Niemand soll sagen, er hätte sie nicht gekannt. Die russische Rente.

Niemand soll sagen, er hätte sie nicht gekannt. Die russische Rente.
 
In Deutschland ist es bereits längere Zeit üblich, dass der rentenversicherte Bürger jährlich eine Information über sein Rentenkonto erhält. Er weiß somit, welche finanziellen Leistungen er ab seinem 67. Lebensjahr zu erwarten hat. Das unterschied ihn bisher vom russischen Rentner.
 
 
Weder in Deutschland noch in Russland reicht die staatliche Rente bei allen Rentnern aus, um auch im Rentenalter den Lebensstandard fortzusetzen, den man in der Zeit davor gepflegt hatte. Es gibt sowohl dort wie hier Rentner, deren Rente einen abgesicherten Lebensabend gewährleisten und es gibt Rentner, die jede Kopeke oder jeden Cent zweimal umdrehen müssen. Die Gründe hierfür sind äußerst unterschiedlich.
 
 
Derjenige, der glaubt, dass der Staat ihm eine Rente zahlt und der Staat verpflichtet ist, ihm ein sorgenfreies Leben im Alter zu gewährleisten, lebt in der falschen Gesellschaftsordnung. Der Staat übernimmt nur den technischen Vorgang der Einbehaltung, Verwaltung und Auszahlung von Geldern, die der Bürger in seinem Arbeitsleben erarbeitet hat. Es muss also niemand dem deutschen oder russischen Staat dankbar sein.
 
Der Rentenfond in beiden Ländern ist nicht mehr und nicht weniger eine Art „Sparkasse“. Der versicherungspflichtige Bürger zahlt dort ein, bzw. der Staat zwingt den Bürger über seine Sozialgesetze dort einzuzahlen. Der Bürger kümmert sich häufig nicht um die Einzahlungen, denn bis zur Rente ist es noch weit. Der Staat wird das schon machen – denken viele und irren sich sowohl in Deutschland wie auch in Russland, denn der Staat ist noch niemals ein guter Unternehmer und schon gar nicht ein guter Banker gewesen. Kein Staat auf dieser Welt arbeitet effektiv mit den Geldern der Bürger.
 
In Deutschland, wenn ich richtig informiert bin, wird der Rentenfond missbraucht, um Leistungen an Dritte zu zahlen, die niemals in deutsche Sozialsysteme eingezahlt haben. Das führt dann dazu, dass man den ostdeutschen Rentnern immer noch erheblich weniger Rente zahlt, als den westdeutschen Anspruchsberechtigten. Mir ist die Summe von 15 Prozent, 30 Jahre nach der deutschen Einheit, in Erinnerung.
 
In Russland ist der Apparat des Rentenfonds stark aufgebläht und im Internet gibt es Unmengen Informationen über wahre Paläste oder riesige Verwaltungskomplexe in den Regionen, die sich die Rentenverwaltungen zu Lasten der eingezahlten Versicherungsgelder bauen. Würde man den Rentenfond abschaffen, so würden die laufenden Kosten, die eingespart werden, den Rentnern in Form einer höheren Rente zu gute kommen.
 
 
Russland hat hierzu eigentlich alle Möglichkeiten, denn einen Teil der Arbeiten, die früher der Rentenfond erledigt hat, ist bereits in die Verantwortung des Steuerdienstes übergegangen. Der Steuerdienst Russlands ist bereits eine hocheffektive moderne IT-Verwaltungseinrichtung. Die Liquidierung des Rentenfonds in Russland und die Übernahme der notwendigen Verwaltungsarbeit würde sicherlich für den Steuerdienst keine unlösbare Aufgabe darstellen, aber viele Gelder freisetzen, die den Anspruchsberechtigten zu Gute kommen könnten.
 
Aber das sind alles theoretische Überlegungen eines russischen Rentners und Steuerzahlers, der allerdings von den knappen Kassen ebenfalls betroffen ist.
 
In Russland erhalten z.B. arbeitende Rentner seit vielen Jahren keine automatische Rentenanpassung mehr, obwohl sie nicht unerhebliche Beiträge in den Rentenfond einzahlen. Von vielen wird dies als ungerecht bezeichnet und es ist ungerecht. Wir wollen ja keine zusätzlichen Leistungen aus dem Rentenfond, ohne etwas dafür zu tun. Wir zahlen monatliche Rentenpflichtbeiträge aus unserem unternehmerischen Einkommen, der Staat kassiert diese Gelder und wir bekommen nichts davon zurück. Dies ist sicher einer der Gründe, weshalb ich am 19. September bei den Duma-Wahlen keinen Haken bei „Einiges Russland“ machen werde, sondern bei einer anderen Partei, die verspricht, dass zu ändern und die auch, wenn sie denn Regierungspartei wird, das Rentenalter in Russland wieder herabsetzen will. 
 
Aber kommen wir auf das eigentliche Thema zurück.
 
