Kaliningrad – Die Situation ist gefährlicher, als zu Zeiten des Kalten Krieges

Kaliningrad – Die Situation ist gefährlicher, als zu Zeiten des Kalten Krieges

Die Gefahr, dass das Gebiet Kaliningrad Mittelpunkt eines militärischen Konfliktes in Europa wird, ist vier Mal größer, als noch zu Zeiten des Kalten Krieges. Diese Aussage traf der Wissenschaftssekretär der Kant-Universität Juri Swerew im Rahmen einer Publikation. Der stellvertretende Chefredakteur des liberalen Informationsportals „newkaliningrad“, hinterfragte einige markante Aussagen.

Der stellvertretende Chefredakteur von „newkaliningrad“ Wadim Chlebnikow analysierte die Gesamtpublikation des wissenschaftlichen Mitarbeiters der Kant-Universität und führte anschließend ein Gespräch, dessen wesentlichen Inhalt „Kaliningrad-Domizil“ in auszugsweisen bearbeiteten sinngemäßen Zitaten widergibt.

Dass die Kriegsgefahr um Kaliningrad heute um ein Vielfaches höher ist, als zu Zeiten des Kalten Krieges, ist auf das nicht eingehaltene mündliche Versprechen der westlichen Staaten zurückzuführen, die Grenzen der NATO nicht nach Osten zu verschieben. Die Sowjetunion hat in den damaligen Verhandlungen große Fehler zugelassen. Man hat dem Wort von Gentlemans geglaubt und nichts schriftlich vereinbart.

Der Beitritt der Krim zum Bestand der Russischen Föderation und die Ereignisse im Osten der Ukraine sind nicht die Ursache für das jetzige Spannungsverhältnis zwischen Russland und dem Westen. Sie waren nur Vorwand. Hätte es diese Ereignisse nicht gegeben, hätte der Westen andere Vorwände gefunden, um das Verhältnis mit Russland zuzuspitzen.

Russland hat kein Interesse, sich irgendwie der Baltischen Staaten zu bemächtigen. Russland hat längst verstanden, dass die Baltischen Staaten keine zuverlässigen Partner im Wirtschaftsleben sind. Deshalb hat man bereits ab 1997 begonnen, eigene Häfen am Finnischen Meerbusen zu bauen. Russland benötigt die Infrastruktur der Baltischen Staaten nicht mehr, um seine Wirtschaft zu entwickeln. Kriegerische Auseinandersetzungen machen demzufolge mit diesen Ländern überhaupt keinen Sinn.

Kaliningrad wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion in einem hohen Tempo demilitarisiert. Von ehemals 1.100 Panzern, die in Kaliningrad stationiert waren, verblieben im Jahre 2008 nur noch 80 Panzer. Schwierigkeiten bestanden damals mit Litauen. Das Land weigerte sich, die Panzer im Transit-Eisenbahntransport durch das Land zu lassen, so dass für die Rückführung der kompliziertere Seeweg genutzt werden musste.

Es wächst die Gefahr eines ungewollten Zwischenfalls im Rahmen der erhöhten Aktivitäten, insbesondere der amerikanischen strategischen Bomber. Erst unlängst trainierten drei US-Bomber vom Typ B-52 einen Atomangriff auf Kaliningrad in einer Entfernung von nur 250 Kilometern. Und im März wurde ebenfalls ein Angriff trainiert. Russische Flugzeuge haben niemals ähnliche Übungen in der Nähe von Washington oder Norfolk durchgeführt. Es ist nicht so sehr die Anzahl der Flugzeuge, die Angriffshandlungen trainieren, beunruhigend, als vielmehr die Intensität der Flüge.

Die NATO hat versprochen, keine Truppen auf ständiger Basis in den Baltischen Staaten und Polen zu stationieren. In Wirklichkeit haben sie dies aber doch getan. Dass die Truppenkontingente in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden und dies als „nicht ständige Stationierung“ bezeichnet wird, ist einfach nur verbaler Betrug am Versprochenen. Nur weil sich die Nummern der Truppenteile ändern, kann man doch nicht von einer zeitweiligen Anwesenheit sprechen.

Russland hat sein militärisches Potential in Kaliningrad erst dann wieder begonnen aufzubauen, nachdem die NATO entsprechende Handlungen auf ihrem Gebiet vorgenommen hatte.

Im Kaliningrader Gebiet befanden sich als einzige Raketen noch die Abwehrraketen S-200, ein System aus dem Jahre 1967. Es waren die letzten Raketen dieses Typs, über die Russland überhaupt noch verfügte. Diese wurden nach der Zuspitzung der Lage durch die NATO im Jahre 2012 durch Raketen des Typs S-400 ersetzt. Im Jahre 2018 kamen dann die Iskander-Raketen nach Kaliningrad. Wiederum eine Antwort auf Handlungen der NATO, lange angekündigt durch die russische Führung. Die Brigade, die diese Raketen erhielt, war die vorletzte Brigade überhaupt in der russischen Armee, die noch nicht über diese Raketen verfügte.

Interessant ist, dass kaum jemand im Westen Äußerungen eines amerikanischen kommandierenden Generals in Europa zur Kenntnis genommen hat, der laut überlegte, wie man die Luftverteidigung Kaliningrad ausschalten könnte. Man stelle sich vor, irgendein russischer General hätte laut darüber gesprochen, wie man die Luftverteidigung von Polen ausschalten wird – welche Reaktionen dann wohl gekommen wären?

