Gespräche in der Sauna: Kommt Krieg, Woina budjet?

Gespräche in der Sauna: Kommt Krieg, Woina budjet?
 
Gespräche in einer russischen Sauna sind vermutlich zu vergleichen mit Gesprächen an einem deutschen Stammtisch. Während der Russe deutsches Bier kennt, kennen nur wenige Deutsche eine russische Sauna. Ich möchte Sie an den Gesprächen teilhaben lassen, die dort jeden Morgen, mehr oder weniger hitzig, geführt werden.
 
 
Mein heutiger Sauna-Besuch begann schon mit besorgten Diskussionen am Drehkreuz, welches pünktlich, elektronisch gesteuert, um sechs Uhr die Frühaufsteher einlässt. Unser Liberalissimus fehlte. Er ist genauso ein Fanat wie ich und lässt die täglichen Saunabesuche nur am Sonntag aus. Sonntags hat er andere gesellschaftliche Verpflichtungen. Und wenn er fehlt, machen sich gleich alle Sorgen. Irgendjemand orakelte, dass er vielleicht einen Einberufungsbefehl bekommen habe, ein anderer meinte, er sei bei den Protestaktionen auf dem Platz des Sieges in Kaliningrad festgenommen wurden.
 
In der Sauna angekommen, klärte sich die Angelegenheit zum Glück. Der öffentliche Nahverkehr hatte versagt und unser Liberalissimus musste einen Bus später fahren. Ach, was waren wir alle erleichtert.
 
Wir berichteten ihm unsere Vermutungen und er meinte, dass er nicht zu der eine Million gehört, die einberufen werden. Wir verstanden sofort, dass er mal wieder Ausländische Medienagenten gelesen hatte, die die Zahl eine Million, anstelle von 300.000 verbreitet hatten.
 
Und an Protesten nehme er auch nicht mehr teil, sein Alter lasse dies nicht mehr zu. In den 90er Jahren war das noch anders – kommentierte er.
 
Dann schaute er in die Runde und fragte: „Nu schto, Woina budjet. Nun, was ist, kommt jetzt Krieg?“
 
Auf so eine schnelle und direkte Frage war wohl keiner von den Anwesenden vorbereitet, zumal unser Liberalissimus schon immer behauptet hatte, dass es in der Ukraine Krieg gibt. Er kann also nicht mehr kommen, der Krieg, denn er ist ja schon da – nach Meinung des Liberalissimus.
 
Anscheinend versuchten alle ihre Gedanken zu sortieren. Die Temperatur in der Sauna war über 90 Grad und half somit wenig, einen kühlen Kopf mit noch kühleren Gedanken zu behalten.  
 
Einer meinte, dass er glaube, dass die NATO und die mit ihr Verbündeten, inoffiziell und leise, nicht hörbar für das gemeine Volk, den neuen Status-Quo nach dem Referendum anerkennen. Man wird alles tun, damit diese Gebiete nicht mehr beschossen werden, schon gar nicht mit westlicher Technik und Munition, hoffend, dass Russland auch seine Kampfhandlungen einstellt und die Ukraine somit bestehen bleibt – nur eben ohne diese vier Regionen. Somit kommt es zu keinem Krieg.
 
Ein anderer aus unserer Runde widersprach. Er meinte, dass der russische Präsident eindeutige Aufgaben gestellt habe und die müssen erfüllt werden. Es gäbe keinerlei Grund, von diesen Aufgaben zu entsagen: EntNazifizierung, EndMilitarisierung, Neutralisierung der Ukraine. Stellt man die militärischen Handlungen ein, wird diese Aufgabe nicht erfüllt und die NATO hätte die Möglichkeit, in der Restukraine das zu tun, was man bis 23. Februar 2022 in der Groß-Ukraine getan hat. Undenkbar für Russland – meinte er.
 
Ein Dritter kommentierte, dass er der Ansicht ist, dass die Kampfhandlungen, wie bisher auch, weitergehen. Die neuen russischen Gebiete werden weiter beschossen und angegriffen – auch unter Nutzung westlicher Technik und Munition. Damit wird Russland angegriffen und Russland wird kurzen Prozess machen.
 
Was bedeutet für Sie kurzer Prozess, fragte der Liberalissimus?
 
