Nur Demontage eines Denkmals oder neue Anti-Russland-Kampagne?

Nur Demontage eines Denkmals oder neue Anti-Russland-Kampagne?

Drei sowjetische Fronten haben im Mai 1945 an der Befreiung der Hauptstadt Prag teilgenommen – so auch die 1. Ukrainische Front unter dem Kommando von Marschall Konjew. Die dankbare Prager Bevölkerung setzte dem sowjetischen Marschall ein Denkmal. Heute ist man dem Marschall nicht mehr dankbar. Das exMitgliedsland des Warschauer Vertrages, die Tschechei, will die Dankbarkeit ins Museum umlagern.

 

 

Liest man all die Meldungen zur Demontage des Denkmals von Marschall Konjew, kurz vor Beginn des Gedenkens an den 75. Jahrestag des Sieges über die deutschen Mördertruppen, so kommt der Verdacht auf, dass dies alles nicht die Aktion eines einzelnen kommunalen Volksvertreters mit wenig Bildung und noch weniger politischer Weitsicht ist – wie der tschechische Präsident dies vermutete. Es kommt vielmehr die Gewissheit auf, dass es mal wieder eine gut geplante Aktion ist, um nicht nur die Geschichte neu zu schreiben und das Andenken an die Leistungen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg herabzuwürdigen, sondern um einen neuen Skandal um Russland und seine aktuelle Politik zu schaffen.

So tauchten vor wenigen Tagen Meldungen auf, dass Russland einen Diplomaten nach Prag entsandt haben soll. Dieser sei aber gar kein Diplomat, sondern, nach dem Skripal-Vorbild in Großbritannien, ein Giftüberbringer. Seine Aufgabe soll darin bestanden haben, die Initiatoren der Demontage des Konjew-Denkmals mit Gift zu ermorden. Woher diese Informationen, diese tschechische Gewissheit kommt, ähnlich wie im Skripal-Fall ohne Beweise, wurde bisher nicht vermittelt.

Aber man hat schonmal Personenschutz für die Kommunalpolitiker organisiert, die angeblich jetzt in Angst und Schrecken vor einem russischen Mordanschlag leben.

Das ist aber noch nicht alles, denn für einen handfesten internationalen Skandal braucht es schon etwas mehr. Deshalb hat sich das tschechische Außenministerium entschlossen, weitere Sicherheitsbeamte in die Moskauer Botschaft zu senden, denn die dortigen Diplomaten des Demontagelandes fühlen sich seit zwei Demonstrationen von Vertretern der Bewegung „Anderes Russland“ auch an Laib und Gesundheit bedroht. Dabei hatten die Russen des „Anderen Russlands“ nur ihr demokratisches Recht auf Meinungsäußerung wahrgenommen, wenn auch begleitend mit Qualmtöpfen.

Man muss sich einmal diesen Irrsinn vorstellen: Russland ermordet jetzt tschechische Diplomaten und Bürger! Für wie naiv und dumm hält man eigentlich die Weltbevölkerung, der man derartige Sensationen nun wieder verkaufen will, in einer Zeit, wo sich Russland an seine 27 Mio. Opfer erinnert, die es zu beklagen hat – deshalb zu beklagen hat, weil westliche Politik des Jahres 1939 die Entwicklung der Ereignisse, die zum Zweiten Weltkrieg geführt hatte, unterstützte.

Erst vor wenigen Tagen kommentierte ein russischer Biologe, dass die Welt wohl nach der Corona-Krise etwas klüger sein wird. Ich befürchte, der Herr Professor hat sich geirrt. Sie wird nicht klüger. 

Der tschechische Außenminister kommentierte, dass das Verhältnis zwischen beiden Ländern besser sein könnte, wenn man sich nicht gegenseitig in die inneren Angelegenheiten des anderen Landes einmischen würde. Den Meldungen war nicht eindeutig zu entnehmen, ob der tschechische Außenminister mit diesen Worten auch zugab, dass sich sein Land in die inneren Angelegenheiten Russlands einmischt.

