Russischer Unternehmer der ersten Generation – Leonid Nesterow zeigt seine Firma

Russischer Unternehmer der ersten Generation – Leonid Nesterow zeigt seine Firma
 
Diesem Beitrag, diesem russischen jungen Unternehmer (1982), habe ich besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Grund ist, dass er mich mit seinem Erfolg, mit seinem Auftreten, mit seinen Ansichten und mit seiner Sachlichkeit während meines Aufenthaltes in Kurgan besonders beeindruckt hat. Unternehmer seines Formats garantieren eine erfolgreiche Entwicklung der russischen Gesellschaft und der russischen Wirtschaft.
 
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow – alles hängt vom Menschen selber ab
 
In den letzten Jahren habe ich die Bekanntschaft einer ganzen Reihe von russischen Persönlichkeiten gemacht – Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, der Politik, der Gesellschaft. Und natürlich bilden sich Meinungen.
 
Ich habe es nie bedauert, im Jahre 1995 bei einer russischen Firma als Mitarbeiter meinen neuen Arbeitsweg in Russland begonnen zu haben. Ich bin den Aktionären, den Gesellschaftern der Firma, die auch heute noch sehr erfolgreich arbeitet, zu Dank verpflichtet. Aber nach zehn Jahren Firmenzugehörigkeit, wurde es Zeit, im Jahre 2005 etwas Neues, etwas Eigenes zu beginnen.
 
Eines meiner Prinzipien seit 2005 war, niemals wieder ein abhängiges Arbeitsverhältnis einzugehen – ich liebe meine Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Aber während meines Besuches im Gebiet Kurgan, habe ich zwei Unternehmer kennengelernt, wo ich – rein theoretisch - bereit gewesen wäre, mit großer Begeisterung einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben – wenn mein Alter und meine Gebundenheit an Kaliningrad dem nicht im Wege gestanden hätten.
 
Beindruckt haben mich die beiden Unternehmer durch ihre Persönlichkeit und durch ihre Herangehensweise an die Organisation und den Aufbau ihres Unternehmens. Beide haben, zu unterschiedlichen Zeiten, mit Nichts angefangen und haben heute Unternehmen oder Unternehmensgruppen, die Gewicht in Russland haben.
 
Über beide Unternehmer werde ich berichten – heute über Leonid Nesterow, Familienoberhaupt einer kinderreichen Familie und Chef einer ganzen Unternehmensgruppe in Russland mit ausgeprägten internationalen Wirtschaftskontakten.
 
Videoeinspielung: Bin Unternehmer der ersten Generation
 
Die Bekanntschaft mit Leonid habe ich im Kukurusnik, also der AN-2 gemacht. Wir flogen gemeinsam über das Kurganer Gebiet, landeten und da bis zur Abfahrt in meine neue Unterkunft im Dorf Polowinka noch Zeit war, lud er mich zu sich nach Hause ein. Wir vereinbarten ein weiteres Gespräch und eine Firmenbesichtigung am letzten Tag meines Aufenthaltes im Kurganer Gebiet.
 
Videobegleitung: Gemeinsamer Flug in der AN-2
 
In seinem Umfeld gibt es eine ganze Reihe weiterer interessanter Persönlichkeiten – so den Inhaber der Firma „Maxim“ – einem russischen Weltunternehmen mit Sitz im Kurganer Gebiet. Schade, dass die Zeit nicht ausreichte, um auch dieser Firma einen Besuch abzustatten.
 
Leonid Nestorow ist Mitglied der Unternehmensvereinigung „Delowaja Rossia“, also „Geschäftliches Russland“ oder „Business-Russland“, die größte Unternehmervereinigung in Russland. Er hat ein wenig Werbung für diese Unternehmervereinigung gemacht und meinte, dass ich als russischer Unternehmer auch unbedingt in der Kaliningrader Filiale Mitglied werden sollte. Ein Blick auf die hiesigen Führungspersonalien zeigte mir allerdings, dass für mich eine Mitgliedschaft, zumindest gegenwärtig, nicht in Frage kommt.
 
Videobegleitung: Werbung für das Geschäftliche Russland
 
Interessant fand ich die Meinung von Leonid, dass man gerade wegen vorhandener oppositioneller Meinungen zu einer Partei oder Organisation, dort eintreten sollte. Veränderungen kann man effektiv nur herbeiführen, wenn diese von innen heraus kommen. Und da kann man als Mitglied einer Partei oder Organisation, wesentlich aktiver agieren und über mögliche Führungspositionen, in die man sich durch Gleichgesinnte wählen lassen kann, Veränderungen herbeiführen. Ich fand seinen Standpunkt interessant und überlegenswert.
 
