Gespräche in der Sauna: Medwedjews geheimnisvolle Zeilen

Gespräche in der Sauna: Medwedjews geheimnisvolle Zeilen
 
Gespräche in einer russischen Sauna sind vermutlich zu vergleichen mit Gesprächen an einem deutschen Stammtisch. Während der Russe deutsches Bier kennt, kennen nur wenige Deutsche eine russische Sauna. Ich möchte Sie an den Gesprächen teilhaben lassen, die dort jeden Morgen, mehr oder weniger hitzig, geführt werden.
 
 
Am heutigen Morgen habe ich in der Sauna versucht, über völlig unverfängliche Themen zu sprechen … über meinen Arztbesuch am gestrigen Tag, wo ich einen 17 Monate alten Jungen kennenlernte, der eine Kinderrevolution veranstaltete, weil Mama ihm das Smartphone für wenige Augenblicke wegnahm und von meinem Besuch der Feuerwehrausstellung in Kaliningrad – eine wahre Erlebnisrevolution für Kinder aller Altersgruppen. Aber die Tagesrealität holte mich schnell ein und es wurde wieder über Russland und die Ukraine gesprochen.
 
Ich hörte aufmerksam meinen Gesprächspartnern zu, die in ihren Ansichten die gesamte Breite der russischen Gesellschaft widerspiegeln. Bei einem meiner Gesprächspartner glaube ich, dass dieser ab Juni, bevor er mit seinen Darlegungen in der Sauna beginnt, erklären muss, dass er „Ausländischer Agent“ ist – ein entsprechendes Gesetz ist in Vorbereitung. Wir haben ihm jetzt aber schon den Dienstgrad „Liberalissimus“ verliehen.
 
Einer der Anwesenden machte sich Sorgen, wie lange Russland denn noch diesen „Krieg“ führen kann. Täglich werden viele Raketen abgeschossen, viele Granaten verschossen und Bomben abgeworfen. Er befürchtete, dass Russlands Vorräte nicht ausreichen, die Ukraine dagegen jeden Tag Frischware aus der westlichen Solidargemeinschaft bekommt. Geld soll auch immer knapper werden und ohne Geld kann man keine Waffen und Munition mehr produzieren – meinte der stark schwitzende Liberale.
 
Mir kam diese Argumentation bekannt vor, denn in einem deutschsprachigen, sehr bekannten Russlandforum, gab es eine ähnliche Diskussion, wo jemand, in nicht ganz fehlerfreiem Deutsch, dafür aber mit gutem kyrillischem Akzent meinte, dass die russischen Munitionslager schon fast leer sind.
 
Grafik: Screen Diskussionsbeitrag des Russlandforums
 
Ein etwas älterer Saunabesucher meinte, dass leere russische Waffen- und Munitionslager wohl eher Wunschträume des Westens sind. Er gab zu, dass in der Sowjetunion vielleicht die Lebensmittelgeschäfte nicht immer voll waren, aber die Lager für Militärausrüstung aller Art, waren immer gut gefüllt und daran hat auch der Zerfall der Sowjetunion nichts geändert. Auch Russland hat sich immer darum gekümmert, ausreichend Vorräte zu haben und im Gegensatz zur russischen Zentralbank, die die Hälfte der Geldvorräte Russlands beim Feind gelagert hat, hat die russische Armee ihre Vorräte in Lagern, von denen viele nicht mal im Traum träumen würden. Er meinte, dass die Vorräte so groß sind, dass sie für 30 Jahre ununterbrochene tägliche Kriegsführung ausreichen – wenn man denn nichts weiter produziert um den Verbrauch wieder aufzustocken.
 
Der Mann machte nicht den Eindruck, als ob er ein Spinner ist und so, wie viele andere, sich mal schnell etwas ausdenkt, um sich wichtig zu tun. Ich saß mit ihm dann wenige Momente später noch im Blubber-Planschbecken und so lange wie wir alleine waren, erzählte er mir ein wenig aus seiner Biographie. Ich gebe zu, dass ich neidvoll, aber auch mit steigender Achtung seinen Lebenslauf genoss.
 
 
Ich erfuhr, dass diejenigen, die für die Sicherheit in Russland Verantwortung trugen und tragen, sich nie irgendwelchen Illusionen hingegeben haben. Wo der Feind zu finden war, war allen klar. Logisch das daraus die Notwendigkeit entstand, der strategischen Bewaffnung, insbesondere der auf U-Booten, besondere Aufmerksamkeit zu widmen - Immerhin hat Russland keine gemeinsame Grenze mit den USA, die USA aber haben eine gemeinsame Grenze mit Russland – ein bedauerlicher strategischer Fehler des Jahres 1990, oder, wie es Putin korrekter formulierte: „des Jahres 1997“. Mein Gesprächspartner meinte, dass er sich sicher ist, dass Putin genau weiß was er sagt und tut und alle seine Worte keine leeren Worte, sondern „militärtechnisch“ hinterlegt sind.
 
