Kamingespräch: Bücherverbrennung und Denkmalstürmerei

Kamingespräch:  Bücherverbrennung und Denkmalstürmerei
 
Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu treffen und Gespräche zu führen. In Russland ist es üblich, dass man sich in der Küche trifft. Auch ich sitze mit meinen Gästen in der Küche. Aber es gibt auch Ausnahmen und wir sitzen neben einem Kamin – auch zu hitzigen Zeiten, und versuchen mit kühlem Kopf Gedanken auszutauschen.
 
 
Mein Bekanntenkreis ist übersichtlich und so soll er auch bleiben. Hochgestellte Persönlichkeiten und Oligarchen gehören nicht zu meinen Bekannten, schon gar nicht irgendwelche geheimnisvollen Persönlichkeiten. Die russischen Bekannten, mit denen ich mich unterhalte, sind wie „Du“ und „Ich“ und das macht die Bekanntschaft für mich so wertvoll. Einer meiner Bekannten ist Lehrer.
 
Mein Lieblingsfach an der sowjetischen Militärakademie in Leningrad war „Polit- und Militärökonomie“. Mein Professor machte mich zu seinem Assistenten und er vertraute mir. Ich verhielt mich, in einem bestimmten Moment, nicht korrekt und unser gutes Verhältnis war damit beendet. Ich brauchte über sechs Monate, um das verdorbene Verhältnis wieder auf die Füße zu stellen. Es gelang mir erst während des Staatsexamens. Trotzdem ich die wichtigste Frage nicht beantworten konnte, bewertete er meine Studienleistung mit der Note „Ausgezeichnet“.
 
Nach dem offiziellen Teil des Examens nahm er mich beiseite und begann ein Gespräch.
 
Russland hat einen Überschuss an Kellnern. Nachdem einige westliche Restaurantketten Russland verlassen haben, hat sich dieser Überschuss gebildet. Es gibt in den ersten zehn Monaten des aktuellen Jahres 47 % mehr arbeitssuchende Kellner als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Wobei der Überschuss an Kellnern sich wohl im wesentlichen auf Großstädte wie Moskau und St. Petersburg konzentriert.
 
Glauben Sie nicht, Genosse Hauptmann, dass ich Ihre Bemühungen, Ihren Fehler zu korrigieren, in den letzten Monaten nicht bemerkt habe. Wir Russen sind nicht nachtragend, aber einfach nur nach dem Wort „Entschuldigung“ zur Tagesordnung überzugehen – nein, das funktioniert nicht. Wir haben zwar eine gutmütige Seele, aber die ist auch verletzlich. Wir sind nicht nachtragend – das wollte ich Ihnen heute durch meine Benotung zeigen. Danke für Ihre Arbeit, auch als mein Assistent.
 
 
Es gab während meines Studiums mehrere derartig emotionale Momente, wo mich meine sowjetischen Lehrer beschämten. Ich musste feststellen, dass trotz all meiner progressiven, sozialistischen Einstellung, ich doch noch viel lernen und an meiner Einstellung und meinem Charakter feilen muss.
 
Als ich dann zufällig in Kaliningrad, viele Jahre nach meinem Studium, die Bekanntschaft mit einem Lehrer, einem Geschichtslehrer machte, erinnerte ich mich an diese Studienepisode und nahm mir vor, Fehler nicht zu wiederholen, Vertrauen nicht zu missbrauchen. Er sollte mein Lehrer für Geschichte werden – zu dem Teil der Geschichte, dem ich als Student, leichtsinnig, nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
 
Wir treffen uns ab und zu an meinem Kamin. Seine Frau bereitet immer ein paar Kleinigkeiten zu, Gebäck, Kräutertee, Eingemachtes … der Deutsche soll die russische Kultur, zu der auch das Essen gehört, kennenlernen. Das ich nun schon russischer Bürger bin, geht dabei immer mal wieder unter – ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass ich doch immer „der Deutsche“ bleibe.
 
Erstmals in der Geschichte der russischen Diplomatie wurde ein Konzept zum Schutz der ausländischen diplomatischen Vertretungen erarbeitet. Der russische Präsident hatte diese Aufgabe gestellt. In erster Linie wird sich die Anzahl des Schutzpersonales erhöhen, welches den physischen Schutz der Diplomaten im Ausland erhöht.
 
