Experten in Russland: Taxist, Dwornik und Babuschka

Experten in Russland: Taxist, Dwornik und Babuschka
 
Journalisten und Blogger sind immer auf der Jagd nach Neuigkeiten. Je sensationeller, je schneller, um so besser. Wer professionell arbeitet, kann damit gutes Geld verdienen. Wichtig sind natürlich Informanten, die die Sensationen liefern. „Baltische Welle“ verfügt leider über keine Informanten und ist somit auf Zufallsinformationen oder aber offizielle Quellen angewiesen. Logisch, dass damit kaum Geld zu verdienen ist.
 
 
Heute, nach dem obligatorischen Saunabesuch, meinte unser Liberalissimus, auf dem Weg zur Dusche, dass bereits fünf Millionen männlicher Russen das Land seit dem 22. September verlassen haben. Keiner will dienen, geschweige denn kämpfen – meinte er.
 
Ich war beeindruckt und fragte, woher er denn diese Zahlen habe. Selbst Peskow hatte erklärt, dass der Kreml keine Informationen hat, wie viele männliche Bürger, dazu noch im wehrpflichtigen Alter, Russland verlassen haben.
 
Und er meinte, dass er gestern eine Babuschka in der Elektritschka getroffen habe, die habe ihm das erzählt.
 
„Aha“, antwortete ich. Babuschkas, Taxisten und Dwornikis, also Straßenfeger, sind natürlich die Grundsäulen der russischen Informationsgesellschaft.  Dazu kommt natürlich in einer modernen Informationsgesellschaft noch die Sozialnetzwerke, die verbreiten, dass 260.000 ausgereist sein sollen.
 
Ich erinnerte mich auch an Informationen, wonach angeblich Lukaschenko, im „intimen“ Gespräch mit Putin gefragt haben soll, was er mit den 50.000 ausgereisten Russen machen soll, die keinen Wehrdienst leisten wollen.
 
Und ich erinnerte an eine Äußerung von Peskow vom gestrigen Tag: „Es gibt gegenwärtig mehr Lügen als Wahrheiten.“
 
Die Wahrheit ist, dass russische männliche Staatsbürger das Land verlassen. Auch dass es tausende sind, dürfte der Wahrheit nahekommen.
 
Es wird gegenwärtig viel erzählt in Russland. Vermutungen, Gerüchte, Befürchtungen, Hoffnungen, Erwartungen – natürlich, die Zeit ist nicht einfach und auch in meinem unmittelbaren Bekanntenkreis gibt es Leute, die auf den Einberufungsbefehl warten. Und natürlich bin ich am Schicksal dieser Menschen interessiert, die mir nahestehen. In meinem aktiven Bekanntenkreis gibt es keine einzige Person, die eine Ausreise plant, um der Einberufung zu entgehen.
 
Persönlich bin ich für eine Einberufung an die Front zu alt. Auch andere Parameter haben Einfluss auf meine Wehrpflicht in Russland, wenn ich noch jünger wäre. Aber es gibt genügend Möglichkeiten, seinem Land an anderer Stelle zu dienen – bis ins hohe Alter hinein, wenn man denn gefragt wird.
 
Die Praxis der Teilmobilmachung in den letzten Tagen seit dem 22. September zeigt, dass wohl einige Strukturen in der russischen Verwaltung die letzten Jahre nicht genutzt haben, die Effektivität der Mobilmachungsorganisation auf den Prüfstand zu stellen.
 
Ich unterhalte mich gegenwärtig mit vielen zu dieser Thematik und bin erstaunt, wie kompliziert alles organisiert ist – alles beginnt schon damit, dass ein Einberufungsbefehl persönlich dem Wehrdienstpflichtigen, dem Reservisten überreicht werden muss. Erinnern Sie sich noch, meine lieben Leser und Zuschauer … Russland hat 25 Mio. Reservisten und alle müssen persönlich die Einberufung erhalten und dafür unterschreiben. Ein irrer Aufwand.
 
Einfache gesetzliche Regelungen könnten hier effektiver wirken. Die Mobilmachung wird ausgerufen und somit haben sich alle männlichen Bürger im Alter von 18 – 65 Jahren ausnahmslos im Verlaufe von 72 Stunden bei ihren Wehrkommandos zu melden. Diese entscheiden dann über die Verwendung.
 
Gleichzeitig werden sofort die Grenzen für alle männlichen Bürger in diesem Alter geschlossen. Der Schlagbaum hebt sich nur, wenn eine Ausreise durch das Wehrkommando genehmigt wurde.
 
