Landsmannschaft Ostpreußen – Wir sprechen miteinander

Landsmannschaft Ostpreußen – Wir sprechen miteinander

 

Die Landsmannschaft Ostpreußen ist Interessensvertreterin derjenigen, die ehemals in Ostpreußen gelebt und gearbeitet haben. Die Zeit bringt es mit sich, dass sie heute auch die Interessen derjenigen vertritt, die nicht in Ostpreußen geboren worden sind, aber trotzdem für dieses Gebiet Gefühle verschiedenster Art entwickeln. Ich wollte wissen, welche Gefühle Deutsche in der Landsmannschaft Ostpreußen entwickeln.

 

 

Die Landsmannschaft Ostpreußen gehört zu den größten Landsmannschaften und natürlich kann man nicht mit jedem sprechen. Für repräsentative und allgemeingültige Aussagen gibt es somit einen Sprecher der Landsmannschaft, der die Meinungen, Ansichten und Gefühle aller Mitglieder zu vereinen und zu vertreten hat. Herr Stephan Grigat gehört zum Bundesvorstand der Landsmannschaft Ostpreußen seit 1995 und ist seit 2010 deren Sprecher. Er hat sich bereit erklärt, mir ein Interview zu geben.

Mein Fragespiegel war lang, sehr lang und wohl für unseren Erstkontakt zu lang. Wir haben uns geeinigt, ein Startinterview zu führen, prinzipielle Fragen zu stellen und weitere Fragen zu einem späteren Zeitpunkt zu formulieren. Ich bin Herrn Grigat dankbar für die Möglichkeit eines Interviews – immerhin ist meine kritische Einstellung zur Thematik „Ostpreußen“ allgemein bekannt.

 

 

Vielen Dank Herr Grigat, dass Sie sich meinem Informationsportal für ein Interview zur Verfügung gestellt haben. Als Kaliningrader Lokalpatriot stand ich bisher der Landsmannschaft Ostpreußen sehr kritisch gegenüber. Aber einige meiner Bekannten meinten, ich hätte ein wenig die Zeit verschlafen, denn die Arbeit der Landsmannschaft Ostpreußen habe sich in den letzten Jahren inhaltlich geändert. Ihre Antworten auf meine Fragen werden mir und ganz bestimmt auch meinen Lesern, die teilweise mit Ihnen sympathisieren und teilweise, so wie ich, der Landmannschaft kritisch gegenüberstehen, helfen, eventuell neue, vor allem aber aktuelle Eindrücke über Ihre Arbeit und Denkweise zu sammeln.

Uwe Niemeier (UN): Vielleicht könnten Sie ganz kurz einige Eckdaten Ihres Lebenslaufes preisgeben und wie Sie zur Landsmannschaft Ostpreußen gefunden haben…

Stephan Grigat (SG): Meine biographischen Eckdaten finden Sie unter www.ostpreußen.de.

 

 

Mein Vater ist vor meiner Geburt verstorben und ich bin nach meiner Bundeswehrzeit, quasi auf der Suche nach ihm, nach Ostpreußen gefahren, um Spuren zu finden. Damit war der Kontakt zur Landsmannschaft Ostpreußen vorgezeichnet.

UN: Kommen wir zur ersten Frage. Wann wurde die Landsmannschaft Ostpreußen gegründet? Wie viele Mitglieder hat die Landsmannschaft heute? Gibt es Erkenntnisse zum Durchschnittsalter der Mitglieder der Landsmannschaft?

SG: Die Landsmannschaft Ostpreußen (LO) wurde 1948 in Hamburg gegründet. Sie besteht aus 38 Kreisgemeinschaften, 15 Landesgruppen und aus persönlichen Mitgliedern. Die LO vertritt ca. 150.000 Personen. Repräsentative Erhebungen zum Durchschnittsalter gibt es nicht. Wir gehen davon aus, dass zwei Drittel der Mitglieder das 70. Lebensjahr überschritten haben.

