EK-Bewegung in der russischen Armee – ein schwer zu lösendes Phänomen

EK-Bewegung in der russischen Armee – ein schwer zu lösendes Phänomen

 

Deutsche, die in der NVA gedient haben, kennen das Thema der sogenannten EK-Bewegung. Zu DDR-Zeiten ein „Rotes Tuch“ für die entwickelte sozialistische Gesellschaft, denn in dieser so entwickelten Gesellschaft, hätte es dieses zwischenmenschliche Problem eigentlich gar nicht geben dürfen.

 

 

„EK“ steht für „Entlassungskandidat“. Zur damaligen Zeit diente ein Wehrpflichtiger 18 Monate und im Verlaufe dieser 18 Monate, gesplittet nach 1., 2. und drittem Diensthalbjahr, bildete sich eine Hierarchie heraus, wo der „Neue“, also der Soldat im ersten Diensthalbjahr, den Soldaten des dritten Diensthalbjahres „zu Diensten“ zu sein hatte. Leider blieb es nicht dabei, dass die jungen Soldaten dem Älteren die Stiefel zu putzen und ihm das Kompott vom Mittagessen zu übergeben hatten. Es artete in Drangsalieren aus. Man dachte sich die „Musiktruhe“ aus, das „Tage abbellen“ auf dem Soldatenspind, den „Weihnachtsbaum“, die „Schildkröte“ und vieles mehr. In einem Truppenteil auf der Insel Rügen gab es sogar Mutproben, wonach Soldaten eine Flasche Korn zu trinken und dann an der Außenwand der Soldatenunterkunft, auf einem schmalen Vorsprung, von einem Zimmer zum anderen zu hangeln hatten. Einige bezahlten den Absturz mit dem Leben. Schuld waren natürlich nicht die Soldaten, sondern die Vorgesetzten, die ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hatten.

Und bei den Soldaten des dritten Diensthalbjahres gab es das sogenannte Bandmaß, an dem die noch verbliebenen Tage bis zur Entlassung täglich abgeschnitten worden. Häufig hatten die Soldaten des ersten Diensthalbjahres diese Zeremonie durchzuführen. Durch die Vorgesetzten fand eine regelrechte Jagd auf diese „Bandmaße“ statt. Die Beschlagnahme, des oft recht einfallsreich gestalteten Bandmaßes, kam einer schmählichen Niederlage für den „EK“, den Entlassungskandidaten gleich, denn dieser war dem Spott und der Demütigung seiner Genossen ausgesetzt.

Bis zur Auflösung der NVA war ich der Überzeugung, dass man dieses Problem in der sowjetischen Armee nicht kannte. Aber ich irrte, denn ich vergaß den Spruch: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ und gelernt wurde eben auf allen Gebieten.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Niedergang der russischen Armee ging aber dieses Phänomen des Mobbings in der Armee nicht verloren. In der russischen Armee wird diese Erscheinung, wo ältere Soldaten jüngere Kameraden drangsalieren, als Dedowschina bezeichnet.

Als Sergej Schoigu die Funktion des russischen Verteidigungsministers übernahm, begann das große Aufräumen in der Armee – auf allen Gebieten. So auch im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen und das Phänomen der „Dedowschina“ stand beim Aufräumen ganz oben auf der Liste. Und es sah so aus, als ob Russland dieses Problem wirklich gelöst hat. Verstanden habe ich so, dass mit dem Übergang der Armee zu einer Vertragsarmee, sich der Personalbestand qualitativ änderte. Es gab weniger Wehrpflichtige und mit der Modernisierung, auch des Personalbestandes, verschwand das Problem praktisch automatisch.

Aber neueste Ereignisse zeigen, dass man sich wohl selber betrogen hat oder die Erfolge bei der Zurückdrängung dieses Phänomens doch nicht so groß waren, wie bisher erhofft. Kommentiert wird, dass die Rolle der „Dedowschinas“ jetzt die Vertragssoldaten übernommen haben, denn der einfache Wehrpflichtige dient nur noch 12 Monate und da gibt es so gut wie keine Chance für das „Letzte Drittel“, dieses menschendiskriminierende System für sich auszuprägen.

Ein Soldat in einem Truppenteil hat die persönliche Drangsalierung und Diskreditierung nicht mehr ausgehalten. Er nutzte am 25. Oktober 2019 einen Moment, wo dem Personalbestand der Einheit, in der er diente, die Waffen ausgegeben wurden, steckte das Magazin mit 30 Schuss Munition in die Maschinenpistole und schoss auf all diejenigen, die ihn gepeinigt hatten. Zuerst traf es einen Oberleutnant, der wohl als Kompaniechef einen besonders peinigenden Einfluss auf den Soldaten ausgeübt hatte. Danach starben sieben weitere Soldaten, davon zwei, die eigentlich nicht sterben sollten, aber in der Schusslinie standen. Nach diesem Massaker übergab der Soldat die Waffe und sich selbst den herbeieilenden Soldaten einer Anti-Terror-Einheit.

Im Verhör bekannte der Soldat, dass er nichts bereue, außer, dass zwei Unschuldige sterben mussten.

Russische Medien berichten nun fast jeden Tag neue Details aus dem Truppenteil, dem Umfeld der getöteten Armeeangehörigen, dem Umfeld des Schützen. Aussagen variieren, werden bestätigt, werden dementiert.

Insgesamt spielt es aber überhaupt keine Rolle, welche Details richtig sind und welche nicht. Wichtig ist zu wissen, dass es das Drangsalierungssystem in der russischen Armee immer noch gibt, noch nicht ausgerottet ist. Ausgerottet, Entschuldigung für diesen groben Ausdruck im Zusammenhang mit getöteten Menschen, wurden nur die, die den Soldaten in dem genannten Truppenteil drangsaliert hatten. So schlimm wie dieser Vorfall war, vielleicht hilft er aber auch, nun endlich dieses zwischenmenschliche Problem in der Armee zu lösen, denn niemand kann garantieren, dass nicht ein zweiter Soldat seine Drangsal auf diese Art und Weise beendet. Kennen alle Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere diese Gefahr, werden sie vielleicht zukünftig einfach nur menschlich miteinander umgehen, menschlich im positiven Sinne des Wortes.

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Kommentare ( 1 )

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 12. November 2019 14:16 pm

    >Bis zur Auflösung der NVA war ich der Überzeugung, dass man dieses Problem in der sowjetischen Armee nicht kannte.
    Und ob. Durfte ich in den sowjetischen Kasernen in der DDR und auch in der UdSSR sehen, wie Soldaten geschlagen wurden, z.T. mit Ketten. Und das vor aller Augen - auch denen der Offiziere. Grund waren natürlich auch Kollektivstrafen, wenn z.B. einer die Norm nicht schafte. Das waren sehr eindrückliche Erlebnisse - neben denen in der NVA - haben sie ja aufgezählt: Schildkröte etc. Ursache ist (war) da natürlich auch die Kasernierung und das eingesperrt sein über Monate ...

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