Russland ignoriert die Unfreiheit der russischen Medien

Russland ignoriert die Unfreiheit der russischen Medien

 

Neue Besen kehren gut, neue Räder rollen gut – sollte man meinen. Und wenn nötig, werden Räder ausgetauscht, das Auto bleibt aber das gleiche. Und so hat sich der exAbgeordnete der Kaliningrader Gebietsduma Igor Rudnikow mit neuen Rädern in die Kaliningrader Medienwelt zurückgemeldet.

 

 

Erinnern wir uns kurz. Igor Rudnikow ist Begründer, Inhaber und Verleger der Zeitung „Neue Räder, Nowyje Koljosy“ in Kaliningrad. Diese Zeitung existierte in Papierform und als Portal im Internet. In Deutschland würde man diese Zeitung vielleicht in die Kategorie „Gelbe Presse“ einordnen. In Russland ordnet man diese Zeitung in die Kategorie „Liberale Medien“ ein.

Gelebt hat diese Zeitung von Werbeeinnahmen und natürlich den Verkäufen ihrer Druckexemplare in den Supermärkten und Pressekiosken der Stadt.

In der Zeitung wurde alles kritisiert, was sich irgendwie in die Kategorie „Staat“, „Staatliche Strukturen“, „Staatliche Repräsentanten“ einordnen ließ. Logisch, dass es diesen „Neuen Rädern“ in Kaliningrad so geht, wie der „BILD“-Zeitung in Deutschland: Niemand liest sie, aber sie ist immer ausverkauft.

Und eines schönen Tages wurde Igor Rudnikow verhaftet. Er wurde beschuldigt, einen föderalen Beamten erpresst zu haben. Dieser sollte ihm 50.000 USD zahlen und im Gegenzug würde dann kein kompromittierendes Material mehr über ihn veröffentlicht werden.

Das ging schief und Rudnikow verbrachte rund zwei Jahre in Untersuchungshaft. Nach dem Gerichtsverfahren, welches seine Schuld nicht erwies, wurde er Mitte 2019 auf freien Fuß gesetzt.

In der Zeit der Untersuchungshaft erfuhr er, dass die Druckausgabe seiner Zeitung eingestellt wurde. Es gab keine Druckerei mehr, die in Kaliningrad freie Kapazitäten hatte, um die „Neuen Räder“ rollen zu lassen. Auch wurde der Platz in den Supermärkten und Pressekiosken für andere Druckerzeugnisse benötigt, so dass auch kein Verkauf mehr stattfinden konnte.

Rudnikow nutzte die Zeit in Untersuchungshaft, um zwei Bücher zu schreiben – die Auflage war wohl relativ klein, je 1.000 Exemplare, wenn ich mich recht entsinne und die Medienwelt hat davon kaum Kenntnis genommen. Im wesentlichen ging es wohl gegen die Kaliningrader Politikwelt.

Das Internetportal wurde moderner gestaltet, aber mit gleichbleibendem klassischem Inhalt.

Und nun berichten die liberalen Medien in Kaliningrad, dass das liberale Medium „Neue Räder“ wieder auf den Kaliningrader Medienmarkt kommt. Durch die russische Medienaufsicht wurde auf der Grundlage eines Gerichtsbeschlusses, die Druckausgabe der Zeitung 2018 verboten und die Lizenz entzogen. Nun gibt es eine neue Lizenz für „Neue Räder“ mit altem Inhalt.

Die Zeitung wird jetzt in Moskau gedruckt – 100.000 Exemplare, anstelle von ehemals 12.000 Exemplaren. Wenn nötig – so Rudnikow – werde er 200.000 Exemplare drucken und kostenlos verteilen lassen - so lange, wie das Geld reicht.

Soweit kurz zur Unfreiheit russischer Medien.

