Kamingespräch: Deutschland Träumereien.

Kamingespräch: Deutschland Träumereien.
 
Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu treffen und Gespräche zu führen. In Russland ist es üblich, dass man sich in der Küche trifft. Auch ich sitze mit meinen Gästen in der Küche. Aber es gibt auch Ausnahmen und wir sitzen neben einem Kamin – auch zu hitzigen Zeiten, und versuchen mit kühlem Kopf Gedanken auszutauschen.
 
 
Mein heutiger Gesprächspartner brachte nicht nur eine Flasche russischen Krim-Wein mit, sondern auch Fragen, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet war und die mich eigentlich auch gar nicht so richtig interessieren – es waren Fragen zur deutschen Innenpolitik. Mein Versuch, auf ein anderes Thema umzulenken, z.B. auf die Chancen, die jetzt die russischen Weinbauern mit dem Wegfall von Westimporten haben, misslang.
 
Mein Gesprächspartner erinnerte mich an die letzten Kommunalwahlen in Deutschland und an das rapide sinkende Rating des Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland Olaf Scholz. Seine These, resultierend aus den Ergebnissen der Landtagswahlen war, dass Deutschland vielleicht vor einer Palastrevolution stehen könnte.
 
Ich erwiderte zaghaft, dass die Deutschen viel zu faul sind für eine Revolution. Es geht allen gut, sogar so gut, dass man wieder aktive Urlaubsreisen in diesem Jahr plant. Warum sollte man da revoltieren?
 
Er meinte, dass ich nicht richtig verstanden habe. Die Grünen spüren, dass sie im Aufwind sind. Die Punkte, die sie, aus unerfindlichen Gründen, vor der Bundestagswahl urplötzlich, zugunsten der SPD verloren hatten, scheinen jetzt zurückzukehren. Man sieht es an den Ergebnissen der Landtagswahlen und man sieht es auch an den Umfragen zur Politikerbeliebtheit in Deutschland. Und da könnte es doch sein, dass man einfach einen Streit in der Regierungskoalition vom Zaun bricht, damit die Koalition platzt und Neuwahlen angesetzt werden, die die Grünen hoffen zu gewinnen. Als Koalitionspartner könnte man wählen zwischen CDU oder CDU. Damit hätte man eine ideale Situation für die weitere Umsetzung der russophoben Politik ohne den zögerlichen Scholz.
 
Ich meinte, dass es mir ziemlich egal ist, wer da in Deutschland das Sagen hat. Es ändert sich sowieso nichts. Damit sich etwas ändere, müsste das ganze politische System zusammenbrechen. Und das wird es nicht. Den Deutschen geht es gut – wiederholte ich und ich sehe weit und breit nicht, dass sich das ändert – wenn wir mal vom fehlenden Sonnenblumenöl absehen.
 
Mein Gesprächspartner war von meiner Gesprächspassivität nicht sehr begeistert. Er erinnerte, dass die Rückwirkungen der Sanktionen, die der Westen gegen Russland verhängt hat, den Westen noch nicht erreicht haben. Sie werden in einem halben Jahr richtig wirken und wenn Russland dann selber auch noch aktiv Sanktionen gegen Deutschland verhängt, eben weil eine neue deutsche Regierung noch russophober auftritt als die jetzige, dann könnte schnell eine Situation entstehen, wo das Volk auf die Straße geht.
 
Eine Palastrevolution schien mir schon unwahrscheinlich. Jetzt redete mein Gesprächspartner schon von Straßenaktivitäten des deutschen Volkes. Mein Gott, wer soll denn so etwas in Deutschland organisieren und koordinieren? Ich sehe niemanden, der dazu Lust und Zeit hätte. Die Deutschen wollen ab Juli alle in Urlaub fliegen oder fahren, hörte ich heute im Morgenmagazin von ARD/ZDF und sind erst im September zum Schulbeginn wieder zurück.
 
