Kaliningrader Touristen-Salat

Kaliningrader Touristen-Salat
 
Vermutlich steht in der Stellenbeschreibung für den Tourismus- und Kulturminister des Kaliningrader Gebietes, dass er Optimismus auszustrahlen habe. Schaut man auf Andrej Jermak, so ist er der ideale Minister in dieser Funktion
 
 
Als Andrej Jermak vor vielen Jahren in die Zukanow-Regierung als Minister berufen wurde, mutmaßten viele, dass sein ehemaliger Arbeitgeber ihn in diese Funktion bugsiert habe, damit er die Interessen seiner Firma in der Regierung vertritt. Und man hat Andrej Jermak keine große Zukunft in der Regierung gegeben. Aber, alle Prophezeiungen haben den Praxistest nicht bestanden.
 
Grafik: Minister Andrej Jermak, Kaliningrader Gebietsregierung
 
Es gab Zeiten, da hat Andrej Jermak jeden Tag Optimismus ausgestrahlt. Gegenwärtig ist es, aus nachvollziehbaren Gründen, etwas weniger. Trotzdem lässt er keine Gelegenheit aus, für Kaliningrad Werbung zu machen – neben der Werbung, die regelmäßig in den Regionalmedien erscheint, wo Stadt und Gebiet wieder mal irgendeine vordere Position in den TOP-Listen belegt. Liest man diese Meldungen, ist man immer wieder erstaunt, was es denn so alles für TOP-Listen gibt.
 
Videoeinspielung: Minister Jemak auf Kant-Insel 2019
 
Und nun zeigt sich Andrej Jermak zuversichtlich, was die Touristen anbetrifft, die hoffentlich nach dem 15. Juni, wenn die Grenzen für den innerrussischen Tourismus wieder geöffnet werden, nach Kaliningrad strömen.
 
Videoeinspielung
 
Jermak meint, dass die Russen, die jetzt nach Kaliningrad kommen, das Gebiet als Alternative für den Westen sehen, wo sie früher, vor der Corona-Krise, hingereist sind. Das sind andere Touristen, Touristen, die wegen der West-Atmosphäre reisen. Der Vorteil ist, so der Minister, dass diese Leute mehr Geld ausgeben, als die russischen Touristen, die bisher nach Kaliningrad gekommen sind. Nicht in allen Punkten erfüllt die Kaliningrader Tourismus-Infrastruktur die Vorstellungen von westlichem Niveau, bedauert der Minister, aber zu verstecken braucht sich Kaliningrad auch nicht. Was aber die Erwartungen von den Russen anbelangt, die russisches Niveau gewöhnt sind, so belegt Kaliningrad hier ganz vordere Plätze.
 
Das Problem besteht eben nur darin, dass die russischen Touristen, die jetzt nach Kaliningrad kommen, Westliches sehen und spüren wollen. Aber was wollen die Touristen, die aus dem Westen nach Kaliningrad kommen? Die wollen ganz bestimmt nichts Westliches sehen und spüren, denn das sehen und spüren sie ja jeden Tag bei sich zu Hause.
 
Vermutlich will die Mehrzahl der West-Touristen Russisches in Klein-Russland sehen. Aber da wird es schwierig, denn so richtig Russisches – von der Erwartungshaltung westlicher Touristen – bietet Kaliningrad nicht. Kaliningrad ist eben so eine Art Touristen-Salat, allerdings noch nicht endgültig gewürzt und gut abgeschmeckt.
 
Videoeinspielung
 
Ein Teil dieser West-Touristen, bestimmt ein ganz kleiner Teil, kommt, weil man vermutet, hier ist Ostpreußen, hier ist Königsberg. Aber diese werden enttäuscht, denn die Stadt hat sich seit 1946 verkaliningradisiert und zeigt sich heute als moderne Stadt. Ab und zu findet man noch historische Bausubstanz, pseudo-deutsche Straßenschilder mit Rechtschreibfehlern und natürlich Königsberg-Tassen und -Teller als Mitbringsel für die daheim Gebliebenen.
 
Und was die jüngere, die ganz junge Generation anbelangt … da gibt es wohl nur wenige, die sich für die preußischen Kasematten oder die Reste von Königsberger Mietskasernen interessieren. Die wollen tolle Strände, ein tolles Nachtleben und Supergeschäfte für supertolles Shopping – wenn möglich, mit hypersuper Rückerstattung der Mehrwertsteuer. Hier hat Kaliningrad noch Entwicklungspotential.
 
Nun hat Kaliningrad schon einiges getan, um die Einreise mit dem Elektronischen Visum denkbar einfach und vor allem kostenlos zu organisieren. Aber für viele andere Dinge, die westliche Touristen in Begeisterung versetzen, braucht das Gebiet noch einige Zeit und vor allem noch viel mehr Geld. Wir wissen ja, dass gutschmeckende Salate aus vielen genüsslichen und gut gewürzten Komponenten, doch immer etwas teurer ist, als ein einzelner schnöder Apfel oder eine ungeschälte Ananas.
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