Kaliningrads stiller Wechsel der Föderationen

Kaliningrads stiller Wechsel der Föderationen
 
Als gesellschaftlich interessierter russischer Bürger gehört die Analyse russischer Medien zu aktuellen Ereignissen und Trends zu meinem täglichen Hobby. Rund 40 föderale Internetmedien stehen auf meiner TOP-Liste. Hierzu gehört auch die Zeitung „Argumente und Fakten“. Anfang des Jahres veröffentlicht das föderale Medium ein Interview mit General Leonow, ehemaliger Leiter der Analyseabteilung der Auslandsaufklärung des sowjetischen KGB.
 
 
In diesem sehr langen Interview antwortet General Nikolai Leonow nicht nur auf die Frage „Wohin geht Russland“, sondern in einem Absatz auch auf die Frage „Wohin geht Kaliningrad“. Und General Leonow kommt zu dem Schluss, dass Kaliningrad auf dem besten Wege ist, einen stillen Föderationswechsel vorzunehmen: Weg von der Russischen Föderation und hin zur Föderatiwnaja Respublika Germanija.
 
Grafik: General Leonow, Chefanalyst des sowjetischen KGB
 
Der ehemalige Chefanalyst des KGB-Auslandsgeheimdienstes, der direkten Zugang zu den höchsten Politkreisen der Sowjetunion hatte und diese mit Lageanalysen und Einschätzungen zur Situation im Lande und im Ausland versorgte, kommentiert in dem Interview, das es keine richtigen Vorstellungen gibt, wie die Menschen im Kaliningrader Gebiet leben.
 
Grafik: Kaliningrader Gebiet – Transitabhängige russische Region
 
Man weiß, dass es eine Exklave ist, weit entfernt vom russischen Mutterland. Er erinnert an Artikel in polnischen Medien, die beschreiben, dass Kaliningrad sich von Moskau trennen und sich zukünftig „Bernsteinrepublik“ nennen wird. Deutsche sind häufige Besucher in der Region.
 
„Als ich dort war, habe ich bemerkt, dass die Jugend häufig nicht weiß, was eigentlich Russland ist. Sie sind in Kaliningrad geboren und waren niemals im Mutterland. Sie haben kein Gefühl der Zugehörigkeit zur Heimat. Nach dem Krieg wurden in diesem Gebiet Russen angesiedelt. Jetzt ist eine andere Generation herangewachsen und die schaut nach Westen. Von dort werden sie mit Lebensmitteln versorgt und es findet ein Handel mit dem Westen statt. Die Beziehungen zum russischen Mutterland werden schwächer, bedingt auch durch die hohen Kosten für eine Reise dorthin“, - so der General.
 
Und er setzt fort:
 
„Langsam trennt sich das Gebiet von Russland. Und wenn eine regionale Größe einmal Ehrgeiz entwickelt und die „Unabhängigkeit“ ausruft, befinden wir uns in einer heiklen Situation. Schicken wir Truppen nach Kaliningrad, kommt es zu einem direkten Konflikt mit der örtlichen Bevölkerung und natürlich mit der NATO, welche rings um die Exklave stationiert ist und natürlich sofort ihre Unterstützung für die neue Republik erklären wird.“
 
Wer sich mit der Situation in Kaliningrad beschäftigt und nicht nur eine Momentaufnahme tätigt, sondern die Entwicklung über viele Jahre verfolgt, wird den Argumenten des Generals wenig entgegensetzen können.
 
Die Gefahr, dass über vielfältigste Einflussnahmen das Kaliningrader Gebiet aus der Russischen Föderation herausgelöst wird, besteht real. Nicht alles ist für einen Außenstehenden, einen 7-Tage-Touristen aus Deutschland, zu sehen. Für ein umfassendes Bild, muss man sich schon täglich mit dieser Thematik beschäftigen, um die Gefahr zu erkennen, die real aus der unmittelbaren Nachbarschaft der EU, der NATO und der historischen Vergangenheit des Gebietes, als ehemaligem deutschen Gebiet, welches in Deutschland noch nicht vergessen und „abgeschrieben“ wurde, ausgeht.
 
Das regionale Informationsportal „NewsBalt“ erinnert in einem Eigenartikel an Äußerungen des Vorsitzenden des Journalistenverbandes Belarusslands in einer TV-Sendung Ende vergangenen Jahres, dass das „geopolitische Projekt Königsberg“ der Feinde Russlands gerade erst gestartet wurde. Dem Westen ist es in den letzten 30 Jahren gelungen, still und heimlich die Kaliningrader Gesellschaft zu spalten, den Gedanken eines „weichen Separatismus“ zu säen. Man hat den Begriff „regionale Identität“ erfunden und entwickelt die Vorstellung, dass Kaliningrad doch eher europäisch, denn russisch ist.
 
