Gespräche in der Sauna: Von der Sinnlosigkeit eines Referendums

Gespräche in der Sauna: Von der Sinnlosigkeit eines Referendums
 
Es gibt wohl nur noch wenige, die glauben, dass nach dem Ende des russischen Militäreinsatzes die Ukraine wieder zu irgendeiner Normalität zurückfinden wird. Fast allen ist klar, dass die Ukraine zerfallen wird. Unklar ist nur noch, wie sie zerfallen wird.
 
 
Wieder einmal saßen wir in der morgendlichen Sauna im „Albatros-Fitnessclub“ zusammen und berieten die internationale Großwetterlage. Je nach politischer Einstellung gingen die Meinungen zur Zukunft der Ukraine diametral auseinander.
 
Unser Liberalissimus meinte, dass die Ukraine, nachdem sie die 12 Haubitzen der Bundeswehr erhalten hat, in einer Großoffensive die russische Armee aus der Ukraine herausdrängen wird und Putin zwingt, im Kiewer Führungsbunker die bedingungslose Kapitulation zu unterzeichnen.
 
Andere sahen dies etwas anders und meinten, dass ein Blick auf die jetzige Karte doch eindeutig zeigt, wohin der Zug rollt … äh, wohin die Panzer rollen und die Kinschal fliegen.
 
Begonnen im Norden mit dem Gebiet Charkow, weiter im Osten Lugansk und Donezk, im Süden Cherson und endend bei Odessa – dies werden die Gebiete sein, die Russland, koste es was es wolle, von Nazis und ukrainischer Militärtechnik befreien wird. Danach werden diese Gebiete „End-Ukrainisiert“. In Abhängigkeit, wie sich die internationale Situation gestaltet, könnte sich Russland dann weiter mit dem „Kernland Ukraine“ beschäftigen, d.h. letztendlich bis Lwow.
 
Und hier gingen die Meinungen der russischen Sauna-Patrioten auseinander. Einige meinten, dass doch ein kleines Stückchen Ukraine bleibt. Kiew bleibt die Hauptstadt und alles was westlicher von Kiew ist und nicht an Wasser grenzt, bildet dann die Restukraine. Ein Gesprächsteilnehmer meinte, dass ja irgendjemand die riesigen Schulden für die ganzen gelieferten Haubitzen, Panzer und Patronen an den Westen bezahlen müsse, denn das waren bestimmt keine Geschenke. Und wenn es keine Ukraine mehr gibt – tja, dann bezahlen irgendwie die aufgeteilten ehemaligen ukrainischen Regionen oder wie? Wir kamen zu keiner überzeugenden endgültigen Meinung und beschlossen, dass Schicksal der Restukraine oder nicht Restukraine dem Oberkommandierenden der russischen Armee und seinem Sicherheitsrat zu überlassen.
 
Und dann setzte sich die Sauna-Diskussion um die Gebiete fort, deren Ausscheiden aus dem Bestand der Ukraine, für jeden sachlich denkenden Russen, ein feststehender Fakt ist. Vereinen sich diese Gebiete am Rand der heutigen Ukraine zu einem einzigen neuen Subjekt, vielleicht Neurussland? Treten diese Gebiete vielleicht zum Bestand Russlands bei? Oder splitten sich diese Gebiete und jedes wird ein eigenständiges neues internationales Subjekt?
 
Die Mehrheit unserer kleinen Saunarunde kam zu dem Schluss, dass diese Regionen dem Bestand der Russischen Föderation beitreten werden. Damit wäre endgültig geklärt, dass, wenn nochmal Anspruch auf diese Gebiete erhoben wird oder die NATO sich weiter in diesem Bereich tummelt, man es mit Russland als „Gesprächspartner“ zu tun bekommt und der Zustand, wie er mit den Republiken Lugansk und Donezk acht Jahre lang herrschte, sich nicht wiederholen kann.
 
Als wir bis hierher angekommen waren stand die Frage, wie denn der Beitritt der Gebiete erfolgen soll. In den russischen Medien wurde vielfach von allen möglichen Varianten gesprochen. Wir haben uns in der letzten Zeit daran gewöhnt, dem russischen Präsidenten Putin zuzuhören, wenn er etwas sagt. Das unterscheidet uns vom Westen, der nicht zuhört, wenn Putin etwas sagt. Und dann gibt es immer Probleme. 
 
Und Putin hat gesagt, dass die in den Gebieten lebende Bevölkerung sagen soll, was sie will, wie sie ihr zukünftiges Leben gestalten will. Das scheint logisch, denn jemanden zu zwingen in einer Wohnung zu wohnen, die ihm nicht gefällt, wird diesen Menschen nicht glücklich machen. Er wird ewig nörgeln und unzufrieden sein.
 