Es geht um die russische Rente, um die sich der russische Arbeitnehmer in seinem aktiven Arbeitsleben nicht kümmert. Er kümmert sich deshalb nicht darum, weil er noch nicht einmal weiß, welche Beiträge denn in den Rentenfond eingezahlt werden. Im Unterschied zu Deutschland zahlt der Arbeitgeber 100 % der Sozialbeiträge. Der Arbeitnehmer bekommt davon also gar nichts mit.
 
 
Daraus erklärt sich auch sein häufig zustimmendes Verhalten, wenn der Arbeitgeber ihm vorschlägt, dass er sein Gehalt splittet: Bei einem durchschnittlichen Gehalt von 40.000 Rubel, bekommt der Arbeitnehmer offiziell 10.000 Rubel, also den Mindestlohn. Der Arbeitgeber zahlt hierfür die Sozialabgaben und spart somit 75 Prozent ein, denn die Differenzsumme von 30.000 Rubel erhält der Arbeitnehmer im Umschlag, also Schwarzgeld und diese Summ ist sozialabgabenfrei. Der Vorteil für den Arbeitnehmer besteht darin, dass er die Einheitslohnsteuer von 13 % auch nur auf die Summe von 10.000 Rubel zahlt und sich mächtig freut, dass er den Staat mal wieder ausgetrickst hat und für das Geld im Umschlag keine Steuern bezahlt. Das geht rund 45 Jahre gut.
 
 
 
Dass die 13 Prozent Steuern vom Schwarzgeld dem Staat fehlen, um seine Aufgaben wahrzunehmen, also z.B. Krankenhäuser zu renovieren und Kindergärten zu bauen, interessiert den russischen Arbeitnehmer nicht. Er argumentiert häufig, dass der russische Beamte sowieso das Geld in seine Tasche wirtschaftet und es somit gerechtfertigt ist, keine Steuern zu bezahlen. Man nutzt Stereotype, um sich ein ruhiges Gewissen zu schaffen. Ein Jurist würde vielleicht von Selbstjustiz sprechen, der Staatsanwalt müsste von Steuerbetrug sprechen.
 
 
Dann kommt der Moment, wo der Arbeitnehmer seinen Rentenantrag stellt und mit Erstaunen feststellt, dass seine Rente zum Leben überhaupt nicht ausreicht. Privat hat er auch nicht vorgesorgt … wozu auch … der Staat muss ihm ja eine Rente zahlen … kurz, viele mündige Bürger haben keine Ahnung vom Sozialsystem und wie es funktioniert und machen sich erst dann Gedanken, wenn es zu spät ist.
 
 
Gerade diese Bürger sind ein gefundenes Fressen für die westlichen Medien, die mit großer Genugtuung russische Babuschkas filmen, die weinend vor der Kamera stehen und zeigen, dass sie nur überleben können, wenn sie Sonnenblumenkerne verkaufen. Und kräftige, gut gebräunte Männer erklären, dass sie ihr ganzes Leben geschuftet haben, sie sind zur See gefahren und bekommen nun nur so eine kleine Rente, von der man nicht leben kann.
 
Tja, derjenige der die russische Alltagsrealität nicht kennt, urteilt dann natürlich anders und regt sich begierig über den unfähigen, menschenfeindlichen russischen Staat auf.
 
Nun soll das aber alles anders werden und das russische Arbeitsministerium hat verkündet, dass man den Arbeitnehmern alle drei Jahre einen vorläufigen Rentenbescheid, also eine Vorinformation zusenden werde, welche Rente er vermutlich ab seinem 65. bzw. 60. Lebensjahr erhalten wird. Ein einziges Blatt Papier könnte somit das System der Gehaltszahlungen im Umschlag zum Zusammenbrechen bringen, wenn der Arbeitnehmer, der erstmals mit 40 Jahren eine derartige Rentenauskunft im Internet abrufen kann, erfährt, wie ihn sein Arbeitgeber „beschissen“ hat. Da werden wohl viele doch lieber die 13 Prozent Lohnsteuer zahlen, um eine gerechte Rente zu bekommen.
 
Natürlich gibt es Leute, die von den erhaltenen Schwarzgeldern, persönlich Vorsorge für das Alter treffen. Denen kann die Regelung egal sein, denn die private Rentenvorsorge ist um ein Vielfaches effektiver als die staatliche Rente. Aber leider denken nur sehr wenige mit 25 Jahren bereits an das, was 40 Jahre später eintritt.  
 
 
Der russische Arbeitsminister hat die notwendigen Dokumente unterzeichnet, so dass ab 1. Januar 2022 alle weiblichen Russen im Alter ab 40 Jahren und alle männlichen Russen ab 45 Jahren, die noch keine Rentenbezieher sind, erstmalig eine vorläufige Renteninformation erhalten.
 
Gegenwärtig beträgt die Durchschnittsrente, nach Berechnungen des russischen Rechnungshofes, rund 17.000 Rubel. Zum Jahresanfang wurde die Rente mit 6,3 Prozent indexiert. Man geht davon aus, dass die Durchschnittsrente im Jahre 2024 auf rund 20.000 Rubel anwachsen wird.
 
