Hilferufe an den Landesvater Putin

Hilferufe an den Landesvater Putin
 
Am Samstag veröffentlichte das russische Informationsportal „Kommersant“ einen Beitrag in Vorbereitung der großen jährlichen Pressekonferenz des russischen Präsidenten, die diesmal, bedingt durch Corona-Virus, in einem anderen Format stattfindet. Nicht nur Journalisten, sondern auch einfache Bürger können dem Präsidenten Fragen stellen. Alle Fragen erreichen den Präsidenten, aber nicht alle können durch ihn direkt und unmittelbar beantwortet werden.
 
 
Zehntausende Fragen treffen jedes Jahr zur Jahrespressekonferenz des russischen Präsidenten ein und es ist klar, dass Putin davon nur einen Bruchteil beantworten kann. Der weit überwiegende Teil der Fragen wird aber im Nachhinein durch die Präsidentenverwaltung bearbeitet und beantwortet, mögliche Probleme dabei gelöst.
 
Grafik: Jahrespressekonferenz des russischen Präsidenten am 17. Dezember 2020
 
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Putin sehr viele Probleme der Bürger lösen kann und auch löst. Das wissen die Russen natürlich und wenden sich somit immer häufiger an den russischen Präsidenten um ihre Probleme zu lösen. Dies ist einerseits ein gutes Signal, dass das Volk Vertrauen in den Landesvater Putin hat. Andererseits zeigt dies aber auch, dass diejenigen, die eigentlich die Probleme der Bürger direkt vor Ort lösen müssten, hierzu nicht in der Lage sind – egal aus welchen Gründen.
 
Somit versuchen die Bürger unter Nutzung möglichst spektakulärer Aktionen, auf sich und ihre Probleme aufmerksam zu machen. Die Masse der Briefe geht natürlich in ganz gewöhnlicher Briefform beim russischen Präsidenten ein. Wer mit dem Computer und Internet gut zurecht kommt, kann sich auf der Internetseite des Präsidenten ein Kabinett anlegen und über dieses Kabinett direkt mit dem Präsidenten Konversation betreiben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dies hervorragend funktioniert.
 
Screen: Internetseite des russischen Präsidenten Putin
 
„Kommersant“ hat aber jetzt einige spektakuläre Hilferufe der letzten Jahre in einem Beitrag zusammengefasst, den „Kaliningrad-Domizil“ auszugsweise übersetzt und veröffentlicht.
 
Im April 2016 sandten Bürger aus Ekaterinburg an den russischen Präsidenten eine Graffiti-Botschaft auf dem Dach eines Hauses: „Putin hilf. Das Gebiet befindet sich im Elend.“ Es ging darum, dass der Gouverneur des Gebietes, nach Ansicht der Hilfesuchenden, schlecht arbeitet. Putin lies den Hilferuf unbeachtet. Der Gouverneur ist heute noch im Amt.
 
 
Das zweite Beispiel zeigt einen Ort auf der Krim. Putin plante dort im Jahre 2016 einen Besuch und die Bewohner des Dorfes hatten mit Ziegelsteinen geschrieben: „Putin hilf Gerojewskoje“. Das Dorf hatte Probleme in der Wasser- und Gasversorgung. Die Bewohner klagten, dass ihnen seit 2014 viel versprochen und nichts gehalten wurde. Im Ergebnis wurde im Jahre 2017 ein Plan für die Versorgung des Dorfes mit Wasser und Gas durch die Verantwortlichen vorgelegt. Der Bau der Gasleitung begann jedoch erst 2020 und ist noch nicht beendet. Das Problem der Wasserversorgung ist generell nicht geklärt. Obwohl weitere föderale Politiker sich einschalteten, konnte das Problem bisher nicht gelöst werden. Die örtlichen Verantwortlichen geben die Schuld der russischen Bürokratie.
 