Bei unserem letzten Treffen, vor ein paar Tagen, begann er ein Gespräch, wo ich sofort merkte, dass ich die Rolle des Zuhörers übernehmen musste. Er, der den Krieg, den Großen Vaterländischen Krieg, als kleines Kind erlebt und seinen Vater verloren hatte, wollte sich nur jemandem mitteilen.
 
Er habe Angst, dass sein Vater bald ein zweites Mal sterben wird. Er fiel bei den Kämpfen um die Befreiung Polens, wurde in polnischer Erde beerdigt, ein Grabstein wurde aufgestellt und ein Denkmal, für die vielen anderen tausend sowjetischen Soldaten auf diesem Friedhof. Nun aber werden diese ganzen Denkmäler abgerissen, nicht nur in Polen, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas, wo sowjetische Soldaten ihr Leben dafür gegeben haben, dass der Faschismus besiegt wird, dass das Morden aufhört.
 
Die heutige Generation, die nur deshalb existiert, weil eben diese sowjetischen Soldaten ihr Leben geopfert haben, lässt diese Soldaten ein zweites Mal sterben, raubt ihnen die Grabsteine, die Denkmäler. Die deutschen Faschisten haben Bücher verbrannt, die Polen, Tschechen, Balten organisieren Denkmalstürmerei. Die Deutschen haben das Glas in Synagogen zerschlagen, die Polen, Tschechen und Balten zerschlagen Marmor und Granit – so verbittert mein über 80jähriger Bekannter.
 
Wie soll man den Abriss dieser Denkmäler für unsere Soldaten bewerten – fragte er mich? Kehren wir zu den Zeiten des Faschismus zurück? Sind alle diese Soldaten, ist mein Vater sinnlos gestorben? Der Abriss bedeutet doch die Negierung der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges – resümierte mein Bekannter.
 
Umfragen haben ergeben, dass die überwiegende Mehrheit, 64 % aller Befragten, es vorziehen, ihre Ersparnisse in Rubel anzulegen. 44 Prozent haben ihre Geldreserven nicht in ausländischer Valuta angelegt, sondern in alternativen Formen, z.B. in Immobilien. Anlagen in Dollar und Yoan bevorzugen nur zehn bzw. acht Prozent der Befragten.
 
Naja, warf ich etwas unsicher ein. Die Korrektur der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges hat doch aber Russland selber begonnen.
 
Wie meinen Sie das, fragte mich mein Geschichtslehrer?
 
Russland hat seine Truppen aus dem wiedervereinten Deutschland abgezogen, völlig ohne Gegenleistung, insbesondere in der Sicherheitspolitik. Die westlichen Sieger sind geblieben. Wären die russischen Truppen in Deutschland geblieben, oder hätten sich die russischen Verantwortlichen gegen all die einseitigen Veränderungen nach 1997 gewehrt, hätten wir heute nicht die Situation die wir haben und – da bin ich mir sicher, niemand würde sowjetische Denkmäler abreißen und Soldatenfriedhöfe schänden.
 
Umfragen unter russischen Bürgern haben ergeben, dass nur 53 Prozent über Ersparnisse verfügen. 43 Prozent haben keinerlei finanzielle Rücklagen. Vier Prozent taten sich mit einer Antwort schwer.
 
Ja, wir haben Fehler begangen, aber trotzdem bleibt doch die Pflicht der Länder, die Toten zu ehren, ruhen zu lassen und ihre letzte Ruhestätte nicht anzutasten – so mein Lehrer. Er wisse, dass ein Großteil der Bevölkerung in diesen Ländern gegen das Schleifen der Denkmäler ist.
 
Ja, das habe ich auch gehört – antwortete ich. Aber niemand geht auf die Straße, niemand demonstriert, niemand weist die politisch Verantwortlichen in die Schranken. Deshalb können diese alles tun, was sie jetzt tun. Das trifft auf alle Länder zu – auch auf Deutschland.
 
