Gefährlichste Frage in Russland: Wo ist mein Geld?

Gefährlichste Frage in Russland: Wo ist mein Geld?
 
Schon wenige Augenblicke nach meiner Einreise nach Russland im April 1995 wurde mir klar, dass es sich nicht mehr um das sozialistische Land handelt, welches ich 1984 verlassen hatte. Der „Neue Russe“ nutzte die, durch den Westen geschaffenen Freiheiten und erarbeitete mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Reichtum, der ihm zu Zeiten des Kommunismus verwehrt worden war.
 
 
Die Formulierung „… mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ ist wörtlich zu nehmen. Zur Durchsetzung finanzieller Interessen scheute man vor keinem Verbrechen zurück. Persönlich habe ich einige Vorfälle erlebt und einen ermordeten Nachbarn gesehen. Und im Jahre 1998 machte ich in Sotchi die Bekanntschaft mit einem russischen Businesspartner meiner russischen Businesspartner aus Kaliningrad. In gemütlicher Runde, bei Kaffee und Kuchen, es kann auch Kaviar und Cognac gewesen sein, stellte mir der Russe plötzlich die Frage: „Uwe, wo ist mein Geld?“
 
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Ich kannte diese Frageformulierung bereits und wusste, wie gefährlich sie in Russland ist, wenn man keine zufriedenstellende Antwort lieferte. Schnell mischten sich meine Kaliningrader Geschäftspartner ein und kommentierten, dass ich mit „dieser Angelegenheit“ nichts zu tun habe – die Frage also nicht an die richtige Adresse gestellt wurde. Und so lebe ich heute noch gesund und zufrieden im nicht-mafiosen Kaliningrad, ja eigentlich sogar im nicht-mafiosen Russland. Wobei dies nicht bedeutet, dass es in Russland keine Kriminalität gibt.
 
Grafik: Kriminalitätsentwicklung in der Russischen Föderation
 
Nun gibt es aber wieder Anlass, wo ein Russe die Frage stellen könnte: „Wo ist mein Geld?“
 
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Es geht um Viktor Wechselberg. Dieser ist Inhaber einer Investmentfirma, die irgendwo im Westen registriert ist. Diese Firma hatte im Jahre 2017 der britischen Bank „Cynergy“ einen Kredit in Höhe von 30 Mio. Pfund gewährt. Ein an sich schon interessanter Vorgang, wenn man sich an die angespannten internationalen und insbesondere die britisch-russischen Beziehungen erinnert.
 
Natürlich wurden Zinszahlungen vereinbart, die aber die britische Bank nun nicht zahlen will. Man beruft sich auf das US-Gesetz „Zur Unterstützung der Freiheit der Ukraine“. Im Rahmen dieses Gesetzes haben die USA personenbezogene Sanktionen gegen Wechselberg verhängt. Diesen Umstand nutzt nun der britische Kreditnehmer, um die Zinszahlungen zu verweigern, denn man befürchtet, dass die USA dies als Verletzung der US-Sanktionsgesetze ansehen könnten. Die Briten erfüllen also USA-Gesetze auf ihrem eigenen Territorium – von Souveränität kann da wohl keine Rede sein, wenn sich die britische Finanzwelt in einer derartigen Abhängigkeit befindet.
 
Videoeinspielung: Putin zur Souveränität
 
Nun gibt es aber für Streitfälle Gerichte. Und so hat Wechselberg ein britisches Gericht angerufen um den Fall zu klären. Und das britische Gericht hat den Fall geklärt: Das Urteil lautet, dass die britische Bank dem Russen keine Zinsen zahlen muss.
 
Da kann Wechselberg ja erfreut sein, wenn er überhaupt sein Geld wiedersieht, wenn auch ohne Zinsen. Aber trotzdem muss es ihm erlaubt sein zu fragen: „Wo ist mein Geld?“
 
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Allerdings gibt es in dieser Geschichte Ähnliches, wie mir im Jahre 1998 passiert ist, denn Wechselberg stellt die Frage an der verkehrten Stelle. In dem Kreditvertrag, den seine Investmentstruktur im Jahre 2017 unterschrieben hat, ist formuliert, dass keine Zinsen bezahlt werden müssen, wenn irgendwelche anderen Verpflichtungen aus anderen Gesetzen dies nicht zulassen.
 
Zwei britische Gerichtsinstanzen haben sich mit diesem Vorgang beschäftigt und beide sind zum gleichen Beschluss gekommen: Britische Interessen gehen vor russische Interessen.
 
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Die mit der Vertretung der Interessen von Wechselberg beauftragte Anwaltskanzlei kommentierte, dass beide Gerichtsinstanzen wesentliche Momente, die für eine Zahlung der Kreditzinsen sprachen, außer acht gelassen haben.
 
Die bisher aufgelaufenen Zinsen belaufen sich auf sechs Millionen Pfund. Der Kredit selber ist für zehn Jahre abgeschlossen. Vom rein moralischen Standpunkt her müsste die britische Bank sagen, dass, wenn es nicht möglich ist, Zinsen zu bezahlen, der Kredit vorzeitig zurückgegeben wird. Aber auch das tut man nicht – die Russen sind reich, viel zu reich, wie mir mal ein deutscher Unternehmer Ende der 90er Jahre sagte.
 
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Die Bank kommentierte, dass der Kredit dann zurückgezahlt wird, wenn es die US-Sanktionen zulassen. Werden also die US-Sanktionen gegen Wechselberg bis zu dessen Tod nicht aufgehoben, wird er also auch die 30 Mio. Pfund Kreditgelder nicht mehr wiedersehen.
 
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Tja, so ist die westliche Geschäftsmoral. Nun kann Wechselberg noch das Oberste Gericht Großbritanniens anrufen und dort die Frage stellen: „Wo ist mein Geld?“ Aber, so kommentieren Kompetente, die Chance dort eine andere Antwort zu erhalten tendiert gen Null.
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