Etwas überheblich – nach meinem Geschmack – kommentierte der tschechische Außenminister, dass die Bürger seines Landes ihm sein Gehalt bezahlen, damit er sich mit der Zukunft des Landes beschäftige und nicht mit alten Streitfällen. Er meinte, dass man zwar einen Freundschaftsvertrag habe, aber dort steht nirgendwo geschrieben, wo welches Denkmal zu stehen habe. Mit einer derartigen Interpretation von Verträgen wird jeder Vertrag der weltweit zu irgendwelchen Dingen abgeschlossen wird, zu reiner Makulatur.

Russland sieht den Vorgang der Demontage des Denkmals anders. Man verurteilt die Demontage und steht der Weigerung der Übergabe des Denkmals an Russland, wenn nötig sogar gegen Bezahlung, mit völligem Unverständnis gegenüber. Russland hat somit als Antwort auf die Vorgänge ein Ermittlungsverfahren gegen all diejenigen eingeleitet, die am Vorgang der Demontage irgendeinen Anteil haben. Ich habe so verstanden, dass es bei diesem Ermittlungsverfahren nicht darum geht, irgendjemanden zu bestrafen oder hinter russische Gitter zu bringen – was in diesem konkreten Fall auch völlig unmöglich ist. Es geht Russland wohl mehr darum, mit den Ermittlungen herauszugekommen, „otkuda nogi rastut … woher die Füße wachsen.“

Erinnern wir uns kurz, dass Polen mit der Denkmalsschleiferei begonnen hat. Es hat damit für Spannungen in Europa gesorgt. Nun sind wohl alle Denkmäler demontiert. Und weiter? Nun beginnen die Denkmalsschleifereien in der Tschechei – die Spannungen in Europa müssen doch fortgesetzt, die Russen müssen doch weiter unter Druck und Spannung gehalten werden. Und wenn in der Tschechei alle sowjetischen Denkmäler in Museen umgelagert sind, dann gibt es noch andere Länder, in denen sowjetische Soldaten ihr Leben gegeben haben, damit diese Menschen in diesen Ländern weiterleben können, eben diese Menschen, deren Kinder, Enkel und Urenkel jetzt die Denkmäler der Dankbarkeit demontieren.

Mir kommen da Gedanken, moralisch nicht ganz saubere Gedanken, in den Sinn. Wenn es, rein theoretisch natürlich, möglich gewesen wäre, dass Stalin den sowjetischen Truppen den Befehl gegeben hätte, an der alten sowjetischen Staatsgrenze anzuhalten und sich auf die Befreiung des eigenes Landes von den deutschen Mörderbanden zu beschränken, wie viele sowjetische Menschen würden dann heute mehr leben und sich in die Entwicklung des Landes einbringen? Und, eine ergänzende Frage, ohne Notwendigkeit darauf eine Antwort zu geben: Wie viele Polen und wie viele Tschechen würden heute noch leben, um sich für die Entwicklung ihrer Gesellschaft und ihres Landes einzusetzen?

Natürlich meldete sich auch der Generalsekretär der NATO zu Wort und kommentierte, dass Entscheidungsträger immer die Entscheidungen treffen, die sie für nötig und richtig halten.

Entscheidungsträger der Tschechoslowakei hatten es für nötig und richtig gehalten, für Marschall Konjew im Jahre 1980, also 35 Jahre nach der Befreiung und 12 Jahre nach den Prager Ereignissen im Jahre 1968, ein Denkmal zu setzen. Entscheidungsträger der Tschechei hielten es nötig, im Jahre 1993 einen Freundschaftsvertrag mit Russland zu unterzeichnen. Entscheidungsträger im heutigen Prag hielten es für notwendig, diesen Freundschaftsvertrag zu missachten, das Denkmal zu demontieren, dem sowjetischen Verräter Wlassow ein Denkmal zu setzen und einem Platz in Prag den Namen „Boris Nemzow“, einem russischen Politiker, der keinerlei Verdienste um die Tschechei hatte, zu verleihen.