Und ich zitierte für meinen Lehrer den Kommentar eines anderen Deutschen, der mir vor ein paar Tagen geschrieben hatte:
 
„Sie versuchen in Ihrer Mediator-Rolle immer einen ganz großen Spagat. Es wird nicht fruchten. Im Moment haben sich Russen und Deutsche eigentlich nichts zu sagen.“
 
Ich würde mich schon zufrieden zeigen, wenn beide nicht mehr miteinander reden, als denn gegeneinander zu handeln. Sollte man in Deutschland anfangen, nach den Waffenlieferungen in die Ukraine und der Ignorierung des ukrainischen Faschismus, auch noch Friedhöfe zu schänden und Denkmäler zu demontieren … nein, ich will gar nicht weiterdenken, was dies bedeuten würde.
 
Vielen in Deutschland, und nicht nur dort, soll es von Tag zu Tag schlechter gehen – angeblich. Aber niemand protestiert dagegen. Den Leuten geht es also nicht schlecht und man hätte genügend Zeit, nicht über das eigene Überleben nachzudenken, sondern sich mit all den Vorgängen in Europa, in der Ukraine, in anderen EU-Ländern zu beschäftigen. Aber leider ist es wohl so, dass das Schicksal gefallener sowjetischer Soldaten, heute im modernen Westeuropa, der Gesellschaft der Extreme, der Gesellschaft mit mehr als nur Mann und Frau, Männlein und Weiblein, niemanden wirklich interessiert. Die Geschichte ist Geschichte und viele wollen damit nichts zu tun haben – so mein Eindruck.
 
Das russische Finanzministerium teilte mit, dass der Verkauf von Gold an die Bevölkerung, als Alternative zu Geldanlagen, um das Zehnfache zugenommen hat. Trotzdem reiche diese Tendenz bei weitem nicht aus, um die hunderte von Milliarden USD, über die die russische Bevölkerung verfügt, damit auszutauschen. Ziel der russischen Finanzpolitik ist, den Dollar völlig aus dem russischen Alltag zu verdrängen. Russland erarbeitet ein Gesetz, um den Kauf von Gold von der Mehrwertsteuer zu befreien.
 
Aber erinnert sich denn niemand an die schreckliche Zeit des Faschismus, wird das denn heute nicht im Unterricht vermittelt? Sieht denn niemand, dass in der Ukraine ganz offen die faschistische Symbolik getragen wird und mit dieser Symbolik russische Soldaten ermordet werden – die Enkel derjenigen, die damals gegen den Faschismus gekämpft haben?
 
Keine Ahnung, wie das in anderen Ländern ist – antwortete ich. Aber für Deutschland glaube ich, dass die überwiegende Mehrzahl dies nicht sehen will. Man sieht jetzt nur die Chance, die Schmach des 9. Mai 1945 wieder korrigieren zu können. Man hat die Russen schon 1994 aus Deutschland vertrieben, ein weiterer Sieg bei der Korrektur der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges. Jetzt besteht die Chance das zu vollenden, was Hitler nicht geschafft hat. Der Vorteil ist heute, dass diese Drecksarbeit vom slawischen Familienmitglied Ukraine vorgenommen wird und Deutschland und andere, nur noch die reifen Früchte essen müssen. Tut mir leid – meinte ich – dass ich Ihnen das so hart sagen muss, aber so ist nun mal die Wirklichkeit … zumindest empfinde ich diese so.
 
 
Aber warum interessiert sich denn niemand für diese Vorgänge, was können denn die gefallenen sowjetischen Soldaten für das, was heute vor sich geht – fragte mein über 80jähriger Lehrer schon fast verzweifelt.
 
Es erklärt sich alles sehr einfach.
 
Die Deutschen, die heutigen westlichen Demokraten, haben keinerlei innere Bindung zu dem, was Russland und den Russen wertvoll ist. Man kennt Russland nicht und was man kennt, ist abstoßend, ist geheimnisvoll, ist gefährlich … Das Image Russlands ist gründlich verdorben. Dafür haben die Neider Russlands seit hundert Jahren gesorgt.
 
