Krieg oder Militärische Operation?

Krieg oder Militärische Operation?
 
Eigentlich sollte es keine Bedeutung haben, wie man einen Fakt nennt. Jeder soll so sprechen, wie er es für richtig hält, so wie er damit am besten seine Gedanken, Emotionen, Empfinden, anderen vermitteln kann. Und so spricht der Westen von Krieg und Russland spricht von militärischer Operation. Worin besteht der Unterschied?
 
 
Nach 1990 habe ich im Kontakt mit Bürgern der ehemaligen Bundesrepublik festgestellt, wie gut es diese verstehen, bestimmte Fakten, insbesondere negative Fakten, mit wohlgesetzten Worten zu umschreiben.
 
Ich saß mit einem „Wessi“ im Restaurant und wir machten eine Bestellung. Das Essen wurde serviert und mein „Wessi“ meinte, nach einem Blick auf den Teller: „Schön, alles sehr übersichtlich.“ Ich verstand ihn nicht und meinte, nach einem Blick auf meinen Teller: „… das ist aber `ne mickrige Portion.“ Wir hatten wohl beide recht, haben es nur anders ausgedrückt.
 
Der Westen bezeichnet die Vorgänge in der Ukraine als Krieg. Russland bevorzugt den Begriff „Militäroperation“. Als die USA, um ihre Sicherheitsinteressen zu schützen, Afghanistan überfielen, Syrien angriffen, oder Jugoslawien, oder den Irak oder Libyen, sprach – wenn ich mich recht entsinne, auch niemand davon, dass die USA Krieg führen. Es war eine Militäroperation – oder irre ich mich da?
 
In den letzten Tagen habe ich von einem deutschen Experten im deutschen Fernsehen gehört, als es um dieses Thema ging, das es keine international verbindliche Definition des Wortes „Krieg“ gibt. Ich habe das nicht nachgeprüft, aber ich glaube dem Experten einfach mal. Es ist ähnlich wie mit dem Begriff „Demokratie“. Auch hier gibt es keine einheitliche Definition. Eben deshalb ist ja auch die USA die größte Demokratie in der Welt und solche Länder wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien usw. usw. haben nur zweitgrößte Demokratien – richtig?
 
Also überlegen wir, worin der Unterschied zwischen Krieg und Militäroperation besteht.
 
Für mich ist Krieg eine vollumfängliche militärische Handlung unter Einsatz aller militärtechnischen und menschlichen (Soldaten) Möglichkeiten. Die militärischen Handlungen, der sich gegenüberstehenden Seiten, haben absoluten Vorrang, sind konzentriert auf die Erreichung der gesteckten Ziele in kürzester Zeit und unter Ignorierung möglicher Kollateralschäden, materiellen und humanitären Charakters. Sie werden billigend in Kauf genommen. 
 
Diese, schnell von mir zusammengezimmerte Definition, ist qualitativ minderwertig und wer diese ergänzen möchte – ich wäre sehr dankbar.
 
Meine Definition von Krieg trifft aber nicht das, was gegenwärtig in der Ukraine passiert.
 
Wir sind alle erstaunt – ja, auch ich – dass wir nun schon Tag „4“ schreiben und die Ukraine noch nicht vollständig unter Kontrolle der russischen Truppen ist. Einige westliche Analytiker hatten, Wochen vor dem 24. Februar geschrieben, dass Russland drei Tage braucht, bis Kiew fällt. Haben wir uns alle geirrt? Ist Russlands Armee so schwach?
 
Ein deutscher General a.D. hatte vor ein paar Tagen im Morgenmagazin der ARD/ZDF kommentiert, dass sich in der Logistik der russischen Armee, seit den Zeiten der Roten Armee, nichts geändert habe und es dadurch jetzt zu Nachschubproblemen gekommen ist und die russische Armee schon am zweiten Tag ihre Angriffe einstellen musste, weil es an Treibstoff, Munition und warmen Socken fehlte. Nun ist dies zufälligerweise eines meiner militärischen Spezialgebiete, wo ich mich ein wenig auskenne und ich, ein abgefrackter Oberstleutnant der NVA, musste über die Erklärungen des deutschen Generals a.D. ein wenig schmunzeln.
 
