Gespräche am Kamin: Germanen in Kaliningrad

Gespräche am Kamin: Germanen in Kaliningrad
 
Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu treffen und Gespräche zu führen. In Russland ist es üblich, dass man sich in der Küche trifft. Auch ich sitze mit meinen Gästen in der Küche. Aber es gibt auch Ausnahmen und wir sitzen neben einem Kamin – auch zu hitzigen Zeiten, und versuchen mit kühlem Kopf Gedanken auszutauschen.
 
 
Wieder einmal hat sich jemand von meinen russischen Bekannten für meinen Kamin interessiert. Der Mai ist in Kaliningrad unterdurchschnittlich kühl und verregnet und er meinte, dass man diese Ungemütlichkeit doch nutzen könnte, um den Kamin zu befeuern und ein Glas Rotwein, diesmal vielleicht aus der Gegend um Krasnodar, zu trinken. Er wollte den Wein besorgen und ich sollte für genügend Kaminholz verantwortlich sein.
 
Dass ich ins Schwitzen gekommen bin, lag nicht am gut funktionierenden Kamin, sondern an der Frage, die mir mein Gast stellte. Er fragte, ob ich Nemez, also Deutscher oder ob ich Germane, also Deutscher bin. Lange hatte ich diese Frage schon befürchtet, habe mir auch schon …zigmal den Unterschied zwischen Germane und Nemez, zwischen Germanien und Deutschland erklären lassen – und immer wieder vergessen.
 
Diesmal wand ich mich aus der Situation und erklärte, dass ich russischer Staatsbürger mit deutscher Nationalität bin. Ich hatte Pech, denn er hakte nach: … mit nemezki Nationalität oder mit germanski Nationalität?
 
Gut, wir hatten beide unseren Spaß und mein Kamingast erklärte, worum es eigentlich ging.
 
Vor ein paar Tagen hatte sich der Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow mit Vertretern des deutschen Unternehmertums in Kaliningrad getroffen. Die Deutschen, also die Germanen oder waren es doch nur wieder Nemzi, hatten darum gebeten. In der veröffentlichten Pressemitteilung wurde von „nemetzki Unternehmertum“ gesprochen, also die in Russland übliche Bezeichnung.
 
 
Die Bilder und das Video, die mir mein Gast zeigte, zeigten, dass die Gruppe ziemlich klein war und bei einigen war ich sogar erstaunt, dass sie Unternehmer sind, denn in den Datenbanken der russischen Steuerinspektion habe ich keinerlei Hinweise auf eine unternehmerische Tätigkeit gefunden. Ich hoffe, dass es da keine Nachlässigkeiten gibt und in der jetzigen, nicht einfachen Zeit, die russische Steuerbehörde gegen Deutsche vorgehen muss, die ihren Pflichten gegenüber dem gastgebenden Land nicht nachkommen.
 
Aber ich schweife ab.
 
Mein Gast informierte weiter, dass am gleichen Tag die Gebietsregierung noch ein weiteres Dokument des regionalen Gesundheitsministeriums veröffentlichte. Es ging um ein Programm für die optimale Wiederherstellung der Gesundheit im Rahmen der medizinischen Rehabilitation im Kaliningrader Gesundheitswesen. Und in dieser Pressemitteilung wurden die Nationalitäten aufgeführt, die im Kaliningrader Gebiet leben. Und der aufmerksame Leser erfuhr, dass 0,8 Prozent der Kaliningrader Bevölkerung nun nicht mehr Nemzi, sondern Germanen sind.
 
Mein russischer Gesprächspartner meinte, dass wir jetzt aufpassen müssen, ob es in Russland zu einer neuen Wortwahl im Verhältnis zu den Deutschen kommt. Zukünftige Veröffentlichungen sollten wir also aufmerksam lesen, um zu verstehen, dass sich nicht nur Zeiten und Umstände ändern, sondern auch Bezeichnungen. Es ist schon interessant zu erfahren, ob in Germanien Germanen oder in Germanien weiterhin Nemzi wohnen.
 