Wir trafen uns zuerst in seinem Office.
 
Videoeinspielung: Leonid Nestorow – eine kurze Einweisung
 
Der Versuch, uns, also Andrej Wypolsow und mir zu erklären, was er eigentlich produziert, scheiterte kläglich. Wir beide haben es nicht verstanden.
 
Videoeinspielung: Leonid Nestorow – Versuch der Erklärung der Produktion
 
Verstanden haben wir nur, dass man viel Geld verdienen kann und das nicht alles für alle Augen und Ohren bestimmt ist.
 
Videoeinspielung: Bitte nicht filmen
 
Bei dem Rundgang durch die Firma bemerkte ich, dass Leonid jedem Mitarbeiter die Hand gab bzw. die Frauen individuell begrüßte. Jeden Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin, kannte er mit Namen.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow kennt jeden Mitarbeiter namentlich
 
Bei einem derartigen innerbetrieblichen Klima ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kaderfluktuation in der Firma sehr gering ist. Leonid betonte, dass man im Einstellungsgespräch verstehen möchte, welche Motivation der Bewerber hat, warum er in der Firma arbeiten will. Wenn beide Seiten alles richtig verstehen und zukünftig beachten, ist die Firmentreue des Mitarbeiters gewährleistet. Dazu kommt, dass die Mitarbeiter noch mit vielen anderen Dingen stimuliert werden, z.B. Firmenwagen, Computer, die sie zu Hause nutzen können und viele andere Dinge. Verlassen sie die Firma, muss das natürlich alles zurückgegeben werden. Das ist ein gewisser Bremsfaktor bei Gedanken, die Firma zu wechseln.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow über die Kaderfluktuation in der Firma
 
Neben den vielen Informationen über die technischen Details der Produktion – wobei ich sagen muss, dass ich immer noch nicht verstanden habe, was da produziert wird – hat Leonid einen tiefen Einblick in den Sozialbereich der Firma gegeben. Und da staunt man schon, auf welch hohem Stand diese, doch relativ junge Firma ist.
 
Ich sprach das empfindliche Thema der Gehaltserhöhung an. Wer übernimmt hier die Initiative – Arbeitnehmer oder Arbeitgeber.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow erklärt die Gehaltsfrage
 
Leonid erzählte, dass der Arbeitnehmer jedes Jahr automatisch eine Gehaltsanpassung von drei Prozent bekommt. Zusätzlich erhält er Prämien, wenn er Beiträge zur Verbesserung der Produktion leistet. Alle Mitarbeiter sind Unfall- und Lebensversichert. Die Kosten übernimmt die Firma. Kinder im Alter von acht bis achtzehn Jahren, werden auf Kosten der Firma in Ferienlager geschickt. Die Firma übernimmt auch die Kosten für Familienfeiern, wenn z.B. der Mann zum Wehrdienst einberufen wird, Kinderfeste in der Familie organisiert werden. Wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt, erhält sie 30.000 Rubel von der Firma. Die Firma leistet finanzielle Hilfe bei Verlust der Arbeitsfähigkeit oder bei Verlust des Ehepartners.
 
Der Firmenrundgang wurde durch unser Mittagessen unterbrochen. Leonid lud in die Firmen-Stolowaja ein. Hier können alle Mitarbeiter kostenlos zu Mittag essen. Jedes Mittagessen besteht aus Vor-, Haupt- und Nachspeise, Getränke inclusive. Angeliefert wird das Mittagessen durch eine Firma, die sich auf diese Serviceleistungen spezialisiert hat.
 
Videobegleitung: Besuch in der Firmenstolowaja
 
Ich erinnere mich noch an die 90er Jahre in Kaliningrad, wo es derartige Firmen nicht gab und irgendwelche Frauen zu Hause am heimischen Herd nach „Hausfrauenart“ gekocht haben. Der Mann oder die Söhne trugen dann das Essen in einfachen Transporttaschen in die Firmen und fragten dort, ob jemand etwas essen möchte. Tja, so begann alles in Russland, in den wilden 90er Jahren.
 
