Grabredner des Deutsch-Russischen Hauses vor Militärgericht

Grabredner des Deutsch-Russischen Hauses vor Militärgericht

 

Das Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad existiert nicht mehr. Es hat sich selbst liquidiert – wie es in russischer amtssprachlicher Übersetzung formuliert wird. Nun stehen einige der Grabredner vor einem russischen Militärgericht.

 

 

Das Ungewöhnliche am Tod des Deutsch-Russischen Hauses ist, dass zuerst die Grabreden gehalten worden sind, dann das Grab geschaufelt wurde und erst dann trat der Todesfall ein. Und es ist noch nicht mal klar, ob alle Grabredner sich bewusst waren, dass sie eigentlich eine Grabrede hielten. Einige hielten wohl eine Rede mit dem Ziel, die Reaktion von RusslandDeutschen zu testen, ob diese vielleicht bereit wären, in Kaliningrad öffentlich ihren Unmut über föderale Politik zum Ausdruck zu bringen. Diese Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen, ganz im Gegenteil. Ein Grabredner konnte seinen Status nutzen, um unbeschadet das Land zu verlassen, andere Grabredner wurden im Mai 2017 verhaftet und stehen nun, nach rund zweieinhalb Jahren Untersuchungshaft, vor einem Militärgericht in Kaliningrad.

Es geht um die Organisation BARS, dem „Baltischen Vortrupp des russischen Widerstandes“.

Von der Existenz dieser Organisation hatte ich Ende 2016, als ich das Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad besuchte, Kenntnis. Ich wusste, dass sich um eine Führergruppe von mindestens zwei Personen, beide Absolventen der philosophischen Fakultät der Kaliningrader Kant-Universität, eine Reihe von Jugendlichen, häufig minderjährig, versammelt hatten. Kurz zusammengefasst hatte sich diese Organisation, mit häufig martialischem Auftreten, das Ziel gesetzt, Stadt und Gebiet Kaliningrad in „Königsberg“ umzubenennen und aus dem Bestand der Russischen Föderation herauszulösen. Deutschland sollte hierzu einen Beitrag leisten:

Videoeinspielung BARS01-01

Eben diese Gruppe war es, die sich den Slogan „Königsberg ist Europa“ hat einfallen lassen, … wohl davon ausgehend, dass andere, mit nicht ausgesprochenen Assoziationen, ergänzen: „… Kaliningrad ist Russland …!“

Nicht erwartet hatte ich, dass ich diese Gruppe in fast vollem Umfang am 30. Oktober 2016, dem offiziellen Gedenktag für die Opfer der politischen Repressionen in der Sowjetunion, auf dem Gelände des Deutsch-Russischen Hauses treffe. Der damalige Leiter des Hauses, Viktor Hoffmann, gab dieser Gruppe die Möglichkeit, ungehindert ihre Rede vorzutragen, die zweite Grabrede, die für das Haus gehalten wurde (die erste wurde im August 2014 gehalten).

Videoeinspielung BARS01-03

Vier Stunden habe ich danach in einer Räumlichkeit des Hauses gesessen, dessen Statuten politische Arbeit nicht zulassen. Bei Tee und Knabbergebäck versuchte man mich zu überzeugen, über diesen Auftritt nicht zu berichten.

Aber die Extremistengruppe sorgte am kommenden Tag selbst für die Verbreitung ihres Auftritts im Internet – wie das Video zeigt.

Danach setzten sich die verschiedensten Auftritte und Aktivitäten fort. Mich wunderte, dass der Staat all diese Auftritte anscheinend ohne nennenswerte Reaktion tolerierte. Außer einer Geldstrafe oder „erzieherischen“ Gesprächen hatte der Widerstand keinerlei Folgen.

Im November 2016 beschloss ich mit der Gruppe, bzw. dem Leiter der Gruppe Alexander Orschulewitsch, ein Interview zu führen.

 

Screen-Video-Einspielung BARS01-04 des Artikels
 
Auch hier sorgte die Gruppe mit ihrer Propagandaabteilung dafür, dass das Interview mit dem „bekannten deutschen Blogger Uwe Niemeier“ im Netz verbreitet wurde.
 
