Es wird eng in Kaliningrad

Es wird eng in Kaliningrad
 
In der russischen Gesellschaft kennt man den Begriff „Gummi-Wohnung“. Den Begriff „Gummi-Stadt“ gibt es nicht. Und den Begriff „Gummi-Gebiet“ gibt es, insbesondere für die russische Exklave Kaliningrad, schon gar nicht.
 
 
„Gummi-Wohnung“ ist der gesellschaftliche Begriff für eine illegale Registrierung von Ausländern in einer Wohnung. Man staunt nicht schlecht, wenn man liest, dass in einer Ein-Raum-Wohnung 25, 50, 100 Personen registriert sind. Zu früheren Zeiten waren in einer Moskauer Wohnung tausende Menschen registriert. Damals ein tolles Geschäft, um schnell reich zu werden. Heute ein tolles Business, um schnell ins Gefängnis zu wandern.
 
Videoeinspielung: Kinoklassiker „Der Revisor“
 
In diesen Gummi-Wohnungen lebten die Menschen nur virtuell, also auf dem Papier. Aber in Kaliningrad leben die Menschen real … und zwar mit jedem Tag mehr. Jetzt beginnt die Stadt Alarm zu schlagen, denn es wird eng in der Stadt.
 
Grafik: Bevölkerungsentwicklung der Stadt Kaliningrad
 
Die Stadtverantwortlichen gehen davon aus, dass wir im Jahre 2021 die Einwohnerzahl von einer halben Million überschreiten werden. Bereits jetzt gibt es unbewiesene Zahlen, dass sich in Kaliningrad wesentlich mehr Menschen aufhalten – entweder Illegale oder aber Personen, die sich irgendwo im Kaliningrader Gebiet registriert haben, aber sich real in der Gebietshauptstadt aufhalten.
 
Der Bevölkerungszuwachs, sowohl für die Stadt Kaliningrad, wie auch für das Gebiet, erfolgt leider nicht aus eigener Kraft. Stadt und Gebiet haben eine große Außen-Migration. Hierunter versteht man die Übersiedlung von Personen aus dem russischen Mutterland, aber auch aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Für viele ist Kaliningrad nicht nur des Klimas wegen attraktiv, sondern auch des Lebensniveaus wegen und dem besonderen Flair – der unmittelbaren Nähe zu Polen und Litauen.
 
Videoeinspielung: Kinoklassiker „Jemeljan Pugatschow“
 
Die Stadtverantwortlichen gehen davon aus, dass im Jahre 2026 Kaliningrad eine Einwohnerzahl von 524.000 haben wird,
 
Und alle diese Menschen benötigen Wohnraum.
 
Kaliningrad, sowohl Stadt, wie auch Gebiet, legt ein enormes Bautempo in den letzten 15 Jahren vor. Der Löwenanteil des gebauten Wohnraums entfällt natürlich auf die Gebietshauptstadt.  
 

Grafik: Vorhandener Wohnraum im Kaliningrader Gebiet
 
Gebaut werden konnte deshalb so schnell und so viel, weil ausreichend Platz, sowohl innerhalb der Stadt, wie auch im unmittelbaren Umfeld der Stadtgrenzen, vorhanden war.
 
Grafik: Vorhandener Wohnraum in Quadratmetern je Einwohner
 
Optisch und statistisch konnte man beobachten, wie die Anzahl der Etagen der gebauten Häuser in Kaliningrad wuchs.
 
Videobegleitung: Neubaugebiet ul. Karamsina
 
Das historische Bild einer mittelalterlichen Stadt, mit Häusern bis zu vier Etagen, gelegen in engen Straßen und dichtbebauten dunklen Wohnvierteln, hat Kaliningrad längst verloren. Kaliningrad strebt in die Höhe. Aber eigentlich ist dies nicht erwünscht, denn es entsteht ein Bild der Disharmonie zwischen den modernen Wohn-Hochhäusern und der noch verbliebenen historischen Bausubstanz.
 
Und somit beginnt das Problem der Stadt öffentlich zu werden. In den letzten Tagen veröffentlichen Kaliningrader Medien die Befürchtungen der Stadt: Es gibt keine Bauflächen mehr, aber die Bevölkerungszahl wächst und es wächst die Nachfrage nach Wohnraum.
 
Videobegleitung: Neubau-Baustellen am Kaliningrader Stadtrand
 
Die Prognosen zeigen aber auch, dass man im Jahre 2020 noch 600.000 Quadratmeter Wohnfläche errichten kann, aber im Jahre 2021 sich die Fläche halbiert – 340.000 Quadratmeter. Im Jahre 2026 wird nur noch 308.000 Quadratmeter Wohnraum errichtet.
 
Somit beginnt die verstärkte Diskussion, die Erfahrungen der Stadt Moskau im Rahmen des Renovationsprogramms auch in Kaliningrad anzuwenden.
 
Videobegleitung: Vielfalt historischer Bausubstanz in der Stadt Kaliningrad
 
Kurz zusammengefasst beinhaltet das Moskauer Programm den Abriss zehntausender von Häusern, die in Sowjetzeiten gebaut worden sind und die eine Etagenanzahl bis zu fünf Etagen haben. Die Bewohner erhalten eine Abfindung oder eine neue Wohnung.
 
Videobegleitung: Wohn-Hochhaus im Norden der Stadt ul. Gaidara
 
Anstelle des abgerissenen Hauses mit fünf Etagen, wird ein Haus mit 10, 20 oder mehr Etagen gebaut. Bedingt durch die höhere Etagenzahl wird der Abriss, die Umsiedlung, die Abfindung der Bewohner finanziert und die Bauwirtschaft wird dafür Sorge tragen, dass auch ein Gewinn erarbeitet wird.
 
Videoeinspielung: Kinoklassiker „Tote Seelen“
 
Genau diese Gedanken hat man auch für Kaliningrad – mit dem Unterschied, dass Kaliningrad nicht ganz so reich ist wie Moskau. Um das Renovationsprogramm beginnen zu können, braucht man erstmal eine Startsumme an Geld und eine ausreichende Startmenge an Wohnraum, welcher vorrausschauend errichtet wird, um die Bewohner der „Chruschowskas“ umzusiedeln. Dieser Prozess wird in Kaliningrad mehr Zeit in Anspruch nehmen als in der Stadt Moskau.
 
Videobegleitung: Stadtansichten Kaliningrad
 
Setzt aber dieser Prozess ein, so wird Kaliningrad innerhalb von zehn Jahren – so meine Schätzung – sein architektonisches Gesicht völlig verändern. Es werden sehr viele Bauten mit sowjetischer Zweckarchitektur aus dem Stadtbild verschwinden und natürlich auch viele historische Gebäude, die keinerlei Wert im Sinne des Denkmalschutzes darstellen. Der Charakter der Stadt wird in zehn Jahren ein völlig anderer sein: eine hochmoderne russische Stadt, mit russischer Architektur und einigen wenigen historischen Gebäuden.

 

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