 

 


UN: Das ehemalige Ostpreußen ist dreigeteilt: Der größte Teil ist heute polnisches Gebiet, ein kleines Stück ehemaliges Ostpreußen gehört zu Litauen, das Kernstück mit der ehemaligen Stadt Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, gehört zu Russland. Lassen Sie uns heute nur über den russischen Teil des ehemaligen Ostpreußens reden.

 

Grafik: Gebiete des ehemaligen Ostpreußens in aktueller staatlicher Zugehörigkeit
 
UN: Wie oft waren Sie in ihrem bisherigen Leben in Kaliningrad und wann waren Sie das letzte Mal dort?
 
SG: Sieben Mal, zuletzt im Oktober 2018.

UN: Ihrer Internetseite habe ich entnommen, dass Sie im ehemaligen Alleinstein und Memel Verbindungsbüros unterhalten. Warum gibt es kein derartiges Verbindungsbüro in Kaliningrad? Wie halten Sie überhaupt Kontakt zum Kaliningrader Gebiet? Gibt es eine Zusammenarbeit mit russischen staatlichen Strukturen, kirchlichen Strukturen, NGO, Privatpersonen?

SG: Mit dem Verband der Deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren und dem Simon-Dach-Haus in Memel haben wir starke Partner vor Ort. Ein vergleichbarer Ansprechpartner existiert im Königsberger Gebiet nicht. In Allenstein beschäftigen wir eine Vollzeitmitarbeiterin. Voraussetzung hierfür ist Rechtssicherheit, die uns die EU in Polen und Litauen garantiert. Eine Zusammenarbeit mit russischen Behörden wie Privatpersonen gibt es im Rahmen der seit 2008 durchgeführten Deutsch-Russischen Foren. Die im Wechsel in Deutschland und im Königsberger Gebiet veranstalteten Foren wenden sich an die Leiter der Archive, Bibliotheken und Museen, Deutschlehrer sowie Vertreter der russischen kommunalen Gebietskörperschaften. Mit der Veranstaltung waren wir u.a.  in Königsberg, Gumbinnen, Tilsit und Insterburg zu Gast.

 


UN: Aus verschiedenen Ihrer Äußerungen im Rahmen offizieller Auftritte habe ich entnommen, dass Sie nicht immer zufrieden sind mit der Unterstützung ihres Verbandes durch die deutsche Bundesregierung. Erfolgt denn überhaupt eine Unterstützung Ihrer Arbeit durch offizielle Stellen in der Bundesrepublik? Gibt es finanzielle Hilfen, z.B. aus dem Staatshaushalt oder von anderen staatlichen oder halbstaatlichen Fonds und Stiftungen? Bei der Vielzahl Ihrer Aktivitäten – und der Verband ist wirklich aktiv, so mein Eindruck, steht für mich die Frage, wie das alles finanziert wird, denn nur das Abonnement Ihrer Verbandszeitung scheint für die Finanzierung Ihrer Arbeit wohl nicht ausreichend zu sein.

 

 

SG: Die Landsmannschaft Ostpreußen erhält im Verhältnis zum Gesamtaufwand geringe Mittel über die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und über das Bundesinnenministerium. Auch das Bayerische Sozialministerium fördert einzelne Projekte. Zuschüsse für das Deutsch-Russische Forum bekommen wir leider trotz wiederholter Anträge nicht. Allein für dieses Veranstaltungsformat haben wir in den letzten 10 Jahren einen sechsstelligen Betrag aufgewendet. 90 % unseres Kulturetats finanzieren wir aus eigenen Mitteln und aus den Spenden unserer Mitglieder. Auch die Preußische Allgemeine Zeitung/Das Ostpreußenblatt steuert ihren Teil bei.

UN: Die Landsmannschaft Ostpreußen tritt für die Völkerverständigung im zusammenwachsenden Europa ein. So formulieren Sie es auf Ihrer Internetseite. Schauen wir auf die Verständigung des deutschen Volkes mit dem russischen Volk in den Jahren seit 2014, so scheint mir, dass diese Aufgabe gegenwärtig wohl nicht leicht zu erfüllen ist. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern könnte eigentlich kaum schlechter sein – so mein Eindruck. Und mein Eindruck ist auch, dass wir den Tiefpunkt in den gegenseitigen Beziehungen noch nicht erreicht haben. Glauben Sie, dass die gegenwärtige Politik der Bundesregierung gegenüber Russland für die Umsetzung Ihrer Interessen hilfreich ist oder haben Sie für sich und Ihren Verband seit 2014 eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Kaliningrader Gebiet bemerkt?