Ich erzählte meinem Saunapartner, dass mir ein Deutscher geschrieben hat, dass er vermutet, dass Russland über Kernwaffen auf neuer physikalischer Grundlage verfügt, deren Explosionswirkung zwar nach wie vor aus, dem sich ausdehnendem Feuerball und der Druckwelle besteht, jedoch keine Radioaktivität freigesetzt wird und somit keine Langzeitwirkungen durch tödliche Langzeitstrahlung besteht.
 
Video: Anwendung Kinschal in der Ukraine
 
Möglich, meinte mein Gesprächspartner und ergänzte, dass Russland über Waffen verfügt, wo ein einziges Geschoss ausreiche, um die ukrainische Stadt Dnepr vom Angesicht der Erde verschwinden zu lassen. Dabei gehe es nicht um Atomwaffen oder andere Arten von Waffen, die allgemein bereits bekannt sind. Es gehe auch nicht um strategische Waffen, sondern um taktische Bewaffnung, mit der man bisher noch keine große Reklame gemacht habe. Natürlich, so mein Gesprächspartner, ist Atombewaffnung eine gute Waffe, aber um die gleichen Ziele zu erreichen, wie beim Einsatz einer Atomwaffe, reichen die „Kinschal“ aus, die schon mal gegen Ziele in Kiew testweise eingesetzt worden sind.
 
Grafik: Russlands Forderungen zur neuen Sicherheitsstruktur in Europa
 
Ich wurde langsam nachdenklich, sehr nachdenklich – insbesondere, wenn ich das eben Gehörte noch mit dem verband, was mir andere russische Gesprächspartner gestern und vorgestern und vor einer Woche schon erzählt hatten. Irgendwie formte sich da ein Bild und mir wurde langsam klar, warum Putin mit ziemlicher Selbstsicherheit im Dezember 2021 dem Westen vorgeschlagen hat, an einem neuen Sicherheitskonzept zu arbeiten. Damals dachte ich, als ich die fünf Punkte las, die Putin für eine optimale europäische Sicherheit vorschlug, dass dies knallharte Vorstellungen waren, auf die der Westen wohl so nicht eingehen wird. Dem Satz von Putin, dass man mit „militärtechnischen Mitteln“ antworten werde, wenn das neue Sicherheitskonzept nicht beschlossen wird, hatte ich mit weniger Aufmerksamkeit und noch weniger militärtechnischem Sachverstand gelesen. Aber jetzt beginne ich langsam zu verstehen: Es waren keine leeren Worte.
 
Video: Kurzzitat Präsident Putin „… hört uns jetzt zu.“
 
Ich traf meinen Sauna-Gesprächspartner in der Umkleidekabine wieder. Er hatte sogar einen Schrank gleich neben mir – was für ein Zufall. Und ich fragte ihn, ob wir nicht heute oder morgen noch eine Tasse Kaffee oder ein Glas Tee miteinander trinken wollen. „Oi, danke – meinte er – ein wenig später vielleicht, denn ich muss heute mit dem Mittagsflieger wieder nach Moskau zurück.“
 
Ich trank dann mein Glas Tee im Office alleine und las mir nochmal das email einer meiner Leser durch, der schrieb:
 
„… solche alltäglich anwendbaren nichtnuklearen Atomschläge in variabler Stärke wären natürlich komplette Machtwechsel-Vehikel, wenn es notwendig wird, die Machtfrage in der Welt zu stellen. Man stelle sich nur vor, dass die Sprengköpfe nicht nur per Raketen und Bomben, sondern gar per Artillerie versendungsfähig sind. Wenn in der Ukraine-Spezial-Operation Russland durch NATO-Strategien in einen Mehrfrontenkrieg verwickelt werden soll, haben die gegnerischen Strategen von Anfang an Fehlplanung TOTAL. Dann wäre Russlands Dezember-Ultimatum endlich verständlich und überzeugend.“
 
Und dann beglückwünschte der stellvertretende Sekretär des russischen Sicherheitsrates Dmitri Medwedjew die russischen Bürger per Telegram-Kanal zum 1. Mai und schrieb ohne Ton geheimnisvolle Zeilen auf eine Tafel: „1. Mai und es nähert sich der Tag des Sieges“. Darunter zeichnete er den, in Deutschland verbotenen und unter Strafe gestellten, Buchstaben „Z“. Welchen Sieg er meint, den 9. Mai, als die Sowjetunion über den deutschen Faschismus siegte, oder ein anderes Datum, wo Russland über den ukrainischen NAZIonalismus siegt – das bleibt vorerst geheimnisvoll.
 

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Kommentare ( 4 )

  • Wladi

    Veröffentlicht: 1. Mai 2022 21:53 pm

    Keine Zweifel,es dauert alles sehr lange.USA sollte nicht ungeschoren davon kommen mein größter Wunsch!

