeuten diese Milliarden Rubel in verständlicher Form?

Nun, mein Nachbar erklärte mir, dass er jetzt zwei Drittel seines Gehaltes weiterbezahlt bekommt. Ab und zu macht er eine Kontrolle in dem Bereich, wo er verantwortlich ist und beschäftigt sich ansonsten in seiner Kellerwerkstatt, treibt Sport und hilft der Familie mit seinen Goldenen Händen.

Und er erzählte mir, wie es anderen Mitarbeitern in der Firma geht. Hier wurde den Mitarbeitern, die Kinder haben, vorgeschlagen, eine Kündigung zu schreiben. Als ich das hörte, war ich entsetzt. Aber mein Nachbar beruhigte mich sofort. Die Firma hat vorgeschlagen, dass man einen Vertrag mit der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter schließt, dass diese, wenn die Läden wieder öffnen, zu den alten Konditionen eingestellt werden. Jetzt aber sollten sie kündigen und sich offiziell als arbeitssuchend im staatlichen Arbeitsamt melden. Dort erhalten Sie Arbeitslosengeld, welches natürlich niedriger ist als ihr bisheriges Gehalt. Aber sie erhalten auch Kindergeld. Und das Kindergeld ist so hoch, dass sie insgesamt mehr Geld zur Verfügung haben, als bisher, wo die Welt noch ohne Corona-Virus lebte. Und da macht es natürlich Sinn, über eine abgesicherte Kündigung nachzudenken und die Angebote des Staates zu nutzen.

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Und ich habe noch einen anderen Bekannten getroffen – virtuell. Wir telefonieren ab und zu mal. Er ist der Leiter einer Wohnungsverwaltung in Kaliningrad. Und ich fragte ihn, wie bei ihm die Geschäfte laufen. Er erzählte mir, dass es in den letzten zwei Monaten nur einen einzigen Mietkunden gab, der um einen Zahlungsaufschub von 14 Tagen gebeten habe. Alle anderen zahlen pünktlich die Miete. Nur ein einziger Mieter ist bisher ausgezogen – eine junge Frau, die erst vor zwei Monaten aus dem „Hotel Mama“ ausgezogen ist. Jetzt ist sie in das „Hotel Mama“ zurückgezogen – ihre Miete und die Nebenkosten hat sie aber pünktlich bezahlt. Auch er kann sich gegenwärtig nicht über irgendwelche Schwierigkeiten beklagen.

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Vermutlich gibt es nicht in allen Bereichen des russischen gesellschaftlichen Lebens ideale Bedingungen. Aber das es zu irgendwelchen krassen, extraordinär-schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen gekommen ist – davon habe ich bisher nichts gehört und nichts gesehen.

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Kommentare ( 2 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 4. Mai 2020 19:52 pm

    Vor ein paar Tagen gab es im BRD-Fernsehen Tagesschau 24HD einen mehrminütigen Beitrag über Kaliningrad. Ach nein, -Zwischen Königsberg und Rominter Heide - , so hieß das Machwerk.
    Ein russisches Königsberger Paar hat, welches für den Denkmalschutz in der Stadt eintritt, hat sich mit der Stadtverwaltung angelegt und verhindert, daß ein Kleinpflaster aus früheren Zeiten nicht entfernt und durch Asphalt ersetzt wird. Dazu wurde eingeblendet wie das schon nicht mehr intakte Pflaster fotografisch gesichert wird, damit auch keiner so ein Pflasterchen verändern könnte. In diesem Stil ging es weiter, wobei auch die erneuerte Uferpromenate gezeigt wurde und es bedauert wurde, daß eben Königsberg nicht wieder historisch aufgebaut worden ist, weil es ja – nach Kriegsende – faktisch dem Erdboden gleich gemacht worden ist.
    Daß selbst der Spiegel in einem Beitrag 2014 von „1944 verglühte Ostpreußens Hauptstadt bei zwei Luftangriffen der Briten im ... Die deutschen Verteidiger der .. Fortsetzung

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 4. Mai 2020 19:57 pm

    Fortsetzung!
    Die deutschen Verteidiger der "Festung Königsberg" können ... „ schreibt, ficht die Moderation von Udo Biß nicht an, dummdreist zu lügen. Und das ist staatstragende Berichterstattung der ARD, die ständig neues Zwangsgeld vom unmündig gehaltenen Bürger haben wollen.
    Da braucht man sich doch nicht zu wundern, daß es irgendwelche Leute gibt, die da meinen, die Stellschrauben der Landesgrenzen noch irgendwie drehen zu können. Nun ja, mit der neuen Konstitutia wird aus all diesen "Hoffnungen" wohl die Luft raus gelassen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 4. Mai 2020 20:14

      ... was aber nicht heißt, dass mit der neuen Verfassung in Russland, die Diskussionen in Deutschland aufhören. Man hat vierzig Jahre die "Deutsche Frage" offen gehalten, also auch noch zu Zeiten, als die "sogenannte DDR" längt Mitglied der UNO war ... und? Man hat das Ziel erreicht ...

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