Es geht also nicht nur um die Demontage eines Denkmals. Eine neue Anti-Russland-Kampagne wurde eingeläutet.

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Kommentare ( 4 )

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 11. Mai 2020 07:01 pm

    Lassen wir mal Skripal und Co (einschließlich Berliner Tiergarten) beiseite. Konjew war ebenso 1956 bei der Niederschlagung des Ungarischen Aufstands, 1961 beim Mauerbau in Berlin und am Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968 beteiligt. So ein Denkmal würde ich auch nicht haben wollen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 11. Mai 2020 08:04

      ... hm, aber 1980 wollten die Tschechen das Denkmal. Und 1993 wollten sie es immer noch ... und jetzt wollen sie es nicht mehr. Etwas wankelmütig die Tschechen ... Aber das schrieb ich ja schon im Beitrag. Dankbarkeit ist eben so eine hündische Krankheit ... meinte schon Stalin. Und was die Niederschlagung von Aufständen anbelangt ... der eine hat Erfahrung in der Niederschlagung ... und andere haben Erfahrung in der Organisation von Aufständen - neumodisch auch als Bunte Revolution bezeichnet ... nicht wahr?

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 11. Mai 2020 08:41 pm

    @UEN
    Das es dem Volk irgendwann reicht kommt ihnen nicht in den Sinn? Die "Bunten Revolutionen" wurden mitnichten von außen "angezettelt". Falls sie es doch meinen, dann hat Russland aber auch einen Anteil. Auslöser für die Proteste in den arabischen Ländern war u. A. eine große Preissteigerung bei Brot etc. Dafür war eine Ursache die Verringerung des Exportes von Getreide aus Russland. Daraus würde ich aber nun nicht schlußfolgern, dass das von Russland gewollt wäre.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 11. Mai 2020 08:46

      Wir halten also fest: § 1: Russland hat immer Schuld. § 2: Sollte dies einmal ausnahmsweise nicht der Fall sein, tritt automatisch § 1 in Kraft. Ich merke schon, dass Russland Ihnen nie etwas recht machen kann ... belassen wir es also für heute und für die Zukunft bei dieser meiner Erkenntnis.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 11. Mai 2020 13:13 pm

    " Das es dem Volk irgendwann reicht kommt ihnen nicht in den Sinn? Die "Bunten Revolutionen" wurden mitnichten von außen "angezettelt". "
    Ach, Herr Werner, wo ist bloß Ihr Wissen? Suchen sie mal unter Gene Sharp, US-Politologe "Von der Diktatur zur Demokratie", auch als sogenanntes Revolutionshandbuch bezeichnet. Nach diesem Drehbuch ist schon die "Revolutionen" in der DDR mit der Übernahme durch die BRD, die Rosenrevolution in Georgien, die Entmachtung von Milosewitsch in Serbien, der sogenannte Arabische Frühling u.a. vorbereitet und durchgeführt worden. Ganz nebenbei, daß wäre auch in der BRD möglich, das System versuchen zu kippen. würde aber verdammt blutig, weil die sich immer als Demokraten bezeichnen, dann wohl das Wort vergessen. Schauen Sie auch mal nach der Organisation "OTPOR/CANVAS" und den zwei damals angeblichen serbischen Studenten.
    Wenn Sie Ihre Voreingenommenheit weg lassen, kommen Sie zu ganz neuen Erkenntnissen, wer die Organisatoren waren und noch sind.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 6. Juni 2020 09:02 pm

    @UEN ... zur Info
    Nun erklärt Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babiš, dass die Giftgeschichte sich als erdacht erwiesen habe: "Die ganze Affäre war das Ergebnis eines internen Kampfes zwischen Mitarbeitern der russischen Botschaft in Prag", sagte Babiš. Der eine habe die Falschinformation dem tschechischen Geheimdienst BIS gesteckt, um sich an dem anderen zu rächen. Das habe zu unnötigen Komplikationen in den beiderseitigen Beziehungen geführt, kritisierte der Ministerpräsident.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 6. Juni 2020 09:30

      ... haltet den Dieb!

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