Die Anzahl der Armen in Russland nimmt in der Zeit der größten internationalen Krise ab. Im 3. Quartal registrierte Russland 15,3 Mio. Menschen, also 10,5 %, die die Definition „arm“ erfüllen. Dies sind 700.000 Personen weniger, als noch vor einem Jahr und 2,3 Mio. Menschen weniger, als noch im 2. Quartal des aktuellen Monats. Arm ist jemand, wenn er weniger als 13.688 Rubel monatlich zur Verfügung hat. Einer der Gründe ist, dass Russland die Sozialzahlungen erheblich aufgestockt hat. Auch die Löhne und Gehälter sind gestiegen.
 
Niemand erinnert sich daran, dass bereits am 9. Mai 1945 die russischen Feldküchen in den Berliner Straßen standen und die hungernde Bevölkerung versorgten. Und niemand will sich mehr daran erinnern, wie Russland seine Technik während der Pandemie 2020 und 2021 nach Italien und in andere Länder schickte, kostenlos millionenfach Impfungen den ärmeren Ländern übergab. Viele haben keinerlei Verständnis, wissen vieles nicht – sie sind einfach nur gleichgültig zu den Problemen, die die Russen bewegen. Wir bezeichnen dies in den Gesprächen immer mit „unterschiedliche Mentalität“.
 
Umgekehrt ist es doch ähnlich. Für viele Dinge, die z.B. in Deutschland vor sich gehen, haben die Russen auch kein Interesse und auch kein Verständnis. Die Vorstellungen vom Leben sind zu unterschiedlich und somit auch das Verständnis und Mitgefühl.
 
Wir müssen uns langsam klar werden, setzte ich fort, dass wir im östlichen Teil der Welt leben und die anderen im westlichen Teil. Das Schicksal des anderen interessiert niemanden wirklich. Man kann es mit der banalen Frage vergleichen, die täglich millionenfach gestellt wird „Kak dela, wie geht es?“ Und die Antwort interessiert den Fragesteller nicht wirklich.
 
Russische Medien zitieren eine analytische Erhebung der Consultingfirma „McKinsey“. Die hat die zusätzlichen Kosten für Deutschland im Rahmen der Gas-Krise mit 100 Milliarden Euro berechnet. Die von Deutschland erwünschte Energieunabhängigkeit wird es nicht geben. So will Deutschland Energiealternativen anwenden und kauft 95 Prozent aller Sonnenbatterien in China. Ersatzlieferungen von Gas, z.B. aus Katar, erfolgen erst in einigen Jahren und auch nur in geringen Mengen.
 
Aber es kann doch nicht sein, dass diese westliche Kultur wirklich so antirussisch eingestellt ist, dass sie nicht das zur Kenntnis nehmen will, was überall im Internet zu sehen ist – wo russischen Kriegsgefangenen Ohren abgeschnitten werden, Augen werden ausgestochen, man schlägt sie ans Kreuz und fackelt sie bei lebendigem Leibe ab, treibt ihnen Nadeln unter die Fingernägel oder erschießt sie einfach so, dass man die zerplatzenden Köpfe sieht. Die filmen das alles, stellen es ins Internet, wollen als Helden gefeiert werden und glauben, sie werden dafür nicht zur Verantwortung gezogen.
 
Mein Gast sah mich verzweifelt an und ich wusste nicht, wie ich ihn beruhigen, trösten konnte, denn ich sah seine gläsernen, feuchten Augen.
 
Ich entschloss mich, ihm einfach nur meine Überzeugung zu sagen – wissend, dass sie ihn schwer treffen würde.
 
Die USA haben sich zum Ziel gesetzt, Russland zu vernichten. Es war immer ihr Ziel und sie wissen, wenn es diesmal nicht klappt, klappt es nie und sie müssen um ihre eigene Existenz fürchten. Deshalb haben sie ihre, in vielen Jahrzehnten perfekt organisierten politischen, wirtschaftlichen, militärischen Netzwerke aktiviert, zum letzten Kampf. Und wenn wir nicht stark genug sind, solidarisch ein Volk sind, unserer Führung nicht vertrauen, werden wir verlieren und unsere Grabsteine wird niemand schänden, denn es wird keine für uns geben.
 
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Sie sahen einen Beitrag von „Baltische Welle“. Vielen Dank für Ihr Interesse. Tschüss und Poka aus Kaliningrad.
 
 
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