 
Das dritte Beispiel betrifft eine Protestaktion im September 2016 im Belgoroder Gebiet. Mitarbeiter des örtlichen Personennahverkehrs hatten aus 42 Bussen den Schriftzug „Putin hilf!“ formiert. Grund war, dass die Stadtverwaltung den Beförderungsvertrag mit dem Unternehmen kündigen wollte. Man vermutete einfach nur unlauteren Wettbewerb zugunsten eines Konkurrenten. Im Ergebnis erreichten die Hilfesuchenden nichts. Es kamen zwar eine Reihe von Verantwortlichen zur Prüfung der Fakten, aber ändern tat sich nichts. Die Firma verlor den Vertrag, dass genutzte Territorium wurde verkauft, die Firma geschlossen.
 
 
Das vierte Beispiel zeigt einen riesigen roten Schriftzug an einem Rohbau in der Stadt Ekaterinburg: „Putin hilf!“ Die Aktivisten waren Bauanteilseigner an diesem Gebäude und beschwerten sich, dass die Baufirma den Bau des Hauses nicht vollendete. Der Präsident selber mischte sich nicht in diese Angelegenheit, aber die örtlichen Verantwortlichen begannen zu reagieren. Im September 2018 wurde gegen die Führung der Baufirma ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Im Jahre 2019 wurde durch den Gouverneur ein Fond geschaffen, um betrogenen Bauanteilseignern generell zu helfen. Der Bau soll nun mit Geldern aus diesem Fond zu Ende gebaut werden.
 
 
Im September 2017 bildeten Bewohner aus Uljanowsk mit ihren Körpern den Schriftzug „Putin, rette unseren Wald.“ Sie protestierten damit gegen den Bau eines chinesischen Zementwerkes. Vorher hatten bereits andere Bürger mit anderen spektakulären Methoden protestiert, waren aber nicht erhört worden. In diesem Fall wurde der menschliche Schriftzug erhört. Das russische Bauministerium entzog den Chinesen die Genehmigung zur Nutzung von örtlichen Kreideressourcen. Eine Lizenz für die weitere wirtschaftliche Tätigkeit erhielten die Chinesen nicht.
 
 
Im August 2019 nutzten Fischer aus der Stadt Igark Bretter, um den Schriftzug „Putin – hilf Igark“ darzustellen. Sie baten den Präsidenten, ihnen den Fischfang mit Netzen zu gestatten. Vorher wurde diese Art des Fischfangs verboten. Ein Schreiben an den Gouverneur blieb unbeantwortet, der Strand wurde durch die russische Nationalgarde gegen die Fischer geschützt. Im Ergebnis des Protestes änderte sich nichts. Deshalb sandte man einen weiteren Brief an den russischen Präsidenten und wartet gegenwärtig auf eine Antwort. Mit dem Vorgang beschäftigt sich die russische Regierung.
 
 
„Putin, hilf!“ steht auf dem Plakat, welches an der Wand eines baufälligen Hauses befestigt ist. Der Hilferuf tauchte im November 2019 auf. Das Haus ist ein Wohnheim und gehört dem Verteidigungsministerium. Jetzt ist es als baufällig und nicht für Wohnzwecke geeignet, eingestuft. Im Jahre 2016 verzichtete das Verteidigungsministerium auf dieses Gebäude und übergab es der Stadtverwaltung von Krasnodar. Dort versprach man den Bewohnern neuen Wohnraum, allerdings nicht vor dem Jahr 2024. Die Bewohner wollten so lange nicht warten und entfalteten den weithin sichtbaren Hilferuf an Putin. Sofort nachdem der Hilferuf öffentlich wurde, fanden sich Gelder, um den Bewohnern neuen Wohnraum zuzuweisen. Jetzt steht das Gebäude leer und wird von Obdachlosen genutzt.
 
 
Im Januar 2020 tauchten an 25 Fenstern eines Hauses in Schelnow Zettel mit der gleichen Aufschrift „Putin, hilf“ auf. Die Bewohner forderten von der örtlichen Verwaltung, ihr Haus in das Programm der Hauptinstandsetzung aufzunehmen. Im Ergebnis mehrerer Inspektionen durch die örtliche Verwaltung wurde festgestellt, dass das Haus zwar einige Mängel hat, aber nicht der Hauptinstandsetzung unterliege. Entsprechend aktueller Planung wird nun das Haus im Jahre 2043 instandgesetzt, also in 23 Jahren.
 
