Gespräche in der Sauna: Liberalissimus beklagt Freiheiten in Russland

Gespräche in der Sauna: Liberalissimus beklagt Freiheiten in Russland
 
Gespräche in einer russischen Sauna sind vermutlich zu vergleichen mit Gesprächen an einem deutschen Stammtisch. Während der Russe deutsches Bier kennt, kennen nur wenige Deutsche eine russische Sauna. Ich möchte Sie an den Gesprächen teilhaben lassen, die dort jeden Morgen, mehr oder weniger hitzig, geführt werden.
 
 
Irgendwie scheint es sich in Kaliningrad herumzusprechen, dass die Sauna im Albatros in Wirklichkeit keine Sauna ist, sondern eine Tankstelle für Informationen und Meinungen. So ist es nicht verwunderlich, dass es regelmäßig neue Gesichter in der Gesprächsrunde gibt.
 
Es gab sogar mal einen Deutschen der meinte, dass sich in dieser Sauna Agenten treffen und unter Anleitung von Erichowitsch ihre tägliche Arbeit organisieren. Er informierte darüber schriftlich in deutscher, englischer und russischer Sprache das russische Außen- und Innenministerium und vielleicht auch noch andere russische Behörden. Dieser Deutsche, der sich regelmäßig in Kaliningrad aufgehalten hat, hat unsere Sauna-Runde niemals besucht. Es hätte auch nichts genutzt, denn dort wird nur Russisch gesprochen und er verstand kein Russisch.
 
Aber, glauben Sie mir, in dieser Sauna-Runde befindet sich kein einziger Agent. Wir sind alles nur Leute, die aktiv am gesellschaftlichen Leben Russlands teilnehmen – egal, welche gesellschaftlichen Positionen, Ansichten und Meinungen jeder von uns besetzt.
 
Heute Morgen spürte ich eine irgendwie besondere Situation in der Sauna. Allgemeines Schweigen – ein Schweigen, als ob alle Anwesenden auf irgendetwas warteten. Und ich ahnte richtig. In der Woche, wo ich in Kurgan war, war etwas passiert. Alle wussten bereits Bescheid, ich jedoch nicht.
 
Unser Liberalissimus – Sie, meine Lieben Zuschauer und Leser kennen ihn schon – fragte mich, ob ich denn auch in Kurgan Nachrichten gehört hätte und ob mir bekannt ist, dass man in Russland nicht mal mehr seine eigene Meinung sagen kann, ohne dafür bestraft zu werden.
 
Das man in Russland nicht seine eigene Meinung sagen darf, war wirklich eine Neuigkeit für mich. Das war mir bisher nicht bekannt.
 
Er erzählte, dass in Kaliningrad seit Ende Februar 87 Personen zur Verantwortung gezogen worden sind, weil sie sich öffentlich und kritisch über die Innen- und Außenpolitik Russlands geäußert hatten. Einige davon hatten Informationen über die russische Armee und deren Einsatz in der Ukraine verbreitet oder kommentiert.
 
Und der Liberalissimus wollte wissen, was ich davon halte, dass es verboten ist, den Einsatz der russischen Armee in der Ukraine als Krieg zu bezeichnen.
 
Nun, meinte ich, in Kriegszeiten spricht man von Defätismus, wenn Handlungen vorgenommen werden, die die Sicherheitsinteressen des Landes betreffen. In Deutschland wurde das damals, 1945, als es dem Ende zuging, mit dem Tode, der standrechtlichen Erschießung, geahndet.
 
Aber heute wird niemand erschossen und von Defätismus spricht auch keiner, denn es findet ja wirklich kein Krieg statt. Wenn Russland in der Ukraine Krieg führen würde, wäre das Thema der NAZIkis, wie man jetzt, leicht verniedlichend, die Bandera-Erben bezeichnet, längst erledigt. So aber nimmt Russland Rücksicht, fast hätte ich gesagt „verdammte“ Rücksicht, auf ukrainische Zivilisten und Ziviles und bezahlt dafür teuer. Ich persönlich bezeichne das, was gegenwärtig in der Ukraine vor sich geht, als Familienstreit, der längst beendet wäre, wenn sich nicht die Nachbarn eingemischt hätten.
 
Aber es kann doch nicht sein, dass man in Russland nicht mehr das sagen darf, was man denkt und meint und wenn man es doch tut, wird man dafür bestraft. Das ist doch Willkür, Zensur, Unterdrückung der Meinungsfreiheit – meinte unser Liberalissimus und schaute mich fragend an.
 