SG: Ohne die Sanktionspolitik der Bundesregierung bewerten zu wollen, muss man feststellen, dass die Arbeitsbedingungen für uns im Königsberger Gebiet schwieriger geworden sind. Dies betrifft vor allem die Kontakte zu den Behörden auf Gebietsebene. Nicht davon betroffen sind unsere Kontakte auf lokaler Ebene. So ist es uns gelungen, die Deutsch-Russischen Foren weiter zu veranstalten. Dabei helfen uns im Königsberger Gebiet auch die vertrauensvollen und gewachsenen Beziehungen der ostpreußischen Kreisgemeinschaften zu ihren russischen Partnern und die menschlichen Beziehungen, die sich zwischen den Funktionsträgern der LO und den russischen Kulturschaffenden im letzten Jahrzehnt entwickelt haben. Gleichwohl will ich nicht verhehlen, dass es unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen ein organisatorischer Kraftakt ist, von Deutschland aus eine Veranstaltung wie das letzte Deutsch-Russische Forum in Insterburg mit 60 Teilnehmern zu organisieren.

 

UN: Auf Ihrer Internetseite stellen Sie die Landsmannschaft als einen Verband vor, dessen Mitglieder sich dem kulturellen Erbe besonders verbunden fühlen. Es gibt 38 Kreisgemeinschaften. Interessieren sich die Mitglieder auch für die Geschichte des Gebietes nach 1946 und wie stellen Sie sicher, dass interessierte Mitglieder Ihrer Landmannschaft sich über aktuelle Entwicklungen im Gebiet real und objektiv informieren können?

SG: Natürlich interessieren sich unsere Mitglieder für die aktuellen Entwicklungen im Gebiet.  Kreisgemeinschaften wie z. B. die Elchniederung oder Labiau organisieren jährlich Busreisen in ihre Heimatkreise mit einem anspruchsvollen Kulturprogramm. Für diejenigen, die nicht mehr reisen können, besteht die Möglichkeit, sich über die von den Kreisgemeinschaften herausgegebenen Heimatbriefe zu informieren. Die Heimatbriefe veröffentlichen neben Berichten aus der Zeit vor 1945 auch Informationen über aktuelle Entwicklungen im Gebiet. Von reinen Mitteilungsblättern haben sich die Heimatbriefe zu veritablen Veröffentlichungen entwickelt, die trotz des biologisch bedingten Rückganges der Leser immer noch in einer jährlichen Gesamtauflage von 250.000 Exemplaren erscheinen. Last not least haben wir in Königsberg einen freien Mitarbeiter, der wöchentlich in der Preußischen Allgemeinen Zeitung über das Gebiet berichtet.

UN: Auf Ihrer Internetseite formulieren Sie als eines der Ziele der Landsmannschaft:

„Die Bewahrung des deutschen kulturellen Erbes Ostpreußens und die Verankerung Ostpreußens als Teil des historischen Deutschlands im Bewusstsein der Öffentlichkeit.“

Die erwähnte Verankerung Ostpreußens, als Teil des historischen Deutschlands – wie soll dies verstanden werden. Geht es Ihnen um eine mehr virtuelle Verankerung, mental in den Köpfen der Menschen, ohne jedwede Gedanken, den geopolitischen Status Quo zu verändern, oder wie muss man sich dieses Ziel in der praktischen Umsetzung vorstellen?