Ich zitierte aus dem Kommentar einer meiner Leser, der kürzlich meinte:
 
„Keiner bekämpft diese Politclowns - Antidiplomaten, die man zurechtweisen müsste! Niemand mag sich mehr daran erinnern, dass all die völlig sinnfremden Sanktionen nur daraus resultierten, dass eine Machtgruppe meint, einem Volk vorschreiben zu müssen, wie es sein Leben einzurichten habe. Keine Notwendigkeit, nur der Wille, einem zum Feind Erklärten Schaden zuzufügen, ist die Triebkraft. Koste es, auch dem eigenen Volke Schaden zufügend, was es wolle. Dieses Politikverständnis ist Ausdruck einer krankhaften Gesellschaft.“
 
Und ich fragte meinen Gesprächspartner, ob er glaube, dass eine derart kranke Gesellschaft sich selber heilen wird. Kranke sind ja nicht selten uneinsichtig und wollen noch nicht mal zum Arzt gehen.
 
Es trat eine kleine Pause ein. Mein Gesprächspartner war wohl von meiner Deutschland-Desinteressiertheit nicht so richtig begeistert. Nach einem Schluck aus dem Weinglas fragte mein Gegenüber: „Aber wie sollte denn Ihrer Meinung nach eine gesunde deutsche Gesellschaft aussehen? Soll Deutschland wieder in Ost und West geteilt werden?“
 
Nun, man muss es ja nicht gleich übertreiben, erwiderte ich. Es würde ja überhaupt nichts ändern, wenn die russophobe Politik in Deutschland auf ein paar Quadratkilometer weniger fortgesetzt werden würde und in den restlichen Quadratmetern, im Osten Deutschlands, sich die deutsch-russischen Freundschaftsgesellschaften wieder gründen.
 
Deutschland hat in den Jahren nach dem Krieg unzweifelhaft bewiesen, dass es eine wirtschaftliche Macht ist und diese Macht, mit all den klugen Köpfen in der Wirtschaft, muss entwickelt werden. Alles andere störende Beiwerk würde ich liquidieren wollen.
 
 
Und was ist für Sie störend und was wollen Sie liquidieren?
 
Mich stören die fremden Truppen auf Deutschlands Territorium. Sie haben für mich immer noch den Status einer Besatzungsmacht. Russland hat 1994 einen großen Fehler gemacht – einen von vielen großen Fehlern, als es seine Truppen aus Deutschland abzog, aber die Amerikaner geblieben sind. Fehler kann man korrigieren. Da es unlogisch ist, die russischen Truppen wieder nach Deutschland zu holen, müssen die Amerikaner und andere Fremdtruppen aus Deutschland abziehen.
 
Parallel erklärt sich Deutschland zum neutralen Land, tritt aus der NATO und dem zivilen Arm der NATO, also der Europäischen Union aus. Man unterzeichnet mit allen Ländern dieser Welt Nichtangriffsverträge. Damit macht sich die Bundeswehr als Armee überflüssig. Einen Großteil der dort Dienenden könnten in die Grenzpolizei überführt werden, denn Deutschland sollte, um seine Neutralität und Souveränität nie wieder einzubüßen, einen starken Grenzschutz haben – so wie Putin es vor kurzem einmal gesagt hat: Keine Fliege soll unbemerkt rein oder raus können.
 
Die noch verbleibenden Reste der Bundeswehr könnten in die Strukturen des Technischen Hilfswerkes überführt werden. Diese Organisation sollte mit hochmoderner Ausrüstung für Katastrophen innerhalb Deutschlands, aber auch im Ausland zur Verfügung stehen. Das Ansehen Deutschlands würde alleine aus dem Einsatz dieser Organisation weltweit so steigen, dass die Frage eines neuen Status Deutschlands in der UNO keine Frage mehr ist. Die medizinischen Einrichtungen der aufgelösten Bundeswehr werden natürlich auch vom Technischen Hilfswerk übernommen. Und wer unbedingt eine Uniform und einen Dienstgrad tragen will – na, da findet sich bestimmt eine Lösung innerhalb des Technischen Hilfswerkes.
 