Möglich, dass dies irgendwelchen Vorstellungen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten widerspricht. Aber mir persönlich wäre dies alles egal, wenn es um das Schicksal des Landes geht.
 
 
Damit aber eine Mobilmachung erst gar nicht nötig wird, sollte man vielleicht in Russland über eine weitere Vervollständigung der Strukturen der Armee nachdenken, d.h. die personelle Stärke der Vertragssoldaten erheblich anheben – der Dienst in der russischen Armee ist eine Prestigefrage und somit dürfte dies kein großes Problem sein.
 
Hätte Russland zwei Millionen Armeeangehörige, wäre die heutige Mobilmachung vermutlich gar nicht nötig gewesen.
 
Hätte Russland auch so etwas, wie die DDR damals hatte … ich erinnere an die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, wäre auch hier ein Beitrag für die Landesverteidigung und Mobilmachung geleistet. Allerdings sollten diese Kampfgruppen dann auch kämpfen und nicht so wie in der DDR sang- und klanglos ihre Existenz beenden, wenn es ernst wird.
 
Die Vorstellungen des russischen Präsidenten Putin zum Sicherheitskonzept für Europa, erfordern, nach meinen Vorstellungen, weitere Strukturergänzungen der russischen Armee. Auslandseinsätze, zum Schutz russischer Interessen in der Welt, werden zur Normalität und erfordern qualifizierte Berufssoldaten – es sei denn, die Amerikaner entschließen sich, Pazifisten zu werden und Kasernen zu Klöstern umzugestalten.
 
Das Verteidigungsministerium hat die Verantwortlichen für die Mobilmachung aus den Regionen am vergangenen Wochenende „auf den Teppich gerufen“, um Ordnung zu schaffen. Ich denke mal, dass das Mobilmachungssystem Russlands gegenwärtig viel praktische Erfahrung sammelt. Personelle und organisatorische Veränderungen dürften wohl in den kommenden Wochen niemanden wirklich überraschen.
 
Natürlich schaue ich auch die deutschen Medien – insbesondere die Regierungssender ARD/ZDF. Das ist keine Abwertung, sondern eine Wertung. Ich will wissen, wie die deutsche Regierung, wie die deutschen Parlamentsparteien denken und fühlen und das vermitteln mir diese beiden Kanäle.
 
Und was ich da an Hetze, direkt bei den Nachrichtensprechern beobachte, die ja emotionslos und objektiv nur Fakten vermitteln sollen, ist nur schwer auszuhalten. Ich verstehe schon, dass bei so einer Informationspolitik keine Sympathien für den bösen Iwan bei den Deutschen entstehen können. Alles wird in möglichst negativem Fokus dargestellt, Proteste gegen Russland werden gezeigt, Schlangen Ausreisewilliger werden gezeigt, aber Demonstrationen für Russland, für den russischen Präsidenten und Schlangen von Freiwilligen vor den Wehrkommandos werden nicht gezeigt.
 
Es ist nur gut, dass vieles, was in Deutschland gesagt und getan wird, den einfachen russischen Bürger nicht erreicht, denn dies würde den Hass auf Deutschland und die Deutschen in einem nicht wünschenswerten Umfang und Tempo entwickeln.
 
Ja, es ist so, dass nicht wenige russischer männlicher Bürger, nicht bereit sind, dem Staat zu dienen. Sie haben in der Vergangenheit alle Vorteile genossen, die dieser Staat ihnen, ihrer Entwicklung, ihrer Familie geboten hat. Jetzt, wo der Staat sie braucht, stehen sie ihm nicht zur Verfügung. Sie flüchten.
 
Die gegenwärtige Gesetzgebung in Russland scheint unvollständig zu sein. Viele Details sind nicht geregelt oder nicht koordiniert. Somit kann eben das passieren, was jetzt passiert. Während ein Großteil der Reservisten seine Pflichten erfüllt, können andere sich davor ungestraft drücken. Ist der Einsatz in der Ukraine vorbei, kommen die Herrschaften aus dem Ausland zurück und wollen ihren alten Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen. Das sollte so nicht zugelassen werden. Wer jetzt das Land verlässt, sollte keine Rückkehrmöglichkeit mehr haben. Das Land braucht solche Bürger nicht, die es in einer Schicksalszeit im Stich lassen.
 