 

 

SG: Ostpreußen war über 700 Jahre ein fester Bestandteil deutscher Politik, Geschichte und Kultur. Von Ostpreußen gingen zahlreiche geistige Impulse, die die Natur- und Geisteswissenschaften, die Literatur und die bildende Kunst, aber auch die Politik tief beeinflusst haben, ins übrige Deutschland und darüber hinaus in die Welt. Sie wirken heute und auch in der Zukunft nach und ohne sie ist die politische und kulturelle Entwicklung Deutschlands nicht vorstellbar. Damit ist Ostpreußen heute und in Zukunft untrennbarer Bestandteil deutscher Identität. Dennoch schwindet das Wissen um die Geschichte Ostpreußens und die Leistungen seiner Menschen zunehmend mit dem Abtreten der letzten alten Ostpreußen, die noch von ihrer Heimat erzählen konnten. Im Schulunterricht findet der historische deutsche Osten nicht mehr statt. Deshalb sehen wir es als eine wesentliche Aufgaben an, das Wissen um Ostpreußens Geschichte und Kultur und ihren Einfluss auf die Entwicklung des übrigen Deutschlands in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Dies geschieht im Rahmen von eigenen Veranstaltungen und indem wir Einrichtungen wie das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg oder das Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen unterstützen. Der jetzige geopoltische Status des Gebietes spielt hierbei keine Rolle. Mit anderen Worten: Bei der Landsmannschaft Ostpreußen hat niemand die Vorstellung, 75 Jahre nach Kriegsende noch Kriegsfolgen zu korrigieren oder gar Grenzen zu verschieben.

 

 

UN: Kommen wir noch auf einige Punkte in der Satzung der Landsmannschaft Ostpreußen zu sprechen, die ich nicht verstehe.

Im vierten Absatz der Präambel formuliert der Verband:

„Die  Landsmannschaft  Ostpreußen  fördert  alle  Bestrebungen,  die  darauf  abzielen,  die  russlanddeutsche Volksgruppe im Königsberger Gebiet anzusiedeln und sesshaft zu machen.“

Warum sollen sich Russlanddeutsche in Kaliningrad ansiedeln, also in einem Gebiet, welches eigentlich niemals ihre Heimat war. Die Russlanddeutschen haben immer in den Tiefen des russischen Mutterlandes gesiedelt oder in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Wenn sich die Russlanddeutschen im Osten Russlands nicht mehr wohlfühlen, so werden sie sich doch auch im Westen Russlands nicht wohlfühlen und eine Übersiedlung nach Deutschland wäre eher logisch.

 

SG: Die betreffende Textpassage in der Präambel spiegelt eine Erwartung aus den frühen 1990er Jahren wider, als die begründete Hoffnung bestand, dass sich Russlanddeutsche wegen der Nähe des Gebietes zur Bundesrepublik Deutschland und auch wegen seiner deutschen Geschichte im nördlichen Ostpreußen ansiedeln. Es gibt bekanntlich auch heute noch prägende Spuren aus deutscher Zeit im Königsberger Gebiet. Für die Landsmannschaft wäre eine Ansiedlung von Russlanddeutschen schon deshalb von Vorteil gewesen, weil Kontakte in das Gebiet zu deutschsprachigen Menschen gleicher oder verwandter Nationalität einfacher gewesen wären. Wie wir alle wissen, haben fast alle Russlanddeutschen das nördliche Ostpreußen nur als Zwischenstation für ihre Ausreise nach Deutschland genutzt. Eine aktive Förderung der Ansiedlung von Russlanddeutschen im Königsberger Gebiet durch die Landsmannschaft Ostpreußen hat es nicht gegeben.

UN: In der Satzung des Verbandes, Artikel II, Punkt 1.1. Zweck und Aufgaben, wird formuliert:

„Die Landsmannschaft Ostpreußen e.V. vertritt Ostpreußen und seine Menschen.“

Die Landsmannschaft geht davon aus, wenn ich es richtig verstanden habe, dass das Kaliningrader Gebiet ein Bestandteil Ostpreußens ist. Verstehe ich es richtig, dass Sie somit auch die Menschen vertreten, die heute in diesem Teil Ostpreußens wohnen, also rund eine Million russischer Staatsbürger?

SG: Nein, das ist damit natürlich nicht gemeint. Die Landsmannschaft Ostpreußen ist der Verband der geflüchteten Ostpreußen und vertriebenen Ostpreußen, deren Nachkommen sowie für Spätaussiedler und Personen, die sich Ostpreußen und seinem kulturellen Erbe besonders verbunden fühlen. Zur letzteren Gruppe können auch Russen, Polen oder Litauer gehören, die sich für deutsche Geschichte des Gebietes interessieren. Gleiches gilt natürlich für Franzosen oder Engländer. Die Landsmannschaft Ostpreußen vertritt das untergegangene historische Ostpreußen, seine Kultur und Geschichte und die Menschen, die sich ihm zugehörig fühlen und dies durch ihre Mitgliedschaft dokumentieren. Eine politische Vertretung russischer Staatsbürger kann nur durch gewählte russische Volksvertreter geschehen.

 

 

UN: Ich weiß, dass wir diesen Punkt schon in den vorangegangenen Fragen angesprochen haben. Aber trotzdem nochmal nachgehakt. In der Präambel, im dritten Absatz, wird formuliert, dass die Landsmannschaft Ostpreußen das Recht auf Selbstbestimmung, als ein jedem Volk unantastbares Recht, erstrebt. Insgesamt habe ich mit dem Begriff „Selbstbestimmung“ kein Problem. Aber im Zusammenhang mit der geopolitischen Lage des Kaliningrader Gebietes, einem Teil des ehemaligen Ostpreußens, assoziiere ich das Wort „Selbstbestimmung“ irgendwie mit Separatismus. Können Sie mich in dieser Frage beruhigen? Wird durch die Landsmannschaft nicht das Ziel angestrebt, weder direkt noch indirekt, Einfluss auf den gegenwärtigen Status Quo zu nehmen?

SG: Selbstbestimmung in diesem Zusammenhang ist ein Recht, das Völkern zusteht, also hier dem russischen und dem deutschen. Zweifelsfrei ist das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes, dem die Ostpreußen sich zugehörig fühlen, nach dem 2. Weltkrieg verletzt worden. Inzwischen ist dies durch die frei ausgehandelten gültigen völkerrechtlichen Verträge zwischen Deutschland und Russland, zum Teil auch mit Beteiligung anderer Mächten, erledigt. Die Grenzfrage stellt sich seit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag nicht mehr. Das ist für die Ostpreußen damals kein leichter Prozess gewesen. Die Entwicklungen der letzten 20 Jahre, der Beitritt Polens und Litauens zur EU, die ja auch in Teilen staatliche Qualität aufweist, waren vor der Wende nicht absehbar. Sie sind unzweifelhaft positiv. Die Integration in die EU hat für alle Vorteile gebracht, insbesondere wirtschaftliche, aber auch Rechtssicherheit und größere Freiheiten. Eine Mitgliedschaft des Oblast Kaliningrad in der EU wäre für uns eine wünschenswerte Option.

 

UN: Sie treten weiter für:

„Die Entwicklung Ostpreußens zu einer lebenswerten Region Europas - auch für deutsche Bewohner“

ein. So ist es auf Ihrer Internetseite formuliert.

In diesem Zusammenhang möchte ich ein aktuelles, empfindliches Thema ansprechen: die Germanisierungsdiskussion im Allgemeinen und die Aktivitäten verschiedenster deutscher Bürger zum Bau von deutschen Siedlungen im „Königsberger Gebiet.“ Es wird befürchtet, dass deutschfreundliche Kräfte versuchen, von innen heraus das Gebiet so vorzubereiten, dass es zu separatistischen Aktionen kommt, mit dem Ziel, das Gebiet aus dem Bestand der Russischen Föderation zu lösen. Wie schätzen Sie die Germanisierungsthematik ein? Sind Ihnen diese Aktivitäten deutscher Bürger zum Bau von deutschen Dörfern überhaupt bekannt, haben Sie Kontakte zu diesen deutschen Aktivisten?