Und wer sich mit der Arbeit dieses Mediums - welches nach westlichen Informationen eigentlich in der unfreien Medienlandschaft Russlands gar nicht existieren dürfte - ein wenig vertraut macht, wird auf Schritt und Tritt über Artikel stolpern, die den Gouverneur angreifen. So, wie die westliche Welt dem russischen Präsidenten Putin alle Sünden dieser Welt zuschreibt, so schreiben die „Neuen Räder“ dem Kaliningrader Gouverneur alle möglichen Sünden zu und keiner tut etwas dagegen. Selbst der Kaliningrader Gouverneur mit seinem Pressedienst erklärt, dass er keinerlei Möglichkeiten zur Einflussnahme auf dieses Medium hat. Wobei andererseits dieses Medium erklärt, dass der Gouverneur auf Schritt und Tritt Einfluss auf die Arbeit der Zeitung nimmt und diese behindere.

Ab und zu blättere ich mal die elektronischen Portalseiten der „Neuen Räder“ durch. Jeder einzelne Artikel für sich ist dort eine Sensation und stellt die Kaliningrader Gesellschaft und ihre Schlechtigkeit bloß. Und ich stelle fest, dass ich Schwierigkeiten habe, dem Inhaber und Verleger und dem was dort geschrieben steht, zu glauben.

Wie kann man einem Menschen glauben, der seine Wähler belogen hat? Er war, entgegen den Festlegungen der russischen Gesetzgebung, Inhaber einer amerikanischen Aufenthaltsgenehmigung. Derjenige, der sich in Russland als Volksvertreter wählen lassen will, darf keine zweite Staatsbürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung eines Zweitstaates haben. Er hat diese vor Beginn der Registrierung als Kandidat, abzugeben. Dies hat Herr Rudnikow nicht getan und hat seine Wähler und diejenigen, die ihm vertrauten, noch viele Monate nach Beginn der Ermittlungen belogen – bis zum Zeitpunkt, wo auch die USA bestätigten, dass Herr Rudnikow eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

Und Herr Rudnikow will weiter Artikel über die Arbeitsweise des Kaliningrader Gouverneurs veröffentlichen und meint: „Sollen die Bewohner entscheiden, ob wir einen guten oder schlechten Gouverneur haben.“ Ja, und mögen die Bewohner auch entscheiden, ob Herr Rudnikow ein guter oder schlechter Vertreter der Unfreien russischen Medien ist.

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Kommentare ( 2 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 23. Dezember 2019 20:58 pm

    Alle Jahre wieder ...
    Nein, nein, ich meine nicht den Weihnachtsmann.
    Alle Jahre wieder wünsche ich allen Lesern und Guckern und Hörern von Kalinigrad Domizil ein schönes friedliches (auch zu Hause) Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr - с Новым годом! - Bleiben Sie alle gesund und geistig wach. Alle werden noch gebraucht.
    Auch unserem "Blogger" Uwe Erichowitsch wünsche ich ein schönes Fest zu Weihnachten und ein schönes Fest zu Neujahr. Ja, ja, der feiert zweimal. Soll er gesund und munter, geistig fit und weiterhin auch in seiner Art mit hintergründigem Humor ausgestattet sein.

    Also, stoßen wir im Geiste mit unseren Kelchen an mit - Крымское шампанское -.

    Dafür ist heute ein schöner Tag! Der Zug rollt!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 23. Dezember 2019 21:13

      ... Ihnen ebenfalls besinnliche, ruhige, friedliche Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Möge das neue Jahr in keiner Beziehung schlechter werden, als das abgelaufene Jahr.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 23. Dezember 2019 21:10 pm

    Die Frage ist doch, wo hat der Rudnikow das Geld her, mit welchem er die 100.000 (?) Zeitungen drucken lassen will?
    Keine Druckerei wird das für - gar nichts - , auch nicht für gleiche politische Grundhaltung, schöne Augen, wolliges Brusthaar oder sonstige Gründe tun.
    Das wird dann wohl erst einmal eine Angelegenheit der Finanzaufsicht werden.
    AAA (Anton Andrejewitsch Alichanow), nehme ich mal an, daß der schon so viel Berufserfahrung gesammelt hat, daß ihn diese kleinlichen Blödheiten dieses Schmierfinken nicht weiter beeindrucken.

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