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 2. Mai 2022 01:42 pm

    Hänge es mal nicht so hoch.
    Ich spekuliere mal. Es könnten die Folgen der Erkenntnisse des Endes der Besetzung von den Katakomben von Asowstal sein.
    Was und/oder wer dann so alles da das Tageslicht wieder erblickt. Ich vermute mal, daß ein großer Teil dieser Besetzer in der langen Zeit des Müsigganges unter Tage das "Singen" geübt haben, um mit weiteren Speisen und Getränken "des Aggressors" gelabt zu werden.
    Und wie das bei solchen Gelegenheiten auch üblich ist, wird dort auch gepfiffen, or allem "verpfiffen".
    Da werden wohl so manche Leute mit den jetzt noch großen Mäulern ziemliche Sprachstörungen bekommen, weil diese bekannt gewordenen Fakten dann die Denkstörungen bei vielen anderen bisherigen treudoof Verblendeten beenden.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 2. Mai 2022 13:24 pm

    Hallo Uwe!
    Könnten Sie vielleicht etwas mehr über die Vita des interessanten Saunabesuchers herauslassen ?
    Mein Interesse an dem Problemkreis, besonders nach aktuellem "input", basiert somit nicht auf purer Neugier.
    Wasser ist für mich nur eine bestimmte Grenzform, und mit 85 Km Distanz ist Alaska direkter Nachbar.
    Das gilt auch für die Ozeane und für das Polarmeer - da kann die Gefahr von 3 Seiten kommen, und der karibische Großraum ist dabei noch nicht einmal einbezogen.
    Für mich haben die USA ihren selbst erzeugten Todfeind, auch ohne Raketen auf Cuba, dirkt vor ihrer Haustüre - und sie wissen das!
    Große Flottenverbände sind im Ernstfall quasi stationär, ihre Positionen metergenau bekannt - Gefahr im Rahmen gebannt.
    Aufklärung im Wasser ist weit schwieriger als der einfache "Ping" in "Jagd auf Roter Oktober", sonst gäbe es nicht so viele Probleme bei Suchen in Schelfmeeren, deren Tiefe nicht annähernd der Tauchtiefe deutscher WK2-U-Boote entspricht.
    Selbst die Ostsee macht probleme!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 2. Mai 2022 14:13

      ... ich verstehe schon, dass sich viele für meine Gesprächspartner interessieren. Normalerweise berichte ich gar nicht über irgendwelche Gesprächspartner, bin aber in der letzten Zeit ein wenig davon abgekommen, weil die Formate meiner Veröffentlichungen es so erforderten. Belassen wir es also bei der Identifizierung als "Sauna-Kamerad".

      Natürlich haben Sie mit der "gemeinsamen Grenze" recht. Aber die ist für meine Darlegung eben nicht so augenscheinlich, wie die im Westen Russlands. Deshalb habe ich sie "Bloggertechnisch" einfach ignoriert.

      Amerikanische Flugzeugträger können heute nicht mehr beeindrucken, seitdem Russland die "Kinschal" auch erfolgreich in der Ukraine getestet haben. Es gibt keine Chance, diese Rakete an der Zielvernichtung zu hindern und es reicht eine einzige "Kinschal" aus, um einen Flugzeugträger zu versenken. Man braucht somit noch nicht mal mehr irgendwelche U-Boote, die rings um die USA im diensthabenden System sind.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 2. Mai 2022 17:12 pm

    Einspruch!
    Unterschätzen Sie bitte nicht die Bedeutung von U-Booten, im Gegensatz zur relativen Langsamkeit sehr schnell fliegender Interkontinentalraketen, und den daraus resultierenden Abwehrmöglichkeiten !
    Aufgrund ihres Tarnvermögens verkürzen sie die Anflugzeiten gegebenenfalls erheblich, und damit entscheidend.
    Nur diese Anflugzeiten waren das Kriterium dafür, daß Rußland keine nähere Stationierung von Kernwaffen zulassen konnte, und kann !!!
    Dessen sollten sich alle Möchtegernstationierer bewußt sein, sowohl die Polen , wie auch alle nördlich davon gelegenen, an Rußland grenzende Länder.
    Bei einer mit ca 30 Sekunden angenommenen Zeit nach dem Wasseraustritt , dürfte die Rakete ihre Vne von M10 erreicht, und bereits 50 Km zurückgelegt haben. Jede Minute bringt sie 200 Km weiter.
    Aus sicherer Tiefe gestartet, könnte Washington D.C. nach 2 Minuten ein Lichtblitz sein , wie auch jede küstennahe Großstadt, oder Basis
    MEMENTO ihr Lügner - Soldaten der Vergewaltigung bezichtigend !!!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 2. Mai 2022 17:18

      ... "Kinschal" scheint mir die unbedingte Notwendigkeit von U-Booten ein wenig zu relativieren. Hinzu kommen noch bis Ende des Jahres 46 neue Systeme "Sarmat" ... das dürfte es dann gewesen sein, wenn jemand wirklich Böses plant.

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