Wir, Alexander und ich beschlossen, Kontakt zu halten. Ich machte gegenüber Alexander keinen Hehl daraus, dass ich sein Verhalten verantwortungslos finde. Immerhin ist er Familienoberhaupt einer kinderreichen Familie (damals drei, heute vier Kinder). Denn irgendwann, so sagte ich ihm voraus, hat die Geduld des Staates auch ein Ende. Ich sagte ihm auch, dass ich seine Einstellung nicht teile und ihn somit kritisch begleiten werde. Er hatte nichts dagegen. Für ihn war die mediale Aufmerksamkeit wichtig.
 
Mehrmals lud Alexander mich zu Interviewtreffen mit deutschen Medien ein, die nach Kaliningrad gekommen waren, um sich mit dem Gedankengut der Gruppe vertraut zu machen. Das Interview mit der ARD, an dem ich nicht teilnahm, klappte, andere Interviewtermine platzten:
 
Videoeinspielung BARS01-05
 
Sein medialer Auftritt in Dresden platzte nicht:
 
Videoeinspielung BARS01-06
 
Und natürlich war Alexander Orschulewitsch nach den Ereignissen 2014 auf dem Kiewer Maidan auch in der Ukraine, um mit dortigen Aktivisten eine politische Kooperation zu vereinbaren. Auch nach Polen reiste man, um die dortigen antirussischen Stimmungen zu bestärken und Verbündete zu suchen.
 
Und natürlich dürfen die Kontakte zur Chodorkowski-Organisation „Offenes Russland“ nicht fehlen.
 
Wes Geistes Kind diese Widerständler sind, zeigen Fotos. Weitere Kommentare erübrigen sich, denn die Fotos sind selbstredend.

 

Foto BARS01-07
 
Eine im Internet durch die Widerstandsgruppe BARS durchgeführte Umfrage zur Umbenennung der Stadt zeigt, dass 2.100 einer Umbenennung der Stadt zustimmten, also 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Eine weitere Analyse hatte allerdings ergeben, dass ein Großteil der Teilnehmer an der Umfrage keine Kaliningrader und noch nicht einmal russische Bürger war.
 
Videoeinspielung BARS01-08
 
Dann hatte die Gruppe wohl die Geduld des Staates überstrapaziert. Die imaginäre rote Linie war, so zumindest meine Meinung, schon längst überschritten worden und der Staat verhaftete Alexander Orschulewitsch, Igor Iwanow und Alexander Mamajew im Mai 2017.
 
Foto: BARS-Führer Alexander Orschulewitsch in historisch bekannter Pose und Kleidung
 
Ein wenig später wurde dann noch Nikolai Zensow verhaftet.
 
Nun stehen alle vier vor einem Militärtribunal. Es wird ihnen nicht nur Extremismus vorgeworfen, sondern sogar Terrorismus. Am 11. Dezember 2019 fand die erste Sitzung des Gerichts statt. Drei Richter sind aus Moskau angereist, um den Prozess qualifiziert zu führen. Das zeugt dann schon von der Bedeutung, die der russische Staat dieser Gruppe beimisst. Es zeugt wohl aber auch davon, dass man sich in Moskau Sorgen um die Sicherheit des Gebietes macht. Die Endrussifizierung des Gebietes, deren Bestandteil die Germanisierung ist, läuft auf vollen Touren und der Staat ist einfach nur verpflichtet, Grenzen aufzuzeigen – mit möglichst beeindruckenden Urteilen.
 
Insgesamt wird das Gericht 60 Zeugen der Anklage und 13 Zeugen der Verteidigung hören.
 
Die Anklage lautet, dass die BARS-Aktivisten im Rahmen der Umbenennung von Stadt und Gebiet in „Königsberg“ auch für die Unabhängigkeit des Kaliningrader Gebietes von Russland eintraten. Fünf beeindruckende Anklagepunkte hat der Staatsanwalt formuliert:
 
  1. Organisation und Teilnahme an einer terroristischen Gemeinschaft
  2. Öffentliche Aufrufe zu terroristischen Handlungen oder öffentliche Rechtfertigung von Terrorismus
  3. Öffentliche Aufrufe zu extremistischen Handlungen
  4. Ungesetzlicher Erwerb und Lagerung von Munition im Rahmen einer Gruppe
  5. Ungesetzlicher Erwerb und Lagerung von Sprengstoff und Sprengmitteln im Rahmen einer Gruppe
 
Sollte das Gericht der Anklage folgen und die Angeklagten für schuldig befinden, so droht allen eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, was in Russland auch wirklich „das ganze Leben lang“ bedeutet.

 

Reklame

Kommentare ( 0 )

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung