Russland-90 bringt sich in Erinnerung – Gouverneur verhaftet

Russland-90 bringt sich in Erinnerung – Gouverneur verhaftet
 
Russische Medien überraschten in den Nachtstunden zum 9. Juli mit der Information zur Verhaftung des Gouverneurs des Krai Chabarowsk. Er wird beschuldigt, mehrere Morde in Auftrag gegeben zu haben.
Sergej Furgal/Сегрей Фургал ist seit den Wahlen im Jahre 2018 Gouverneur des Krai. Die ihm zur Last gelegten Auftragsmorde geschahen in den Jahren 2004/2005, also zu einer Zeit, wo Russland sich begann, aus dem Erbe der wilden 90er Jahre zu lösen.
 
 
Wie die Geschichte zeigt, ist der Übergang von einer kriminellen, ungesetzlichen, zu einer zivilisierten Welt schwierig und langwierig. Umgekehrt, also so wie es in den 90er Jahren geschah, ging alles viel schneller – die Kapitalisierung des Landes nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, mit Hilfe westlicher Berater, machte vieles möglich.
 
Mit der Angelegenheit des Gouverneurs beschäftigt sich die Hauptverwaltung für besonders wichtige Angelegenheiten des Untersuchungskomitees der Russischen Föderation, mit aktiver Unterstützung durch den russischen Sicherheitsdienst FSB.
 
Bei den Morden, es sollen mindestens zwei gewesen sein, ging es, wie damals üblich, um wirtschaftliche Interessen, wo die ermordeten russischen Unternehmer einem anderen russischen Unternehmer, in diesem Falle wird der Gouverneur verdächtigt, im Wege standen.
 
Videoeinspielung: Verhaftung Gouverneur
 
Vorausgegangen waren bereits Verhaftungen von anderen Personen im Jahre 2019, die wohl mit ihren Informationen dazu beigetragen haben, dass der Gouverneur in den Aufmerksamkeitsfocus der Rechtspflegeorgane geriet. Bei den bereits im vergangenen Jahr Verhafteten handelt es sich u.a. um einen exAbgeordneten der Gebietsduma.
 
Am Donnerstagmorgen äußerte sich das Untersuchungskomitee in der Art, dass die Verhaftung des Gouverneurs ein Schritt zur Dekriminalisierung des Fernen Ostens ist. Man arbeite eng mit dem FSB und dem Innenministerium zusammen, um das organisierte Verbrechen in dieser Region zu bekämpfen.
 
Grafik: Karte der Russischen Föderation mit dem Krai Chabarowsk
 
Wie das Informationsportal „Lenta.ru“ am Vormittag informierte, wurden vier weitere Personen aus der „Gruppe“ verhaftet.
 
Der verhaftete Gouverneur ist Mitglied der Liberaldemokratischen Partei der Russischen Föderation. Die Regionalvertretung der Partei berief sofort eine Sitzung ein, um die entstandene Lage und die notwendigen Handlungen zu beraten. Von Kommentaren hat man bisher Abstand genommen.
 
Zu Wort gemeldet hat sich aber bereits Wladimir Schirinowski, der Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei der Russischen Föderation.
 
Er kommentierte, dass die Verhaftung des Gouverneurs in nicht korrekter Form erfolgte. Der Gouverneur ist kein Verbrecher und wird nicht weglaufen. Man hätte den rein technischen Vorgang auch anders gestalten können – meinte Schirinowski.
 
Schirinowski stellte die Frage, warum man 15 Jahre gewartet habe, um den Gouverneur dann zu verhaften. Bei dieser Art der Fragestellung schließt Wladimir Wolfowitsch anscheinend aus, dass den Rechtspflegeorganen erst jetzt diese Fakten bekannt geworden sind.
 
Videoeinspielung: Russland vergisst nichts
 
Schirinowski schließt auch aus, dass Furgal aus der Partei ausgeschlossen wird: „Niemals“, - kommentierte er.
 
In einem weiteren Kommentar drohte er, dass seine Fraktion geschlossen die russische Staatsduma verlassen könnte, als Zeichen des Protestes gegen die Verhaftung des Parteimitgliedes. Möge die ganze Welt von der Unordnung in Russland erfahren – wird Schirinowski von RIA-Nowosti zitiert.
 
Videoeinspielung: Besondere Umstände
 
Gleichzeitig startete auf dem Portal „Change.org“ eine Petition zur Unterstützung des verhafteten Gouverneurs, die in den Vormittagsstunden fast 20.000 Unterschriften erhielt. Wer die Organisatoren dieser Petition sind, ist nicht ganz klar.
 
Die Partei LDPR habe mit dieser Initiative nichts zu tun – kommentierte die Regionalvertretung der Partei.
 
Die Initiatoren der Petition äußern sich dahingehend, dass es um einen politischen Machtkampf geht, da der Gouverneur Mitglied der Liberaldemokratischen Partei ist und die Partei Einiges Russland mit der Verhaftung Neuwahlen erreichen will, die dann vielleicht zugunsten der Partei ausgehen.
 
Die Initiatoren der Petition sprechen „im Namen der Bevölkerung des Krai Chabarowsk“ und informieren, dass der verhaftete Gouverneur der erste Gouverneur war, der sich wirklich um die Belange der Bürger gekümmert hat. Nun krame man wieder alte Geschichten aus, um den Gouverneur zu diskreditieren.
 
Im Verlaufe des Tages meldete sich Dmitri Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten zu Wort. Der Präsident ist durch die zuständigen Organe rechtzeitig über die Verhaftung des Gouverneurs informiert worden. Eine Wertung wird der Kreml nicht vornehmen, da dies die Aufgabe des Richters ist. Ob der Gouverneur von seinen Amtspflichten entbunden wird, blieb offen. Sollte es zu einer Ablösung kommen, so wird vom Präsidenten ein neuer, zeitweiliger Gouverneur mit der Führung der Amtsgeschäfte beauftragt. Entsprechend der Festlegungen der russischen Gesetzgebung, könnte diese Person schon nicht mehr an den ordentlichen Wahlen Mitte September teilnehmen – würde also die Amtsgeschäfte bis September 2021 führen.
 
Videoeinspielung
 
In den 90er Jahren arbeitete der Gouverneur Sergej Furgal als Arzt und Unternehmer. Im Jahre 2005 wurde er Abgeordneter der Gebietsduma. In den Jahren 2006/2007 arbeitete er als Leiter einer Filiale für staatliche Expertisen des Zivilschutzministeriums. Danach wurde er Abgeordneter der russischen Staatsduma und leitete hier den Ausschuss für Gesundheitsschutz – eine etwas makabre Verantwortung, wenn man heute weiß, dass der Mann sich genau mit dem Gegenteil beschäftigt haben soll.
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