Die von Leonid aufgebaute und geleitete Firma ist in der Zwischenzeit so bekannt und begehrt, dass es sogar schon Versuche gab, an Firmengeheimnisse zu kommen. Da dies nicht gelang, wurden Kaufangebote gemacht … natürlich durch die Amerikaner.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow über die Zusammenarbeit mit den Amerikanern
 
Angesprochen auf die Sanktionen, die gegen Russland verhängt werden, überraschte die Antwort von Leonid eigentlich nicht so sehr, da es vielen in Russland so geht und viele die Sanktionen gegen Russland begrüßen.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow zu Importablösungen
 
Man betrachtet die Sanktionen als sehr gute Gelegenheit, die Wirtschaft zu entwickeln. Durch die Sanktionen des Westens verschwinden sehr viele Konkurrenten und die russischen Firmen haben einmalige Chancen, sich wesentlich freier zu entwickeln.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow zu Sanktionen
 
Und interessant dabei war auch, dass trotz aller Sanktionen gegen Russland, die Amerikaner die Hauptabnehmer der Erzeugnisse der Firma geblieben sind. Sie denken eben pragmatisch, die Amerikaner. Man wirft zuerst die Europäer aus dem Geschäft und besetzt dann deren Positionen. Und niemand scheint dies in Europa zu bemerken.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow informiert zu den amerikanischen Hauptabnehmern
 
Und Leonid kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Amerikaner sehr gut erkannt haben, dass Russland das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Und sie nutzen diese Möglichkeiten für sich. Aber auch Russland hat gelernt.
 
Videoeinspielung: Russland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten
 
Leonid zeigte uns auch noch den Sozialbereich der Firma. So klein wie sie ist, so kümmert sie sich doch darum, dass die Mitarbeiter Möglichkeiten zum abspannen haben. Man kann Billiard spielen, einfach nur in einem Sessel sitzen … oder um die Ecke, natürlich unter freiem Himmel, eine Zigarette rauchen. Also kurz: Man kümmert sich um seine Mitarbeiter und deren Wohlbefinden.
 
Videobegleitung: Sozialbereich der Firma
 
Zum Schluss hatten wir noch ein Gespräch über „Gott und die Welt“. Auch hier überraschte Leonid mit seiner ganz eigenen Ansicht zur russischen Rentenreform. Während ich der Meinung war, dass durch die zunehmende Lebenserwartung und die negative Demographie in Russland, diese Rentenreform einfach nötig war, vertrat Leonid eine völlig andere Ansicht und meinte, dass diese in zehn Jahren wieder rückgängig gemacht wird. Ich hörte mir seine Argumente an – natürlich bezogen auf die Belange seiner Firma. Und ich konnte seinen Darlegungen nicht widersprechen.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow zur russischen Rentenreform
 
Mein Argument zur negativen Demographie in Russland griff Leonid ebenfalls auf und kommentierte, dass ich da übertrieben negativ denke. Er mache sich keine Sorgen darüber, dass Russland ausstirbt. Russland wird immer eine Bevölkerung zwischen 140-150 Millionen haben. Er brachte die sogenannte Rattentheorie vor, die mir mal wieder vor Augen hielt, wieviel man doch von Russen lernen kann.
 
Die Ratten beginnen sich immer dann zu vermehren, wenn sie durch künstliche Einflussnahme dezimiert werden, also in Krisenzeiten. Ist alles gut, lässt auch die Vermehrung nach.
 
Ich erinnerte mich an meine Analyse zu diesem Thema und zu der ungeklärten Frage, warum gerade in der Sowjetunion die Geburtenraten so hoch waren – immerhin lebte das Land damals in einer ständigen Krise. Die von Leonid erwähnte „Rattentheorie“ wäre eine Erklärung.
 
Gegen 14 Uhr beendeten wir unseren Besuch bei Leonid Nesterow – dem erfolgreichen Firmenmanager in der dritten Familiengeneration. Wir waren zu einem Interview im staatlichen russischen TV-Sender GTRK eingeladen und da verspätet man sich nicht – schon gar nicht als Deutscher.
 
Videoeinspielung: Leonid Nesterow in dritter Generation Firmenmanager
 
Ich war stolz, die Bekanntschaft eines solchen erfolgreichen Mannes gemacht zu haben. Nach solchen Bekanntschaften und Gesprächen bröckeln immer meine Sorgen um die Zukunft Russlands. Das Land kann stolz auf solche patriotischen und sozial eingestellten Unternehmer sein.
 
Danke Leonid, viel Erfolg in der Arbeit und eine glückliche Hand bei der Erziehung Ihrer fünf Kinder Nikita, Polina, Sonia, Nastia und Soja.
 
 
 
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