Kaliningrad soll eigene Automarke erhalten

Kaliningrad soll eigene Automarke erhalten
 
Man sagt, dass Russland ein geheimnisvolles Land ist und Vorhersagen zu treffen zur Entwicklung des Landes oder gar zu Einzelereignissen, sei sehr schwierig. Die letzten Jahre haben dieses Stereotyp bestätigt. Nun überrascht Kaliningrad mit einer Nachricht, an die wohl niemand richtig glauben kann.
 
 
Ehemalige DDR-Bürger, die 15 und mehr Jahre auf ein Fahrzeug gewartet haben, werden sich erinnern, dass Fahrzeuge aus der UdSSR, also Moskwitsch, Saporoshez, Lada, vom Wolga ganz zu schweigen, sehr begehrte Fahrzeuge waren, begehrter eigentlich als Wartburg und Trabant.
 
Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus änderte sich vieles. Nicht nur, dass eine Gesellschaftsordnung verschwand. Es verschwanden auch viele Produkte dieser Gesellschaftsordnung.
 
Videobegleitung: Kaliningrader Straßenverkehr
 
Wer heute durch die Kaliningrader Straßen geht, wird ganz selten einen Lada oder einen Wolga sehen. Einen Moskwitsch habe ich letztmalig vor einem Jahr gesehen, auf der Kant-Insel, wo ein Fanat ein altes Modell auf Hochglanz gebracht hat.
 
Videobegleitung: Historischer Moskwitsch auf der Kant-Insel
 
Wie das im russischen Mutterland aussieht, kann ich nicht sagen – da sollen Fahrzeuge „Made-in-Russland“ doch noch vertreten sein. Allerdings ist ihr Ruf, insbesondere zu Preis und Qualität, nicht besonders gut. Ein Bekannter kommentierte mir gegenüber: „Mit der Qualität kann ich leben, mit dem Preis nicht.“
 
Videobegleitung: BMW-Fahrzeug in Extremlackierung
 
Nun wartet die Kaliningrader Fahrzeugholding „Avtotor“, wo nach wie vor Fahrzeuge der deutschen Firma BMW zusammengeschraubt werden, mit einer überraschenden und fast unglaublichen Nachricht auf. Man will ein eigenes Fahrzeug entwickeln und auf den Markt bringen. Das, was bisher keinem einzigen russischen Fahrzeughersteller gelungen ist, soll nun durch die Kaliningrader Fahrzeugholding verwirklicht werden. Sollte dies gelingen, so müsste man dem Holding-Vater Wladimir Tscherbakow ein Denkmal setzen.
 
Grafik: Gründungsvater Wladimir Tscherbakow
 
Informiert über diese Pläne hatte der Senior-Vizepräsident von „Avtotor“ Wladimir Kriwtschenko.
 
Er kommentierte, dass man sich, trotz aller gegenwärtigen Corona-Schwierigkeiten, dieser Aufgabe stellen werde. Es ist ein Kollektiv von Spezialisten zusammengestellt worden, welches sich mit allen Detailfragen, begonnen beim Design, bis hin zu möglichen Produktionsmengen, beschäftigen werde. Geschaffen wurde bereits ein Ingenieurzentrum, wo diese Spezialisten arbeiten. Unbeantwortet blieb die Frage nach Zeiten und Fristen.
 
Grafik: Produktionsentwicklung der Fahrzeugholding „Avtotor“
 
„Avtotor“, gegründet im Jahre 1997, hat Höhen und Tiefen in seiner Entwicklung genommen, ist aber daran ständig gewachsen. Das Unternehmen gehört zu den größten Steuerzahlern und ist der größte Arbeitgeber im Kaliningrader Gebiet. Im Jahre 2019 wurden 213.000 Fahrzeuge produziert, bei einer gegenwärtigen Maximalkapazität von 245.000 Fahrzeugen. Bedingt durch die Einschränkungen der Corona-Krise, rechnet man in diesem Jahr mit 145.000 produzierten Fahrzeugen. Gegenwärtig werden in den Produktionshallen der Holding über 40 Fahrzeugmodelle der Marken KIA, Hyundai, TATA Daewoo, FAW, Ford und BMW produziert.
   

 

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Kommentare ( 2 )

  • Vladimir Rudyh

    Veröffentlicht: 29. Oktober 2020 08:24 pm

    Ich nehme an, dass versucht wird, koreanische Modelle der vorherigen Generation unter einem eigenen Markennamen herzustellen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 29. Oktober 2020 08:27

      ... naja, ein Auto komplett neu zu entwickeln scheint mir, rein zeitlich und vor allem aber finanziell, für "Avtotor" unrealistisch. So kann ich schon Ihrem Gedankengang folgen, dass man versucht, viele bewährte "Einzelteile" anderer Hersteller für das Innenleben zu nutzen und das rein optische ... ja, da denkt man sich was völlig Neues aus. Designer gibt es ja ausreichend viele und gute in Russland.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 29. Oktober 2020 21:02 pm

    "Gegenwärtig werden in den Produktionshallen der Holding über 40 Fahrzeugmodelle der Marken KIA, Hyundai, TATA Daewoo, FAW, Ford und BMW produziert."
    Avtotor hat doch den Vorteil, nicht nur eine Marke zu kennen. Man sollte doch die russischen Ingenieure nicht unterschätzen. Da können doch ganz genau anhand der Robustheit, Reparaturanfälligkeit, der Montage- und Reparaturfreundlichkeit , des Verbrauchs usw. die Vorzüge oder Nachteile der einzelnen Bauteile der verschiedenen Marken analysiert werden und darauf kann doch aufgebaut werden. Es müssen doch keine Kopien gemacht werden, aber gedankliche Anlehnungen und Weiterentwicklungen sind doch nicht verboten.
    Ach, da bin ich eigentlich der Meinung, es soll ja kein Luftschloß sondern ein Auto fürs Volk entwickelt und gebaut werden.
    Der Designer, der den Wagen entwickelt, der schnuckelig aussieht und gut im Windkanal besteht, der hat den großen Wurf gemacht.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 29. Oktober 2020 22:36

      ... ein russischer Bekannter (Auto-Fan) meinte, als ich mit ihm über den Artikel sprach, dass die Russen nur gute Panzer und Geländefahrzeuge bauen können, aber keine Zivil-PKW ... er hat es etwas lustiger ausgedrückt und ich habe auch gelacht ... aber insgesamt ist diese Erkenntnis eigentlich recht traurig ...

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