Im April 2020 formten Bewohner des Dorfes Kukujewka im Gebiet Kursk aus Kartoffeln den Schriftzug „W. W. Putin, helfen sie Kukujewka im Gebiet Kursk“. Die Bewohner baten um Hilfe bei der Registrierung ihrer Eigentumsrechte an Immobilien. Fast 400 Familien hatten sich Häuser gebaut und konnten diese nicht im Grundbuch registrieren, weil diese sich in einer Naturschutzzone befanden. Bei Baubeginn war aber das Land noch Bauland und wurde erst im Jahre 2018 in „Naturschutzgebiet“ umgewandelt. Alle Bewohner erhielten eine offizielle Baugenehmigung. In die Angelegenheit mischte sich die russische Staatsanwaltschaft ein und es wurden zwei Strafverfahren gegen Beamte eingeleitet. Allerdings reichten die Beweise für eine Verurteilung wegen Amtsmissbrauchs und Gleichgültigkeit im Amt für eine Verurteilung nicht aus. Dann schaltete sich der neue Gouverneur in die Angelegenheit ein. Gegenwärtig wird mit dem russischen Umweltministerium über einen Gebietsaustausch verhandelt, so dass die Hausbesitzer mit Optimismus in die Zukunft schauen können.
 
 
Im Juni 2020 versammelten sich Bewohner aus Ufa vor dem Bürgermeisteramt, knieten nieder und protestierten mit Plakaten in der Hand, mit der Aufschrift „Nowkow verschwinde, Putin hilf.“ Sie protestierten gegen den Bau eines Hochhauses mit 35 Etagen in unmittelbarer Nähe zu dem Haus, in dem sie wohnten. Die Bewohner protestierten den ganzen Sommer über und wurden regelmäßig wegen ungenehmigter Protestaktionen bestraft. Dann kam der Gouverneur nach Ufa, besichtigte die Baustelle und verfügte einen sofortigen Baustopp. Die Baufirma gehörte einem Abgeordneten des Stadtrates. Der Gouverneur bezeichnete die Angelegenheit als „… nicht gesetzesverletzend, aber moralisch verwerflich.“ Unter dem Applaus der Bewohner des Hauses riet der Gouverneur dem Abgeordneten des Stadtrates sich mit ihm nicht in einen Rechtsstreit einzulassen. Der Gouverneur ordnete an, die Baugrube zuzuschütten und forderte die Bewohner auf, zu entscheiden, ob auf dieser Fläche ein Kindergarten oder ein Kinderspielplatz errichten werden soll. Die Baufirma zog ihre Bautechnik ab.
 
Videoeinspielung: Bürger knien vor der Stadtverwaltung
 
Im November 2020 wandten sich betrogene Bauanteilseigner von zwei Objekten in St. Petersburg mit einem großen Banner an Putin. „Putin, hilf“ – die altbekannte Losung. Die Aktion startete genau an dem Tag, an dem Putin seinen Besuch in St. Petersburg angekündigt hatte. Bereits im Vorfeld kam es zu Protestaktionen, die aber keinerlei Resultate zeigten. Ab dem 31. Oktober traten dann einige Aktivisten in einem Anhänger in den Hungerstreik. Dann fanden die Verantwortlichen in St. Petersburg sehr schnell einen Investor, der bereit war, die beiden Objekte zu Ende zu bauen.
 
 
Anfang Dezember 2020 kam es in Ufa zu einer Protestdemonstration. Hier ging es um ein Haus, welches in Nutzung überführt worden war, aber wohnen war in dem Haus unmöglich. Dies betraf auch einen Kriegsveteranen. Das Kollektiv des Hauses ging auf die Straße mit einem Plakat „Putin, hilf einem Kriegsveteranen.“ Gefordert wurde die sofortige Mängelbeseitigung am Haus. Der Sohn des Kriegsveteranen berichtete wenige Tage später, dass die Fahrstühle in dem Haus nach wie vor nicht funktionieren und im Keller immer noch Wasser steht. Eine unabhängige Expertenkommission hat den Bauzustand des Hauses mit 70 % Fertigstellung bewertet.
 
Videoeinspielung: Bürger unterstützen Kriegsveteran
Reklame

Kommentare ( 0 )

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung