Lang leben die russischen Rentner. Hurra!

Lang leben die russischen Rentner. Hurra!
 
Es verbleiben nur noch wenige Tage bis zum 1. Juli. Und dieser Tag bringt für viele, aber nicht für alle russischen Rentner, eine Überraschung. Eine der Überraschungen ist, dass es sich lohnt, länger zu leben.
 

Nach der Rentenreform, ähnlich organisiert wie vor vielen Jahren in Deutschland, gehen die Russen jetzt mit 65 Jahren (vorher 60 Jahre) in Rente und die Russinnen mit 60 Jahren (vorher 55 Jahre). So die prinzipielle Festlegung. Der Übergang erfolgt schrittweise und wird im Jahre 2028 abgeschlossen sein.
 
Grafik: Schrittweise Anpassung des Renteneintrittsalters

Anspruch auf Rente haben diejenigen, die einen Mindestzeitraum in die staatliche Rentenversicherung einbezahlt haben. Im aktuellen Jahr 2020 muss ein Arbeitnehmer 11 Jahre versichert gewesen sein, um Rentenanspruch zu erwerben. Der Mindestversicherungszeitraum wird ebenfalls schrittweise, jeweils um ein Jahr in Jahresschritten angehoben und wird somit im Jahre 2024 die gesetzlich fixierte Mindestzeit von 15 Jahren erreichen.
 
Grafik: Schrittweise Anpassung des Mindestversicherungszeitraums
 
Im Unterschied zu Deutschland, zahlt in Russland der Arbeitgeber alle Sozialbeiträge, also den Rentenbeitrag, die Arbeitslosen- und die Krankenversicherung. Daraus erklärt sich, dass der Arbeitgeber daran interessiert ist, das offizielle Gehalt seines Arbeitnehmers so gering wie möglich zu halten, damit die Sozialkosten auch gering bleiben. Den überwiegenden Teil des Gehaltes erhält der Arbeitnehmer im Umschlag.
 
Grafik: Umfang der Sozialbeiträge in Russland

Aus dieser Praxis heraus erklärt sich ganz einfach, warum nicht ausreichend Finanzmittel für die Entwicklung des Gesundheitswesens zur Verfügung stehen, die Gehälter der Ärzte und des medizinischen Personals niedrig sind.
 
Grafik: Gehälter im medizinischen Dienst

Und aus dieser Praxis heraus erklärt sich auch, warum russische Rentner, häufig mit Tränen in den Augen, vor westlichen Kameras, ihr schweres Schicksal und die kleine Rente beklagen. Sie erwähnen dabei nicht, dass sie einen Großteil ihres Arbeitslebens die Sozialgesellschaft durch das System „Geld im Umschlag“ betrogen haben und somit eben nur in dem Umfang Anteil am Sozialsystem erhalten, wie sie selber daran teilgenommen haben. Berechnungen ergaben, dass sich bei vielen Rentnern die Rente durch dieses Sozialbetrugssystem halbiert.
 
Grafik: Entwicklung der Durchschnittsrente
 
Russland passt die Rentenzahlungen mehrmals im Jahr an. Dies ist ein automatischer, feststehender Prozess. Anfang des Jahres erfolgt die erste Anpassung – der sogenannte Inflationsausgleich. Man schaut auf die Inflation des vergangenen Jahres und in dem Umfang wird die Rente angehoben. Zum Januar 2020 wurden die Renten um 6,6 Prozent angehoben, obwohl die Inflation im Jahre 2019 mit 3,05 Prozent erheblich niedriger war.
 
Grafik: Entwicklung der Inflation in Russland
 
Im Mai des Jahres erfolgt die zweite Rentenanpassung. Diese ist sehr unterschiedlich und abhängig von einer Reihe wirtschaftlicher Eckzahlen, die im vergangenen Jahr erreicht worden sind.
Dann gibt es noch Einmal-Zahlungen. Sie sind selten und immer an irgendwelche besonderen Ereignisse gebunden.
 
