Ein Menschenschicksal

Ein Menschenschicksal

 

Es gibt zwei Daten, die bei einem Deutschen Emotionen auslösen müssten. Das erste Datum, der 22. Juni 1941 – ein Datum mit Schuld-Emotionen. Das zweite Datum der 8./9. Mai 1945, ein Datum mit Dankbarkeits-Emotionen.

 

 

150 deutsche Divisionen, mit rund drei Millionen begeisterter, siegverwöhnter Soldaten, fielen am 22. Juni 1941 in die schlafende Sowjetunion ein. 1.416 Tage später lebte der größte Teil dieser Soldaten nicht mehr und nicht nur Hitler war kaputt, sondern auch Deutschland.

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27 Millionen sowjetischer Menschen haben in dieser Zeit ihr Leben gegeben.

Eine Million Leningrader, die Stadt, in der ich als Deutscher, 35 Jahre nach Kriegsende, ein Studium beginnen durfte, sind „planmäßig“ durch die Blockade, die die deutsche Wehrmacht organisierte, verhungert. Jedes Jahr während des Studiums, war der Besuch des Heldenfriedhofes „Piskarjowskoje“ (Пискарёвское мемориальное кладбище) dankbare Pflicht.

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Dankbar war ich deshalb, weil ich leben durfte, mein Vater mit 16 Jahren nur wenige Tage Spatensoldat und meine Mutter zu jung war, um in Waffenfabriken Granaten zu drehen. 27 Millionen sowjetischer Schicksale verliefen anders. Sie starben, um Deutschland am weiteren morden in der Welt und im eigenen Land zu hindern und mir meine friedliche Geburt und mein friedliches Aufwachsen in der DDR mit ihrem Opfer ermöglichten.

Stalin irrte, als er im Dezember 1938 an Ribbentrop ein Telegramm sandte:

 

 

Die Freundschaft hat nicht lange gehalten, nein, es hat sie nie gegeben. Wie denn auch, wenn der größte Verbrecher, den Deutschland je hatte, bereits im Jahre 1925 die Ausrottung des Kommunismus als eines seiner politischen Ziele erklärte. Viel Naives hat es anscheinend in der Zeit zwischen 1933 und 1939 in der Sowjetunion zum Verhältnis zu Deutschland gegeben. Und diese Naivität wurde teuer bezahlt – nicht nur während der Zeit des Krieges, sondern auch danach, denn wirkliche Dankbarkeit gegenüber dem Land, welches dem größten deutschen Mörder in der Weltgeschichte das Handwerk legte, gab es nie – zumindest haben es die Deutschen verstanden, ihre Dankbarkeits-Emotionen in Grenzen zu halten – und dies bis zum heutigen Tag.

Ich lebe in diesem Land nun rund 30 Jahre. Russland ist ein Land, welches mir nach 1990 all das gegeben hat, was mich zu einem glücklichen, dankbaren Menschen machte. Ich durfte studieren, ich durfte arbeiten, ich durfte Firmen gründen, ich durfte Geld verdienen und zufrieden sein – ein Gefühl, was nicht alle Ostdeutschen, oder, wie man heute formuliert, Mitteldeutschen, nach 1990 erlebten.

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Feiern tue ich den 8. Mai als Tag der Befreiung, der leider in Deutschland kein staatlicher Feiertag mehr ist. Andere Feiertage haben in Deutschland mehr Bedeutung. Und ich nehme am 9. Mai an den offiziellen und privaten Feiern zum Tag des Sieges im russischen Kaliningrad teil, dem nördlichen Teil von exOstpreußen, dem kleinen Preis den Deutschland bezahlt hat für seine verkehrte, verbrecherische Politik. Reden tue ich an diesem Tag wenig. Ich schweige. Den Tag der Befreiung nutze ich, wie jedes Jahr, um mir „Ein Menschenschicksal“ von Scholochow anzuschauen – ein Film der Emotionen auslöst und ein Film der gut ist gegen das Vergessen.

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Kommentare ( 3 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 10. Mai 2020 03:14 pm

    Der 75. Jahrestag des Sieges ist vor kurzem dem nächsten Tag gewichen. Ich habe mich mächtig aufgeregt, was diese Polit-Elite, allen voran mit dem Noske-Verschnitt Steinmeier am Tage zuvor für eine beispiellose Provokation mit der vorgetragenen Rede vor der Neuen Wache in Berlin abgezogen hat.
    Wenn ich dieses Verwaltungsgebilde BRD als meinen Staat ansehen würde, hätte ich mich als Deutscher für die negierende Rede bezüglich aller gegen den Faschismus kämpfenden Armeen und Partisanen aller beteiligten Länder in allen Himmelsrichtungen dieser Person Steinmeier in Grund und Boden geschämt. Stattdessen ergoß er sich in Lobhudeleien bezüglich der BRD, der er als Grüßaugust vorsteht. Aber der hatte noch nie politischen Anstand. Er gibt vor, Sozialdemokrat zu sein.
    So lebe ich zwar in diesem eigentlich undefinierten Land (BRD sei mit Deutschem Reich identisch), aber es ist nicht mein Land, zu dem ich stehen würde.
    Den Film kenne ich. Sehr berührend.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 10. Mai 2020 11:59 pm

    @Radeberger
    Am besten sie wandern nach Neu-Schwaben-Land aus.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 10. Mai 2020 19:36 pm

    Oh, Herr Werner, wieder mal im Forum. Wo und was ist denn dieses Neu-Schwaben-Land? Kenne ich nicht. Helfen Sie mir doch mal ein bischen auf die Sprünge. Danke.
    Ach so, scheinbar hat Ihnen diese die gesamte Anti-Hitler-Koalition verhöhnende Rede dieses jetzigen SPD-Grüßaugust gefallen, der ein gerüttelt Maß Schuld gemeinsam mit seinen damaligen französischen und polnischen Amtskollegen mit daran trägt, daß die nationalistischen und nazistischen Kräfte in Kiew an die Macht gekommen sind und es in der Süd-Ost-Ukraine immer noch Krieg gibt.

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