 
 
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Kommentare ( 4 )

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 25. August 2021 13:19 pm

    Es ist normal, daß man sich als Deutscher nicht für den Modus der Rentenberechnung in Russland interessiert, sondern allenfalls für den nominalen Durchschnittswert.
    Daß der sich aber auf eine langjährig bekannte, und vom Staat offensichtlich geduldete, kriminelle Weise so darstellt, hat mich erstaunt.
    Hier wäre die Anwendung Lenins - Wissen ist Macht - sehr hilfreich gewesen.
    Alle Unternehmen, die sich dieser Verfahrensweise bedienten, haben sich ganz offensichtlich des Steuerbetrugs schuldig gemacht.
    Da sollten eigentlich noch heute zumindest personelle Konsequenzen auf die Täter zukommen.
    Wenn ich mich recht erinnere, sind da aber bereits einige Änderungen im Bereich der Qualifizierung für die Besetzung von Ämtern im Gange.
    Auch wenn man, wie ich, bemüht ist, ein Land zu verstehen, bedarf es doch eines hohen Informationsgrades.
    Bitte helfen Sie mir auch weiterhin dabei.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 25. August 2021 15:27

      ... na klar, mache ich.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 26. August 2021 11:01 pm

    registrieren Sie eigentlich auch, wenn man beim nachträglichen Lesen eines Ihrer Beiträge und der darin enthaltenen Kommentare einen solchen kommentiert?
    Leider finde ich den Beitrag mit der Vorstellung des jungen Finanz- und Steuerexperten nicht mehr.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 26. August 2021 11:05

      ... ich erhalte immer eine automatische Benachrichtigung, wenn ein Kommentar eingestellt wurde, egal ob jemand einen Beitrag vom heutigen Tag oder aus dem Jahre 2012 kommentiert.

      Allerdings würde ich empfehlen, ältere Beiträge nicht mehr zu kommentieren, denn die liest kaum noch jemand - höchstens die dafür zuständigen Organe, um sich eine Meinung zur sozialpolitischen Lage im Lande zu bilden.

      Sie meinen vermutlich diesen Beitrag: http://kaliningrad-domizil.ru/portal/material/-mit-deutschem-akzent/wer-war-mischustin-wer-ist-jegorow/

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 26. August 2021 13:35 pm

    genau der ist es - danke.
    Es versteht sich, daß Uraltguthaben nicht mehr wirklich von Interesse sein können.
    Bei der Durchsuche Ihres mittlerweile wirklich gewaltigen Arbeitsvolumens fiel mir auf, daß der rechts verlaufende Skrollbalken in eine unkontrollierte Endlosschleife übergeht, so daß man nicht wirklich erkennen kann, ob bereits alles gesichtet ist.
    Es wäre hilfreich, wenn man nach einer zeitlichen Abfolge, oder gar nach einem grob gestuften Sachverhalt suchen könnte, wohlgemerkt, könnte, denn ich bin mir des zusätzlichen Aufwandes bewußt.
    Man sollte wenigstens eine Sprache möglichst gut beherrschen.
    Ich liebe meine Muttersprache, und der sichere Umgang mit ihr half mir, schon manches Problem zumindest abzumildern.
    Um so mehr freut es mich, wenn sich ein seit Jahrzehnten im Ausland lebender Deutscher weiterhin gepflegt dieser Sprache bedient.
    So wissen Ihre Follower auch gleich Eingangs etwas über Sie, was vielleicht auch die Spreu etwas eindämmt - bin mir dieser Arroganz bewußt

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 26. August 2021 13:39

      ... mein erstes Informationsportal habe ich 2012 gestartet. Es kam dann in die Zeit und in wesentlichen Teilen wurde es sogar arbeitsunfähig. Deshalb habe ich 2018 ein neues Portal programmieren lassen. Ich will nicht sagen, dass es ein Fehler war, aber weitere Investitionen, d.h. Geldinvestitionen, Zeitinvestitionen und Denkinvestitionen wird es in dieses Portal nicht mehr geben. Wird es mal arbeitsunfähig oder zeigt "Macken", wird es abgeschaltet. Es hat sich überlebt und ich orientiere mich auf Youtube und zukünftig Rutube. Wobei Rutube mir gegenwärtig ein paar Sorgen bereitet, denn ich sehe dort - außer personellen Veränderungen bei Gasprom-Media - keinerlei Fortschritte beim Portal.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 26. August 2021 13:49 pm

    volles Verständnis - nur möchte ich bei etwaigen Zusammenbrüchen nicht unvermittelt außen vor sein

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 26. August 2021 13:52

      ... deshalb hatte ich empfohlen, sich auf Youtube zu registrieren.

      Technische Mängel kündigen sich i.d.R. langfristig an. Da hapert es hier mal, da hängt es dort mal. Ich habe also die Chance, rechtzeitig die Leser zu informieren.

      Sollte mein kleines Portal aber andere Leute stören, die professionell auf die Arbeit Einfluss nehmen können, dann werde ich keine fünf Sekunden Zeit haben, irgendetwas zu retten oder andere zu informieren. Dann müssen wir alle mit einem schwarzen Bildschirm leben ... tja, so ist das Leben in der internationalen Meinungs- und Informationsfreiheit.

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