Aber wie soll die Bevölkerung sagen, was sie will? Wieder mit einem Referendum, wie auf der Krim im Jahre 2014?
Einer der in der Sauna Schwitzenden meinte, dass das viel zu aufwendig ist. Der Westen wird die Lösungen, die nach dem Ende des Militäreinsatzes umgesetzt werden, nie und nimmer anerkennen. Deshalb braucht man auch keine aufwendige optische Lösung wie auf der Krim. Er erinnerte an die ehemalige DDR, wo ja auch kein Referendum durchgeführt wurde. Es wurde, in einer emotional aufgewühlten Stimmung, einfach eine neue Wahl durchgeführt, die ein DDR-feindliches Parlament, damals Volkskammer genannt, zur Geburt brachte und dies legte fest, dass man das eigene Land auflöst und der BRD gestattet, das Territorium und die 17 Mio. ungefragten Bürger zu vereinnahmen.
 
Ich war beeindruckt von so viel deutscher Geschichtskenntnis meines russischen Sauna-Partners. Das, was damals, im Jahre 1990, von der Weltöffentlichkeit als zutiefst demokratischer Prozess anerkannt und gefeiert wurde, muss man einfach nur in den, von den NAZIs befreiten, ehemaligen ukrainischen Gebieten wiederholen und alles ist bestens.
 
Dann mischte sich noch ein anderer Sauna-Besucher ein, der bisher geschwiegen hatte. Es stellte sich heraus, dass er Jurist ist und er meinte, dass man diese Vorgehensweise trotzdem einer juristischen Prüfung unterziehen müsse, ob dies denn alles so rechtens ist.
 
Ich sah ihn ganz erschrocken an und fragte: „Und wenn die Juristen feststellen, dass diese Vorgehensweise dem internationalen Recht widerspricht … was ist denn dann mit der Wiedervereinigung Deutschlands. Ist die dann auch rechtsungültig?
 
Und plötzlich stand der Jurist im Zentrum der Aufmerksamkeit. Alle schauten ihn an und warteten auf eine Antwort. Alle wollten wissen, ob die Einheit Deutschlands wieder rückgängig gemacht wird und wir im kommenden Jahr vielleicht wieder den 7. Oktober und die deutsch-sowjetische … äh, die deutsch-russische Freundschaft feiern können.
 
Er erwies sich als echter Jurist, der sich so einfach nicht packen und festnageln lässt. Er meinte, dass Juristen davon leben, dass bestehende Regelungen in Frage gestellt und uminterpretiert werden. Und es werden sich genügend Juristen finden, die alles so hindrehen, wie es politisch gebraucht wird – wir sehen es ja aktuell in der heutigen Situation.
 
Tja, und mit dieser unbefriedigenden Erkenntnis verließen wir die Sauna und gingen, um uns kalt zu duschen.
 
 
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Kommentare ( 2 )

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 15. Mai 2022 17:42 pm

    Ein kleines Stückchen Ukraine wird wohl bleiben. Wer sollte Interesse an dem Raum um Kiew haben? (Abgesehen von der NATO.)
     
    ".. endend bei Odessa" - Das reicht nicht ganz, der befreite Bereich muß bis Transnistrien reichen.
     
    Und was geschieht mit dem Gebiet südwestlich von Odessa? - Eigentlich war ganz Bessarabien russisches/sowjetisches Territorium, 1920 von Rumänien geraubt, 1940 von der Sowjetunion zurückgeholt. Leben da noch viele Russen oder Rumänen? Die meisten sind wohl Ukrainer. Wohin damit?
     
    Das Problem ist zweitrangig, jetzt muß erstmal Odessa und das Gebiet dahinter befreit werden!

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 16. Mai 2022 20:16 pm

    Bei Betrachtung meiner lebenslangen, wo immer auch möglichen Warmwassernutzung in flüssiger oder dampfender Form. darf ich mich guten Wissens als promovierter "Thermalisierer" benennen, der sich sofort in dieses Umfeld einfügen könnte.
    Beim Diskutieren wären Sie allerdings aufgrund einer jahrzehntelangen Sprachabstinenz zwingend eingebunden.
    Im ZDF parlierten gestern der recht umtriebige Philosoph Precht, und der bulgarische Politologe Ivan Krastev, offensichtlich bestens informiert, über die Ukraine, und was daraus wird.
    Ihr "Liberalissimus" hat in etwa den Ton getroffen - Putin wird verlieren, sein Ego bringt den Untergang, und ihm fehlen letztendlich Menschen.
    Canada mit 38 Millionen ( 4,2/qKm), Australien mit 26 Millionen (3/qKm), beides Riesenterritorien mit immensen Bodenschätzen, können als Wirtschaftsmächte auftreten.
    Warum sollte Rußland, mehr als doppelt so groß, adäquat reich ausgestattet, mit seinen144 Millionen Bürgern, ca 8/qKm, nicht gleichwertig auftreten können?

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