Es wird kein Krieg erklärt – antwortete unser Dritter. Am ersten Tag nach dem Beschuss russischen Territoriums, wird eine Angriffswelle auf zentrale Objekte geflogen. Es gibt eine kurze Vorwarnung, dass sich die Zivilbevölkerung in Sicherheit bringen kann und dann beginnt der Angriff. Es werden vielleicht in der ersten Angriffswelle endlich die Ziele bekämpft, die schon längst hätten zerstört werden müssen: Die Nachschubwege aus Polen und Rumänien auf ukrainischem Gebiet, Bahnhöfe, Bahnstrecken, Fernverkehrsstraßen, Verkehrsknotenpunkte. Danach der Vorschlag Russlands, über eine Kapitulation der Ukraine zu verhandeln. Am zweiten Tag werden die Entscheidungszentren angegriffen, egal, wo sich diese auf dem Territorium der Ukraine befinden. Danach wieder ein Angebot zur Kapitulation. Und dies wird sich, je nachdem, wie der Gegner, also die NATO und deren Verbündete reagieren, täglich wiederholen, an sieben Tagen in der Woche.
 
Und wie hoch schätzen Sie die Variante ein, dass NATO-Truppen, also die Polen zum Beispiel, direkt eingreifen – fragte unser Liberalissimus?
 
Die NATO ist genau so ein Schwätzerverein wie die Europäische Union, brachte sich ein Vierter in die Gesprächsrunde ein. Wird es wirklich ernst, zerfallen diese Gemeinschaften der Uneinigen sofort. Sie sind sich nur einig und sind bereit sich praktisch mit Waffen und Soldaten zu engagieren, wenn sie glauben, dies ungestraft tun zu können – wir brauchen uns nur an Jugoslawien erinnern, oder an Afghanistan – meinte er.
 
 
Wir sehen es doch jetzt schon bei den Sanktionen. Glaubt man sich auf der ganz sicheren Seite – siehe 2014, verhängt man Sanktionen und beginnt dann zu jammern, wenn Russland reagiert. Jeder versuchte danach, unbemerkt von den anderen, seinen eigenen Weg aus der vertrackten Situation zu finden.
 
Die gegenwärtigen Sanktionen zeigen das gleiche Bild. Alle haben eine große Klappe, wenn es um neue Handlungen gegen Russland geht, aber in der realen Umsetzung geht jeder seinen eigenen Weg und von einer gemeinsamen Handlungsbereitschaft ist die Europäische Union meilenweit entfernt. Es passiert so viel hinter den Kulissen – wenn das alles bekannt werden würde, würde die EU schon morgen zusammenbrechen, wenn der einfache Bürger erfährt, was so alles gemauschelt wird.  
 
Mit der NATO ist es genau dasselbe. Um gegen Russland anzutreten braucht man auf lange Sicht einsatzbereite Soldaten, Technik, Munition. Das alles scheint die NATO nicht zu haben – glaubt man den Äußerungen der NATO und anderer westlicher Politiker.
 
Wie sieht es denn jetzt konkret aus – wurde der Redner von noch einem aus unserer Runde unterbrochen.
 
Die Türkei wird nicht gegen Russland antreten.
 
Die Ungarn auch nicht. Dort ist ein Drittel der Bevölkerung sogar dafür, dass Ungarn aus der NATO ausscheidet. Die Anzahl dürfte sich erheblich erhöhen, wenn die Ungarn durch die NATO aufgefordert werden die Mobilmachung auszurufen.
 
Der rumänische Präsident hat bei seinem jetzigen Besuch in den USA erklärt, dass sein Land nicht in der Ukraine, und somit schon gar nicht in Russland, kämpfen werde.
 
Bulgarien – ein Land, welches eigentlich schon gar keine Regierung mehr hat, will Krieg mit Russland? Daran darf man getrost zweifeln.
 
Jetzt stehen Wahlen in Italien an und die Italiener werden danach in den Krieg gegen Russland ziehen? Ich denke mal, Russland wird die Italiener schnell an die Zeit von 1941-1945 erinnern, als sich die Italiener die Nasen in Russland abfroren, nur weil Deutschland das so wollte. Russland ist nicht Sizilien, mit der ewig scheinenden Sonne.
 