Und es lohnt sich für russische Rentner lange zu leben. Bei Erreichung eines gewissen Alters, bekommt der Rentner einen Fix-Zuschlag zur Rente und der ist, verglichen mit der Rente, erheblich.
So haben im Jahre 2019 russische Rentner, die das 80. Lebensjahr erreicht haben, einen monatlichen Rentenzuschlag von 5.334 Rubel erhalten. Zum 1. Juli 2020, also in wenigen Tagen, wird dieses Alter von 80 auf 75 Jahre gesenkt.

Meine persönliche Rente, die ich seit 2015 in Russland erhalte, beträgt gegenwärtig rund 8.100 Rubel. Sie wird mit sturer Pünktlichkeit jeden 16. des Monats pünktlich auf mein Konto überwiesen. Wäre ich schon 75 Jahre alt, so würde ich noch weitere 5.334 Rubel erhalten. Da die russische Durchschnittsrente gegenwärtig bei rund 14.000 Rubel liegt, macht also dieser Alterszuschlag schon einen erheblichen Teil aus – mit anderen Worten: Es lohnt sich alt und älter zu werden.
 
Einspielung Berechnung/Zusammensetzung russische Rente
 
Grafik: Lebenserwartung in Russland
 
Und in Russland gibt es den Begriff „Arbeitender Rentner“.
 
Grafik: Vergleich Rentner und arbeitende Bevölkerung
 
Im Jahre 2019 haben sich 7,3 Mio. russische Rentner, also rund 17 Prozent, entschlossen, auch nach dem Eintritt in das Rentenalter, weiterzuarbeiten. Rentner arbeiten in Russland aus den unterschiedlichsten Gründen. Entweder sind sie Unternehmer und haben den Antrieb, ihr Unternehmen bis zum letzten Atemzug zu betreiben. Sie können also nicht ohne Arbeit leben. Andere Rentner arbeiten, weil die ausbezahlte Rente nicht ausreicht. Warum häufig die Rente nicht ausreicht, hatte ich bereits zu Anfang des Beitrages geschildert – man erhält Geld im Umschlag und schafft keine privaten Rücklagen.
 
Und für die Kategorie „Arbeitende Rentner“ erfolgt die Rentenzahlung mit Besonderheiten. Diese Rentner erhalten die gleichen Rentenanpassungen wie alle anderen Rentner auch. Aber da sie arbeiten, zahlen sie ja auch weiterhin in die Sozialkassen ein und somit haben sie Anspruch auf Anpassungen, resultierend aus weiter einbezahlten Beiträgen. Somit erhalten die arbeitenden Rentner Mitte des Jahres nochmals eine Rentenanpassung.

Diese Rentenanpassung wurde allerdings im Jahre 2016, im Rahmen der Krise ausgesetzt. Warum sie ausgesetzt wurde, war vielen nicht klar, denn schaut man auf die in Russland vorhandenen Reserven, so platzten diese, auch schon im Jahre 2016, aus allen Nähten.
 
Grafik: Fond des Nationalen Wohlstandes
 
Nun aber erhalten auch die arbeitenden Rentner wieder eine Anpassung ihrer Rente aus weiter einbezahlten Beiträgen. Die Anpassung erfolgt unter Berücksichtigung aller vorherigen nicht erfolgten Anpassungen – also die Rentenerhöhung wird erheblich sein.
 
Russische Rentner erhalten aber auch noch eine ganze Reihe weiterer Vergünstigungen. Sie sind häufig nicht so sichtbar und nicht für jeden Rentner von Interesse, aber in ihrer Gesamtheit doch erheblich.
So erhalten Rentner Kredite zu besonders günstigen Bedingungen. Es gibt Zuschüsse zum Öffentlichen Nahverkehr, es gibt besondere Verzinsungen des Rentenkontos bei der Bank oder wenn der Rentner ein Festgeldkonto einrichtet. Und natürlich sind die Tickets für Kulturveranstaltungen oder den Besuch von kulturellen Einrichtungen erheblich billiger, als für das werktätige Volk.
 
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