Gasprom stoppt Gastransit für Exklave Kaliningrad durch Litauen

Gasprom stoppt Gastransit für Exklave Kaliningrad durch Litauen
Am Dienstagvormittag informierten Regionalmedien, dass der Gastransit durch Litauen für Kaliningrad gestoppt wurde. Am Nachmittag schalteten sich dann auch föderale Medien ein. Nun beginnt das Rätselraten zu den Gründen.
 
 
Die Begriffe „Sanktionen“ und „Blockade“ sind für Kaliningrad im täglichen Leben besonders präsent. 15.000 Quadratkilometer russische Erde befinden sich getrennt vom Mutterland, umgeben von NATO-Staaten in Abhängigkeit von den Launen der Nachbarn. Regelmäßig hören wir in der Exklave Drohungen über Blockaden.
 
Grafik: Europakarte
 
Seit spätestens 2014 kennen wir in Kaliningrad die Begriffe „Lebensmittelblockade“, „Energieblockade“, „Transportblockade“.
 
Viel ist seitdem unternommen wurden, um Kaliningrad unter Blockadebedingungen lebensfähig zu erhalten. So wurde im beschleunigten Tempo die Energieinfrastruktur vollständig erneuert, große Reservelager für Gas und Kohle geschaffen, neue Energieerzeugerstationen gebaut. Heute stellt sich das Kaliningrader Gebiet vollständig autonom mit Elektroenergie sicher und sieht der Abschaltung des BRELL-Verbundsystems gelassen entgegen.
 
Grafik: BRELL-Energieverbundsystem
 
Videobegleitung: Rangierbahnhof Kaliningrad
 
Aber um Strom erzeugen zu können, wird sowohl Kohle wie auch Gas benötigt. All das muss aus dem russischen Mutterland transportiert werden – alles im Transit durch Belarussland und Litauen. Nun ist die Gaslieferung gestoppt. Eigenartigerweise nicht durch Litauen, nicht durch Belarussland, sondern durch „Gasprom“. Und es gibt keinerlei Erklärungen hierfür.
 
In den Medienmitteilungen wird von einem zeitweiligen Lieferstopp gesprochen. Aber wo Informationen fehlen, fängt natürlich die Phantasie sofort an zu blühen.
 
Wir wissen, dass Russland, gemeinsam mit Belarussland, gegenwärtig alles unternimmt, um den Transport von Waren und Dienstleistungen über die baltischen Staaten einzustellen. Über 50 Prozent der ehemaligen Mengen sind bereits seit 2014 weggefallen. Die restlichen 50 Prozent, wovon Gas einen Großteil ausmacht, sollen so schnell wie möglich umgeleitet werden.
 
Grafik: Gaslogistik Russland und Baltische Staaten
 
Aber der mit Litauen abgeschlossene Transitvertrag für Gas läuft bis 2025 und beinhaltet die Formulierung: „Leite durch oder bezahle“, was mit einfachen Worten bedeutet, dass immer von „Gasprom“ bezahlt werden muss, egal, ob Gas durch die Leitung fließt, oder nicht. Eine vorzeitige Abschaltung wäre also ökonomisch doch ein recht teures Vergnügen – denn Litauen würde für „nichts tun“ das gleiche Geld erhalten.
 
Eine weitere Möglichkeit, warum kein Gas mehr fließt, könnte eine Havarie sein. Aber alle Kontrollsysteme zeigen, sowohl in Litauen, wie auch in Belarussland keine Havarie an. Und eine Anfrage an „Gasprom“ blieb unbeantwortet.
 
Bleibt die Variante einer Generalprobe, also zu sehen, was passiert, wenn kein Gas mehr durch Litauen fließt. Man stellt sehr schnell die Probleme fest, kann sie korrigieren bzw. zukünftig berücksichtigen und wenn es wirklich sehr große, bisher nicht bekannte Probleme gibt, kann das Gas schnell wieder zugeschaltet werden.
 