Natürlich erklären die westlichen Medien den gegenwärtigen Stand der russischen Militäroperation mit allen möglichen negativen Attributen, die die russische Armee und deren Führung in ein möglichst schlechtes Licht rücken. Russische Medien würden wohl ähnlich berichten. Ich erinnere mich an die schmähliche Flucht der Amerikaner und deren NATO-Verbündeter vor wenigen Monaten aus Afghanistan. Wir haben die Meldungen unserer russischen Medien mit allen Nuancen genossen. So ist nun mal die psychologische Kriegsführung.
 
Niemand weiß es, niemand denkt darüber nach und leider wird es auch von den russischen Medien nicht ausreichend berichtet, dass der russische Präsident Putin am Ende des Tages „2“ befohlen hatte, den Vormarsch einzustellen. Man hoffte in Russland auf Gespräche mit der Ukraine. Die Hoffnung ging nicht in Erfüllung und man hatte einen Tag verloren.
 
Russland ist bemüht, seine Militäroperation mit möglichst wenig zivilen Opfern, sowohl menschlichen wie auch materiellen durchzuführen. Das schränkt die Möglichkeiten der russischen Armee erheblich ein und der Vormarsch dauert somit erheblich länger. Man denkt in der russischen Armee daran, dass irgendwann die Militäroperation zu Ende geht und wir wollen mit den Ukrainern zusammenleben und all das wieder aufbauen, was durch die Schuld der Amerikaner und deren Verbündeter, seit 1991 zerstört wurde. Und da ist menschlicher Hass, geboren aus den Handlungen während der Militäroperation oder während eines Krieges, nicht zielführend.
 
Erstaunt war ich auch, dass, entgegen meiner Erwartung, die ukrainischen Soldaten nicht in Massen übergelaufen oder doch zumindest die Waffen niedergelegt haben. Russische Medien berichten zwar über derartige Vorgänge, aber sie sind – zumindest meiner Meinung nach – nicht der Rede wert, wenn ein paar hundert Soldaten die Möglichkeit nutzen, gesund und unverletzt zu ihren Familien zurückkehren zu können.
 
Ein Bekannter hat mir erzählt, dass die nationalistischen Horden in der Ukraine, ähnlich, wie damals im Jahre 1945 in Deutschland die Feldpolizei oder die SS-Einsatzkommandos, Sperren errichten, Kontrollen durchführen und damit verhindern, dass sich Soldaten absetzen, überlaufen oder einfach nicht kämpfen. Der russischen Armee ist dies bekannt. Man berücksichtigt dies bei dem Vormarsch – er geht eben langsamer.
 
Es wird berichtet, dass insbesondere die nationalistischen Kräfte sich in den Besitz schwerer Waffen gebracht haben und diese in Wohngebieten stationieren. Russland könnte diese mit Flugzeug- oder Raketeneinsatz schnell vernichten. Vermutlich würden dabei auch Zivilisten getötet und Wohnhäuser zerstört. Das will Russland aber nicht. Die russische Armee muss aber berücksichtigen, dass diese Technik in der Stadt steht und bereit ist, russische Soldaten zu töten. Somit geht man langsamer, vorsichtiger vor. Wer will schon sterben.
 
Wir finden also jede Menge Erklärungen, warum die russische Armee langsamer vorrückt, als westliche Analysten es vorhergesagt haben. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Ich habe verstanden, dass die West-Gründe eben propagandistisch diskriminierend sein müssen. Man kann ja schlecht informieren, dass die russische Armee eine militärisch humanistische Operation durchführt. Man informiert über einen Krieg Russlands gegen die heldenhafte Ukraine und dass die russische Armee Schwierigkeiten hat.

 

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Kommentare ( 1 )

  • Winfried Ludwig

    Veröffentlicht: 28. Februar 2022 19:23 pm

    Entschuldig dass ich lache aber sie sind so treffend

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 28. Februar 2022 19:44

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