Frankreich wird seine Fremdenlegion in die Ukraine und nach Russland schicken. 9.000 Soldaten sollen das noch sein und aus 140 Staaten dieser Welt stammen. Napoleon hatte damals 600.000 Soldaten aus vielen Ländern Europas, vereint in der sogenannten großen Armee nach Moskau geschickt. Kaum einer kehrte nach Hause zurück.
 
Und schauen wir auf die restlichen Länder, so bleiben nur wenige übrig, die wohl wirklich kämpfen wollen – ich denke mal Polen, die auf die USA hoffen und natürlich die drei baltischen Staaten mit ihren insgesamt 24.000 Soldaten.
 
Und um kämpfen zu können, brachte ich mich nun auch in das Gespräch mit ein, muss man den 25 Mio. Reservisten Russlands auch eigene Soldaten entgegenstellen. Mobilmachung in Europa – ehrlich, meine Phantasie reicht nicht aus, mir so etwas, alleine in Deutschland, vorzustellen, wo Fritz Müller, der 39jährige Schlosser bei VW in Wolfsburg, seine kalten Hauslatschen und das warme Bier stehenlassen soll, um sich in der nächsten Bundeswehrkaserne zu melden, mit Marschbefehl an die Ostfront. Und das alles nur, um die Ukraine vor dem bösen Iwan zu retten.
 
Normalerweise sollte eine Saunarunde nicht länger als zehn Minuten dauern. Wir saßen alle nun schon 15 Minuten und schwitzten bei rund 95 Grad. Die Temperatur stieg von Minute zu Minute und wir beschlossen eine kollektive Abkühlung im Schwimmbecken vorzunehmen. Die Überlegung, was denn passiert, wenn die Chinesen, die Nordkoreaner oder die Iraner den Russen ein paar ihrer Soldaten zur Verfügung stellen, damit diese praktische Erfahrungen sammeln können für die zukünftigen Auseinandersetzungen mit den USA, vertagten wir auf später.
 
Sie sahen einen Beitrag von „Baltische Welle“. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Tschüss und Poka aus Kaliningrad

 

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Kommentare ( 2 )

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 27. September 2022 11:05 pm

    Zusammengefaßt finde ich hier die von mir schon mehrfach geäußerte Ansicht, daß ich im Ernstfall den Bündnisfall infrage stelle, bestätigt.
    Der bevorstehende Winter, die Konfusion allein in unserem Land, Umlagen zu Gunsten von Konzernen mit Geldern aus Steuern der Arbeitnehmer, überproportionale Verteuerung ohne reale Mehraufwendungen und vieles mehr, lassen mich glauben, daß all dies auch vom Michel nicht einfach gefressen wird.
    Mit Vietnam, dem Irak und Libyen standen den GI`s keine ebenbürtigen Gegner gegenüber, wo man nach mehrmaligem Fronteinsatz aus oft sicherer Position staatlich subventioniert nach Saigon, oder anderen Ortes, zum Bumbsen geflogen wurde.
    Dem nicht US-NATO-Soldaten dürfte klar sein, daß Oncle Sam seine Hauptaufgabe im Einsatz der Luftwaffe, der Logistik und der Waffenbereitstellung sieht, fernab von zu Hause, und ohne stark verlustbehaftete Bodentruppen - das mögen die "alten Europäer" übernehmen, und die Navy wird in Ostasien unabkömmlich sein!

  • loyalo nilats gleichgesinnter

    Veröffentlicht: 27. September 2022 17:40 pm

    ich finde, daß wir schon sehr weit (runter) gekommen sind, wenn wir über die frage sinnieren, kommt der krieg oder nicht (oder noch nicht). solche dinge haben wir zur cuba krise erlebt, aber auch noch mal 1983 und ich glaube 1987. 83 hat eine nato übung fast real den überfall auf uns geprobt, so dreist, daß man im osten annahm, es geht los. und dann 87 nochmal, als ein sowjetisches radarsystem den anflu g von ami atomraketen meldete. ein sowjetischer offizier hat sich über die meldung hinweg gesetzt, erst nocheinmal alles überprüft. zum glück. es war fehlalarm. und heute reden wir alle davon, als sei es die normalste sache der welt. eine scheiß-entwicklung.
    tschüs und poka

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