Videobegleitung: Rangier- und Verschiebebahnhof in Kaliningrad
 
Wie in den Meldungen betont wird, verfügt Kaliningrad über ausreichend große Vorräte, sowohl an Gas, wie auch an Kohle, um lange Zeit durchhalten zu können. Es gibt sogar ein Spezialschiff zum Transport von Flüssiggas, welches eigentlich als Notreserve nur für Kaliningrad zur Verfügung stehen sollte. Aber dieses Schiff befindet sich gegenwärtig in Südafrika. Das Schiff kann 170.000 Kubikmeter Flüssiggas transportieren.
 
Kaliningrad verfügt über vier unterirdische Gaslagerstätten mit einem Vorrat von 174 Mio. Kubikmetern Gas.
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Kommentare ( 3 )

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 12. Februar 2021 01:40 pm

    Es kann ja naiv klingen von einem Nicht-Gasrohrverleger. Ich weiß auch nicht, ob es technisch möglich gewesen wäre oder aus welchem anderen Grund wurde eigentlich bei Nordstream 2 von einem Rohr nach Saßnitz eigentlich kein Abzweig zur Oblast Kaliningrad gelegt? Ich könnte mir vorstellen, daß der Abzweig irgendwie technisch möglich gewesen wäre. Natürlich hätte dazu ein weiteres Verlegeschiff vor Ort sein müssen. Diesen Abzweig zur Sicherheit schööön tief in den Meeresgrund eingebuddelt und Kaliningrad brauchte sich keine Sorgen über Gas mehr machen. Für alle unglücklichen Fälle hätten ja die unterirdischen Silos trotzdem mit Gas gefüllt sein können.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 12. Februar 2021 05:22

      Das war mal kurz im Gespräch gewesen, wurde aber dann nicht weiter diskutiert. Ich gehe davon aus, dass es um rein technische Baukapazitäten geht. Die Hauptaufgabe besteht in dem Leitungsbau bis Deutschland und die Verlegeschiffe reichen nicht aus. Wenn jetzt der Bau eingestellt wird, könnte es sein, dass man zu dieser Idee zurückkehrt.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 12. Februar 2021 01:44 pm

    Ist diese Pipeline von der RF über Belorußland , Litauen nach Kaliningrad eine reine Versorgungsleitung der Oblast K. oder zutschen da weitere Abnehmer daran rum?

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 12. Februar 2021 05:20

      Geht man von der Grafik der Logistik aus, so ist Kaliningrad der Endabnehmer in der Kette. Auch Litauen ist Abnehmer aus dieser Leitung.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 12. Februar 2021 02:03 pm

    Ganz ehrlich? Ich bin mir da nicht mehr sicher, daß Gazprom diese Pipeline erst einmal fertig baut. In den nächsten Tagen gibt es eine Konferenz der EU-Außenminister. Lt. einigen Gerüchten wird von einigen Hardlinern die Forderung aufgestellt, daß die EU die diplomatischen Verbindungen zu Rußland abbrechen soll. Ich könnte mir vorstellen , daß das ein Grund sein könnte, daß die RF und Gazprom dann ihr Desinteresse für eine Belieferung Westeuropas mit russischem Erdgas durch die derzeitige Fertigstellung von NS2 bekunden könnte. Man stelle sich den "Spaß" vor, kein oder entschieden zu wenig russisches Gas im Angebot und die BRD muß Atomstrom und US-Frackinggas einkaufen und dieses erst einmal aufwendig reinigen, weil ansonsten die Brenner zusetzen und Explosionsgefahr besteht.
    Ob das diese bornierten Nato-Russenfresser bedacht haben? Ich glaube doch, aber es wäre denen vollkommen egal. Hauptsache ...
    Ich nehme mal an, daß China als auch die USA (ja auch die) das Gas kaufen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 12. Februar 2021 05:17

      ... dem Szenario der Einstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen der EU und Russland kann ich folgen (wohlbemerkt EU-Russland, nicht der Einzelstaaten). Eine Einstellung der Gaslieferungen kann ich nicht folgen. Das glaube ich nicht, weil damit Russland dem Westen das Argument liefern würde: "Seht ihr, wir haben es immer gewusst, Russland setzt das Gas als Waffe ein, um Europa zu erpressen." Das die Leitung NS2 nicht gebaut wird - ja, davon bin ich auch überzeugt, aber eben nur diese Leitung - wobei nicht Russland der Initiator sein wird, sondern die EU.

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