Sie sahen einen Beitrag von „Baltische Welle“. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Tschüss und Poka aus Kaliningrad
 
 
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Kommentare ( 7 )

  • Konstantin Konstantinowitsch

    Veröffentlicht: 27. September 2022 21:10 pm

    Was soll die Aussage zu den Kampfgruppen der Arbeiterklasse in der DDR, die ist doch hier „fehl am Platze“?

    Wo haben denn NVA zu der Sie gehörten, DVP und MfS gekämpft?

    Die Mitgliedschaft in den Kampfgruppen war eine Form des freiwilligen militärischen Dienstes zum Schutze des Vaterlandes, neben der Ausübung eines zivilen Berufes und außerhalb der (NVA) der GT der DDR und des MfS sowie gleichzeitig Reservistenwehrdienst.

    Die Kampfgruppeneinheiten unterstanden dem Nat.Verteidigungsrat, den Bezirks- bzw. Kreiseinsatzleitungen, deren Vorsitz entweder der Generalsekretär der SED, 1. Sekretär der BL usw. hatte und deren Ausbildung durch die DVP erfolgte.

    Die Entwaffnung der Kampfgruppen wurde am 6. Dezember 1989 angeordnet, ihre Auflösung wurde dann am 14. Dezember vom Ministerrat der DDR beschlossen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 27. September 2022 21:14

      ... ich habe keinen Anlass, an meinen Formulierungen irgendetwas zu korrigieren. Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse waren bestimmt für den Schutz des Volkseigentums und der inneren Sicherheit und zur Verhinderung von konterrevolutionären Aktivitäten. Sie sind niemals aktiv eingesetzt worden, um diese Aufgaben zu erfüllen. Sie haben genau so versagt, wie viele andere Strukturen der DDR.

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 27. September 2022 21:58 pm

    Bei meinen Studien zur DDR bin ich auf Bilder gestoßen, die im August 1961 Männer in Kampfgruppenuniform in Berlin zeigen.

    Im Übrigen merkt man Ihnen die Verbittertheit des Verlustes der DDR immer noch an. Das geht noch vielen so, nur aus einer ganz anderen Perspektive. Denn in erster Linie ist das "Experiment" DDR, aus falschem politischen und wirtschaftlichen Handeln der SED - Führung, gescheitert. Die FDJ -Kampfreserve innerhalb des Politbüros der SED, war wegen ihres überdurchschnittlichen Alters und ihrem Ghettodasein in Wandlitz, nicht in der Lage den Puls der Zeit aufzunehmen. Es gab eine erhebliche Distanz zwischen der Arbeiterklasse an der Werkbank, im Bündnis mit den Landarbeitern auf den Feldern und in Ställen und der neuen Intelligenz und dem vermittelten Leben der DDR im Neuen Deutschland. Die nicht wehrpflichtigen Mitarbeiter in den bewaffneten Organen, insbesondere ab Stabsebene waren am Ende überrascht, dass das ihnen vermittelte Bild aus ak und ND nicht stimmt

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 27. September 2022 22:10

      ... ich stimme Ihrem Kommentar in den Abschnitten zu, wo wir über die wirtschaftliche (ökonomische) Unfähigkeit der politischen DDR-Führung sprechen. Die Abschaffung des Privateigentums, die Unterdrückung jedweder Privatinitiative und die Einstufung der Kirche als "Feind" waren die wohl größten Fehler, die in der sozialistischen Gesellschaftsordnung gemacht worden sind. Die nächste große Fehlergruppe war, dass die Partei (SED) sich keinen ernsthaften Konkurrenten geschaffen hat - damit meine ich nicht einen Umsturz-Konkurrenten, sondern einen Ideen-Konkurrenten, mit dem man im Wettstreit steht. Und wer besser ist, der übernimmt die Regierung. Der Satz (das Lied), dass die Partei immer Recht hat, war einer der Nägel zum Sarg der Partei. Den Untergang der Partei bedauere ich heute nicht mehr. Aber der Untergang einer Partei hätte nicht gleichbedeutend sein müssen mit dem Untergang des Landes. Das Land ist aber untergegangen - durch Verrat und Annexion.

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 28. September 2022 10:42 pm

    Tja, Herr Niemeier, was soll ich sagen? Ich stimme Ihnen in allen Punkten zu mit einer kleinen Einschränkung bei der Kirche. Sie war ein Feind der DDR! - Das sang- und klanglose Verschwinden der Kampfgruppen fand ich auch traurig. Es zeigt, daß der "entwickelte Sozialismus" (statt Diktatur des Proletariats!), auf tönernen Füßen stand, nicht nur in der DDR. Ein paar Verräter hätten sonst die Staaten nicht zum Einsturz bringen können. Das ist sehr bedauerlich, eine große Chance wurde vertan, die so nicht wiederkommt.
      