Mit etwas spitzer Zunge, und nach einem Schluck Wein aus der russischen Region Krasnodar, zeigte mir mein Gesprächspartner noch die Internetseite der diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland. Er meinte, dass die dortigen Diplomaten vorausschauender waren. Schauen wir auf die Internetseite, so steht dort in der deutschen Variante „Deutsches Generalkonsulat Kaliningrad.“ In der russischen Variante wird die staatliche Einrichtung einfach als „Generalnoje Konsulstwa in Kaliningrad“ bezeichnet. Man drückte sich also um die Bezeichnung „Nemezkoje“ oder „Germanskoje“ und hat somit jetzt keine Schwierigkeiten mit möglichen neuen Formulierungen der Russen.
 
 
Ich schaute meinen Gesprächspartner an und fragte: „Andere Probleme haben Sie nicht?“ Und er antwortete: „Nein, andere Probleme haben wir nicht.“ Das war beruhigend, denn immerhin lasten gegenwärtig auf unseren Schultern geschätzte 10.000 Sanktionen, davon nicht wenige aus Germanien.
 
Dann setzte er das Gespräch zu der deutschen Unternehmerabordnung fort. Er meinte, dass der Kaliningrader Gouverneur wohl von der Standhaftigkeit der Kaliningrader deutschen Unternehmer überzeugt ist, denn er hat angewiesen, eine Arbeitsgruppe, unter Leitung einer seiner Stellvertreter zu schaffen, die sich mit den Problemen der Deutschen beschäftigen soll. Die Deutschen hatten informiert, dass sie Probleme mit der Logistik und mit einigen russischen Gesetzen haben, die sie am effektiven Geldverdienen hindern.
 
Schuld sind natürlich die Sanktionen und die Politik, unter denen auch die deutschen Unternehmer leiden. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Äußerungen eines deutschen Unternehmers, der gegenüber dem Kaliningrader Gouverneur einen sowjetischen Klassiker, etwas abgewandelt, zitierte: „Regierungen kommen und gehen, aber wir bleiben.“ Leider wurde wohl der Beitrag etwas geschnitten, so dass mir nicht ganz klar wurde, von welcher Regierung, die kommt und geht, der deutsche Unternehmer gesprochen hat.
 
Mein Gesprächspartner fragte mich – wir waren schon beim Tee trinken angelangt – ob ich denn wüsste, wie viele deutsche Unternehmer denn noch in Kaliningrad real tätig sind. Denn aus den Mitteilungen ging nicht hervor, wen denn diese kleine deutsche Delegation überhaupt vertritt.
 
Gezeigt wurde Herr Dr. Stephan Stein, der als Aufsichtsratsvorsitzender der Assoziation ausländischer Investoren vorgestellt wurde. Aber auf der Internetseite dieser Organisation gibt es keine Informationen über einen Aufsichtsrat. Und deutsche Investoren finden sich auch nur zwei: „Hipp“ und das „Partnerbüro des Landes Brandenburg“. Mein Gesprächspartner fragte mich, welche Investitionen das Partnerbüro Brandenburg vorgenommen hat, denn eigentlich sollte doch die Assoziation Investoren vereinen und keine politischen Organisationen. Leider konnte ich ihm seine Frage nicht beantworten.
 
Mein Gesprächspartner merkte wohl, dass ich nicht so richtig über das germanische oder nemetzki Unternehmertum informiert war und meinte, dass sich wohl doch noch viele Deutsche hier wirtschaftlich engagieren. Er verwies auf die Pressemitteilung der Gebietsregierung, wo Herr Dr. Stein, der jahrelang die Vertretung der, jetzt geschlossenen, Hamburger Handelskammer in Kaliningrad geleitet hat, davon sprach: (Zitat) „… dass viele von uns schon lange im Kaliningrader Gebiet arbeiten. Ich unterhalte mich mit Kollegen und verstehe, dass diese sich schon als Teil der Kaliningrader Wirtschaft fühlen…“
 
Also, so mein Gesprächspartner schlussfolgernd, tummeln sich anscheinend noch sehr viele Deutsche in Kaliningrad und folgen nicht dem Beispiel ihrer deutschen Landsleute im großen Russland – oder? Und er meinte, dass er das schon etwas merkwürdig findet, denn Kaliningrad wurde doch von den Deutschen in der Vergangenheit immer als schwierig und wenig anziehend charakterisiert. Deshalb wurde ja auch die Handelskammer Hamburg geschlossen und der Wirtschaftskreis des „Partnerbüros Brandenburg“ findet auch wegen Desinteresse nicht statt. Was stimmt denn nun – so seine rhetorische Frage an mich.
 