Wir haben uns 30 Jahre lang eine Meinungsfreiheit erlaubt, die wir uns eigentlich nicht hätten erlauben können oder sollen. Diese Meinungsfreiheit ist der russischen Gesellschaft nicht gut bekommen. Und nachdem der Staat Jahrzehnte lang die Nawalnys, die Orschulejewitschs, die Einflussagenten, die NGOs, die Fünfte Kolonne, hat schalten und walten lassen, wie diese wollten, wurde eben jetzt ein Schlusspunkt gesetzt. Es wird aufgeräumt und die westliche Meinungsfreiheit hört dort auf, wo unsere russische Meinungsfreiheit beginnt – antwortete ich unserem Liberalissimus.
 
Natürlich gefiel ihm meine Meinung nicht. Und plötzlich platzte es aus ihm heraus: Meine Frau gehört auch zu den 87 Personen, die seit Februar zur Verantwortung gezogen worden sind. Im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit hatte sie etwas geäußert und wurde jetzt mit einer großen Geldstrafe belegt, informierte der Liberalissimus sichtlich ärgerlich.
 
Natürlich war mir bekannt, welche Rolle die Ehefrau unseres Liberalissimus in unserer russischen Regionalgesellschaft spielt. Sie ist wirklich sehr bekannt – insbesondere in „gewissen liberalen Kreisen“.
 
Die Summe, die seine Frau zu bezahlen hat, entspricht wohl einem doppelten Monatslohn eines durchschnittlichen Arbeitnehmers in Kaliningrad. Das seine Frau dieses Geld wirklich aus ihrer eigenen Tasche bezahlt – daran habe ich Zweifel. Es gibt genügend „Quellen“, die sich als Sponsoren zur Verfügung stellen und die Bezahlung der Strafe übernehmen. Wie war doch der Spruch in einem alten sowjetischen Filmklassiker:
 
Video: Filmklassiker 12 Stühle
 
Ich erzählte unserem Liberalissimus, dass auch Deutschland die Bürger zur Verantwortung zieht, die sich nicht so verhalten, wie es die Politiker der BRD von ihnen erwarten. Da gibt es eine Frau, sie lebt in Deutschland, die in den Donbass gefahren ist, um von dort zu berichten. Sie tut genau das Gleiche, was die zwangsfinanzierten ARD/ZDF-Journalisten tun, aber eben auf der anderen Seite der Straße. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht immer das Gleiche – auch in Deutschland ist dies bekannt. Und, während die staatstragenden Journalisten mit Pulitzer- und sonstigen Journalistenpreisen überhäuft werden, werden Blogger, die ihre Sichtweise verbreiten und die den deutschen Politikern nicht gefallen, in Deutschland gerichtlich belangt.
 
Unserem Liberalissimus war dies natürlich nicht bekannt. In den russischen Medien wurde dieser Vorfall nicht erwähnt.
 
Dass die Buchstaben „Z“ und „V“ in Deutschland verboten sind, war ihm auch nicht bekannt – zumindest sagte er dies. Deutsche Politiker verbieten zwei Buchstaben aus dem lateinischen Alphabet und wer sie trotzdem verwendet, wird in Deutschland zur Verantwortung gezogen.
 
Russland findet es richtig, von einer Militäroperation, anstatt von Krieg zu sprechen. Und wer sich mit seinen offiziellen Äußerungen nicht an die offiziellen Sprach- und Verhaltensregeln hält, muss mit der Reaktion der Staatsmacht rechnen. Es ist eine innere Angelegenheit Russlands, eine Familienangelegenheit, wie man sein familiäres Leben gestaltet, welchen familiären Umgangston man pflegt – ergänzte ich meine Überlegungen gegenüber unserem Liberalissimus.
 
Tja, so unterschiedlich sind eben die Wahrnehmungen von Meinungsfreiheit in unserer aktuellen Welt.
 
Und in Deutschland geht man wohl immer noch davon aus, dass der 8/9. Mai 1945 ein geschichtlicher temporärer Irrtum war und man nun die Chance hat, diesen Irrtum zu korrigieren. Deshalb ist alles das, was Russland macht, verkehrt. Und wer seine Meinung und Informationen nur mit Hilfe ausländischer Medienagenten bildet, die vom Westen gesponsert werden, muss sich nicht wundern, wenn er sich damit zum Außenseiter der Gesellschaft macht.
 
Ich war wohl mit meinen Darlegungen doch etwas sehr emotional geworden, hatte mich zu sehr in die Diskussion hineingesteigert – eine große Schwäche meinerseits, – denn unser Liberalissimus schwieg. Es war wohl alles gesagt und eine Unterstützung meinerseits für seine Frau, vielleicht sogar eine Finanzspende, hatte er wohl nicht wirklich erwartet. Er wollte einfach nur mal wieder opponieren.
 