    Ich finde, Sie tun auf Ihre Weise genug, um der Sache Ihrer neuen Heimat zu dienen.

  • loyalo nilats gleichgesinnter

    Veröffentlicht: 28. September 2022 17:15 pm

    hallo manfred schartow,
    sie scheinen ja ein wessi zu sein, da sie studien zur ddr machen. die ddr war kein "experiment", es war ein regulärer, anerkannter staat. von vielen ländern. warum, eine andere frage. aber wir wollten nach dem 2.wk ein neues, anderes deutschland aufbauen. kein grundbesitz, alles volkseigentum. das war zu früh und wir hatten mit den ländern im rgw keine wirklich starken wirtschaftlichen partner. dazu hat der ami alles, was gegen den osten mitgemacht hat, subventioniert, unterstützt und wirtschaftlich wie politisch von sich abhängig gemacht. es ging leider jämmerlich in die hose. teils schade, teils gut. und das viele menschen ihre heimat verloren haben in der sie gern, auch ohne mercedes und maoam gelebt haben, sollte man nicht als verbittertheit bezeichnen, denn wir haben dort gelebt. und wirklich gelebt. nicht nur der neid auf den nachbarn hat uns erhalten, sondern wir hatten auch dinge wie kameradschaft, freundschaft usw. was der wessi bis heute nicht kennt.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 28. September 2022 23:12 pm

    ""Endlich kriegt Putin-Fan & Russland-Anbeter @MPKretschmer in die Fresse auch aus den eigenen Reihen der @cdusachsen"
    Ein echter "Diplomat" dieser ungehobelte Herr Müller/Melnyk. Er scheint wie sein Chef in Kiew aus der Richtung der comedywien zu kommen. Er versucht, den ehemaligen undiplomatischen "Botschafter" der USA , Grenell, zu immitieren. Schafft es aber nicht. Bleibt zweite Wahl.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 28. September 2022 23:31 pm

    "Sie haben in der Vergangenheit alle Vorteile genossen, die dieser Staat ihnen, ihrer Entwicklung, ihrer Familie geboten hat. Jetzt, wo der Staat sie braucht, stehen sie ihm nicht zur Verfügung. Sie flüchten."
    Das sind meiner Meinung nach Versäumnisse, die in der Entwicklung Rußlands liegen. Es gabdoch seit Gorbatschow keine richtige Erziehung in den Schulen mehr. Wie auch? Woher kamen die Schubücher? In welchen Leerstätten wurden die neuen Pädagogen von wem ausgebildet? Man kann ja sagen, daß Millionen von sowjetischen Pädagogen sich aus existenziellen Gründen anderen Berufen oder anderer Länder zuwenden mußten. Und die Elternhäuser waren z.T. von wahren und erfundenen Berichten zu Afghanistan geschockt und haben ihren Jungs geraten, sich vom Flintendienst fern zu halten.
    Was in über 15 Jahren versaut wurde und darüber hinaus eben jetzt wohl immer noch wirkt, daß kann ganz einfach in 20 Jahren nicht eliminiert werden.

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 29. September 2022 13:09 pm

    Die DDR war schon auf dem richtigen Wege. ....bis zu jenem Milliardenkredit von Strauß und dem einsetzenden Golf-Zustrom. welches Land hatte im Warschauer Vertrag hatte mehr Deviseneinnahmen als die DDR? Doch wenn schon Intershop, dann INTERSHOP FÜR ALLE . Eine stets zunehmende Selbsbedienungsmentalität, angespornt durch Partei- und Staatsfunktionäre....
    Es ist empfehlenswert sich mal mit den DDR-Politgrößen Werner Lambertz und Gerhard Schürer zu befassen. Das die DDR scheiterte, lag doch wohl vor allem an dem Personenkult mit mangelnder Kritikfähigkeit und feudalistischen Gehabe. Und damit einhergehend auch die Abgehobenheit der Politnomenklatura.
    Die DDR war ein Paradies für Kinder, keine kommerzialisierte außerschulische Betätigung. Schade

    Und bitte.... die Kirche und die mit ihr verbundenen Menschen waren nicht die Feinde der DDR. Ich bin Atheist, aber ich sehe in vielem der
    Glaubensbekenntnisse doch eher viele Gemeinsamkeiten der Theorie von Marx und Engels .
    Friede -Mir

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