Der MAD wird allerdings noch gebraucht. Man könnte ihn umbenennen und für die Grenzpolizei verantwortlich machen, damit NAZIstische Tendenzen oder andere staatsgefährdende Aktivisten rechtzeitig erkannt werden. Dasselbe trifft natürlich für den Verfassungsschutz zu, der kräftig entwickelt werden müsste. Und der Bundesnachrichtendienst sollte ebenfalls als ein Dienst für Nachrichten entwickelt werden und seine Abteilungen, für die Spionage und Diversantenaktivitäten, umprofilieren. Die Arbeit dieser wichtigsten Dienste muss auf den Schutz der Souveränität und des Neutralitätsstatus der Bundesrepublik Deutschland ausgerichtet werden. Eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten darf es nicht mehr geben – weder mit Wort noch mit Tat.
 
Verbleibt noch die Auflösung des Auswärtigen Amtes und die Gründung eines Außenministeriums mit wirklich gut ausgebildeten, studierten Diplomaten. Ich stelle mir vor, dass Deutschland über eine eigene Diplomatenakademie verfügt, die auch ausländischen Studienbewerbern eine Chance gibt. Was für ein Prestigezuwachs für Deutschland in der Welt.   
 
 
Das das Ganze irgendwelches zusätzliches Geld kostet, welches die hochverschuldete Bundesrepublik nicht hat, sehe ich nicht. Es wird jetzt schon Geld für all diese Strukturelemente ausgegeben, welches nur budgettechnisch umgeschaufelt werden muss. Da Deutschland sich auch nicht mehr in die Angelegenheiten anderer Länder einmischt, bleibt auch hier jede Menge Geld übrig. Da das deutsche Ansehen in der Welt steigt, wird davon auch die deutsche Wirtschaft profitieren. Und davon profitiert wieder der deutsche Staat – mehr Geld, mehr Steuern für die Entwicklung des Landes und für die Abschaffung innerdeutscher Ungerechtigkeiten, z.B. der Rente Ost und der Rente West.
 
Nach einem weiteren Schluck Wein meinte mein Gesprächspartner: Und Sie glauben, dass das in Deutschland umsetzbar ist?
 
Nein, antwortete ich, das sind Träumereien, Deutschland Träumereien, weit entfernt von jeglicher Realität.
 
Und mein Gesprächspartner erzählte, dass er vor kurzem ein Video gesehen habe, wo eine kleine Delegation deutscher Unternehmer, die in Kaliningrad ansässig sind, sich mit dem Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow getroffen hat. Und einer der Deutschen zitierte sogar, leicht abgewandelt, einen sowjetischen Klassiker: „… die deutschen Regierungen kommen und gehen, aber das deutsche Unternehmertum bleibt.“ Das hört sich doch schon ein wenig an wie Revolution, wie eine Unternehmerrevolution – oder, meinte mein Gesprächspartner.
 
Naja, meinte ich, mit einem Blick auf die fast leere Weinflasche, deutsche Unternehmer aus Kaliningrad werden ganz bestimmt keine Revolution in Deutschland organisieren und andere deutsche Unternehmer in Deutschland, sollten auch keine Revolution anzetteln, sondern die Möglichkeiten des Grundgesetzes nutzen, um die kranke deutsche Gesellschaft zu heilen. Die jetzige Regierung und die jetzigen Parteien haben dafür gesorgt, dass die deutsche Wirtschaft so große Verluste erlitten hat und noch erleiden wird, wie wohl nie zuvor in ihrer Geschichte, wenn wir mal den Zweiten Weltkrieg vernachlässigen. Eine Partei des deutschen Unternehmertums wäre vielleicht eine grundgesetzkonforme Möglichkeit, Deutschland Träumereien wahr werden zu lassen.
 
Und … so mein Gesprächspartner, schon mit der Klinke in der Hand, Sie sind doch auch Unternehmer. Würden Sie nach Deutschland zurückgehen, um Träume wahr werden zu lassen?
 
