Russland baut „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ auf

Russland baut „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ auf
 
Russland beginnt sich mehr Sorgen um seine Sicherheit zu machen. Anscheinend kommt man endlich zu der Überzeugung, dass auch die innere Sicherheit gefährdet ist und alleine die RosGarde wohl nicht ausreicht, um gegen die „Schläfer“ vorzugehen – wenn diese plötzlich aufwachen.
 
 
Die Rosgarde ist ein ziemlich neues Strukturelement im Sicherheitsbereich Russlands. Sie wurde 2016 geschaffen und ich erinnere mich, dass damals davon gesprochen wurde, dass nur die Besten der Besten dort dienen dürfen. Das Personal wird handverlesen und es handelt sich um eine Eliteeinheit mit hohem moralischem Anspruch. Die Praxis hat dann gezeigt, dass es sich um ein ganz normales Sicherheitsorgan handelt, mit all den guten und weniger guten Seiten, die wir auch aus anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in Russland kennen.
 
Die aktuellen Ereignisse, nicht nur in der Ukraine, zeigen, dass im Krisenfall anscheinend die bisherigen Strukturen nicht ausreichen, um alle Aufgaben im Sicherheitsbereich problemlos zu erfüllen.
 
Die russische Armee ist, nach meiner Auffassung, zu klein. Die Aufgaben, die jetzt und insbesondere zukünftig zu erfüllen sind, erfordern eine wesentliche Aufstockung des Personals – insbesondere der Vertragssoldaten. Würde dies erfolgen, könnte man im Krisenfall zukünftig auf Mobilmachungen verzichten, egal wie gut dieses System jetzt reformiert wird. Man wird im Rahmen der Mobilmachung nie die qualifizierten Kräfte erhalten, die eine stehende Berufsarmee hat, die täglich trainiert und wo man gewiss sein kann, dass alle marschieren, wenn der Marschbefehl kommt – egal, wohin es geht.
 
Ich glaube, es ist allen klar, dass die russischen Sicherheitsinteressen zukünftig nicht an den Nord-, Süd-, Ost- und Westgrenzen des Landes enden. Ausnahmsweise sollte man sich mal ein Beispiel an den USA nehmen, oder aber auch an Deutschland. Beide Länder glaubten ihre Sicherheitsinteressen in Afghanistan verteidigen zu müssen.
 
Steht die Frage, wer denn den konkreten Schutz hochempfindlicher Objekte in der zivilen Infrastruktur gewährleistet. Die Armee wird dies nicht können. Die RosGarde hat andere Aufgaben für die innere Sicherheit. Sie schützt die staatlichen Objekte. Wer also schützt die zivilen Objekte?
 
In der Ukraine wurden, wenn ich es denn richtig verstanden habe, die sogenannten Volksmilizen schnell ins Leben gerufen – örtliche männliche Bürger im wehrfähigen Alter. Diese sollten die regionalen Objekte schützen und teilweise wohl auch polizeiliche Aufgaben wahrnehmen. Die Ereignisse in der Ukraine entwickelten sich aber so schnell und so negativ, dass wohl ein großer Teil dieser Volksmilizen an die Front geschickt wurden, obwohl sie hierfür unzureichend ausgebildet waren. Dadurch bedingt kommt es dann auch zu den hohen täglichen Verlustzahlen.
 
Russland will nun – so scheint es zumindest – aus den Fehlern der anderen lernen.
 
Ob es früher, zu sowjetischen Zeiten, in der Sowjetunion „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ gab, weiß ich nicht genau. Ich habe russische Bekannte gefragt und die verwiesen mich auf die DOSAF, also das, was in der DDR die GST war, die Gesellschaft für Sport und Technik. Aber diese Organisationen, die DOSAF existiert heute noch in Russland, waren bzw. sind eben nicht geeignet, entsprechende bewaffnete Schutzfunktionen zu übernehmen. Sie qualifizieren die jungen Menschen nur, sind eine Art paramilitärische Hochschule.
 
Es fehlt also ein Strukturelement für die innere Sicherheit.
 
Jewgeni Prigoschin, russischer Unternehmer und Begründer der Organisation „Wagner“ hat dies wohl erkannt und bringt sich jetzt mit einer Zivilinitiative ein. Am Wochenende verkündete er, dass seine Organisation in den Gebieten Kursk und Belgorod Ausbildungszentren für Volksmilizen schafft. Die Aufgaben und wie man alles organisieren will, erinnern mich stark an die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“. Im modernen Russland wäre die Bezeichnung „Kampfgruppen der russischen Gesellschaft“ vielleicht passender.
 
 
Die beiden genannten Gebiete Kursk und Belgorod hat Jewgeni Prigoschin wohl nicht zufällig ausgewählt. Es sind Grenzgebiete zur Ukraine, die gegenwärtig täglich von der ukrainischen Armee oder anderen Terrorkräften, angegriffen werden.
 
Jewgeni Prigoschin ist kein armer Mann und seine Organisation „Wagner“, in erster Linie als private Wachgesellschaft gegründet, verdient viel Geld mit Einsätzen für ausländische Firmen und Organisationen im Ausland, dem Schutz von Infrastrukturelementen, wie Öl- und Gasleitungen und dem Begleitschutz für Werttransporte. Seine Organisation übernimmt auch in vielen Ländern den Personenschutz für Politiker oder andere Menschen. Geld ist also ausreichend vorhanden.
 
So schlägt er vor, dass er die Kosten für die Gründung der Ausbildungszentren übernimmt. Er brauche keine föderalen oder regionalen Gelder hierfür.
 