Bei der Gelegenheit erzählte ich ihm und allen anderen Anwesenden, dass ich in Kürze eine Reise nach Deutschland plane. Und ich bin gespannt, was ich in Deutschland alles erleben, sehen, hören und vor allem, wen ich alles treffen werde.  
 
Ein Beitrag von „Baltische Welle“
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Tschüss und Poka aus Kaliningrad
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Kommentare ( 4 )

  • Vogonendichter

    Veröffentlicht: 20. Juli 2022 14:46 pm

    Also, soweit wie ich weiss, darf man in Russland nicht wissentlich die Unwahrheit über den Krieg verbreiten. nicht mehr und nicht weniger.
    Jeder sollte also erstmal selbst überprüfen, was er da schreibt.
    Korrigiert mich, wenn ich falsch liege.
    Aber ich würde schon den Begriff "Krieg" wählen, überall wo im grossen Umfang mit Waffen gesprochen wird, ist in meinen Augen Krieg.
    Wichtig sind da die benutzten Adjektive, wie zB das im Westen verwendete "Nichtprovozierter Angriffskrieg". Denn wenn man die Geschichte seit 2014 verfolgt hat, war das alles andere als "Nichtprovoziert", sondern eher vom Westen erzwungen.
    Sie können ja mal diesen "Liberalissimus" fragen, ob die russische Justitz auch Weisungsgebunden ist, wie in DE. Ob ein Justitzminister einem Staatsanwalt anweisen darf, welche Fälle er ermitteln darf und welche nicht.
    Wieso zB wurde noch nie Abgeordneter/Politiker wegen Korruption in DE verurteilt. siehe Maskenaffären, schwarze Koffer oder Beraterhonorare

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 21. Juli 2022 11:45 pm

    Es ist ziemlich egal, ob man es "Krieg" nennt oder sonstwie. Ich sehe aber, daß Rußland keinen Krieg führt (im Gegensatz zur Ukraine und ihren NATO-Strippenziehern), sondern irgendeine Militäroperation. Für einen Krieg hätte Rußland mehr Kräfte und Material einsetzen müssen, um größere Offensivkraft zu entfalten und schneller voranzukommen.
     
    Solange mit dem langsamen Vorgehen die gesteckten Ziele erreicht werden, ist es ja in Ordnung. Falls allerdings die eigenen Verluste zu hoch sein sollten - auch die Zivilverluste in den befreiten Gebieten durch feindlichen Beschuß -, so würde ich die Operation als nicht optimal ansehen. Außerdem war ich vom ersten Tag an der Meinung, daß mit zunehmender Dauer die Folgen immer unberechenbarer werden, d.h. die Kriegsgefahr wächst.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 21. Juli 2022 15:29 pm

    " So deklarierten einige Staaten mili-tärische Aktionen nicht mehr als Kriege, um das Kriegsverbot des Briand-Kellogg-Paktes von 1928 zu umgehen.
    Auch waren nur wenige angreifende Staaten seit dem2. Weltkrieg dazu bereit, ihren Verstoß gegen das in Art. 2 Nr. 4 VN-Charta niedergelegte Gewaltverbot durch eine Kriegserklärung offenkundig zu machen.
    Seit dem 2. Weltkrieg wird der Kriegsbegriff von den Staaten in Völkerrechtsabkommen und von der Völkerrechtsliteratur seltener verwendet. Stattdessen sprechen sie von „internationalen bewaffneten Konflikten“ und „nicht-internationalen bewaffneten Konflikten“. Das überwiegende Schrifttum sieht „Krieg“ heute als Unterfall des „internationalen bewaffneten Konfliktes“ an oder geht sogar davon aus, dass der Kriegsbegriff durch den neuen Begriff abgelöst worden ist."

    Ich hoffe, zur Aufklärung beigetragen zu haben. Ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Also "abgeschrieben".

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 21. Juli 2022 15:42 pm

    "Die „nicht-internationalen bewaffneten Konflikte“ (auch „interne bewaffnete Konflikte“ genannt) unterscheiden sich von den „internationalen bewaffneten Konflikten“ dadurch, dass bei ihnen eine der Konfliktparteien oder beide Konfliktparteien keine Völker-
    rechtssubjekte sind. Beispiele hierfür sind Bürgerkriege und Auseinandersetzungen mit nationalen Befreiungsbewegungen."
    Also auch wieder nicht von mir. Nur copy and paste.
    Das wäre eine vertretbare Definition für die Kampfhandlungen in der Ukraine gegen die beiden selbsternannten aber noch nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk bis zu ihrer Erklärung der staatlichen Selbständigkeit. Also ein Bürgerkrieg einer nationalen Befreiungsbewegung gegen durch einen Putsch an die Macht gekommenes nazistisch geprägtes Regime in Kiew.

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