SG: Wir haben keine konkreten Erkenntnisse über derartige Aktivitäten und unterstützen sie auch nicht. Der Schritt von einer „auch für deutsche Bewohner lebenswerten Region“ einschließlich eines Zuzuges von Deutschen hin zu einer ernstzunehmenden separatistischen Organisation wäre auch ein gewaltiger. Innerhalb der EU haben wir uns daran gewöhnt, dass die Menschen von ihrer EU-weiten Freizügigkeit Gebrauch machen und sowohl die Menschen als auch die Regionen von dieser Flexibilität profitieren. Niemand käme bei uns auf die Idee, dass die zahlreichen in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Polen oder Bulgaren in Deutschland separatistische Bestrebungen hätten. Sie werden aber zugeben, dass in Sachen „lebenswerter Region“ das russische Ostpreußen den übrigen Teilen Ostpreußens hinterherhinkt, und dass es in Polen und Litauen mehr Deutsche gibt, als im Königsberger Gebiet, ohne dass jemand Angst vor Separation oder auch nur politischer Einflussnahme hätte.

UN: Im Jahre 2024 wird der 300. Geburtstag von Immanuel Kant gefeiert. Welche Vorstellungen haben Sie, wie dieses Ereignis organisiert und begangen werden sollte? Sollte Kaliningrad das Zentrum der Feierlichkeiten sein oder ein anderer Ort?

SG: Zumindest sollte Königsberg eines der Zentren der Feierlichkeiten sein. Bekanntlich hat Kant Königsberg nur selten und Ostpreußen nie verlassen. Neben Berlin wird in Deutschland auch das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg eine große Rolle spielen. Das Museum in Lüneburg wird zurzeit um eine Kant-Abteilung mit bedeutenden Exponaten des Philosophen erweitert. Ich erhoffe mir, dass im Sinne des Weltbürgers Kant die Feierlichkeiten zum 300. Geburtstag dazu beitragen, die jetzigen Spannungen zwischen Deutschland und Russland zu reduzieren und neue Brücken zu bauen, wenngleich sie wohl noch nicht den „Ewigen Frieden“ bringen wird.

 

 

UN: Ein weiteres empfindliches Thema ist der Name der Stadt. Ich persönlich glaube, dass, wenn sich deutsche Politiker, aber auch deutsche Privatpersonen, in den Jahren seit 1991 nicht wie Elefanten im Porzellanladen zu dieser Frage aufgeführt hätten, auf diese Frage schon längst eine Antwort gefunden worden wäre. Es gab sogar schon eine Kommission der Kaliningrader Gebietsduma, die ein Referendum vorbereiten sollte. Glauben Sie, dass das Kant-Jubiläum für Russland Anlass sein könnte, über eine Umbenennung der Stadt nachzudenken? Würde der Name „Twangste“ für die Stadt bei Ihnen positive Emotionen auslösen?

SG: Ich glaube, dass Sie den Einfluss deutscher Politiker und Privatpersonen in dieser Frage durchaus überschätzen. Da ich einen prussischen Familiennamen habe, löst der Name „Twangste“ bei mir durchaus positive Emotionen aus. Ich befürchte jedoch, dass die meisten Menschen mit dem altpreußischen Namen für die erste Siedlung auf dem Gelände des späteren Königsbergs wenig anfangen können. Eine Umbenennung, die dazu führt, dass die Stadt nicht mehr den Namen eines Mannes trägt, der für monströse Menschenrechtsverbrechen mitverantwortlich war, begrüße ich ausdrücklich. Meine persönliche Meinung ist, dass der Name der Stadt wieder Königsberg lauten sollte – so wie sie ihn 700 Jahre lange getragen hat. Naheliegend wäre vielleicht auch die direkte Übersetzung ins russische.

 

 

UN: Russland befürchtet für das Kaliningrader Gebiet, seitens einiger Länder der Europäischen Union, eine Blockadepolitik. Gesprochen wird über eine Lebensmittelblockade, Energieblockade, Transportblockade. Selbst wenn Russland keine Gegensanktionen einführt, würde, im Falle einer Transportblockade, das Gebiet isoliert, ehemals wie Westberlin Ende der 40er Jahre, und die Erben der alten Ostpreußen könnten nicht mehr zur Wiege ihrer Vorfahren reisen. Wie real ist diese Gefahr, die insbesondere von Polen und Litauen ausgeht?