Aber die Volksmilizen, die regionalen Kampfgruppen, bestehend nur aus freiwilligen Bürgern der jeweiligen Region, brauchen Bekleidung und Ausrüstung, Bewaffnung, Technik. Hierfür soll sich das regionale Unternehmertum verantwortlich fühlen. Einige produzieren das, was gebraucht wird, andere haben ausreichend Geld, um damit benötigte Dinge zu kaufen oder aber spenden das Geld für sonstige anfallende Kosten.
 
Prigoschin schlug vor, dass man 25 Prozent der wehrfähigen Männer in den Firmen für die Volksmilizen werben sollte. Diese könnten eine Woche im „Frontgraben“ verbringen und die restlichen drei Wochen im Zivilleben arbeiten und bei der Familie sein. Es müsse ein vernünftiges Rotationssystem organisiert werden.
 
Prigoschin kommentierte, dass die Volksmilizen nur aus Bürgern der Region bestehen sollen, da diese ihre Region am besten kennen und natürlich, in den wöchentlichen Einsätzen, auf konkrete Momente vorbereitet werden können. Sie sind diejenigen, die den ersten Schlag abzuhalten haben und dazu muss man das Territorium gut kennen. Die Armeeeinheiten sollen in der zweiten Linie aktiv werden und sich in größere Entfernung zu den Grenzen befinden. Wenn also der Feind angreifen sollte, ist der größte Teil der Bevölkerung bereits einsatzbereit.
 
Für ihre zusätzliche Einsatzbereitschaft müssen natürlich die Kampfgruppenmitglieder motiviert werden. Der Staat soll nichts bezahlen – so will es Prigoschin. Also muss das Unternehmertum sich etwas einfallen lassen.
 
Aktiv geworden ist die Organisation „Wagner“ bereits in den russischen Regionen Donezk und Lugansk. Obwohl diese noch nicht vollständig unter Kontrolle der russischen Truppen sind, hat die Organisation begonnen, Befestigungslinien zu bauen – wohl in Erinnerung an die Linien, die Frankreich und Deutschland im Zweiten Weltkrieg errichtet hatten, nannte er die gegenwärtigen Arbeiten am Verteidigungswall der beiden Republiken, die „Wagner-Linie“. Mit der Schaffung der Kampfgruppen in den beiden russischen Regionen Kursk und Belgorod, werden auch dort die Bauarbeiten an einem Verteidigungswall beginnen.
 
So wie ich die bisherigen Veröffentlichungen und Pläne Prigoschins verstanden habe, ist er in erster Linie am Aufbau von Kampfgruppen in den russischen Grenzregionen interessiert. Da möchte man doch direkt darauf hinweisen, dass Kaliningrad und die Kurilen nicht nur Grenzregionen sind, sondern mindestens so gefährdet sind, wie die Krim oder der Donbass.
 
Prigoschin hat in den letzten Jahren seine Organisation „Wagner“ zu einer international beachteten Organisation aufgebaut. Ich denke mal, auch die Organisation der „Kampfgruppen der russischen Gesellschaft“ wird ihm und seinen Partnern gelingen.
 
Sie sahen einen Beitrag von „Baltische Welle“. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Tschüss und Poka aus Kaliningrad
 
 
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Kommentare ( 3 )

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 11. November 2022 00:19 pm

    Und so übernimmt Prigoschin schleichend die politische und ökonomische Macht in der RF.
    Was ist denn das für ein Blödsinn? Ein privates Wachschutzunternehmen ist besser organisiert als Armee und Polizei. Da kommt einemja das kalte Grausen angesichts der Zustände in Russland. Prigoschin mit seiner Wagner-Truppe, Kadyrow mit seinen Tschetschenen, dann immer noch die Kämpfer unter der Obhut von Pushilin und ganz nebenher noch die Armee mit Vertragssoldaten.
    Kadyrow hat ja nun die Ehre auch eine Art Generaloberst zu sein. Er befehligt aber seine Truppen allein.
    Und nun hat Prigoshin ein neues StartUP. Er verlangt die Bereitschaft der männlichen Bevölkerung und kassiert das Geld von dem regionalen Mittelstand. Dafür gewährleistet er die entsprechende Grundausbildung.
    Es ist einfach ein Armutszeugnis, wenn ein Prigoshin die Aufgaben übernimmt, die eigentlich die russischen Staatsorgane wie Polizei und Armee haben. Prigoshin wird zum Staat im Staate. Na toll!

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 11. November 2022 14:21 pm

    Gegen private Wachgesellschaften zum Objektschutz ist nichts einzuwenden, aber militärische Aufgaben sollte man dem Militär überlassen. Söldnertruppen können sich verselbständigen und zu einer Gefahr für den Staat werden. Wenn das Militär nicht stark genug ist, muß man es eben stärker machen, aber sich nicht mit dubiosen „Kampfgruppen der Wagnerklasse“ verbünden.
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    Nicht direkt zum Thema, aber aktuell: Der Rückzug vom rechten Dnjepr-Ufer wurde einigermaßen plausibel begründet, auch wenn mir die Befehlsausgabe vor laufender Kamera bizarr erscheint. Richtig verstehen würde ich es nur, wenn demnächst weiter nördlich ein Angriff auf Nikolajew erfolgen und dabei Charkow von hinten erneut genommen würde. Wenn nichts dergleichen geschieht, stellt sich verstärkt die Frage: Wie soll es weitergehen? Der Dnjepr als Grenze kann doch keine Dauerlösung sein und ein jahrelanger Stellungs- und Abnutzungskrieg ist auch kein tragbarer Zustand.

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 11. November 2022 20:16 pm

    Ich meinte natürlich CHERSON.

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