Auch den Schlussfolgerungen des Chefredakteurs von „NewsBalt“, dass es Fakt ist, dass im Kaliningrader Gebiet keine ausreichenden patriotischen Kräfte, insbesondere unter der Jugend, vorhanden sind, kann man schwer widersprechen. Es fehlt ein wirkliches Gegengewicht zu den Kräften, die im Kaliningrader Gebiet die Endrussifizierung, deren Bestandteil die Germanisierung ist, vorantreiben. Diejenigen, die sich heute als Kaliningrader Patrioten zeigen, werden sofort angegriffen, beleidigt und bedroht und dies in aller Öffentlichkeit, insbesondere unter Nutzung von Sozialnetzwerken – bisher ungestraft.
 
„Kaliningrad-Domizil“ hat sich in einem weiteren Beitrag zur Situation in und um Kaliningrad und dem deutschen Appetit, aber auch dem Appetit anderer Nachbarn, auf russische Erde beschäftigt.
 
Es gibt deutsche Aktivisten, die nach wie vor im Kaliningrader Gebiet aktiv sind und ihre Pläne des Baus „Deutscher autonomer Dörfer“ noch nicht aufgegeben haben. In aktuellen Interviews zeigen diese unverhohlen, dass der gegenwärtige Status Quo für sie nicht akzeptabel ist.
 
Den umfangreichen Beitrag zeige ich Ihnen noch in dieser Woche unter dem Titel „Der ungezügelte Appetit auf russische Erde“.
 

 

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Kommentare ( 2 )

  • Jan Heller

    Veröffentlicht: 7. Januar 2021 15:27 pm

    Lieber hinter den Rücken schauen, als das vermeintlich von vorne kommende als Gefahr betrachten.
    Die Gelüste des direkten nördlichen Nachbars sind Jahrhunderte alt, und ihm sind die russischen Gepflogenheiten und die russische Sprache durchaus noch bestens bekannt.
    Kein ernstzunehmender Politiker in Deutschland würde sich, gerade wegen der zurzeit komplizierten Lage zwischen unseren beiden Ländern, auf so dünnes Eis begeben, wie es manch "Grossdeutsche" Romantiker gerne hätten.
    Es gibt sogar Kräfte, die sofern es ein gewisses Statut nicht gäbe, Russland gerne einen maritimen Stützpunkt auf deutschem Boden ermöglichen würden. Hauptgrund dafür sind die gleichfalls zurzeit sehr abgekühlten "Transatlantischen Beziehungen".
    Und wer bekanntlich zu spät kommt...

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 7. Januar 2021 19:51 pm

    Meiner ganz persönlichen Ansicht nach ist dieser derzeit wohl noch "sanfte" Drall in Richtung Westen nur aufzuhalten, wenn u.a. stabile und preiswerte Transportmittel mit dem "Mutterland" hergestellt werden. Es müssen auch Verbindungen vielfältiger Art geschaffen werden, die der Jugend Anlaß sind, dorthin zu fahren.
    Ich sehe da auch einen Zusammenhang mit dem Schlenkerkurs von Lukaschenko, der nur eins im Sinn hat, an der Macht zu bleiben und nun seit zwanzig Jahren geschafft hat, sich erfolgreich der Union mit der RF zu entziehen und selbst Absichten geäußert hatte, Kaliningrad zu "übernehmen". In der föderalen Einheit von RF und BR wäre Kaliningrad eben schon entfernungsmäßig nicht mehr so weit entfernt. Aber es fehlen eben noch viele andere Maßnahmen. Wieso läßt die RF dieses "Großdeutsche" Revanchistenvolk eigentlich einreisen. Diese Herrschaften sind unerwünscht, verhlaten sich nicht wie Gäste, also bleibt - draußen. Basta!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 7. Januar 2021 22:14

      ... warten wir das Ende von Corona-Virus ab und die Normalisierung der Reisetätigkeit und sehen dann, ob die revanchistischen Schreihälse ungehindert ein- und vor allen Dingen auch wieder ungehindert ausreisen können ... Immerhin haben wir eine neue Verfassung, die eindeutig in ihren Aussagen ist und das Strafgesetzbuch ist ebenfalls bereits angepasst.

      Übrigens erhalte ich immer noch die Information, dass Ihre email nicht funktioniert.

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