SG: Nach meiner Einschätzung sind derartige Ängste unbegründet. Polen und Litauen sind in das politische System von EU und NATO eingebunden und können keine einseitige Blockadepolitik ohne Zustimmung von EU und NATO betreiben. EU und NATO würden keine Blockademaßnahmen ohne triftigen Grund, wie etwa einer Verletzung der territorialen Integrität der baltischen Staaten oder Polens durch Russland, treffen. Hierfür sehe ich jedoch zurzeit überhaupt keinen Hinweis. Ich bedaure außerordentlich, dass der einige Zeit gut funktionierende kleine Grenzverkehr entgegen bestehender Abkommen nicht mehr zum Tragen kommt. Beide Seiten haben davon profitiert und beide Seiten sollten zu dem bereits früher erreichten Zustand zurückkehren.

UN: Russland hat zum 1. Juli 2019 für Besucher des Kaliningrader Gebietes das Elektronische Visum eingeführt. Es ist kostenlos und stellt an sich Visafreiheit für die Bürger der Teilnehmerländer dar. Glauben Sie, dass die Europäische Union oder doch zumindest Deutschland, im Gegenzug Erleichterungen für die Kaliningrader Bürger schafft, die in die EU bzw. nach Deutschland reisen wollen – z.B. die Visa- und Agenturgebühren abschafft bzw. übernimmt? Haben Sie mit Ihrem Verband Möglichkeiten, auf die deutsche Politik in dieser Frage Einfluss zu nehmen?

SG: Die Einführung des Elektronischen Visums begrüßen wir ausdrücklich. Ob es im Gegenzug Erleichterungen für Russische Staatsbürger bei der Einreise in die EU geben wird, kann ich zur Zeit nicht abschätzen. Solche Fragen fallen bekanntlich in die EU-Zuständigkeit. Die EU-Gremien müssen sich nach der Europawahl noch sortieren. Da es sich bei dieser innerostpreußischen Grenze um eine Schengen-Außengrenze handelt, dürfte Skepsis angebracht sein. Die LO hat sich in Bezug auf das Königsberger Gebiet immer für wechselseitige Visafreiheit ausgesprochen und tut dies noch.

UN: Viele Ihrer Verbandsmitglieder fühlen sich mit ihrer alten Heimat bzw. der Heimat ihrer Vorfahren, eng verbunden. Russland hat alle Möglichkeiten geschaffen, damit auch Ausländer sich hier engagieren können. Es können Immobilien gekauft werden, aber auch wirtschaftliches Engagement ist möglich – Kaliningrad bietet noch sehr viele Möglichkeiten, wo Deutsche, insbesondere ehemalige Ostpreußen, ihre Nische finden können. Warum nutzen Ihre Verbandsmitglieder diese Möglichkeiten nicht?

SG: Mir sind etliche Fälle bekannt, wo solche Möglichkeiten genutzt werden oder dies wenigstens versucht worden ist. Tatsache ist, dass es leider zahlreiche bürokratische und abgabenrechtliche Hindernisse gibt, die oft auch unangekündigt und überraschend auftauchen. Das Vertrauen in den Rechtsstaat ist wenig ausgeprägt, übrigens nicht nur bei Deutschen, sondern auch bei russischen Gesprächspartnern. Mangelnde russische Sprachkenntnisse spielen auch eine Rolle.

UN: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem der kristallklaren Seen, am Rand eines der dunklen Wälder Ostpreußens und angeln. Sie angeln den berühmten Goldenen Fisch und der verspricht Ihnen die Erfüllung von drei Wünschen rings um das Thema „Kaliningrader Gebiet“. Was würden Sie sich vom Goldenen Fischlein wünschen?

SG: Ich angele nicht  wink

UN: … ok, das nenne ich schlagfertig. Auf diese Antwort war ich nicht vorbereitet. Aber bei unserem nächsten Interview werde ich nochmal auf das Goldene Fischlein zurückkommen … werden wir unsere Bekanntschaft und unseren Gedankenaustausch fortsetzen?

SG: So Gott will und wir leben, schon.

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