Nein, antwortete ich. Ich bin kein Professor, um diese Gesellschaft heilen zu können. Ich leiste meinen Beitrag lieber in einem Land, von dem ich überzeugt bin, dass es geheilt werden will.
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Kommentare ( 4 )

  • A. Bienenfreund

    Veröffentlicht: 27. Mai 2022 18:21 pm

    Deutschland, muß man leider sagen, kann man vergessen. Es liegt gewissermaßen im Wachkoma und die Leute an den Maschinen haben kein Interesse, daß sich dies ändert. Widerstand gibt es keinen nennenswerten. Wenn es Proteste gibt, dann zu zweitrangigen Fragen - es gibt keine Bewegung oder Partei, die bereit und fähig wäre die Machtfrage ( wie der olle Lenin sagen würde) zu stellen. Denn die muß heute global gestellt werden und das kann niemand. Außer Russland!
    Und mit der SVO hat Russland sie gestellt, zunächst nur aus Selbsterhaltungstrieb aber das ist egal. Deshalb schreit der ganze „Westen“: „Russland darf nicht gewinnen“. Und deshalb ruft Afrika Russland auf „der kolonialen Hydra die Köpfe abzuschlagen“. Wenn Ru irgendwann in 2..3..4.. Jahren dem globalen Parasiten den Garaus gemacht haben wird, wird ein Etwas aus dem Koma erwachen und sich fragen: Wer bin ich? Und irgendwer wird sagen, du bist Deutschland und das Etwas wird mit den Schultern zucken und fragen:
    Was soll das sein?

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 28. Mai 2022 10:25 pm

    Man nennt das "Stockholm Syndrom" !
    Und das an die Hand genommene "Etwas" wird ungläubig benommen, nachdem es nicht nur wieder lesen, sondern auch partiell verstehen gelernt hat, erkennen, zwei Vergangenheiten gehabt zu haben.
    Eine, die die Welt befruchtet, und eine, die uns als sklavisches Volk beschämt hat.
    Vielleicht glättet die Zeit die Wogen, aber aus Deutschland wird wohl längerfristig kaum eine nützliche Dynamik kommen.
    Wir werden, hoffentlich, Nutznießer erfolgreich agierender Anderer sein, die, was ich ebenfalls hoffe, unseren Undank nicht all zu hoch in Rechnung stellen !
    Das wäre unsere dritte, wohl letzte, Chance.

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 28. Mai 2022 10:36 pm

    Ja, es ist ziemlich egal, welche der Einheitsparteien das Regierungspersonal stellt. Selbst wenn es den Deutschen nicht mehr so gut geht, wird die Masse nicht aufmucken. Die heutigen Herrschafts-, Überwachungs- und Manipulationsmethoden sind dermaßen ausgefeilt und erdrückend, daß die meisten sie nicht erkennen können. Sie folgen gläubig und blindlings der Obrigkeit und den Propagandamedien, wohin auch immer. Anders als in früheren Zeiten, ist eine Revolution nahezu unmöglich geworden. Das gilt nicht nur für die BRD, aber für diese ganz besonders. Die Herrschaft der wahren Machthaber ist nicht mehr national, sondern global. Schon deshalb ist ausgeschlossen, daß ein einzelnes Land plötzlich einen grundsätzlich anderen Weg geht, der den *eigenen* Interessen dient. Die BRD, der von Deutschland übriggebliebene traurige Rest, ist dazu nicht einmal ansatzweise in der Lage.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 28. Mai 2022 15:17 pm

    Mein Browser - mein Unterhalter und Lehrer!
    Immer wenn ich ihn anklicke überrascht er mich, zeigt mir wieviel Maffioso in Putin steckt, und was dieser vor seinen Untertanen verbirgt.
    Gehörte es dereinst dazu, Kompetenz ins Amt "Blank" einzubringen, um einen Fuß in der Tür zu haben, so genügt heute ein entsprechender Habitus, um aus einer "Hardthöhe" eine belachte "Drei-Mädel-Haus-Tiefe" zu machen, wo nur LEIenhaft verKRAMpft LAMentiert wird.
    Die Bereitschaft, sich voll anzupassen, befugt zwar neuerdings, befähigt aber eben noch lange nicht.
    Man muß schon stark gedemütigt sein, um gegen eine solche Beherrschung nicht zu opponieren, und man müßte sehr jung und ungebunden sein, um dagegen erfolgreich aufzutreten.
    Deshalb - Freund Müller Thurgau - sehe auch ich keinen wirksamen Ansatz im demokratischsten aller Deutschen Lande, balle die Faust, erhebe sie, und versuche mit möglicherweise helfenden Worten der Ohnmacht etwas Ausdruck zu geben.
    Venceremos - so uns der Vater wiederkommen läßt

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