Gegenwärtig wird die Militärgruppierung in Kaliningrad verstärkt. Jeder kann dies sehen, insbesondere zu den Militärparaden, die jedes Jahr am 9. Mai in Kaliningrad stattfinden. Hier zeigen wir die „Iskander“, die Küstenschutzkomplexe „Bal“ und „Bastion“ und die Selbstfahrlafette „Mista-S“ und noch einiges mehr. Das dies alles in Kaliningrad ist, ist kein Geheimnis. Überhaupt ist die Verlegung von schwerem militärischem Gerät nach Kaliningrad nicht möglich so zu organisieren, dass niemand es bemerkt.

Ich würde eigentlich die gegenwärtigen Vorgänge in Kaliningrad nicht als Verstärkung, sondern vielmehr als Wiederherstellung der Militärgruppierung bezeichnen wollen. Allerdings erfolgt dies bei weitem nicht in dem Umfang, wie zu sowjetischen Zeiten. Zu sowjetischen Zeiten standen auf dem Kaliningrader Gebiet vier Divisionen, davon zwei Panzerdivisionen. Jetzt haben wir hier überhaupt keine Division.

Es erfolgt keine Militarisierung des Kaliningrader Gebietes. Wir führen nur Antwortmaßnahmen auf die Handlungen der NATO durch. Und das dies irgendwelche Auswirkungen auf das gewöhnliche tägliche Leben der Bürger oder Touristen hat, ist nicht zu sehen.

Was die Zunahme der Flugaktivitäten der russischen Fliegereinheiten anbelangt, so sollte man diese mit den Zeiten der 80er Jahre vergleichen, wo auf dem Militärflughafen in Schkalowsk sogar TU-22R basiert waren. Heute geht es vergleichsweise ruhig zu. Dass die Anwohner bei diesem Flugplatz nicht zufrieden sind, ist eigentlich ihre eigene Schuld. Sie haben gewusst, dass hier der Airport, sogar noch aus deutschen Zeiten, existiert. Wer hier wohnt oder eine Wohnung kauft, weiß, dass der Flugplatz existiert und trifft seine Entscheidung hier zu leben mit dieser Kenntnis.

Es ist richtig, dass dieser Militärflugplatz in Schkalowsk umfassend modernisiert worden ist. Jetzt können hier alle in der Welt bekannten Flugzeugtypen starten und landen. Strukturell ist er jedoch für die bekannten Jagdflugzeuge der SU-Reihe vorgesehen. Manchmal kommen große Flugzeuge aus dem russischen Mutterland – aber das ist so selten und stellt für die Anwohner nun wirklich kein Problem dar.

Natürlich gibt es Unterschiede zu den ruhigen 90er Jahren. Da hatten die Flugzeuge kein Sprit zum fliegen, die Piloten erhielten kein Gehalt und Flüge fanden eigentlich überhaupt nicht statt. Wer Kaliningrad haben wollte, hätte dies damals mit bloßen Händen holen können. Verhindert wurde dies wohl nur, weil Russland noch ein paar Atomwaffen hatte. Nun kann jeder, der heute über den Fluglärm jammert, selber einschätzen, was ihm lieber gewesen wäre …

Die Anwesenheit von Militärs in Kaliningrad stellt überhaupt keinen Grund für irgendeine Behinderung der wirtschaftlichen Entwicklung dar. Schaut man in die USA, z.B. nach San-Diego, so sieht man den Flottenstützpunkt der Pazifikflotte, jede Menge Militärbetriebe, Militärbasen, Übungsplätze usw. Niemand stört sich daran und der Tourismus und die Wirtschaft blühen und gedeihen.

Überhaupt ist der Begriff „Militarisierung“ für Kaliningrad unangebracht. Ja, es gab Zeiten, da war die Stadt voll mit Uniformierten. Jetzt sieht man eigentlich gar keine Uniformen mehr.

Es gibt eigentlich keinerlei militärische Schritte im Kaliningrader Gebiet, die die Nachbarn wirklich beunruhigen müssten. Klar, dass die „Iskander“-Raketen dem Westen nicht gefallen. Aber auch der Westen erkennt an, dass die Stationierung gegen keinerlei Verträge verstößt.

Die Polen kaufen jetzt auch in den USA Raketensysteme mit einer Reichweite von 300 Kilometern. Mit diesen Raketen können sie das ganze Kaliningrader Gebiet abdecken. Und die Amerikaner stationieren jetzt in Deutschland Raketen mit einer Reichweite von 499 Kilometern.

Wir sind nicht gegen einen Dialog. Selbst Trump hat vor wenigen Tagen erklärt, dass er mit Russland in Freundschaft leben will. Es steht nur die Frage, ob der amerikanische Kongress oder die amerikanische Waffenlobby es ihm gestatten, mit Russland Freundschaft zu schließen. Trump sind einfach die Hände gebunden und kaum, dass er irgendeinen Schritt in Richtung Dialog macht, wird er sofort beschuldigt, russischer Agent zu sein.

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Kommentare ( 1 )

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 23. Oktober 2019 20:22 pm

    Wieder das Märchen mit den angeblichen Versprechen - davon abgesehen, dass es ALLE Teilnehmer bestreiten, machte es zu dem damaligen Zeitpunkt auch keinen Sinn ... aber wen interessiert es schon, wenn alles Andere besser zur Befriedigung der allgegenwärtigen Paranoia passt.

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