Ich konnte nur mit den Schultern zucken. Und ich stellte meinem Gast zum Abschluss auch noch eine rhetorische Frage, die er mit Sicherheit auch nicht beantworten konnte (dachte ich): Was tun eigentlich die Deutschen, als Gegenleistung zu den Bemühungen des Kaliningrader Gouverneurs, für das Kaliningrader Gebiet? Aber er hatte eine Antwort: „Sie zahlen ehrlich Steuern, verlagern ihre Unternehmen aus Offshore-Zonen nach Kaliningrad um und streiten sich nicht um Bankrottfragen vor preiswerten Kaliningrader Gerichten.“
 
Wir lachten beide herzlich zum Abschluss und verabredeten uns zu einem weiteren Gespräch in ein paar Tagen.
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Kommentare ( 4 )

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 29. Mai 2022 14:07 pm

    Den Unterschied zwischen nemezki und germanski kann ich nicht so recht nachvollziehen. Kein vernünftiger Mensch würde sich "Germane" nennen, es würde ja Skandinavier und andere einbeziehen. Lebte ich wie Sie in Rußland, würde ich mich auch als Staatsbürger deutscher Nationalität (Herkunft) bezeichnen. Ich würde den Unterschied zu den alteingesessenen Rußlanddeutschen empfinden, aber trotzdem eine Art Verbindung mit ihnen versuchen. Es wäre nicht schlecht, das deutsche Element in Rußland durch Neuzugänge aufzufrischen, am besten durch ganze Familien.
     
    Ich bin nicht mehr gerne Deutscher, mit dieser durchgeknallten BRD kann ich mich nicht identifizieren. "Meine Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer." - Bei uns sang man das nicht, aber ich kannte das Lied sehr wohl. "... weil sie unserem Volke gehört." - Wo ist heute das Volk, das seine Heimat beschützt? Diese Land wird mutwillig immer weiter zerstört. Ich fühle mich hier nicht mehr wohl.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 29. Mai 2022 19:02 pm

    Ich war Staatsbürger der - Deutschen Demokratischen Republik - und fühle mich auch noch so!
    Ich würde mal sagen, staatsbürgerlich - Germane - , ansonsten - Deutscher -.
    Я был гражданином - Германской Демократической Республики - и до сих пор чувствую себя таковым!
    Я бы сказал, что гражданские - германцы -, иначе - Немец -.

  • Vogonendichter

    Veröffentlicht: 30. Mai 2022 00:44 pm

    Jetzt kapier ich langsam, was hier passiert.
    Ohne es zu wollen versammeln sich gleichgesinnte "gelernte DDR-Bürger", weil man hier noch auf Normale Menschen trifft.
    Ich kann für mich sagen, ich bin Deutscher ohne Bezug zu einem Staat, da mein Staat nicht mehr existiert und der Nachfolgestaat, für mich eher als Besatzer/Kolonialmacht auftrat.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 30. Mai 2022 05:23

      ... na dann, willkommen im Club.

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 30. Mai 2022 18:05 pm

    Ich bin kein gelernter DDR-Bürger, habe aber trotzdem keine Heimat. Das alte Deutschland wurde in einem verbrecherischen Krieg verspielt und mit dem Besatzungsgebilde BRD, diesem Anhängsel des US-Imperialismus, fühle ich mich nicht verbunden. Deutschland existiert nur noch dem Namen nach, in Wirklichkeit ist es untergegangen. Es kommt auch nicht wieder.

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